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Die Grundlagen des Wissens

Jungsteinzeit Der unsichtbare Feind: Wie die Seuchen in die Welt kamen

Als Jäger und Sammler zu Bauern werden, hat das nicht nur positive Folgen. Denn das enge Zusammenleben von Mensch und Tier bringt mit sich, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte Keime massiv verbreiten, Epidemien ausbrechen. Sie werden mehr Opfer fordern als alle Kriege
Der unsichtbare Feind: Wie die Seuchen in die Welt kamen

Frühe Chirurgen: Nicht nur Typhus oder Tuberkulose machen den Bauern zu schaffen: Wohl um starke Schmerzen oder epileptische Anfälle zu lindern, schaben versierte Heiler breite Löcher in die Schädel der Betroffenen - und die meisten Patienten überleben die Operation.

Gerade einmal zwölf Monate alt wurde das kleine Kind aus Atlit-Yam. Wahrscheinlich war es während seines gesamten kurzen Lebens von schwerer Krankheit gezeichnet. Das Baby, das vor rund 8500 Jahren im heutigen Israel zur Welt kam, vermochte nur unter Mühen Luft zu holen, denn seine Atemwege waren chronisch entzündet. Vermutlich hatte es zudem häufig Fieber. Es trank nicht genug, bewegte sich nicht viel, war schmächtig und lethargisch.

Verursacht wurden die zahlreichen Beschwerden durch ein Bakterium, das nach und nach die Lunge des Mädchens zerfraß. Forscher haben in den uralten Knochen unlängst das Erbgut von Mycobacterium tuberculosis nachgewiesen - dem Erreger der Tuberkulose.

Der Keim hatte auch das Gehirn befallen: Als das Kind starb, litt es unter einer Hirnhautentzündung, wie kurvenförmige Rillen belegen, die sich auf der Innenseite des Schädels abzeichnen, die Abdrücke von Blutgefäßen. Zudem war das Knochengewebe entzündet. Schwammartige, poröse Wucherungen wuchsen auf dem zarten Skelett.

GEO KOMPAKT Nr. 37 - 12/2013 - Die Geburt der Zivilisation
GEO KOMPAKT Nr. 37 - 12/2013
Die Geburt der Zivilisation
Der Aufbruch des Menschen in die Moderne (100.000-1500 v.Chr.)

Infiziert hatte sich das Baby wohl schon vor der Geburt bei seiner Mutter, einer 25-jährigen Frau, in deren Armen es bestattet wurde. Auch deren Leben war von Siechtum gezeichnet. Vermutlich wurde sie zuletzt immer schwächer, verlor massiv an Gewicht. Wachte nachts, von Fieberschüben geschüttelt, schweißgebadet auf. Auch ihre Lunge zerfiel. Kleine Entzündungsherde in den Bronchien wuchsen sich zu größeren Hohlräumen aus. Höchstwahrscheinlich spie sie anfangs Schleim aus, später auch Blut. Dem Anschein nach breitete sich der Erreger auch bei ihr im ganzen Körper aus und befiel die Knochen.

Sie sind von der gleichen Krankheit gezeichnet, unter der das Baby litt. Mutter und Kind aus Atlit-Yam sind die ältesten wissenschaftlich nachgewiesenen Schwindsucht-Opfer der Welt.

Die ersten Bauern waren häufig bei schlechter Gesundheit

Noch heute sterben jedes Jahr fast 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose. Seit jeher bricht sie vor allem bei jenen aus, deren Abwehrkräfte geschwächt sind - weil sie alt und gebrechlich sind oder Hunger leiden.

Die beiden Schwindsucht-Opfer aus der Jungsteinzeit zählten eigentlich nicht zu dieser Risikogruppe. Denn sie hatten es gut getroffen: Sie lebten in einer der ersten festen Siedlungen der Welt. Im Grunde hätten die Bewohner des Dorfes also kräftig und gesund sein müssen.

Sie führten nicht mehr (wie ihre Vorfahren noch wenige Generationen zuvor) das unstete, eher beschwerliche Dasein der Jäger und Sammler. Sie waren frühe Bauern, schliefen in großen Steinhäusern, vor den Unbilden der Natur geschützt. Sie bauten Vorläufer des Weizens sowie Gerste und Linsen an. Und anstatt zu jagen, schlachteten sie bei Bedarf ein Rind oder ein Schwein, auch Fische ergänzten ihr Nahrungsangebot.

Und doch ging es den Menschen von Atlit-Yam nicht gut. Außer der jungen Mutter und ihrem Baby waren noch andere Bewohner des Dorfes an Tuberkulose erkrankt. Die Wissenschaftler fanden bei mindestens fünf weiteren von insgesamt 70 Toten Spuren des Leidens.

Da die Schwindsucht nur bei durchschnittlich jedem 20. Infizierten auch die Knochen befällt, gab es vermutlich weitaus mehr Opfer, die starben, ehe die Krankheit sichtbare Zeichen hinterließ. Obendrein entdeckten die Forscher Indizien für andere Infekte, womöglich waren einige Bewohner an Malaria erkrankt sowie an Brucellose, einer bakteriellen Infektion.

Die ersten Ackerbauern, das stellen Forscher immer wieder fest, waren häufig bei schlechter Gesundheit. Das scheint geradezu paradox für eine Zeit, in der die Neolithische Revolution das Fundament legte für die wohl größte Erfolgsgeschichte in der Historie der Menschheit - und die entscheidende Wende markierte auf dem Weg zur heutigen Zivilisation.

Denn überall dort, wo die Menschen den Ackerbau einführten, nahm die Bevölkerungszahl rapide zu, entstanden große Tempelanlagen, aus Dörfern gingen erste Städte hervor, aus egalitären Wildbeuterstämmen entwickelten sich komplexe Gesellschaften.

Suche nach Ursprung der Epidemien ist Detektivarbeit

Der technologische Fortschritt kam in Schwung. Die Menschen stellten effektivere Werkzeuge her und nutzten neue Materialien wie Metall. Kurzum: Der Landbau führte den Menschen aus der Urzeit in die Moderne.

Und doch war die Sesshaftigkeit von Anfang an ein zweifelhafter Segen für die Menschheit. Denn anders als die Jäger und Sammler der Altsteinzeit, die vielfach große, muskulöse, oft gut genährte Menschen waren, nahmen die ersten Ackerbauern vermutlich viel zu einseitige Nahrung zu sich, litten an Mangelerscheinungen wie Skorbut und Blutarmut. Den Bauern schmerzten die Gelenke, sie quälten sich mit Arthrose und Entzündungen.

Zudem drohten den Pionieren der Feldarbeit noch weitere Übel, denen sie in dem Ausmaß noch nie begegnet waren: Infektionskrankheiten. Forscher gehen davon aus, dass etliche übertragbare Leiden, die den Menschen heute noch bedrohen - darunter Pocken, Masern und Malaria -, erstmals vor etwa 10 000 Jahren wüteten, zur Zeit der ersten Bauern.

Frühe Siedlungen wie die von Atlit-Yam offenbaren demnach nicht nur einen Wandel in der Art und Weise, wie unsere Vorfahren lebten - sondern auch, wie sie starben. Gerade in den Geburtsstätten der Zivilisation, den frühen Niederlassungen und Dörfern, wurden nicht selten viele, möglicherweise sogar alle Menschen von den ersten Seuchen der Geschichte dahingerafft.

Die Suche nach dem Ursprung der Epidemien ist eine mühselige Detektivarbeit. Denn nur wenige Infektionen, darunter Tuberkulose und Lepra, hinterlassen eindeutige Spuren an den Skeletten der Erkrankten. Zudem sind nicht alle Erreger derart widerstandsfähig, dass sich ihr Erbmaterial heute noch aus jahrtausendealten Knochen extrahieren lässt.

Der unsichtbare Feind: Wie die Seuchen in die Welt kamen

Präzisionswerkzeuge: Die Instrumente, mit denen Heilkundige Löcher in die Schädel ihrer Patienten schaben, sind exakt gearbeitet und extrem scharf - ähnlich diesen aus Feuerstein gefertigten Klingen.

Doch Mikrobiologen und Historiker sind sich darin einig, dass insbesondere die Schwindsucht bereits in den Siedlungen der Jungsteinzeit weit verbreitet gewesen sein muss. Immer wieder stoßen sie bei Grabungen, etwa in Sachsen- Anhalt, Ungarn oder Norditalien, auf Skelette mit völlig zerstörten Wirbeln und einem Spitzbuckel - typischen Symptomen der Knochentuberkulose.

Im Jahr 2012 veröffentlichten Forscher Erstaunliches: Von den 28 untersuchten Skeletten aus einem Dorf nahe Derenburg am Ostrand des Harzes fanden die Wissenschaftler bei etwa einem Drittel der rund 7000 Jahre alten Gebeine deutliche Zeichen, die auf Schwindsucht hinweisen. Wahrscheinlich waren aber fast alle Bewohner der Ortschaft lungenkrank: Denn auch Knochen, die keine anatomischen Merkmale der Tuberkulose erkennen ließen, enthielten mikrobiologische Spuren des Erregers.

Zudem entdecken Archäologen immer wieder Gebeine aus der Frühzeit der Agrarwirtschaft, die von charakteristischen Längsrillen durchzogen sind. Diese Kerben entstehen, wenn die Knochenhaut entzündet ist - was wiederum infolge häufiger Infekte geschieht. Krankheitskeime, so zeigen immer mehr Studien, konnten sich im Zuge der Neolithischen Revolution erstmals weitläufig ausbreiten und sich nach und nach auf den Homo sapiens spezialisieren. Die Vorzüge des bäuerlichen Lebensstils mögen schließlich zwar überwogen haben, doch die Menschen zahlten dafür zunächst einen hohen Preis.

Forscher nehmen an, dass vor allem vier Faktoren den Aufstieg der Erreger begünstigten:

  • einseitige Ernährung - der Verzehr zu vieler Kohlenhydrate schwächte die Abwehrkräfte der Bauern;
  • Domestikation von Tieren - durch das enge Zusammenleben mit Schweinen, Rindern und Hunden konnten Keime auf Menschen überspringen;
  • mangelnde Hygiene - Fäkalien und Unrat in den Siedlungen waren ein Reservoir für zahlreiche Erreger;
  • steigende Bevölkerungsdichte - immer mehr Menschen lebten auf immer kleinerer Fläche zusammen, sodass sie sich mit höherer Wahrscheinlichkeit gegenseitig ansteckten.

Es mag verblüffen, dass die Immunabwehr der ersten Siedler oftmals geschwächt war und dass einer der Gründe in der Ernährung liegt. Denn die Bauern waren nicht mehr auf jene Nahrung angewiesen, die sie in ihrer direkten Umgebung fanden, hatten also in der Regel genug zu essen. Doch die frühen Landwirte ernährten sich zumeist einseitig. Die Jäger und Sammler dagegen hatten vor allem Fleisch, Nüsse und Früchte zu sich genommen - sie profitierten von einer ausgewogenen, eiweiß- und vitaminreichen Kost (freilich nur, wenn sie nicht aufgrund fehlenden Jagdglücks Hunger leiden mussten).

Erstmals lebten Mensch und Tier dicht gedrängt auf engem Raum

In den Anfängen der Landwirtschaft kam es dann zu einer folgenreichen Umstellung: Die Siedler verzehrten kaum noch tierische Kost, sie ernährten sich weitgehend vegetarisch, bauten vor allem Getreide wie Emmer, Einkorn oder Gerste an. Zwar enthalten die Samen dieser Pflanzen viele Kohlenhydrate, also genug Energie - aber nur wenig Eiweiße und Vitamine. Paläopathologen erkennen die Ernährungsumstellung auch am Zustand uralter Gebisse: So fanden sich bei rund 60 Prozent der Bauern nahe Derenburg Spuren von Karies - ein Leiden, das unter Jägern und Sammlern weniger verbreitet war.

Auf den Zähnen vieler Toter befinden sich zudem charakteristische horizontale Rillen; ein Hinweis darauf, dass die Menschen immer wieder längere Hungerperioden durchlebten. Offenbar waren die ersten Ernten bei Weitem nicht so ertragreich wie zu späteren Zeiten.

Konsumierten die Bauern zudem wenig Fleisch, mangelte es ihnen auch an wichtigen Vitaminen und Eisen - mit der Folge, dass ihr Körper den roten Blutfarbstoff Hämoglobin nicht richtig zusammensetzen konnte. Da rote Blutkörperchen dann nicht genügend Sauerstoff transportieren, versucht der Organismus automatisch immer mehr und neue Blutzellen herzustellen.

Dadurch vergrößern sich häufig jene Körperareale, in denen die Zellen produziert werden, etwa das Knochenmark im Schädel oder in den Augenhöhlen. Die Knochen an diesen Stellen werden daraufhin porös, schwammähnlich. An vielen Skeletten aus der Jungsteinzeit lassen sich solche Merkmale nachweisen. In dem Dorf bei Derenburg etwa hatten zwei Drittel der Toten von Blutarmut aufgeschwemmte, siebartige Augenhöhlen. Eine Analyse der chemischen Zusammensetzung ihrer Gebeine ergab zudem, dass die Siedler besonders wenig Fleisch und Milchprodukte zu sich nahmen. Offenbar waren ihre Abwehrkräfte infolge des Eiweißmangels derart geschwächt, dass die Schwindsucht umso verheerender wüten konnte.

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Wenn es um die Gesundheit unserer Vorfahren ging, erwies sich neben dem Ackerbau noch ein weiteres Großprojekt der neolithischen Wende als Segen und Fluch gleichermaßen: die Viehzucht. Denn vor 11 000 Jahren entdeckten die Menschen Vorderasiens nicht nur den Anbau von Pflanzen, sie lernten bald darauf auch, Wildtiere zu zähmen, um sich von ihnen zu ernähren. Nach und nach domestizierten sie Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Geflügel.

Zwar verschaffte ihnen die Tierhaltung enorme Überlebensvorteile: Das Vieh konnten sie als Fleischquelle und Transportmittel nutzen, den Dung als Brennmaterial, Haut und Sehnen für Kleidung. Die Ernährungssituation der Bauern verbesserte sich zunehmend.

Doch erstmals lebten Mensch und Tier dicht gedrängt auf engem Raum. Ständig waren die Menschen dem Kot, dem Urin, dem Atem, den Wunden und dem Blut der Tiere nahe, kamen dadurch mit neuen Erregern in Kontakt, die bis dahin nur Tiere befallen hatten, und von denen es nun manchen gelang, auch Homo sapiens zu infizieren.

So stammt das Masernvirus, das zu Lungen- und Hirnentzündungen führen kann, vermutlich von einem Erreger ab, der die Rinderpest verursacht. Und die tödliche Pockenkrankheit hat ihren Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Virus Orthopoxvirus bovis, das auch die Kuhpocken auslöst.

Schadhafte Mikroben und Viren gingen aber nicht nur von den domestizierten Nutztieren aus, sondern auch von jenen Tieren, die in den Dörfern der frühen Bauern neue Lebensräume fanden und fortan die Kuh- und Ziegenställe, die Hütten, Vorratslager und Müllgruben besiedelten: Ratten, Mäuse, Spatzen. Diese Lebewesen kamen den Menschen nun weitaus näher als je zuvor und schleppten ebenfalls gefährliche Keime ein, darunter Pestbakterien oder Parasiten, wie Läuse oder Flöhe, die das Fleckfieber übertragen.

Der unsichtbare Feind: Wie die Seuchen in die Welt kamen

Pflege: Auch wenn die Heilkunst versagt, kümmern sich die Menschen um Kranke: Dieses Kind, das an einem Wasserkopf litt, wird (wie sich aus der Bestattung schließen lässt) von den Angehörigen bis zu seinem frühen Tod umsorgt.

Etliche dieser Erreger befielen vermutlich zunächst die Nutztiere und infizierten erst danach den Menschen, machten sich das Vieh also gewissermaßen als Zwischenstation zunutze. Die Kuhpocken etwa sind bei Nagetieren weitaus verbreiteter als bei Kühen selbst.

Forscher nehmen an, dass sie ursprünglich von Ratten oder Mäusen stammen, dann das Vieh befielen und sich am Ende auf den Menschen spezialisierten. Umgekehrt war aber Homo sapiens ebenfalls eine Quelle von Keimen. Denn durch den Kontakt zum Menschen kamen auch die Tiere mit gänzlich neuen Erregern und Parasiten in Berührung.

Als sicher gilt etwa, dass im Darm schmarotzende Bandwürmer, die der Mensch sich wohl einst beim Verspeisen von Kadavern eingefangen hatte, nun auch Schweine und Rinder befielen. Von den Tieren konnten die Keime und Schmarotzer freilich immer wieder auch zu menschlichen Wirten gelangen.

Ein ähnliches Szenario nehmen Forscher für die Verbreitung der Tuberkulose an. Der auf den Menschen spezialisierte Erreger Mycobacterium tuberculosis ist, wie Wissenschaftler herausgefunden haben, entwicklungsgeschichtlich älter als der Stamm Mycobacterium bovis, der neben Menschen Kühe und andere Wiederkäuer, aber auch Pferde, Hunde und Katzen erkranken lässt.

Entweder infizierte der Mensch also das Rind, oder beide Erreger entwickelten sich aus einem noch älteren gemeinsamen Vorfahren. Als sich die neue Mycobacterium-Variante bildete - so viel steht jedenfalls fest -, konnte sie etwa über verunreinigte Kuhmilch immer wieder auch Menschen infizieren.

Es war ein ständiges gegenseitiges Anstecken - ausgelöst durch das enge Beisammensein von Mensch und Tier, das Krankheitskeimen eine einzigartige Möglichkeit bot, auf neue Arten überzuspringen.

Die Seuchen brachten auch einen Vorteil mit sich

Welche Wege genau die jeweiligen Erreger letztlich nahmen, lässt sich im Nachhinein oft nur vermuten. Zu verschlungen sind die Pfade der Mikroben, zu vieldeutig ihre genetischen Gemeinsamkeiten und Stammbäume. Sicher ist nur: Menschen und Nutztiere teilen heute viele Hundert Krankheitskeime, die eng miteinander verwandt sind.

Daneben haben sich aber auch viele im Laufe der Zeit auf ihren tierischen oder menschlichen Wirt spezialisiert. Beim Bordetella-Bakterium etwa, das den hochinfektiösen Keuchhusten auslöst, gibt es neben dem auf den Menschen spezialisierten Erreger weitere eng verwandte Arten, die Schafe, Hunde, Pferde, Katzen und Schweine infizieren. Alle haben vermutlich einen gemeinsamen Ursprung. Mensch und Tier stellten für den Erreger offenbar ein riesiges, gemeinsames Reservoir an potenziellen Wirten dar, sodass der Krankheitskeim durch das enge Zusammenleben in einem nie dagewesenen Ausmaß gedeihen konnte.

Die Erreger profitierten zudem davon, dass die Bauern zu immer aktiveren Produzenten wurden, die in die Natur eingriffen und Lebensräume umgestalteten. Sie begannen, Felder zu bestellen, Brunnen zu graben, Zisternen anzulegen. Damit schufen sie beste Bedingungen für viele Krankheitserreger. In Pfützen und Tümpeln, die sich in der offenen Agrarlandschaft bildeten, gedieh etwa die Anophelesmücke, die Überträgerin der Malaria.

Die Nutztiere hinterließen überall ihren Dung, Gülle sammelte sich vielerorts in Gruben. Zahllose Fliegen umschwirrten fortan die Misthaufen, Flöhe sprangen von Hunden oder Katzen auf ihre Besitzer über. Mit diesen Insekten, die nun wie selbstverständlich Teil menschlicher Niederlassungen waren, konnten sich Infektionen wie Fleckfieber, Gelbfieber, die Schlafkrankheit und womöglich auch die Pest rasch ausbreiten.

Erschwerend kam hinzu, dass sich in den festen Siedlungen zunehmend Müll sowie menschliche und tierische Ausscheidungen ansammelten. Während umherziehende Jäger und Sammler ihre Exkremente samt Mikroben und Wurmlarven stets zurückgelassen hatten, lebten die sesshaften Bauern gleichsam inmitten ihrer Fäkalien. Gefährliche Darmkeime, wie Typhus- und Cholera-Erreger, und etliche parasitäre Lebewesen - etwa Fadenwürmer und Pärchenegel (die Erreger der Bilharziose, einer schweren Wurminfektion) - gelangten so ins Trinkwasser.

Wären die Dörfer damals klein geblieben, hätten die Menschen in einiger Entfernung zueinander gewohnt, dann hätten die Krankheitserreger möglicherweise gar keine Chance gehabt, sich überhaupt großflächig auszubreiten.

Doch die Neolithische Revolution setzte nicht nur einen kulturellen Wandel in Gang, sondern auch einen demographischen. In der Altsteinzeit stagnierten die Bevölkerungszahlen. In den kleinen, weit verstreuten Gruppen der Jäger und Sammler hielten sich Geburten und Todesfälle in etwa die Waage. Die Sesshaftigkeit ermöglichte dagegen einen geringeren Abstand zwischen den Geburten: Weil Familien nun nicht mehr ständig ihren Lagerplatz wechselten, konnten Frauen und Männer immer rascher Nachkommen hervorbringen.

Zudem waren die Bauern nicht länger abhängig vom Glück beim Jagen und Sammeln, sondern vermochten zu planen und Notzeiten mit Vorräten zu überbrücken. All dies führte dazu, dass die Bevölkerungszahlen in einem Ausmaß zunahmen wie nie zuvor.

Aus Dörfern, in denen zunächst einige wenige Clans lebten, gingen nach und nach Siedlungen mit weit mehr als Tausend Einwohnern hervor. Das enge Zusammenleben hatte jedoch einen gravierenden Nachteil: Ständig kamen die Menschen nun in Kontakt miteinander, sie hausten in engen Hütten, schliefen dicht gedrängt beieinander, benutzten dieselben Werkzeuge.

Keime, die bis dahin eher selten Gelegenheit hatten, mehrere Menschen gleichzeitig zu befallen, waren nun in der Lage, recht leicht den Wirt zu wechseln - also immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit zu infizieren. Waren schon die frühen Siedlungen eine Art Glücksfall für Keime, so galt dies umso mehr für die ersten Städte, in denen Menschen noch enger zusammengepfercht unter noch schlechteren hygienischen Bedingungen wohnten.

Mit dem Bau der ersten Großsiedlungen vor etwa 8000 Jahren erreichte die mikrobielle Bedrohung damit eine neue Stufe: Hochansteckende Keime wie die Erreger von Masern, Mumps, Keuchhusten oder Pocken waren imstande, in kürzester Zeit Tausende, später gar Hunderttausende Menschen zu befallen. Erstmals brachen regelrechte Epidemien aus, die ganze Stadtteile und mitunter sogar ganze Landstriche entvölkerten.

Einen Vorteil allerdings brachten die Seuchen mit sich. Je häufiger, je verheerender sie vor allem in den dicht besiedelten Gebieten Eurasiens wüteten, desto widerstandsfähiger wurden die Menschen. Denn wer eine gefährliche Infektion überlebte, verfügte häufig über Erbanlagen, die vor den jeweiligen Keimen schützten - und gab sie an die nächste Generation weiter.

Jahrtausende gewachsene Anpassung an Viren, Bakterien und Parasiten

Mehr und mehr Nachfahren trugen die schützende Genvariante, so war ihr Organismus auf eine Mikroben-Invasion besser vorbereitet. Infizierten sie sich, verlief die Krankheit schwächer oder brach erst gar nicht aus.

Zwar entwickelten sich auch die Keime weiter, rafften so immer wieder viele Kranke dahin, doch die Mehrheit überlebte irgendwann, wurde immun. Diese über die Jahrtausende gewachsene Anpassung an die Viren, Bakterien und Parasiten bedeutete einen ungeheuren Vorteil gegenüber jenen Völkern, die mit den Erregern noch keinen Kontakt hatten.

Wie entscheidend dieser Vorsprung war - wie sehr also Infektionskrankheiten die Entwicklungsgeschichte der Zivilisation prägten -, zeigte sich spätestens bei der Kolonisierung fremder Kontinente in der Neuzeit. Als die Europäer Ende des 15. Jahrhunderts zu anderen Erdteilen aufbrachen, trugen sie viele Erreger mit sich, die ihnen kaum mehr etwas anhaben konnten.

Doch die Bewohner Amerikas, Australiens und Polynesiens waren den Keimen nahezu schutzlos ausgeliefert. Viele von ihnen starben an Pocken, Grippe oder Masern, noch bevor sie mit den ersten Europäern in Kontakt kamen - so rasch breiteten sich manche Erreger aus.

Besonders schlimm traf es die Bewohner des amerikanischen Doppelkontinents. Vor der Ankunft von Christoph Kolumbus lebten dort vermutlich rund 100 Millionen Menschen. Doch im Verlauf nur weniger Jahrzehnte starb die Hälfte der Bevölkerung an den todbringenden Keimen, in manchen Regionen überlebte wohl nur jeder zehnte Einwohner.

Und so lässt sich heute eine verheerende Bilanz ziehen: Kein Krieg, keine Naturkatastrophe hat im Laufe der Zeit mehr Menschen getötet als Infekte - als Pest, Typhus oder Cholera.

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