Reisebericht

Reisebericht: Viti und Annette immer noch unterwegs in China

 
 
 
 
 
Reisebericht: Viti und Annette immer noch unterwegs in China

In unserem letzten Bericht (www.geo-reisecommunity.de/reisebericht/64735/1/Viti-und-Annette-unterwegs-nach-China) sind wir in Chengde stecken geblieben. Wir konnten den Bericht leider nicht mehr weiter bearbeiten. Auf dieser Seite geht die Reise mit Viti und Annette weiter quer durch China.

Inhaltsverzeichnis
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25. September 2008 – Wir lernen etwas über Klosterdiplomatie

Wir standen kurz vor acht Uhr auf. Der Blick aus dem Fenster war zuerst etwas ernüchternd, sahen wir doch nichts anderes als Wolken. Diese düsten in einer mordio Geschwindigkeit gegen Osten. Und da waren auch einige wenige, kleine, blaue Lücken zu sehen. Dies stimmte uns dann doch zuversichtlich. Wir hatten Gestern unweit des Hotels noch eine Beiz gesehen und wir wollten diese testen, ob die für ein Frühstück geeignet wäre. Wir bestellten Baozi und Pfannkuchen, doch Pfannkuchen gab es nicht und so wichen wir auf Jiaozi aus. Die Baozi waren nicht schlecht, doch konnten sie dem Vergleich mit unserer Beijing-Zmorgebeiz lange nicht standhalten. Auch die Jiaozi waren eher von der schlechteren Sorte. Dann gingen wir zum Fahrradhändler gleich um die Ecke, denn wir hatten Gestern erkundet, dass wir dort Fahrräder mieten konnten. Wir bekamen zwei gute Räder und waren nun ideal ausgerüstet, um zu den Äusseren Tempeln zu fahren. Als erstes steuerten wir schnurgerade den Puning Si (Tempel des universellen Friedens) an. Dies ist das einzige heute noch genutzte Kloster der einst 12 Äusseren Tempel, von denen heute noch 8 übrig geblieben sind. Erbaut wurde es 1755 in Erwartung von Qianlongs Sieg über die westlichen Mongolenstämme in Xinjiang. Der vordere Teil ist im chinesischen Stil gebaut, der hintere Teil jedoch soll dem tibetischen Samye-Kloster nachempfunden sein. Zu unserem Wohlwollen lichteten sich die Wolken und zum Vorschein kam ein unglaublich blauer Himmel. Es wurde etwas wärmer und wir konnten unsere Jacken ausziehen. Uns gefiel insbesondere der hintere tibetische Teil der Anlage. Die Anordnung war wieder voller Symbolik. So stellt die grosse Halle den Weltenberg Sumeru dar, je ein Gebäude pro Himmelsrichtung symbolisieren die vier grossen Kontinente, die den Weltenberg als Inseln im Weltmeer umgeben, diese Gebäude wiederum werden von je zwei Gebäuden flankiert, die die acht kleinen Inseln darstellen. Dann gibt es vier Gebäude mit Stupa, die die Diagonalen markieren und dann sind da noch zwei Gebäude neben der Haupthalle, die Sonne und Mond verkörpern. Im Innern der Haupthalle bestaunten wir die grösste Guanyin-Statue der Welt. Guanyin ist die buddhistische Göttin der Barmherzigkeit. Mit ihren vielen Augen kann sie jedes Leid erkennen und mit ihren tausend Armen hilft sie den Leidtragenden. Die Menschenmassen hielten sich in Grenzen und wir genossen die Zeit in dieser schönen Anlage. Dann schwangen wir uns wieder auf unsere Räder und pedalten zum Xumifushou Miao (Tempel der Glückseligkeit des Sumeru-Berges). In dieser Anlage, die 1781 zu ehren des 6. Panchen Lama erbaut wurde, als dieser zur Audienz nach Chengde kam, waren wir fast alleine. Auch hier waren sowohl chinesische wie auch tibetische Stilelemente zu sehen. Eindrücklich waren hier insbesondere die vergoldeten Drachen auf dem Dach der Haupthalle, die 1 Tonne schwer sein sollen. Von hier war es dann nur ein kurzes Stück zur nächsten Tempelanlage, dem Putuo Zongcheng. Dabei handelt es sich um eine riesige Anlage, die dem Potala-Palast in Lhasa nachempfunden ist. Qianlong liess diese Anlage 1767-71 erbauen, um die Vasallen des Qingreiches zu beeindrucken, die er zu seinem Geburtstag eingeladen hatte. All diese Klöster und Tempel, die hier so protzig gebaut wurden, wurden also nicht einzig für Mönche gebaut, sondern auch und vor allem aus diplomatischen Gründen errichtet. Damit wollte der Kaiser seine Vasallen beeindrucken. Da die Qing-Kaiser ursprünglich aus der mongolischen Steppe stammten und dem lamaistischen Buddhismus anhingen, herrscht in den Bauten der tibetische Stil vor. Tibet sei – nach Indien – die Heimat des Buddhismus und deren Klöster Symbol dessen Herrschaft. Deshalb bilden die Klöster in Chengde die tibetischen Klöster nach. Den Putuo Zongcheng konnten wir nun nur noch bedingt ins rechte Licht rücken, da der Himmel schon wieder bedeckt war. Das Hauptgebäude war wirklich riesig und von oben hatten wir eine tolle Aussicht auf die umliegenden Berge. Ansonsten war aber die Stimmung der Anlage beeinträchtigt durch Souvenir-Shops, die an jeder Ecke standen. Wir hatten noch nicht genug und wollten nun noch eine vierte Anlage uns anschauen. Mit unseren Fahrrädern waren wir wirklich sehr mobil und so war es kein Problem, noch zum Pule Si zu gelangen. Dies war eher eine kleine Anlage, die zu Ehren der Uiguren und einiger nordwestlicher Stämme erbaut wurde. Dann fuhren wir nach Hause und gaben unsere Fahrräder wieder ab. Unterwegs mit dem Fahrrad sind wohl nur wenige Ausländer zu sehen, denn die Einheimischen purzelten wieder fast von ihren Zweirädern vor lauter Staunen. Zum Abendessen gingen wir shaguo essen. Dies ist eine örtliche Spezialität. Fleisch wird zusammen mit Gemüse in einem Tontopf gar gekocht. Geschmacklich war das ganze nicht speziell, aber wir können nun in Bezug auf shaguo mitreden.



 
 
 
 
 
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26. September 2008 – Unsere „Wir zwei und die Mauer-Erfahrung“

 
 
 
 
 
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Der Wecker holte uns schon um sechs Uhr aus den Federn. Wir kontrollierten das Wetter: Ein strahlend blauer Himmel begrüsste uns. Die Laune war bestens und wir frühstückten scharfe Nudeln. Kurz vor sieben Uhr trafen wir unseren Fahrer in der Hotelauffahrt. Eine wunderbare Limousine stand für uns bereit. Wir düsten in Richtung Jinshanling los und waren kaum anderthalb Stunden später am Eingang zu der Grossen Mauer. Sofort erklommen wir die Mauer und waren begeistert von der Aussicht. Der Mauerabschnitt von Jinshanling, auf dem wir nun standen, stammt aus der Ming-Zeit (1368-1644). Schon der erste Ming-Kaiser Hongwu veranlasste, die Mauer aus der Han-Zeit (206 v.Chr. – 220 n.Chr.) komplett zu erneuern und insbesondere die Passübergänge zu sichern. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts dauerten die Bauarbeiten an, bis die Grosse Mauer fertig war, wie sie Heute zu sehen ist, selbstverständlich an vielen Orten neu restauriert. Auch hier in Jinshanling war die Mauer stark restauriert. Nach Jiayuguan, wo wir auf das westliche Ende der Mauer getroffen waren, hatten wir nun gut einen Monat später wieder die Gelegenheit, uns ernsthaft mit diesem gewaltigen Bauwerk auseinander zu setzen. Und weil wir so früh am Morgen schon da waren (die Busse aus Beijing haben etwa doppelt so lange wie wir mit dem Auto von Chengde aus und treffen erst nach zehn Uhr ein), hatten wir die Mauer fast ganz alleine für uns. Die „wir zwei und die Mauer-Erfahrung“ war natürlich grandios. Rundherum Stille, über uns der strahlend blaue Himmel, und die Mauer wand sich majestätisch in einsamer Landschaft.
Langsam aber stetig spazierten wir nun auf der Mauer in Richtung Simatai los. In spektakulär-schöner Landschaft schlängelte sich die Mauer über Bergrücken hoch und wieder hinunter. In regelmässigen Abständen standen Wachtürme. Diese wurden als Unterkünfte für die hier stationierten Soldaten oder als Vorratskammern gebraucht. Wurde die Mauer an einem Stück angegriffen, so konnte mit einem ausgeklügelten Signalwesen rasend schnell Alarm gegeben werden. So bedeutete zum Beispiel das Signal mit drei Rauchsäulen mit drei Schüssen einen Angriff von 1000 Feinden. In wenigen Stunden gelangten so die Meldungen über Signaltürme bis nach Beijing. Wir fotografierten fleissig und kamen so nur langsam voran. Etwa 500 m nachdem wir die Gondelstation passiert hatten (wer zu faul ist, hoch zu laufen, kann mit einer Gondelbahn à la Männlichen hochfahren), war die Mauer etwas weniger restauriert. Es gelang uns sogar ziemlich gut, die fliegenden Händler abzuschütteln. Wir trafen später weniger erfolgreiche Besucher, denen Frauen mit Büchern, T-Shirts (I’ve been to the Great Wall) und Postkarten über Kilometer nachliefen. Bu xihuan (gefällt mir nicht) war der Spruch, den sie sofort akzeptierten und der sie von uns abhielt. Die Mauer kroch nun einen Bergrücken hoch. Die Passagen waren teilweise höllisch steil. Der Blick zurück entschädigte aber für alle Strapazen. Bei dem schönen Wetter und der fantastischen Sicht konnten wir den Verlauf über Kilometer verfolgen. Ansonsten hatte es immer noch wenige Leute. In der Ferne konnten wir dann kleinere Gruppen erkennen, die recht schnell unterwegs waren. Dies waren wohl die Sightseeingbusse aus Beijing, vermutete Viti. Wir beschlossen, gemütlich weiter zu spazieren und eine Pause einzulegen, sobald uns die Gruppen einholen würden. Dies war etwa zwei Wachtürme nach der Halbzeit der Fall und wir setzten uns hin, um unsere Brötchen, die wir am Vortag noch gekauft hatten, zu verspeisen. Vor uns setzte sich noch ein Schweizer Pärchen hin, die in drei Monaten von der Schweiz aus über Italien, Türkei, Uzbekistan und Kirgistan nach China gereist waren und Gestern in Beijing angekommen waren. Noch drei Tage und dann müssten sie wieder nach Hause fliegen.
Wir spazierten gemütlich weiter, bis wir dann in der „Scenic Arena of Simatai“ eintrafen und ein neues Billet kaufen mussten. Dieses war 10 Yuan günstiger als in Jinshanling, dafür musste man gleich darauf nochmals für eine Hängebrücke bezahlen. Nach der Hängebrücke liessen wir es uns nicht nehmen, den hier steilen und langen Aufstieg in Angriff zu nehmen. Kommt man mit dem Sightseeingbus, hat man keine Zeit mehr dafür. Nach dem schweisstreibenden Aufstieg bis zum Punkt, an dem ein Wächter das weitergehen verbot, genossen wir die Aussicht in die Ferne. Hier war die Mauer auf einem schmalen Bergkamm gebaut, an dem es links und rechts fast senkrecht hinunter ging, und wir fragten uns ein wenig über den Sinn einer Mauer hier. Zusammen mit ein paar Chinesen liessen wir uns ablichten. Sie waren ganz stolz, waren sie ebenfalls wie wir mit Canon-Kameras ausgerüstet. Dann stiegen wir den steilen Abhang wieder hinunter, gespannt, wie gross wohl der Muskelkater sein würde mit all diesen Treppenstufen. Es war bereits vier Uhr vorbei, da trafen wir wieder auf unseren Fahrer. Der war erstaunt, dass wir acht Stunden benötigt hatten, um die Strecke von Jinshanling nach Simatai zurück zu legen. Gross zu protestieren wagte er aber nicht, wir hatten das Fahrzeug ja schliesslich für den ganzen Tag gemietet und das sicher nicht zu einem sehr günstigen Preis. Um sechs Uhr waren wir dann wieder in Chengde in unserem Hotel. Weit mochten wir uns nun nicht mehr bewegen und so entschieden wir uns für ein Restaurant gleich in der Nähe, das wie ein Western-Saloon eingerichtet war. Wir assen leckeren Fasan und gebratene Eier mit Pilzen. Das wurde hier empfohlen, schliesslich war man ja mal kaiserliches Jagdgebiet gewesen.



 
 
 
 
 
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27. September 2008 – Über die Schnellstrasse nach Beijing

Heute wollten wir wieder zurück nach Beijing. Es war frisch und Schleierwolken bedeckten erneut den Himmel. So konnten wir getrost direkt abreisen ohne noch mal dem einen oder anderen Tempel einen Besuch abzustatten. Am Bahnhof standen mehrere Busse Richtung Beijing. Wir erstanden ein Ticket für den nächsten und machten es uns auf unseren Sitzen bequem. Kaum waren wir losgefahren, wurde von allen Passagieren noch mal 10 Yuan einkassiert. Wir begriffen zunächst nicht, was das sollte und fragten nach: Schneller würde die Fahrt gehen – also dann. Als Autobahngebühr fanden wir 10 pro Nase etwas viel, aber es wäre eine mögliche Erklärung, warum die Strasse kaum befahren wird (wie wir gestern und auf der Hinfahrt beobachtet hatten). Tatsächlich spurte der Bus bald auf die Schnellstrasse ein und wir flogen mit Höchstgeschwindigkeit der Hauptstadt entgegen.
Wir genossen noch mal den Blick auf die hügelige Landschaft und freuten uns, dass wir gestern einen so wunderbaren Tag auf der Mauer erlebt hatten (Lou Reed: Such a perfect day). Als die Autobahn dann auf weniger als halber Strecke plötzlich zu Ende war, hatten wir auch die Bestätigung für die gestrige Vermutung. Von der Mauer aus hatten wir Brückenpfeiler und erste Schneisen mit Strassenbauarbeiten gesehen. So hatten wir angenommen, dass die Schnellstrasse wohl doch noch nicht fertig gebaut sei und wir Glück hatten, die Landschaft von der Mauer aus noch ohne hässliche Autobahn (und entsprechenden Lärm) bestaunen zu können.
Zwischendurch wurde gebummelt und ab und zu angehalten. Das letzte Stück war dann wieder Autobahn. Da staunten wir nicht schlecht, als man an einigen Ausfahrten Passagiere aussteigen liess. Auf der Hauptstrasse wird ja oft an jeder Ecke angehalten, warum also hier nicht… Nach knapp vier Stunden kamen wir am Westlichen Busbahnhof an – und hatten also auf dem Ring noch die halbe Stadt umrundet. Wir fanden direkt eine Taxifahrerin, welche uns zum Hotel bringen wollte. Sie lerne fleissig Englisch – täglich mit CD im Auto, und so plauderten wir mit unseren jeweilig beschränkten Sprachkenntnissen fröhlich ein wenig, während wir im Stau der Hauptstadt standen. Im Hostel hatten wir vorsichtshalber telefonisch ein Zimmer reserviert, um sicher zu gehen, dass wir während der chinesischen Ferien unterkommen würden. Kein Problem, solange wir sicher am 30. abreisen würden. Ab dann ist voll – am 1. ist Nationalfeiertag.
Nach einer Siesta gönnten wir uns zum Znacht noch mal eine Pekingente. Wir konnten uns zum Warten im 3. Stock durchringen – im Quanjude Roast Duck Restaurant werden auf 3 Stöcken Gäste bewirtet und auf jeder Etage warten jeweils etwa 50 Leute auf einen Tisch. Die 30 Nummern vor uns waren erstaunlich schnell vergeben, und so kam die Reihe an uns. Wir bestellten diesmal eine ganze Ente und genossen wieder die exquisite Kombination aus Geflügel, knuspriger Haut, Zwiebeln und Sauce in Pfannkuchen gewickelt. Wir probierten auch Gurken und Knoblauch dazu und fanden beides ebenso lecker.



28. September 2008 – Vitis Mudertag oder die Illusion einer Kugel

 
 
 
 
 
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Wir hatten eine lange angekündigte Schönwetterperiode erwartet, und als der Himmel draussen grau war, wollte Viti am liebsten gar nicht aus dem Haus. Zum Frühstück mussten wir, bzw. wollten wir dann wohl oder übel, weil uns das üppige Westernbuffet für 40 Yuan pro Nase deutlich zu teuer war. Wenn wir uns dringend danach gesehnt hätten, wäre es uns das vielleicht Wert gewesen, aber dafür waren wir ja nicht nach China gekommen. Nach einigem Hin- und Her mieteten wir direkt Velos im Hostel und fanden sehr schnell eine neue Zmorgebeiz. Diese machte ebenso feine Baozi und die übliche Wonton-Brühe (mit Algen und Mikrocrevetten) und liess uns dies sogar zum Einheimischenpreis geniessen.
Annette radelte diesmal voraus. Sie wollte zum Tian’anmen. Durch Sicherheitskontrollen kamen wir auf den berühmt-berüchtigten Platz. Es tummelten sich Scharen von Menschen, die an allen möglichen Stellen für Fotos posierten. Die kommunistischen Protzbauten für das chinesische Nationalmuseum und den Volkskongress, eine Gedenkstele der Volkshelden oder das Mao-Mausoleum boten sich dafür an. Alternativ natürlich auch die beiden Tore, im Norden (über die etwa 10spurige Strasse) das Tor des Himmlischen Friedens oder im Süden das Qianmen, oder die Blumenarrangements zur Zier des Platzes und zur Feier der Olympiade. Obwohl der Platz riesig ist (es soll der grösste der Welt sein), hatte man nicht wie auf dem Roten Platz oder dem Meidan-e-Imam in Isfahan das Gefühl, auf einem abgeschlossenen Platz zu stehen. Das lag sicher an den Strassen rundherum, aber auch an dem wuchtigen Mausoleumsbau mitten auf dem Platz. Lenin hatte dagegen mit seiner Pyramide ein sehr bescheidenes Monument bekommen. Viti nahm sich der Rucksäcke an, während Annette sich anstellte, um einen Blick in das Innere zu werfen. Trotz grossen Andrangs ging es sehr schnell voran – etwa 20 parallele Securitychecks, so dass man kaum irgendwo stehen bleiben musste. Wer eine gelbe Chrysantheme erstehen wollte, rannte schnell zum Kiosk vor dem Eingang, und schon konnte er sie in der riesigen Eingangshalle vor der Mao-Statue vor wolkig-meerigem Horizont niederlegen. Dann teilten sich die Massen wieder, und links und rechts wurden wir in Zweierreihe an einer grossen Vitrine mit den sterblichen Überresten des Grossen Vorsitzenden vorbeigeführt. Mao kann so wesentlich mehr Besucher „empfangen“ als Lenin. Die Chinesen sind diesbezüglich deutlich besser organisiert als die Russen, dafür wissen die Russen eine Atmosphäre ehrfürchtiger Ruhe zu erzeugen, von der hier keine Rede sein konnte. Man durfte zwar keinen Hut tragen, sollte Handys ausschalten und leise sein, aber es war weder kühl noch besonders dunkel, und vor allem nicht still. Die kontinuierlichen Ermahnungen der Aufsichtsbeamten erzeugten alleine schon einen Geräuschteppich, der vom Gemurmel der Besucher noch verdichtet wurde. Das wichtigste schien fast die gleich anschliessende Halle mit Souvenirartikeln zu sein, welche dem Ganzen natürlich eine sehr profane Note gab. Annette fand es beeindruckend, als Teil einer kontinuierlichen Menschenstroms durch das Mausoleum geschleust zu werden. Sie war nach 10 Minuten wieder draussen, womit Viti natürlich nicht gerechnet hatte. Er nahm den Platz trotz Schleierwolken mit dem Teleobjektiv ins Visier und tauchte erst geraume Zeit später auf.
Als nächstes wurde er von Annette ins Beijing City Planning Museum geschleppt, welches ein paar Meter weiter stand. Dieses lohnte sich alleine schon wegen des riesigen Stadtmodells, welches uns die Dimensionen der modernen 15-Millionen-Stadt Beijing eindrücklich vor Augen führte. Ein Bronzemodell zeigte den Kontrast zur Stadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Stadtmauern noch standen und die Stadtstrukturen aus Ming- und Qing-Zeit noch weitgehend intakt waren. Heute stehen dagegen nur noch vergleichsweise wenige eingeschossige Häuser (Hutong-Viertel) im historischen Stadtkern, und die Skizzierung der fünf Stadtentwicklungspläne seit den 1950er-Jahren liess erahnen weshalb. Nach der „Befreiung der Volksrepublik“ durch Mao wurde das historische Erbe zwar anerkannt, die Priorität aber auf wirtschaftliche Entwicklung (sprich: Industrialisierung, Verkehr) gelegt. Erst im Masterplan der 1990er-Jahre wurden erhaltenswerte Zonen ausgewiesen, und bei diesen paar wird es wohl bleiben. Der aktuelle Masterplan legt gemäss „Deng-Theorie“ den Schwerpunkt auf internationale Öffnung und Entwicklung des Tertiärsektors, und so entstehen schillernde Bürotürme und Glaspaläste von extravagantem Format. Annette fand fast alle Ausstellungen spannend (historische Entwicklung, aktuelle Verkehrsplanung, Umweltschutz), während Viti schon lange wartete und zu allem Unglück noch seine Sonnenbrille verloren hatte. Getoppt wurde das Ganze (für Annette im positiven, für Viti im negativen Sinn) von einer 4D-Selbstdarstellung des New Beijing in 2069. In beweglichen Sesseln wurde die Umsetzung des aktuellen Masterplans Verkehr im Science-Fiction-Stil vorgeführt. An der Olympiade 2008 würde das neue Metronetz zum ersten Mal seine Leistungsfähigkeit beweisen (ist wohl gelungen, die Australier haben es jedenfalls gelobt), und bis 2020 würde man von jedem beliebigen Ort in Beijing in 5 Gehminuten die nächste U-Bahn erreichen können. Cool.
Nach einem Teller Nudeln ging es weiter zur National Concert Hall. Auch dies war eine gute Empfehlung von Christian, und bei dieser schlug nun auch Vitis Herz ein wenig höher. In perfekter Eleganz erhob sich eine gleissende Kugel aus den Fluten, so hatte man das Gefühl. Die geniale Glas- und Metallstruktur ist vollständig von einer Wasserfläche umgeben und spiegelte vor fast schon blauem Himmel. Wir begaben uns unter dem Wasser hindurch in die im Sommer 2007 eröffnete Concert Hall und bestaunten die erlesenen Materialien und die Struktur der drei Konzertsäle im Innern (hinein konnte man leider nicht). Viti sah mit Bestürzung, dass hier in so einem Prestigebau überall (für ihn) gut sichtbare Standardlüftungsauslässe angebracht waren. Für europäische Architekten wäre so etwas undenkbar.
Am späten Nachmittag beschlossen wir dann, unsere Velos noch auszunutzen, um zum CITS zu fahren. Dieser Reiseveranstalter könnte uns vielleicht ein Auto für den Besuch der Östlichen Qing-Gräber organisieren, welche mit ÖV nicht zu erreichen sind. Kurz vor Büroschluss fanden wir den entsprechenden Container neben dem Hochhaus mit der Nationalen CITS-Zentrale und ein freundlicher Mr. Dai empfing uns. Er fand auch, diese Gräber seien sehr sehenswert, obwohl wenig besucht, und wir würden das sicher als Highlight erleben. Er sprach Viti aus der Seele. So buchten wir spontan für morgen, in der Hoffnung, dass das Wetter dann tatsächlich so schön würde wie angekündigt. Übermorgen wären wir ja dann schon unterwegs nach Shenyang. Es hiess also früh schlafen gehen, weil der Fahrer um 7 Uhr vor dem Hotel stehen würde. Wir kauften noch Proviant ein und gingen direkt ins bekannte Jiaozi-Lokal, wo wir uns wieder mit den leckeren Teigtaschen den Bauch füllten.



 
 
 
 
 
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29. September 2008 – Das Ende von Kaisern, Konkubinen und Kaiserwitwen

 
 
 
 
 
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Viti war noch vor dem Wecker um 6 Uhr wach und der Blick aus dem Fenster brachte eine riesige Enttäuschung. Über der Stadt hing stockdicker Nebel und es war anders als gestern überhaupt keine Aufhellung in Sicht. Tapfer bereitete er Fangbian mian zu und pünktlich um 7 Uhr ging es los. Mr. Liu fuhr uns durch die trostlose, frühmorgendlich leere Stadt und über die Autobahn in die Provinz Hebei. Annette döste sicher noch eine Stunde, und als sie wieder erwachte zerschlug sich auch ihre Hoffnung auf einen strahlenden Tag. Auch ausserhalb der Stadt herrschte dichtes Grau und die Sicht war schlecht. Wir hatten brutal verspekuliert. Viti meinte mit Galgenhumor, es würde dann sicher morgen schön, wenn wir uns in den Zug setzen müssten…
Nach gut zwei Stunden stiegen wir etwas lustlos aus dem Auto, um den Seelenweg der Östlichen Qing-Gräber zu besichtigen. Auf diese gigantische Allee gesäumt von grossen Tierskulpturen, Offizieren und Beamten, hatten wir uns eigentlich sehr gefreut. Nun hoben sich aber die Figuren aus weissem Marmor kaum vom Himmel ab und es wollte keine Begeisterung aufkommen. Mr. Liu brachte uns entlang des etwa fünf Kilometer langen Weges an Ehrentor, Stelenpavillon und Marmorbrücke vorbei zur ersten Grabstätte, die wir besichtigen wollten. Der uns wohl bekannte Qianlong hatte sich hier wie sein Grossvater Kanxi, welcher das Tal bei einer Jagdpartie entdeckt hatte, ein prunkvolles Mausoleum bauen lassen.
Die Qing hatten zu ihrer Legitimierung die Erdbestattung der Ming ebenso wie das Schema der Ming-Gräber mit Toren, Opferhalle, Stelenpavillon und Grabhügel übernommen und an ihren Geschmack angepasst. Bei Qianlong konnte man sogar die Grabkammer besichtigen, da sie von Kuomintang-Truppen in den 1940ern geplündert worden war. Der tiefgläubige Buddhist hatte sich die glatten Marmorwände mit zierlichen, detailreichen buddhistischen Reliefs und Inschriften in Sanskrit und Tibetisch verzieren lassen. Einmalig. In der Aussenanlage herrschte allerdings Tristesse, bei uns wie beim Wetter – dunkle Wolken, dunkle Zypressen, moosig-feuchter Boden. Unweit davon konnte man das Grab seiner Konkubinen besichtigen. Diese bekamen „dasselbe in Grün“, also eine analog aufgebaute Anlage, mit kleinerem Grabhügel und von grünen statt von gelben Dachziegeln bedeckten Gebäuden. Je nach Status bekamen die 35 Konkubinen einen etwas grösseren oder kleineren Rundbau als Grabstatt. Annette erinnerten sie irgendwie an Sandkastentorten.
Tatsächlich waren diese Östlichen Qing-Gräber viel weniger besucht als die Ming-Gräber, die viel näher an Beijing liegen. Die Anlagen waren auch deutlich weniger herausgeputzt, Gras wuchs auf den Plätzen und Wegen, und es gab relativ wenige Souvenirstände. Die Landwirtschaftszone reichte bis an die Gebäude heran. So führte uns ein Spaziergang entlang der alten Wege, welche die Grabanlagen verbinden, durch Obsthaine und Maisfelder, vorbei an Kastanienbäumen und Marmorkanälen. Es mutete komisch an, Traktoren und Eselskarren über die kaiserlichen Marmorbrücken fahren zu sehen, aber der neblige Tag liess die etwas verlassen anmutenden Anlagen fast romantisch wirken. Beim Dingling, dem Grab des Xianfeng, waren wir nebst einigen Kanalfischern praktisch alleine. Als die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen, fing es langsam an, uns zu gefallen. Als wir anschliessend noch das Grab seiner Ehefrau Cixi besuchten, lichtete sich der Himmel immer mehr. Von blauem Himmel konnte nicht die Rede sein, aber es reichte für einen richtigen Schattenwurf. Cixi hatte sich von einer einfachen Konkubine zur Kaiserin hochgekämpft und gab ihre Macht erst bei ihrem Tod 1908 aus den Händen. Sie regierte als Kaiserwitwe buchstäblich hinter dem Vorhang ihres Sohnes und später ihres Neffen und traf in dem untergehenden Kaiserreich wenig ruhmreiche Entscheide. Ihre Prunksucht liess sie trotz leerer Staatskassen ihr Mausoleum noch prachtvoller gestalten als das ihres Mannes. Ihre Perlen landeten nach der Plünderung des Grabes auf den Schuhen der Ehefrau Chiang Kaisheks, so hatte sie sich das wohl auch nicht vorgestellt.
Unser Fahrer musste schliesslich wieder lange auf uns warten. Erst am späten Nachmittag fuhren wir wieder in Richtung Beijing los. Als wir dort ankamen, war schon dunkel und gerade Essenszeit. Wir mochten nicht mehr weit gehen und beschlossen, eines der Restaurants in unserer Strasse zu testen, das wir noch nicht berücksichtigt hatten. Überall war voll – die chinesischen Ferien waren angebrochen. Wir bekamen einen Platz und zeigten auf zwei Bildchen, die uns ansprachen. Beides scharf, meinte die Bedienung – kein Problem. Als dann in einem heissen Pfännchen Hühnchen mit Chillies etwa im Verhältnis 1:2 brutzelten, kamen wir allerdings ins Schwitzen. Die Erbsen mit Schinken waren weniger feurig, aber als wir dazu keinen Reis bekamen (nach dem dritten Mal fragen gab es keinen mehr), hielt sich der Spass in Grenzen. Viti nervte sich plötzlich ganz generell, über das Essen, die Bedienung, die Chinesen überhaupt (verrechnet würde der Reis dann ganz bestimmt) – ihm drohte ein mächtiger Chinakoller.



 
 
 
 
 
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30. September 2008 – Wiedersehen mit Ningning

 
 
 
 
 
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Wir mussten schon wieder früh aufstehen, denn unser Zug nach Shenyang sollte bereits um halb Acht losfahren. Hastig schlürften wir unsere Nudelsuppe und packten die Koffer. Konsterniert stellte Viti fest, dass es nun ein bildhübscher Tag werden würde, wo wir uns in den Zug setzen mussten. Wir waren zeitlich etwas knapp dran, für chinesische Verhältnisse sehr spät, denn wir waren beide der Überzeugung, dass der Zug um 7h39 fahren würde, was nicht stimmte, denn er fuhr 7h26. Da war längst keine Warteschlange mehr im Wartesalon für den Zug. Es klappte aber alles hervorragend und wir sassen rechtzeitig in unserem Abteil. Wir hatten ein ganzes Abteil für uns, was wir sehr genossen. Der Zug fuhr in einem schnellen Tempo durch die zu Beginn noch neblige Landschaft. Der Nebel löste sich auf und ein strahlend blauer Himmel erfreute unsere Gemüter. Der Zug hielt nirgends an. Nach 2.5 Stunden realisierte Viti, dass wir wohl an Shanhaiguan vorbeigefahren waren, denn in den nahen Bergen war so was wie die chinesische Mauer zu erkennen. Diese trifft hier auf das Gelbe Meer und markiert das östliche Ende der Mauer. Von der Festung, die hier die Ming-Kaiser erbauen liessen, konnten wir nichts erspähen. Dass wir schon in Shanhaiguan waren, bedeutete aber auch, dass schon praktisch die Hälfte der Strecke zurückgelegt war. Bald danach befanden wir uns dann in der Provinz Liaoning. Entlang der Eisenbahnlinie erstreckten sich Mais- und Reisfelder. Es war Erntezeit und wir konnten erkennen, wie die Felder in mühsamer Handarbeit abgeerntet wurden. Wir hörten Musik und fanden die vorbeiziehende Landschaft mit den leuchtenden Reisfeldern schön. Um viertel vor Eins waren wir dann schon in Shenyang angekommen. Shenyang war die alte Hauptstadt der Mandschuren, von denen die Qing-Kaiser (1644-1911) abstammten. In den 30er-Jahren eroberten die Japaner die Provinz und richteten einen Vasallenstaat mit dem letzten Kaiser Chinas Puyi ein (wie im Film „Der letzte Kaiser“ schön erzählt). Dann waren kurz auch noch die Russen da. Viti staunte beim Blick auf die Landkarte nicht schlecht, als er merkte, dass wir etwa gleich weit von Beijing weg waren wie von Wladiwostok. Auch Nordkorea wäre in wenigen Stunden zu erreichen. Wir rollten unsere Koffer schleunigst in das Hotel und checkten ein. Wir beschlossen, das schöne Wetter noch für den Besuch des Beiling zu nutzen und von dort aus Ningning anzurufen, die wir hier besuchen wollten. Ningning hatte für ein Jahr in Bern gelebt und Annette hatte sie vor vier Jahren kennengelernt.
Das Beiling ist das Grabmal für Huang Taiji, den Gründer der Qing-Dynastie. Vor dem eigentlichen Grab erstreckte sich eine grosse Parkanlage, in der verschiedenste Aktivitäten angeboten wurden. Die Grabanlage gefiel uns ausserordentlich gut, nicht zuletzt wegen dem wirklich blauen Himmel und der angenehmen Temperatur. Der Aufbau der Grabanlage war ähnlich, wie wir das am Vortag gesehen haben: Ehrentor, Stelenweg, Stelenpavillon, Haupttor (hier mit dreistöckigem Aufbau), Haupthalle, symbolische Opfergefässe, Stelenpavillon und Grabhügel. Dann versuchten wir Ningning anzurufen, doch wir hatten Probleme. Mit dem Natel ging es nicht und die öffentlichen Telefonapparate funktionierten mit der Karte aus Beijing nicht. Auch der spontane Kauf einer chinesischen Handykarte half nicht viel, da diese mit Annettes Handy nicht kompatibel war. Schlussendlich konnten wir mit dem Handy des Verkäufers Ningning erreichen. Sie war bereits in unserem Hotel gewesen und hatte vergeblich auf uns gewartet. Doch wir konnten uns nun vor dem Eingang zum Beiling verabreden.
Eine Viertelstunde später war ob dem fröhlichen Wiedersehen alles vergessen. Wer hätte vor vier Jahren gedacht, dass wir uns in Shenyang wieder sehen würden! Nach der Begrüssung chauffierte uns ihr Mann zum neuen Universitätsgelände von Shenyang, eine imposante Anlage. Wir holten danach ihre Tochter ab, um Huoguo essen zu gehen. Wir freuten uns sehr, einmal mit Experten Feuertopf essen zu gehen. In einem gemütlichen Restaurant (wir sassen im Séparé) wurden dann viele leckere Sachen auf unseren Drehtisch aufgestellt, die jeder in seinem eigenen Feuertopf garte. Es gab da viel Gemüse und Salate (Endivien, Kohl, Spinat etc.), lustige Pilze (ganz lange Stiele mit winzigen Hüten in Büscheln), Mu’er Pilze, verschiedene Fleischsorten, eine Crevettenpaste, Bällchen aus Tintenfisch und eine Art Blutwurst. Wir bestellten diesmal nicht die scharfe Variante, denn damit hatten wir in Datong schon genügend Erfahrung gemacht. Es war herrlich. Dann folgte eine Sightseeingtour Shenyang by night. Es ist für uns Schweizer schon imposant, durch eine kitschig beleuchtete Stadt zu fahren, in der mit 8 Millinen mehr Einwohner als in der Schweiz leben. Hochhaus reiht sich an Hochhaus. Einzig das Olympiastadion (Fussball fand hier statt) war leider nicht beleuchtet. Ein langer Tag ging so glücklich zu Ende und müde fielen wir ins Bett.



 
 
 
 
 
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1. Oktober 2008 – Am Nationalfeiertag zu der Wasserhöhle von Benxi und viel Essen

Es war wieder ein strahlend schöner Morgen. Wir frühstückten am Bahnhof einige Baozi, denn Frühstück war nicht inbegriffen im Hotelzimmer. Um halb Neun hatten wir mit Ningning und Familie vor dem Hotel abgemacht. Ningning wollte uns die Wasserhöhle von Benxi zeigen und gemeinsam mit ihrer Familie und uns da hin fahren. Schon auf der Hinfahrt war auf der Strasse einiges los, denn am Nationalfeiertag ist ganz China unterwegs. Bei der Höhle dann „ren shan ren hai“. Überall waren Autos parkiert und es wimmelte nur so von Leuten. Wir wunderten uns, wie wohl diese Menschenmassen durch die Höhle geschleust werden sollten. Doch Ningnings Mann kannte jemanden, der wiederum gute Beziehungen in der Gegend hatte und der uns durch den ganzen Tag begleitete. Wir mussten nirgends anstehen. Weder beim Ticketoffice, noch für den Elektrowagen, noch für den Zutritt zur Höhle und auch nicht für auf das Boot. Denn die Höhle von Benxi rühmt sich, die längste Unterwasserhöhle der Welt zu sein. Gleich beim Eintritt in die Höhle wurden wir mit Jacken ausgerüstet und wir bestiegen (direkt an der Warteschlange vorbei) ein Boot. Das Boot ist das einzige Fortbewegungsmittel, denn das Wasser steht im Durchschnitt vier Meter hoch. Die teilweise sehr eindrücklichen Stalaktiten und Stalagmiten formen verschiedene Gebilde, die alle fantasievolle Namen trugen. Die ganze Szenerie wurde in verschiedensten Farben angeleuchtet, was den chinesischen Kitsch ausmachte aber erstaunlich gut wirkte. Die Boote fuhren wohl etwas schneller als an anderen Tagen und fotografieren war kaum möglich. Wir fanden die Höhle beeindruckend. Nach der Besichtigung war im nächsten Ort ein Mittagessen für uns vorbereitet. Der Freund von Ningnings Mann hatte einen Tisch reserviert und als wir eintrafen, war der Tisch bereits gefüllt mit verschiedensten Speisen. Die örtliche Spezialität war eine Suppe mit Lammfleisch, die jeder nach Gutdünken würzen konnte und uns sehr gut schmeckte. Weiter waren da Lammnierchen und –leber, Sellerie mit Cashew-Nüssen, Broccoli mit viel Knoblauch, Fische in Grösse einer Forelle, ganz kleine frittierte Fische, Lammfleisch mit Pepperoni, Gurken mit Crevetten, süsse Maisfladen und Tofu, von dem wir aber die Finger liessen. Alles schmeckte ausgezeichnet. Dazu wurde Bier getrunken und einige Gläser mussten Ex getrunken werden. Grosse Freude hatten alle, dass Ex-trinken mit den kleinen Gläsern für Viti kein Problem darstellte. Wir wurden dann noch zu einem nahe liegenden Naturpark eingeladen, wobei hier der Programmablauf für uns etwas unverständlich ablief. Obwohl der Freund für uns Eintrittskarten für den Park organisiert hatte, fuhren wir nur eine Runde am Parkeingang vorbei, ohne im Park wandern zu gehen. Die bergige Landschaft war malerisch und gefiel uns in der Nachmittagssonne sehr gut. Wir stiegen immerhin aus, um über das Staubecken den Wald in wunderbaren Herbstfarben zu fotografieren. Dann wurde beschlossen, zurück nach Shenyang zu fahren. Um sechs Uhr waren wir beim Seafood Restaurant angelangt, das Ningning vorgeschlagen hatte. Wacker schritten wir an das Auslesebuffet. In einer Vielzahl von Becken schwammen unterschiedlichste Kreaturen, die im Wasser lebten, und von denen wir nicht die Hälfte kannten. Wir liessen uns von Ningning Krabben und Crevetten empfehlen, die dann gleich für uns gefischt wurden und lebendig in die Küche transportiert wurden. Dazu gab es noch einen Salat und leckere mit Fleisch gefüllte Auberginenstücke. Dank den Anweisungen und Hilfestellungen von Ningning und ihrer Familie gelang es uns, auch die Krabben ungefähr fachgerecht auseinander zu nehmen. Glücklicherweise geschieht dies in China mit den Händen und nicht mit kompliziertem Besteck. So kann man eine Krabbe geniessen und es kommt sogar einiges an Essbarem an diesem Tier dabei hervor. Nach dem Essen hatten alle die Bäuche voll und alle waren müde. So waren wir froh, als wir uns nach diesem spannenden Tag in unser Zimmer zurückziehen konnten.



 
 
 
 
 
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2. Oktober 2008 – One dumpling, one happiness

 
 
 
 
 
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Wir schliefen etwas länger als die Tage zuvor, denn wir waren müde und das Wetter regte auch nicht zu grossen Aktivitäten an. Wir frühstückten die Reste des gestrigen Abendessens, denn in China ist es üblich, dass man nach Hause nimmt, was übrig bleibt. Dann checkten wir aus, deponierten unsere Koffer und schritten zum Bahnhof in das Internet Cafe. Wir wollten da Pläne für die nächsten Reisetage entwickeln, insbesondere mussten wir uns auch überlegen, wo wir versuchen wollen, unsere Visa nochmals verlängern zu lassen. Der Wetterbericht für Beijing und die umliegenden Orte war miserabel. Glaubte man den verschiedenen Seiten, die wir konsultierten, würde es die nächste Woche regnen. Viti studierte den Lonely Planet nach spannenden Orten, die auch gut für Visaverlängerungen seien. Ebenfalls schrieben wir ein Mail an ein Reisebüro in Hong Kong, ob neue Visa für China in Honk Kong wieder erhältlich seien (am Abend hatten wir schon die Antwort, dass dies ginge). So entwickelten wir im Lauf des Tages mehrere Szenarien, wie wir unsere Reise fortsetzen könnten. Dass dies nicht ganz einfach war, kann man sich vorstellen, doch kamen wir bis zum Abend zu folgenden Varianten: a) Mit Zug oder Flugzeug in den Süden nach Chengdu, der Hauptstadt Sichuans und dort weiter nach Leshan, um dort das Visa zu verlängern. Zu sehen in der Gegend gäbe es einiges. Wir waren aber skeptisch, ob in so kurzer Zeit während der chinesischen Ferienwoche Tickets zu bekommen wären. b) Mit dem Zug nach Kaifeng, der alten Hauptstadt der Song-Kaiser. Hier sollen die PSB-Beamte relativ liberal sein und deshalb günstig für eine Visaverlängerung. Allerdings bietet die Stadt nicht allzu viel, falls wir länger warten müssten. c) In Beijing bleiben und hier eine Visaverlängerung beantragen. In Beijing gäbe es natürlich noch einges zu sehen, allerdings war der Wetterbericht haarsträubend und die Stadt während den chinesischen Ferien auch mit Horden von Touristen überfüllt. Besser wäre es, wenn wir später nochmals nach Beijing kommen könnten. Mit unserem Blog gab es Probleme, denn wir konnten seit längerem nichts mehr aufladen.
Wir machten uns also auf den Weg, um doch noch den Kaiserpalast der Qing-Kaiser zu besichtigen. Wir schritten zuerst zu Fuss los, denn wir sahen von unserem Hotelzimmer aus noch ein spektakuläres Hochhaus mit runder Ansicht (eine Bank in Form einer alten chinesischen Münze) und da wollten wir zuerst hin. Dort konten wir dann ein Taxi ergattern, das uns zum Kaiserpalast brachte. Dort wimmelte es von Leuten, es war eben Ferienzeit. Zum Ende des 16. Jahrhunderts gelang es Nurhachi, die Mandschu-Stämme zu einigen und im Nordosten Chinas ein eigenes Reich zu etablieren. Die Hauptstadt legte er nach Shenyang, wo er 1626 mit dem Bau einer Verbotenen Stadt, des Kaiserpalastes, begann. Seine Dynastie nannte er Qing. 1644 gelang es seinen Nachfolgern, das Ming-Reich zu erobern und sie setzten sich auf den Thron ganz Chinas. Der Kaiserpalast in Shenyang wurde dann nur noch genutzt, wenn der Kaiser auf Besuch war. Die Anlage war grösser als wir das angenommen hatten. Auch wenn die Verbotene Stadt von Shenyang sich nicht mit dem Palast in Beijing vergleichen kann, gefiel uns die Anlage gut. Nach dem Besuch der Kaiserstadt spazierten wir in die Fussgängerzone von Shenyang. Auch hier hatten wir das Gefühl, mit halb Shenyang unterwegs zu sein. Es war wahrhaftig ein Gedränge, der Weihnachtseinkauf in Bern ist direkt menschenleer. Ningning hatte uns den Tipp gegeben, dass es hier ein ausgezeichnetes Restaurant für Jiaozi gäbe. Wir wollten schon fast aufgeben, da fragten wir jemanden und sahen das Restaurant auch schon. Wir schritten hinein, um dort dann eine Wartenummer ziehen zu dürfen, denn selbverständlich hatten nicht nur wir Hunger, und so waren wir nicht die einzigen, die hier etwas Essen wollten. Wir warteten eine Viertelstunde und durften uns dann an einen Zweiertisch setzen. Die Karte war nur auf Chinesisch und so bestellten wir blind drei Sorten von Jiaozi. Alle drei waren ausgezeichnet. Die Einen waren gefüllt mit Crevetten, die Zweiten mit Fleisch unbekannter Art und die Dritten mit einer Mischung aus Kräutern und anderem Fleisch. Zu Recht ist das Restaurant berühmt für seine Jiaozi, es waren die Besten, die wir bis anhin gegessen hatten. Unterdessen hatte sich das Wetter verbessert und die dichte Wolken-Nebel-Smog-Suppe lichtete sich ein wenig und die Sonne wagte sich zögerlich hervor. Wir beschlossen, nochmals in den Kaiserpalast zu gehen, um ein paar ansehnlichere Fotos zu schiessen, die Zeit hierfür hatten wir. Annette telefonierte anschliessend mit Ningning und vereinbarte, dass wir uns um sieben Uhr vor dem Hotel teffen könnten. Vom Kaiserpalast aus spazierten wir noch auf den Regierungsplatz. Unterwegs sahn wir, wie Werbung für Sonnenkollektoren zur Warmwasseraufbereitung gemacht wurde. Die Kollektoren mit Boiler wurden direkt ab der Strasse verkauft, das Stück für umgerechnet etwa 500 Franken. Um sieben Uhr kamen uns Ningning und Familie beim Hotel abholen und sie luden uns zu sich nach Hause ein. Wir plauderten gemütlich bis kurz nach acht Uhr. Dann wurden wir zum Bahnhof chauffiert und bis auf das Bahngleis begleitet, wo unser Zug zurück nach Beijing wartete. Wir verabschiedeten uns, nicht ohne dass Ningning uns noch reich mit Yuebing und Andenken beschenkte. Pünktlich fuhr der Zug ab. Shenyang hat uns sehr gefallen. Vielen Dank Ningning und ihrer Familie für die wunderbare Zeit, die wir miteinander verbringen konnten.



 
 
 
 
 
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3. Oktober 2008 – Blau in blau

 
 
 
 
 
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Um halb Acht am Morgen trafen wir bereits in Beijing ein. Wir hatten eine Zugnummer für den Zug nach Chengdu in Erfahrung gebracht, doch der Zug sollte vom Westbahnhof losfahren und nicht vom Hauptbahnhof, wo wir uns befanden. Annette wagte aber trotzdem einen Versuch, nach Tickets zu fragen. Viti, der die Koffer bewachte, war etwas verdutzt, als sie nach kaum 5 Minuten schon wieder zurück kam und nur noch 300 Yuan benötigte. Tatsächlich waren noch Tickets nach Chengdu für heute Abend erhältlich. Wahrscheinlich waren wir die einzigen, die so blauäugig waren, um noch ein Ticket zu wollen, denn wir mussten nicht einmal anstehen. Somit nahmen wir also Plan a) in Angriff. Wir deponierten die Koffer im Bahnhof. Dann fuhren wir mit der Beijinger Metro zum Tiantan, dem Himmelstempel. Beijing hat eine super ausgebaute, moderne Metro, die keinen Vergleich mit ihresgleichen scheuen muss. Beim Bahnhof waren wir noch nicht so sicher, wie sich nun das Wetter entwickeln würde. Für heute war der Wetterbericht noch einigermassen gut und die Regenwolken sollten erst gegen Abend kommen. Im Osten sahen wir Wolken, im Westen blauen Himmel. Was würde sich wohl durchsetzen? Beim Tiantan angekommen, wagten wir zu hoffen, dass zumindest der Vormittag uns mit blauem Himmel beglücken würde. Mit dem hatten wir nicht gerechnet und das hob die Stimmung nach dem erfolgreichen Ticketkauf nochmals. Wir reihten uns ein in die Menschenmassen, denn es hatte nun noch mehr Menschen, als bei unserem ersten Besuch hier. Wir liessen uns aber dadurch die Laune nicht verderben. Wir sahen uns aber bestätigt, dass es wohl besser sein würde, wenn wir später nochmals nach Beijing zurückkämen, wenn die chinesische Ferienzeit vorüber ist. Wir begannen unsere Besichtigung bei der Halle der Ernteopfer. Diese konnte Viti bei dem strahlenden Wetter und azurblauen Himmel nun ins beste Licht rücken. Die runde, dreistöckige Halle der Ernteopfer ist wirklich perfekt proportioniert und gefiel uns trotz der Menschenmassen ausserordentlich. Das Bauwerk steht im Zentrum eines grossen, viereckigen Gevierts, das die Erde versinnbildlicht. Die runde Bauform der drei Terrassen und der Halle selber wiederum symbolisieren den Himmel. Auch die blauen Dachziegel beziehen sich auf den Himmel. Dann spazierten wir im Strom der Massen auf dem Ehrenweg zur Halle des Himmelsgewölbes. Auch hier war das Gedränge gross. Es hatte so viele Menschen, dass der Zugang für einen Blick ins Innere gesperrt war (das hatten wir bei unserem ersten Besuch ja schon gesehen). Das gleiche Bild dann beim Himmelsaltar. Auch hier war diesmal der zentrale Stein, der das Zentrum der Welt markierte, abgesperrt, so dass es keine Tumulte geben konnte, da sich jeder Chinese am liebsten auf dem Stein stehend ablichten lassen würde. Trotzdem war es kein Problem, ruhige Ecken zu finden, wo wir uns setzen und dem Treiben zusehen konnten. Dabei wurden wir auch als Fotomotiv entdeckt und posierten bereitwillig mit einigen Chinesinnen und Chinesen. Wir statteten dann noch dem Palast des Fastens einen Besuch ab. Hier übte sich der Kaiser vor der Zeremonie in drei Tagen Enthaltsamkeit. Das bedeutete konkret: keine Frauen, kein Alkohol und kein Fleisch. Anschliessend setzten wir uns in den Park und Annette organisierte etwas zu Essen. Wir beschlossen, keine weiteren Unternehmungen mehr zu starten, sondern einfach nochmals zur Halle der Ernteopfer zu gehen, und uns dort in die Sonne zu setzen, um das Wetter und die Aussicht auf das tolle Bauwerk zu geniessen. Um zwei Uhr stellte sich Annette dann doch nochmals in die Schlange, um einen Blick in das Innere werfen zu können. Das dauerte seine Zeit. Die Chinesin hinter ihr sorgte für Unterhaltung und schrieb ihr bald ihre Telefonnummer und Adresse auf (in für uns unentzifferbarer chinesischer Handschrift). Sie war sehr neugierig, Viti zu sehen und forderte uns auf, unbedingt im nächsten Jahr wieder nach Beijing zu kommen. So mussten wir uns schliesslich beeilen, um zum Hauptbahnhof zu kommen, wo unser Gepäck auf uns wartete. Wir rollten mit unseren Koffern in die Metro. Mit der Linie 2 war das kein Problem, da ging es noch so mit Menschen und übervollen Zügen. Doch als wir auf die Linie 1 umsteigen mussten, wurde es schwieriger. Die Züge waren drückend voll und die Menschen standen zusammengequetscht in den Wagons. Und da wollten wir noch mit unseren Koffern hinein! Beim zweiten Anlauf gelang es uns, mit dem Einsatz unserer Ellbogen, uns unter Gefluch der anderen hinein zu kämpfen. Drei Stationen weiter stiegen wir mit der Anwendung derselben brachialen Hilfsmittel wieder aus. Geordnet geht da nichts mehr ab. Einsteigen und Aussteigen geschieht gleichzeitig, was dazu führen kann, dass die, die raus wollen nicht raus kommen und die, die rein wollen, nicht rein kommen, weil sie sich gegenseitig blockieren. Zu Fuss mussten wir die Koffer noch einen Kilometer bis zum Westbahnhof rollen. Rasch kauften wir noch Verpflegung ein, denn die Zugreise würde lang werden (26 Stunden). Die Schlange im Wartesaal hatte sich schon aufgelöst, das heisst, wir waren wieder unter den letzten, die den Zug bestiegen. Kurz vor Fünf fuhr der Zug ab. Wir assen eine Kleinigkeit, hörten eine Geschichte von Heinrich Boell und legten uns dann früh schlafen.



 
 
 
 
 

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4. Oktober 2008 – Verordnetes Faulenzen

 
 
 
 
 
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Wir waren mit zwei jungen Chinesen im Zug, die einen guten Schlaf hatten, und so dösten wir gemütlich in den Morgen hinein. Erst gegen 9 Uhr kam etwas Bewegung ins Abteil. Die Waschräume waren gleich nebenan und nicht mehr von gurlgelnden und spuckenden Reisenden belegt, so dass wir es höchst bequem hatten. Annette füllte die Thermoskanne mit neuem Wasser, damit wir unsere Frühstücksnudeln zubereiten mussten. Zur nächsten Heisswasserquellen musste sie durch den nächsten Wagen und konnte beobachten, wie es in einem vollbesetzten Hartliegerabteil zu und hergehen kann. Die obersten der drei Pritschen sind in schwindelerregender Höhe angebracht, so dass deren Passagiere sich bei Tag lieber unten aufhalten. Der Gang war entsprechend belagert mit plaudernden und essenden Fahrgästen, und die untersten Betten nur selten von einzelnen Personen belegt. Da ging es doch in unserer Luxusklasse extrem ruhig zu und her.
Wr genossen es, wieder einmal stundenlang in die vorbeiziehende Landschaft zu schauen und nach Belieben ein Nickerchen zu machen. Eine Akkulaufzeit lang tippten wir Erlebnisse der letzten Tage und dann war wieder Faulenzen angesagt. Der iPod-Akku hält zum Glück länger, und wir konnten uns uneingeschränkt dem Musikgenuss hingeben.
Draussen war seit dem Morgen (wir hatten Xi’an in der Nacht schon hinter uns gelassen) eine Flusslandschaft zu sehen. Über Stunden fuhren wir den Windungen des Jialing Jiang entlang, mal auf der einen, bald auf der anderen Flussseite. Nach jedem Tunnel ergaben sich wieder neue Ausblicke. Erst nach dem Mittag wurde es flacher. Nun fuhren wir durch fruchtbare Ebenen und sahen, wie vielerorts die Reisernte eingebracht wurde. Die Dörfer und Gebäude unterschieden sich von denen, die wir bisher gesehen hatten. Oft sahen zwei oder dreistöckige Höfe, und in den oberen Etagen leuchtete gelber Mais in Fenstern und Terrassen zum Trocknen. Auch die Pflanzenwelt schien üppiger, die Wälder dichter.
Wir waren im Südwesten angelangt, das merkten wir spätestens beim Aussteigen gegen 18 Uhr. Es herrschte warmes T-Shirt-Wetter und die Sonne stand noch hoch am Himmel. In Shenyang war um diese Zeit längst dunkel gewesen. Innert zwei Tagen hatten wir nun eine riesige Strecke zurückgelegt, Klima und „Zeitzone“ gewechselt. Wenn man sich nur schon die 2000 km von Beijing nach Chengdu von Bern aus vorstellt, wären wir irgendwo weit im Atlantik draussen gelandet. In Chengdu ergossen sich die Ströme der Reisenden (meist nach den Ferien Heimreisende) aus den Zügen in das Meer der Wartenden auf dem Bahnhofsplatz. Der Taxi-Wartestand war riesig und ein Wagen nach dem anderen fuhr an die bezeichnete Einsteigestelle. Angesichts der vielen Menschen, die befördert werden wollten, herrschte der übliche darwinistische Kampf um die wenigen Plätze. Wir schauten eine Weile zu, kamen zur Einsicht, dass wir hier keine Chance auf ein Taxi hätten, und wollten uns schon zu Fuss auf den Weg machen. Da winkte uns ein Polizist heran und liess uns ins nächste Taxi einsteigen, obwohl sofort jemand vorne Platz nehmen wollte, während wir unsere Koffer verstauten. Wow! Hier erlebt man noch positive Überraschungen. So standen wir immerhin schon mal im Stau vor dem Bahnhof und kamen einige Zeit später bequem in unserem Hotel an. Dort bekamen wir ein günstiges Zimmer, nachdem wir erklärt hatten, dass wir nicht zu Sam’s Hostel nebenan gewollt hatten. Wir flanierten durch die nahe Fussgängerzone von Chengde und liessen uns einige der berühmten Sichuan-Snacks schmecken (allerlei Spiesschen, gefüllte Brötchen, Reisbällchen und Happen aller Art). Dabei stellten wir fest, dass die kleinen Leckereien von den wenigen verbleibenden Fahrradverkäuferinnen wesentlich besser schmeckten als die mehrfach teureren an fixen Ständen. Leider werden wie in Beijing die mobilen Gassenküchen zunehmend vertrieben und mit zweifelhaftem „Gewinn“ (monetär wird dieser für gewisse Parteien zweifellos hoch) institutionalisiert. Dafür kommt Chengdus Innenstadt mondän daher. Irgendwie gemütlicher und grosszügiger als Beijing zwar, aber vielleicht wirkt sie einfach etwas weniger schick herausgeputzt, weil alles schon ein paar Jährchen älter ist als in der Olympiahauptstadt.



 
 
 
 
 
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5. Oktober 2008 – Authentische Teekultur und Disneyfizierung

 
 
 
 
 
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Wir wollten schon heute Sonntag nach Leshan fahren, damit wir morgen früh gleich auf das örtliche Polizeibüro gehen könnten, um unsere Visaverlängerung zu beantragen. Da es nur zwei Stunden Busfahrt dorthin sind, hatten wir noch Zeit, etwas in Chengde zu bummeln. Wir entschieden uns fürs Wenshu-Kloster und kamen dort nach einem Bummel durch die Innenstadt an. Der zentrale Platz wird noch von Mao beherrscht, aber rundherum steht alles im Zeichen der Modernisierung. In Chengde wird wie in Shenyang gerade eine Metro gebaut, damit die Millionenstadt der wachsenden Verkehrsströme Herr wird. Da kam der kleine Gemüse- und Fleischmarkt zwischen Hochhäusern schon etwas überraschend. Flinke Hände formten in Höchstgeschwindigkeit zierliche Jiaozi, daneben wurden bunte Gemüsesorten feilgeboten (wir kannten die Hälfte nicht) und am nächsten Stand streckten uns tote Hühner, Gänse und Enten ihre begehrten Füsse entgegen. Trotz einigen englischsprachigen Schildern schien uns dieser Ort nicht nur des Tourismus wegen erhalten zu sein.
Das Wenshu-Kloster liegt in einem Quartier, in dem die Stadt seit den 1990ern beispielhaft eine kommerzielle Nutzung der traditionellen Hofhäuser umsetzt. Wir wandten uns zunächst in die Klosteranlage und waren positiv überrascht, komplett andere Bauformen zu sehen als in (analog aufgebauten) Klöstern im Norden. Die Dächer waren viel stärker gewellt und die Giebel und spitzen Dachenden zierten andere Tiere und Ornamente als wir bisher gesehen hatten. Die Atmosphäre gefiel uns sehr gut. Trotz Sonntag und Ferien ging es hier ruhig und gemächlich zu. Auch im angrenzenden Park war es schön, den Singvögeln der Einheimischen zu lauschen oder die eingängige Melodie des Mönchgesangs mitzusummen. Der Trubel holte uns erst im Teehaus ein. Dieses war von allen unseren Reiseführern wärmstens empfohlen worden (auch unsere digitalisiert mitgeführten Ratgeber Baedecker und Dumont rühmten die Teekultur hier) und Annette wollte unbedingt hin. Es war volles Haus. Bei selbst mitgebrachten Knabbereien sass halb Chengdu auf Bambusstühlen „chrüüzbiigelet“ beisammen. Von Touristenkitsch keine Spur, so mochten wir das. Wir bekamen als Langnasen natürlich den teuren Grüntee verkauft (rundherum wurde wohl Jasmintee aus einfacheren Tassen geschlürft), aber wir genossen diesen in bester Sonntagnachmittagsstimmung an unserem Schattenplätzchen. Der aufmerksame Wasserboy schenkte fleissig nach, und so hätten wir uns wie unsere Tischnachbarn Stunden an unserem Glas laben können. Irgendwann wollten wir uns aber Richtung Busstation aufmachen und liessen die erst halboffenen Teeblätter stehen (gute Teesorten entfalten ihr Aroma mit jedem Aufguss besser, haben wir uns erklären lassen).
Den kurzen Spaziergang durchs „historische“ Quartier fand Annette höchst amüsant, Viti konnte ihm wenig abgewinnen. Die Strassen waren von Bilderbuch-chinesischen Häusern im örtlichen traditionellen Stil gesäumt, die nach unserer Auffassung vermutlich neu waren. Überall baumelten rote Lampions und eine leuchtend rot gekleidete Musiktruppe tingelte in regelmässigen Abständen vorbei. Jedes Haus bot eine andere Souvenirware an und alles war blitzblank poliert – in unseren Augen unglaublich kitschig. Diese Art von Shoppingstrassen scheint chinesischen Touristen sehr gut zu gefallen und ist zugegeben ziemlich fotogen. Kai Strittmatter beschreibt dieses Phänomen ziemlich treffend als Disneyfizierung Chinas (dazu gehören natürlich auch die ganzen Themen- und Erlebnisparks, in denen den immer reisefreudigeren Landsleuten Geschichte und Kultur Chinas vermittelt wird).
Wir bekamen wieder problemlos ein Billet für den nächsten Bus und waren eine Viertelstunde später Richtung Leshan unterwegs. Die Fahrt nach Süden bot von der Autobahn aus ein herrliches Panorama der Sichuaner Landschaft. Üppige Reisfelder und tropisch anmutende Wälder wechselten sich mit den ersten Teeplantagen, die wir zu Gesicht bekamen. Bananen, Bambus und Eukalyptus konnten wir erkennen, sonst gänzlich unbekannte Vegetation. Das Ganze fanden wir recht malerisch, auch wenn ab und zu Bauern mit Giftspritzen auf dem Rücken in ihren abgeernteten Reisfeldern zu sehen waren. In Leshan schlug uns entsprechend tropisch feuchte Luft entgegen. Es wurde gerade erst dunkel, als wir zum Abendessen Richtung Fluss spazierten. Wir fanden ein Restaurant und liessen uns Fisch empfehlen, könne auch scharf sein sagten wir. Das wurde offenbar nicht verstanden, aber wir nahmen unseren Tintenfisch mit Hühnerstücken (!), viel Knoblauch, Zwiebeln, Ingwer und Paprika gerne so. In dieser Kleinstadt standen wir als Westler wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des gesamten Servierpersonals, und sie hätten das Ganze sofort wieder in die Küche gebracht, um es uns richtig scharf wieder zu bringen, aber darauf liessen wir uns dann lieber doch nicht ein.



 
 
 
 
 
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6. Oktober 2008 – Ein Lob auf das Serviceparadies China

Nach einem Frühstück auf der Strasse (gleich um die Ecke wurden alle möglichen dampfenden Brötchen, triefende Teigstangen und Eierspeisen angeboten) setzten wir uns in ein Taxi zur örtlichen Polizeistation. Dort solle eine Visaverlängerung üblicherweise in zwei Tagen zu haben sein. An der Hauptwache wurde uns ein Zettel mit Wegbeschreibung zum Entry and Exitbureau in die Hand gedrückt und wenige Minuten später waren wir dort. Um kurz nach 9 Uhr schienen wir die ersten Kunden zu sein und wurden freundlich zu einer Beamtin gebeten. Sie nahm unsere Pässe in Empfang, liess uns Formulare ausfüllen, Fotos aufkleben und Hotelbestätigung kopieren gehen ohne weitere Fragen zu stellen. Inzwischen erschien ein Beamter, der sich gerade die Kravatte über zerknittertem Hemd zuknöpfte und sich in Uniform stürzte. Er beugte sich zu Viti und fragte ihn, ob er bereit wäre für ein Video, er möchte ihn um eine kleine Zusammenarbeit bitten. Klar, meinte dieser verdutzt (Nein konnte er ja schlecht sagen). Als wir die Gebühr von 160 Yuan pro Nase in der nahen Bank eingezahlt hatten (dort hatte uns ein freundlicher Wächter sofort an einen frei werdenden Schalter gewunken), stand auf unserer Quittung, der Pass könne am 13. Oktober wieder abgeholt werden. Wir waren ja froh, überhaupt eine Verlängerung zu kriegen, aber doch wieder so lange warten? Wir fragten nach und die Beamtin schüttelte nur lächelnd den Kopf und meinte, „no no, today“. Wow! Wieder eine dieser sehr angenehmen Überraschungen. In dem Fall warteten wir gerne ein wenig. Es tröpfelten nun mehr und mehr Leute ins Büro, dabei auch einige Ausländer und Traveller. Ein Südafrikaner zettelte ein Gespräch mit uns an und erklärte, er habe nun drei Jahre in China gelebt und unterrichtet und sei überhaupt nicht scharf darauf, ins Heimatland zurück zu kehren. Er lobte das Reich der Mitte und wir stimmten ihm nach bisheriger Erfahrung zu.
Bald erschien ein zweiköpfiges Kamerateam und machte sich an der Beleuchtung zu schaffen. Dann kam der Polizeibeamte wieder und erklärte, wir sollten bitte etwas über ihren Service sagen. Er trat erst mit Viti vor die Kamera und fragte ihn, wie er mit dem Service zufrieden sei. Viti erklärte strahlend, wir seien hier perfekt bedient worden, alles sei sehr schnell und freundlich zugegangen. „And in your opinion, how could we improve our service?” (Pause) Well, keine Ahnung, er habe ja gesagt es könnte gar nicht besser sein. Anschliessend versuchte Annette dasselbe in etwas anderen Worten noch mal zu sagen und kam sich etwas phantasielos vor. Aber in unserer Euphorie über die prompte Verlängerung war das Ganze nicht mal geheuchelt! Wir wurden entlassen und sahen zu, wie sich die Leute am einen Schalter für die Kamera in eine akkurate Schlange reihen mussten. Es waren keine zwei Stunden vergangen, seit wir angekommen waren, da streckte uns die Beamtin unsere Pässe schon wieder entgegen: Wir hatten ein neues Visum bis 10. November, kaum zu fassen! Also in punkto Freundlichkeit und Effektivität war der Service hier einmalig, da mussten wir Kai Strittmatters Lob auf das Serviceparadies China zustimmen.
Bester Laune fuhren wir mit dem Bus in die Innenstadt zurück. Unterwegs sahen wir ein Internetcafe und setzten endlich einen neuen Reisebericht auf, damit wir unsere gesammelten Erlebnisse der letzten Tage ins Netz stellen konnten. Das funktionierte bestens, und als wir mittags raus kamen, schien die Sonne und wir kamen ins Schwitzen. Im Hotel stürzten wir uns in leichtere Bekleidung und verspeisten die Tortenstücke, die wir zur Feier des Tages unterwegs gekauft hatten. Dann ging es nichts als los zum Pier am Fluss, denn wir wollten bei dem Wetter noch den Buddha von Leshan besichtigen, welcher gegenüber der Stadt über den Zusammenfluss von drei Flüssen wacht. Bei schwüler Hitze warteten wir bis unser Ausflugsboot genügend Passagiere geladen hatte und uns zur Flussbesichtigung des Dafo (grossen Buddha) brachte. Der Geschäftssinn der Chinesen wurde hier wieder eindrücklich demonstriert: Der vordere Teil des Bootes war für zahlungsbereite Fotografierwillige abgesperrt und der Kapitän schaffte es trotz der starken Strömung, das Boot genau so zu halten, dass vom hinteren Teil des Bootes aus der riesige Buddha gerade nicht ganz gesehen (und v.a. fotografiert) werden konnte. Eine Frechheit, fanden wir, aber davon liessen wir uns die Laune nicht verderben. Wir würden ihn schliesslich noch von nahe genug sehen können. Kurze Zeit später stiegen wir auf der anderen Flussseite zum Kloster hinauf, welches zum Buddha gehört. Da realisierten wir erst, wie wenige Touristen unterwegs waren. Wohl von letzter Woche her waren da reihenweise Abschrankungen montiert, welche wohl Massen von Menschen geordnet die steile Besichtigungsroute antreten liess. Wir genossen die Ruhe und bestaunten den grössten Buddha der Welt, welcher im 7. Jahrhundert zur Besänftigung des Flusses aus dem Felsen gehauen wurde. Der Blick vom Kopf zu seinen Füssen ging in schwindelerregende Tiefe, und seine gigantische Grösse von 71 Metern liess sich erst nach und nach fassen, als wir eine steile Treppe hinunter stiegen. Selbst sein kleiner Zeh ist meterhoch, und der Kopf scheint von unten her fast im Nebel zu verschwinden. Schon eindrücklich. Wir spazierten noch eine Weile auf dem Gelände um den Buddhafelsen herum und bestaunten schwitzend die urwaldähnliche Vegetation. Fingerdicke Maden fielen uns vor die Füsse und Farnbäume sahen wir, wie wir sie nur aus Dinosaurierfilmen kannten. Wir realisierten kaum, dass schon sechs Uhr war, so hell war es hier noch. So gingen wir direkt zum Abendessen, wieder an den Fluss. Auf der Promenade waren die Senioren bei gemeinsamen Fitnessübungen und die „Damenriege“ zu lauter Musik bei einer Art Jazztanz aktiv. Bei uns gab es diesmal keinen Fisch, sondern Schweinewürfel mit Gurken, Erdnüssen und Chillies. Das berühmte sichuaner Gericht (normalerweise mit Huhn) wollten wir hier mal original kosten. Es schmeckt uns trotz Sichuan-Pfeffer immer wieder sehr gut, wenn wir es vermeiden, auf die Pfefferkörner zu beissen (wir gehören zu denjenigen, welchen den prickelnden Geschmack dieser Pfeffersorte nicht besondes mögen). Warum in dieser Provinz mit dem feurigen Gewürz dem Körpfer Feuchtigkeit entzogen werden soll, verstanden wir nach dem tüppigen Tag auf jeden Fall bestens.



 
 
 
 
 
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7. Oktober 2008 – Heute einmal nicht chinesisch

 
 
 
 
 
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Wir schliefen aus, denn wir hatten heute nicht viel mehr vor, als im Laufe des Tages zurück nach Chengdu zu kommen. Es war auch gut, hatten wir den grossen Buddha gestern gesehen, denn heute hingen dichte Wolken am Himmel. Zum Frühstück probierten wir andere Dinge aus als gestern, und dann beschlossen wir, die Zeit noch für die Aktualisierung unseres Blogs zu nutzen. Viti hatte bis in alle Nacht Bilder aufbereitet, und an Annette war es nun, die letzten Tage zu beschreiben. Er begab sich schon mal zum Internetcafe und spazierte noch über einen Markt, während sie erst im Hotelzimmer tippte und dann folgte. Kurz nach dem Mittag hatten wir alles hochgeladen und machten uns auf den Rückweg nach Chengdu. In der kleinen Provinzstadt Leshan (etwa gleichwenig Einwohner wie Bern) hatte es uns ganz gut gefallen. Moderne Chinesen mögen die öffentliche Morgen- und Abendfitness, Strassenstände und ähnliches eher rückständig finden (gestern beim Abendessenhatte uns der junge Jamie aus Shenzhen, einer der ersten Sonderwirtschaftszonen bei Hongkong, erklärt: „people here lead a very traditional life“), aber genau dieses Leben entspricht eher unserem Bild von China.
Im Bus lief diesmal ein Blödelfilm aus Hollywood mit chinesischen Untertiteln, und obwohl wir laut Musik hörten, wanderte der Blick immer wieder zurück zum Bildschirm. Als der Film happy zu Ende ging, waren wir auch schon da. Allerdings an einem Busbahnhof weit entfernt vom Stadtzentrum, deshalb mussten wir samt allem Gepäck noch auf einen öffentlichen Ortsbus umsteigen. Dieser setzte uns unweit vom Hotel ab und bald konnten wir wieder ein Zimmer beziehen.
Wir gingen gleich wieder raus, um unsere Weiterreise zu organisieren. Nun, da wir wieder „richtig Zeit“ haben, wollen wir unbedingt in die Nationalpärke Sichuans, welche im Herbst besonders schön sein sollen, aber wegen ihrer Höhe höchstens bis Oktober besucht werden können. Wir begaben uns in das Nahe Büro der Sichuan Airlines und fragten nach Flügen nach Jiuzhaigou, wenn möglich für morgen. Die Dame fragte nur, um welche Zeit wir fliegen möchten, und fing an, etwa ein Duzend Abflugzeiten auf einen Zettel zu schreiben. Wir buchten einen Flug für 13.30 Uhr, dafür müsse man etwa um 12 Uhr am Flughafen sein. So müssen wir nicht zu früh raus und werden nach 40 Flugminuten doch am frühen Nachmittag am Zielort sein.
Für das Abendessen zu Annettes Geburtstag hatte Viti eine super Idee. Bei der Taxifahrt vor drei Tagen hatte er ein indisches Restaurant gesichtet, und das wollten wir nun testen. Das Lokal war „echt“ indisch dekoriert und es liefen sogar Bollywood-Musikvideos an einem Wandbildschirm. Wir bestellten das ganze Programm unserer favorisierten Gerichte – Dal, Naan, Korma, Tikka Masala. Es war richtig komisch, das alles für einmal mit der Gabel zu essen, aber es schmeckte herrlich. Die Kombination von Curry, Reis, Brot und Linsen ist einfach unvergleichlich und wir schwelgten gleich in Erinnerungen an unsere Indienreise 2004. Als wir zurück ins Hotel gingen, stürmte es draussen, sehr nach Annettes Geschmack. Es war auch deutlich kühler geworden als die letzten Tage – vielleicht bricht auch hier nun der Herbst an?



 
 
 
 
 
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Kommentare
  • LangerLappi 29.10.2008 | 11:22 Uhr

    Am 25. Oktober steht:
    "da wir nach seiner [Vitis] Meinung in China im letzten Monat nicht gerade von tollem Fotowetter beglückt wurden."

    Anmerkung: MIr als regelmässigem Geniesser und Konsument der Fotos wäre das nicht aufgefallen. Ich freue mich einfach, über die Bilder eine schöne Vorstellung von Teilen der Welt zu bekommen, auf denen ich noch nicht einmal mit dem Finger auf der Landkarte war.

    LG
    Lappi

  • vitiuannette 06.12.2008 | 15:37 Uhr

    Wir sind wieder an technische Grenzen gestossen, darum geht es weiter auf: http://www.geo-reisecommunity.de/reisebericht/99087/1/Viti-und-Annette-immer-noch-in-China-unterwegs.
    Danke für Eure treue Begleitung!
    Viti und Annette

  • vitiuannette 06.12.2008 | 15:37 Uhr

    Wir sind wieder an technische Grenzen gestossen, darum geht es weiter auf: http://www.geo-reisecommunity.de/reisebericht/99087/1/Viti-und-Annette-immer-noch-in-China-unterwegs.
    Danke für Eure treue Begleitung!
    Viti und Annette

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Viti und Annette immer noch unterwegs in China 4.67 3