Reisebericht

Reisebericht: Lat. 64° 50'S - Long 62° 33' W

 
 
 
 
 
Reisebericht: Lat. 64° 50'S   -  Long 62° 33' W

Pinguin, Eisberg & Co.

„Kannst du nicht einmal an einen gewöhnlichen Ort fahren und Urlaub machen?“ – so die Frage meines Chefs, als ich ihn im letzten Jahr um Urlaub für eine Reise bat, die der Trip meines Lebens werden sollte. Nachdem mich Familie und Freunde mit jeglich erschienener Reiseliteratur und Bilderalben über Pinguine versehen hatten, ging es im März 2008 endlich los. Mit meinem Lieblingsreisebüro und in einer Gruppe von 9 Teilnehmern hob die Maschine Ostersamstag Richtung Buenos Aires ab; Ostermontag dann weiter ans Ende der Welt – Ushuaia. Und hier begann mein Abenteuer Antarktis inmitten von schneebedeckten Andenausläufern und argentinischem Spätsommer. Ohne Vorstellung, was auf uns zukommt, schifften wir auf der MS „Ushuaia“ am späten Nachmittag ein. Und dann Überraschung Nr. 1: ich erhielt ein Kabinen-Upgrade und konnte nun auch durch das Bullauge die Antarktis entdecken. Keine zwei Stunden später legte das Schiff ab zu seiner letzen Reise in der diesjährigen Antarktis-Saison und kurze Zeit später die bis dahin verdrängte Überraschung Nr. 2: die Drake-Passage. Schaukel hin und schaukel her – für mich und ein Großteil der 86 Passagiere war es nur im Liegen zu ertragen. Schade, dass ich dadurch nur alle Vorträge über die Antarktis und deren Flora und Fauna wie auch das Ozonloch versäumt hatte. Nach zwei Tagen war es geschafft und dann, endlich war es soweit. Der erste Eisberg meines Lebens tauchte auf. Irgendwie unwirklich und wie von Hollywood inszeniert saß auch noch eine Gruppe Pinguine auf der Eismasse. Die ersten Fotos wurden geschossen und meine Seele war beruhigt. Etwas später dann Überraschung Nr. 3: einen Tag früher als geplant konnten wir zu unserem ersten Landgang auf Barrientos Island aufbrechen. Jeder rannte los, sich vorzubreiten, in die dicken Sachen zu schwingen, Rettungswesten anzulegen und Schuhe zu desinfizieren. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich in das Zodiac stieg, um kurz danach am Ende der Welt an Land zu gehen. Und hier waren auch sie – meine Pinguine. Fasziniert von diesen kleinen, im Frack watschelnden Lebewesen verbrachte ich die ersten Stunden in der Antarktis. Von unserer Expeditions-Crew gut vorbereitet, versuchten wir den erforderlichen Abstand zu den Pinguinen zu wahren – nur leider wussten diese nichts von einem festgelegten Mindestabstand von 5 m. Und danach wurde es immer besser. Die darauf folgenden Tage eröffneten uns eine wunderbare Welt. Jeder Landgang war ein Erlebnis seitens Natur und Tierwelt. Die Temperaturen betrugen +/- 0 Grad, aber ständig wechselte das Wetter zwischen Sonne, (Schnee)regen und Wind. Ich habe viele Motive in kurzen Abständen hintereinander mehrmals fotografiert und jedes Mal wird eine andere Stimmung ausgedrückt. Wenn mich jemand nach meinen persönlichen Höhepunkten dieser Reise fragt, dann kann ich es nicht genau sagen – alles war unglaublich beeindruckend und schön; kaum in Worte zu fassen und um zu spüren, was ich meine, muss man es wirklich selbst erleben. Tolle Ausflüge waren Whalers Bay auf Deception Island (Vulkankrater) – hier sind Überbleibsel einer norwegischen Walverarbeitungsstation (Hausruinen, Equipment, Walknochen) zu sehen. Ganz mutige Mitstreiter – ich gehörte nicht dazu – wagten sich hier sogar ins Wasser. Am nächsten Tag folgte Neko-Harbour: wunderschöne Gletscher, die vor unseren Augen zu kalben begonnen hatten. Kaum zu vergessen auch der Zodiac-Ausflug am Nachmittag durch Paradise-Bay. Atemberaubende Eisbergformationen ließen uns stauen und in dieser Welt versinken. Sicher einer der Höhepunkte war der Besuch in der ukrainischen Forschungsstation „Vernadsky“. Einen ganzen Nachmittag haben wir dort verbracht, durften uns alles anschauen, bekamen jegliche Forschungsprojekte erklärt und haben der Station-Crew den etwas monotonen Forschungsalltag „versüßt“: Die derzeitige Besetzung war erst zwei Monate vor Ort und hatte noch weitere 13 vor sich. Da half dann nur ein Gläschen „Wässerchen“ und fortwährendes Interesse and ihrer Arbeit. „Vernadsky“ beansprucht auch, das südlichste Postamt der Welt zu sein. Unsere dort aufgegebenen Postkarten werden erst im November – wenn der antarktische Winter vorbei ist und die nächsten Schiffe kommen, über die Ukraine ihr Ziel erreichen. Ich glaube, „Frohe Weihnachten aus der Antarktis“ haben deshalb viele Teilnehmer als Gruß auf ihre Karten geschrieben.

Toll waren auch meine Mitreisenden: im Alter von 18 bis 80 Jahren; viele von ihnen Globetrotter durch und durch. Ich habe tolle Gespräche geführt, Reise-Tipps und Inspirationen erhalten und dabei nur gestaunt, wo man in einem Menschenleben alles hinreisen kann. Viel interessantes und informatives Glück hatte ich auch mit meiner Kajüten-Mitbewohnerin. Sie war nicht zum Vergnügen an Board. Patricia arbeitet für das Alfred-Wegener-Institut in Buenos Aires und war täglich damit beschäftigt zu prüfen, ob sich die MS „Ushuaia“ an die Vorgaben hält, die durch den Antarktis-Vertrag festgelegt worden sind.

10 Tage habe ich an Board des ehemaligen Forschungsschiffes verbracht. Als wir am frühen Morgen Anfang April wieder in Ushuaia einliefen und von Bord gingen, waren alle ein wenig wehmütig und der Abschied fiel schwer. Alles danach – Feuerland, nochmals Buenos Aires und Uruguay – konnte ich leider nur noch als Garnitur zu einem drei Sterne Menü empfinden. Sicher unverdient, aber ein Grund mehr, um auch diese Orte wieder in die Liste meiner Reiseziele aufzunehmen.



 
 
 
 
 

(4 Stimmen)

(Zum Bewerten bitte anmelden)


Machen Sie aufmerksam auf diesen Reisebericht!
Das könnte Sie ebenfalls interessieren
Verwandte Reiseberichte
Antarktis zum Jahreswechsel 2009 an Board der...  Chile: Cerro West | von siro.reise | Ø Bewertung: 4.4
EINE REISE ZU DEN PINGUINEN  Argentinien | von visufix | Ø Bewertung: 4.4
Logbuch Antarktis 2005  Argentinien: Port Lockroy | von windweit | Ø Bewertung: 3.7
Antarktis und Südgeorgien mit der MS...  Argentinien: Antarktische Halbinsel | von alfred1952 | Ø Bewertung: 4.4
Kommentare
  • debby83 10.03.2009 | 18:13 Uhr

    Schön geschriebener Bericht, in dem man die Begeisterung für die Reise förmlich spürt. Ein paar mehr Absätze im Text würden das Lesen etwas einfacher machen und wenn die Fotos an passender Stelle im Bericht und nicht am Ende wären, würde es den Bericht optisch vielleicht noch ein wenig ansprechender machen und mehr Community-Mitglieder dazu bewegen ihn zu lesen. Denn lesenswert ist er.

  • RdF54 14.05.2009 | 16:02 Uhr

    Was für ein beneidenswerte Abenteur!
    Locker beschrieben und leicht zu lesen!

    LG Robert

  • windweit 17.11.2009 | 21:10 Uhr

    Ja, die Antarktis ist schon ein Traum. Du warst anscheinend auf fast der selben Route unterwegs wie ich drei Jahre davor. Allerdings hat mich die Drake Passage nicht ganz so gebeutelt.
    Viele Grüsse aus Frankfurt,
    Gabi

  • trollbaby 30.11.2009 | 18:53 Uhr

    Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Teil der Reise Dein absolutes Highlight war! Es muss ein unbeschreibliches Gefühl sein, plötzlich am "Ende der Welt" zu stehen! Was mich jetzt nur noch interessieren würde... Über welches Reisebüro hast Du gebucht?
    LG Susi

  • INTERTOURIST 12.02.2012 | 10:16 Uhr

    Mit deiner art zu schreiben nimmst du uns mit.
    Eine interessante Schilderung einer interessanten Route.
    Welches Reisebüro ist dein Lieblingsdingens?
    lg Jörg

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.

Lat. 64° 50'S - Long 62° 33' W 4.22 9