Reisebericht

Reisebericht: Wo die Affen brüllen und Krokodile lauern

 
 
 
 
 

Costa Rica, das ideale Reiseland

Warum soll es eigentlich immer Kanada sein?
Wir kennen Costa Rica schon von einer früheren, ausführlichen Reise durch Zentralamerika und erfüllen uns den Traum, durch seine tropischen Wälder und Lagunen, die vor Tieren wimmeln, auf einsamen Gewässern im Kanu dahinzugleiten, während es in Europa stürmt und schneit.

Costa Rica ist klein und verkehrsmäßig erstaunlich gut erschlossen mit Busverbindungen, die auch Rucksacktouristen ohne aufwändige Leihwagen bis in den hintersten Winkel bringen: Von den heißen Sandstränden am Pazifik und der Halbinsel Nicoya über die grünen Hügel des Kaffeelandes hinauf zur Hauptstadt San José mit angenehm frischem Klima am Fuße der Cordillera Central mit ihren Dreitausender-Vulkanen, von dort durch Regenwald-Schutzparks hinüber zu den Bananenplantagen und zum Atlantikhafen Puerto Limón. Nach Südosten führt von dort eine Nebenstrecke durch die wunderbaren Küstenurwald-Nationalparks ins nördlichste Eckchen von Panama. Auf nordwärts gerichteten Straßen erreicht man zwei Grenzorte zu Nicaragua und das herrliche Gebiet rund um Vulkan und See Arenal. Kaum erschlossen ist das Gebiet der Cordillera de Talamanca, wohin sich die letzten Ureinwohner des Landes zurückgezogen haben, verdrängt durch die europäischen Siedler.
Circa ein Viertel der gesamten Fläche von Costa Rica ist als Nationalpark oder Schutzgebiet ausgewiesen und ist ein Eldorado der Naturliebhaber mit Nebelwäldern in hohen Bergregionen, Regenwäldern und typischen Küsten-Regenwaldzonen, die sich deutlich in Flora und Fauna voneinander unterscheiden.
ICT (Instituto Costaricense de Turismo) in der Hauptstadt San José versorgt Touristen auf Anfrage mit einem Fahrplan in Spanisch und Englisch, der alle Busverbindungen im Land aufzeigt. Das und die Tatsache, dass man in Costa Rica Englisch nicht ablehnt sondern es von vielen verstanden oder gesprochen wird, macht das Reisen für Touristen leicht. Spanischkenntnisse und ausreichend Zeit mitzubringen, machen jedoch eine Reise durch Costa Rica zum einmaligen Erlebnis.



Tourvorbereitung vor Ort

Wir sind mit sehr umfangreichem Gepäck nach San José geflogen, denn diesmal nehmen wir uns 6 Wochen Zeit, um an den Stränden zu baden, Vulkane zu ersteigen und vor allem 2 Wochen auf Flüssen und Lagunen durch den Urwald zu paddeln.
Der Flughafenbus bringt uns zu einem der Bus-Terminals in die Hauptstadt, dort laden wir alles in ein Taxi ein und machen uns mit Hilfe des Fahrers auf die Suche nach einem passenden Hotel. Der Taxifahrer freut sich über ein Gespräch, und es ist ihm eine Ehre, uns mit seinen Ortskenntnissen behilflich zu sein. So finden wir mitten im dichtesten Stadtzentrum ein schlichtes, freundliches Hotel in der Nähe des Mercado Central. Unser Zimmer ist eine Oase der Ruhe im dichtest bebauten Stadtteil! Das Personal zeigt sich bereit, unsere Ausrüstung wegzuschließen, während wir Berg- bzw. Strandausflüge machen oder paddeln. Wir machen zwischendrin immer wieder dort Station, schlafen aus und wechseln je nach Bedarf die Ausrüstung. In der Markthalle um die Ecke frühstücken wir wie die Einheimischen: Reis, Bohnen, Chilisoße, Tomaten und Spiegelei.
Die Touristeninformation liegt im Fußgängerbereich und gibt Auskunft auf alle Fragen. Wir ziehen bei einem auf Kanu-Trips spezialisierten Veranstalter Informationen übers Flusswandern ein, besorgen uns die topografischen Karten in der Libreria Lehmann und kaufen Vorräte. Es ist gar nicht leicht, Käse und Dauerwurst aufzutreiben. Wegen des Langstreckenfluges über USA konnten wir keine Salami oder dergl. mitnehmen. In der Hitze des 10. Grades nördlicher Breite wird es problematisch, Lebensmittel ohne Kühlung essbar zu erhalten. Nach einem mühsamen Einkaufstag schnüren wir unser Gepäck für 2 Wochen Flusswandern zusammen und geben den Rest zum Aufbewahren ab.
Unsere Paddel-Route liegt fest: Wir nehmen den öffentlichen Bus nach Puerto Viejo am Rio Sarapiquí und setzen dort ein. Der Rio Sarapiqui mündet bei der Ortschaft Trinidad in den Rio San Juan, Grenzfluß zwischen Nicaragua und Costa Rica. In Richtung Osten teilt sich dieser in ein Mündungsdelta an der Karibik. Wir werden den „Rio Colorado“ genannten Arm bis zur Ortschaft Barra del Colorado nehmen und von dort auf den Wasserarmen, Flüssen und Lagunen über Tortuguero durch den gleichnamigen Nationalpark entlang der Karibikküste die Kanäle bis Parismina paddeln. Dort gibt es eine Bootsverbindung den Rio Jiménez stromauf bis Suerre, das Busanschluß an die Nationalstraße hat.



 
 
 
 
 

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Auf dem Rio Sarapiquí nach Norden

In Puerto Viejo regnet es in Strömen, also warten wir mal einen Tag ab und besuchen derweil in der Nähe die biologische Station La Selva mit sehr lehrreicher Führung durch den faszinierenden Urwald.
Aber am nächsten Tag regnet es immer noch, und wir müssen uns damit abfinden, dass es in dieser Region normalerweise täglich regnet. Klar, wie käme sonst der Regenwald zustande, den wir schon beim Flug über Nicaragua in seiner lückenlosen Pracht bewunderten?
Wir haben eine Menge neugieriger Zuschauer, als wir am Bootssteg unser XR-Trekking-Kanu aufpumpen und fachgerecht beladen, jedes Teil angezurrt, auch wenn kein Wildwasser erwartet wird. Begeistert sehen wir die „grüne Hölle“ an den Ufern, hören die Brüllaffen gröhlen, die uns über die Wipfel folgen, faul räkeln sich Krokodile auf Sandbänken. Leider macht der Wald recht bald den Weiden der Viehfarmen Platz, und wir machen lange Gesichter, wenn wir auch Fischottern und Leguanen begegnen. Farmen sind langweilig, finden wir. Bei einer machen wir abends fest, tragen unser Gepäck und Boot aufs Hochufer und statten dem nahen Farmhaus einen Besuch ab. Der Besitzer bietet uns gleich großherzig einen Pavillon neben der Terrasse zum Übernachten an, denn es regnet ja immer wieder und dort seien wir vor Dieben sicher. Er scheucht auch gleich die Schweinchen raus, aber leider ist der Betonboden ist so voll Schweinedreck, dass uns die Wiese am Fluss viel lieber ist.
Die Stechpaddel nehmen wir nachts ins Zelt, und Werner befestigt eine Fischerschnur vom Kanu bis zu seinem großen Zeh, damit unser Boot nicht „Beine“ bekommen kann. Es gehen gelegentlich kleine Gruppen den Uferpfad entlang. Einmal sieht Werner im Halbschlaf, dass sich eine Person vor unserem Zelt kurz bückt und weitergeht. Wir hatten wegen der Hitze unsere Provianttüten rausgestellt – was uns morgens fehlt, ist die Tüte mit Käse und Salami! Also trockenes Brot mit Früchten zum Frühstück. Wir hoffen auf Einkaufsmöglichkeit im nahen Trinidad.



 
 
 
 
 

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Stippvisite in Nicaragua/ Rio San Juan

Eine kleine Station mit Grenzsoldaten ist alles was wir dort an der Mündung in den San Juan auffinden. Von der Ortschaft steht nur noch der Kirchturm zwischen verlassenen, verfallenden Hütten. Die Siedlung wurde aufgegeben, erklärt man uns. Nun müssen wir über den stark strömenden San Juan paddeln und die Pässe drüben stempeln lassen, denn die Grenze verläuft am Ufer von Costa Rica, so dass man nie genau weiß, in welchem Land man paddelt. Die Grenzer drüben empfangen uns mit Hallo und Palaver, zum Essen haben sie aber nichts zu verkaufen, und für den Einreisestempel verlangen sie 5 Dollars. Wir lassen dann die Ausreise auch gleich beurkunden, doch das Taschengeld für den 2. Stempel bleiben wir ihnen schuldig. Die Nicaragua-Uferseite ist dichter Urwald ohne jedes Zeichen von Besiedlung. Wir entscheiden uns für das Ufer von Costa Rica, wenn es auch „langweiliges“ Farmland ist. Irgendwo entdecken wir Hütten, wo Werner in einem winzigen Lädchen Weißbrot und Fischkonserven kauft. Die Aussicht auf dreimal täglich Weißbrot und Dosenfisch drückt mir aufs Gemüt.
Lustig wird unser Camp bei Grenzsoldaten am Beginn des Deltas. Sie sind begeistert von unserem Besuch und bieten uns sauberen Zeltgrund, ihre Dusche und Tee an. Wir duschen in einem Wellblechverschlag mit Hilfe eines Drahtzuges, der eine aufzuhängende Blechdose mit Wasser aus dem Regenfass über Kopf ausgießt und finden das schon viel komfortabler als das schlammige Flussufer. Unsere Abendgespräche über Gott und die Welt sind für uns alle eine große Bereicherung. Die Grenzer bestätigen übrigens, was wir zuvor über Krokodile im Rio San Juan gelesen hatten und was uns schon daheim verunsichert und Alpträume bereitet hatte: Diese Reptilien können bis zu 7 m lang werden. Unvorstellbar, so einem Monster mit einem 3,5 m langen, aufgeblasenen Kanu zu begegnen!



 
 
 
 
 

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Barra del Colorado

An den Ufern des Rio Colorado wird es wieder waldig, und wir genießen das Dahingleiten zwischen den Baumriesen sehr. Am Nachmittag erreichen wir den Karibik-Ort Barra del Colorado, der ein Hotel haben soll. Das Ambiente erscheint afrikanisch: nur schwarze Gesichter, viel Müll und Chaos und Scharen von neugierigen Kindern... Werner bewacht unser Kanu, während mich ein junger Mann auf einem schmalen Pfad durch die Hütten-siedlung führt, immer weiter raus aus der Ortschaft, auf Brettern, die Wassergräben und Sumpflöcher überbrücken, bis wir zu einem eingezäunten Gelände kommen. Dort stehen Pfahlbauten, Hütten, deren Veranden mit Moskitonetzen umspannt sind. Das ist also das „Bungalow-Hotel“. Tja, aber es ist geschlossen – der Padron sei weggefahren... Warum mir der Typ das nicht vorher sagen wollte, ist nicht herauszufinden. Er zuckt die Achseln und geht zurück, ich folge ihm rasch, um mich nicht zu verlaufen. So paddeln wir nach Leibeskräften wieder über den Fluss, weil gegenüber die Dächer einer Lodge zu erkennen sind. Leider reicht meine Kraft nicht aus, wir treiben an dem Gebäude vorbei. Zum Glück ist da noch eine zweite Lodge, wo wir anlanden können. Und die amerikanische Managerin steht mit ausgebreiteten Armen auf dem Steg und drückt uns an ihr Herz! Als Kanu-Sportlerin weiß Jerilin ganz genau, wie es um uns steht.
Das Hotel ist von Schweizern gebaut und nimmt amerikanische Fluggäste für verlängerte Sportfischer-Wochenendtouren auf, die nebenan auf dem kleinen Airstrip landen. Zwar hat die Einrichtung längst ihre besten Zeiten hinter sich, aber für uns beide ist sie der Gipfel des Luxus. Jerilin gibt uns für 2 Tage einen Sonderpreis mit Vollpension, und ich erhole mich von der Weißbrot-mit-Dosenfisch-Diät. Im Abendrot mit einem Happy-Hour-Drink auf der Terrasse über dem Fluss in der Hängematte zu schaukeln ist schön wie im Märchen.
Wir nutzen unseren Ruhetag für lange Gespräche mit Jerilin, denn ihre Gäste sind tagsüber von Führern betreut per Motorboot auf „Fischzug“. Wir wandern an der Barra del Colorado, wo der Atlantik gegen die Sandbank donnert und die Strömung in der Flussmündung hohe Wellen aufwirft, schwätzen mit Hüttenbewohnern auf dem Airstrip, er ist die Bummel-Meile für jung und alt. Es kommt ja nur einmal täglich ein Flugzeug...



 
 
 
 
 

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Die Lagunen entlang der Karibikküste

Zum Abschied lässt Jerilin uns von einem Motorboot stromaufwärts bis zum Eingang der Lagunenstrecke bringen und erspart uns stundenlanges mühsames Paddeln. Hier befinden wir uns bald im Märchenwald - die Einfahrt zur Laguna La Quebrada ist ganz schmal, und schwarz wie Obsidian spiegelt das Wasser unter einem dichten Gewirr von Schlingpflanzen und tief hängenden Ästen. Gelbrot leuchten Heliconienblüten und leuchtendrot die Passionsblumen im dichten Grün. Eine weiße Lilienart verströmt verführerischen, schweren Duft. Wir wissen, dass die Laguna für uns eine Sackgasse ist, doch dem Zauber dieses Umweges können wir nicht widerstehen, auch der Rückweg ist wie ein Traum. Die Laguna Samay wirkt dagegen wie ein breiterer Fluss zwischen Yolillo-Palmen, den wir zügig weiterpaddeln, von Brüllaffenhorden begleitet. Hin und wieder rauscht ein Schauer auf uns nieder, den die Affen mit Kreischen einleiten, dann hören wir nur den Regen rauschen. Am Ende des Schauers begrüßt freudiges Affengeschrei die ersten Sonnenstrahlen und wir legen die Regencapes ab.
Wir haben eine Tagesstrecke von ca. 30 km vor uns, wechseln über einen schmaleren Kanal zum breiten Cano Penitencia über, der zum Dorf Tortuguero führt. Der Urwald ist eine amphibische Landschaft, Wasser glänzt an beiden Ufern zwischen den Stämmen, betretbar nur auf solidem Wurzelgeflecht. Die Riesenfrösche hüpfen mit lautem Platsch von den Baumästen ins Wasser, sobald wir uns nähern. Schildkröten dösen auf umgefallenem Totholz. Anlanden ist nicht ratsam, wir verbringen die Siesta im Kanu ausgestreckt, das irgendwo im Schatten schaukelt. Immer wieder entdecken wir blühende Orchideen auf umgestürzt im Wasser liegenden Bäumen. Am frühen Nachmittag kommen wir an einer Art Farmhügel vorbei, finden es aber zu früh für ein Biwak. Das erweist sich später als Fehler, denn es ergibt sich keine zweite Möglichkeit, in diesen Wäldern Fuß zu fassen. Auf den Abend zu paddeln wir wie die Strafgefangenen, „Penitencia“ heißt Buße.... Ich gucke mir die Augen aus, um den Berg Cerro de Tortuguero auszumachen, der sich etwa 5 km nördlich der Ortschaft erhebt. Nichts! Wie ist es möglich, dass wir nach all den Stunden noch so weit von der Ortschaft entfernt sind? Um 18.05 Uhr entdecken wir endlich ein Stück Land, das begehbar erscheint, machen zwischen riesigen Baumwurzeln fest und finden 4 Quadratmeter festen Boden für das Zelt, das ruckzuck aufgebaut steht. Zehn Minuten später ist finstere Nacht. Leider sind wir nicht die einzigen Bewohner dieses Fleckchens, Tausende von schwarzen Ameisen waren vor uns da! Ich habe eine stinkend neue Plastikfolie vor dem Zelteingang ausgelegt, um unsere Säcke auszuleeren, auf die gehen sie nicht einen Schritt. Aber Werner überfallen sie vehement, springen an seinen Beinen hoch und zwicken wütend. Er hüpft wie verrückt mit der Taschenlampe herum, bis sich eine Viertelstunde später die Horde in der Dunkelheit verliert. Werners Beine sind mit roten Flecken übersät, sogar unter den Hosenbeinen!



 
 
 
 
 

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Zuflucht in 'Onkel Toms Hütte'

Unser Paddelweg bis in die Ortschaft Tortuguero dauert anderntags noch eine volle Stunde. In den stehenden Gewässern dürfen wir unsere Tagesetappen nicht unterschätzen. Ein Tag Pause in diesem Karibikdorf, das zur Zeit der Eiablage der Meeresschildkröten von Biologen und schaulustigen Touristen stark besucht wird, die mit Motorbooten zur Wildbeobachtung in den Tortuguero Nationalpark gefahren werden. Ein Zimmer ist schnell gefunden. Der Eigner, ein gebürtiger Belgier, hält sein Resort samt Hüttenbungalows in auffallend gepflegtem Zustand. Er empfiehlt, das Kanu nachts ins Zimmer hineinzunehmen, damit es nicht Beine kriegt. Wir lassen etwas Luft ab und schieben es zwischen die Betten, wie praktisch!
Auch hier gibt es wieder Flussmündung, Sandstrand und die Barriere an der Karibikmündung des Rio Tortuguero zu erkunden, prachtvolle Schmetterlinge, Vögel und viele Blumen zu bewundern – einfach herrlich! Die Dorfstraße ist nur ein schmaler Pfad ohne Autos. Ein Infostand gibt Auskunft über das Schicksal afrikanischer Sklaven, die in der Region auf Plantagen schufteten und ihrer Nachkommen, für die es heute hier kaum ein Gewerbe zum Broterwerb gibt.
Weil immer nur Kanal paddeln langweilig ist, wagen wir uns abwechslungshalber mal wieder in einen schmalen, gewundenen Nebenfluss und genießen das Märchenbuchgefühl aufs Neue.
Bis wir auf Hütten stoßen: eine Familie hat sich hier eingerichtet und dem Wald das Wesentliche abgewonnen, was sie zum Wohnen braucht. Aber wovon sie lebt, können wir nicht feststellen, denn wir treffen niemanden an. Unsere topografische Karte endet etwa 4 km südlich Tortuguero. Die anschließende hatten wir nicht gekauft, weil es aussah, als führe der Kanal nur noch immer geradeaus entlang der Küste bis zum Ort Parismina und weiter bis Puerto Limon. Das war dann doch ein Fehler, denn es gibt Verzweigungen. Beim Anschleichen an die ungemein scheuen Krokodile und nervösen Sumpfhühner, die über die blühenden Wasserhyazinthenfelder rennen, paddeln wir in einen falschen Seitenarm. Erst nach einer halben Stunde stellen wir eindeutig fest, dass er allmählich die falsche Himmelsrichtung einnimmt, und müssen umkehren. Wieder wird der Tag zu kurz sein, das ist abzusehen. Als Rettung entdecken wir ein helles Rechteck im Waldesschatten, beim Näherkommen erweist es sich als Schilf-Dach einer Holzhütte. Nun steuern wir darauf zu und finden den Zugang von dichten Wasserhyazinthen eingewachsen, in denen wir stecken bleiben. Versuchen wir es also von hinten, wo mal ein Garten gewesen zu sein scheint. Ich sinke gleich ein und sehe um mich herum jede Menge Spinnen-Netze mit erschreckend großen Bewohnerinnen – Flucht ins Kanu! Wir müssen also durch die Wasserpflanzen zum verfallenen Steg vordringen. Ich liege bäuchlings über dem Bug und reiße sofakissengroße Klumpen ab, Werner schiebt mit dem Paddel nach, bis wir es geschafft haben. Der glitschige Holzsteg trägt uns auf verrotteten Pfählen bis zur Veranda, wo wir unsere Säcke abstellen. Diagonal verläuft eine etwa halbmeterbreite Ameisenkolonne über den Verandaboden von der Küchentür bis zum Hauseck. Werner nimmt den Besen aus der Ecke und fegt die Ameisen zur Seite. Das erbost sie ungemein, sie attackieren mit halbmeterhohen Sprüngen. Wir sitzen bis in die Dunkelheit mit hochgezogenen Beinen auf dem löchrigen Holztisch. Dann ist der Spuk plötzlich vorbei. Wir können auspacken und unser Zelt in ein „Nebenzimmer“ stellen, es passt ganz genau hinein. Dass kein Dach darüber ist, stört wenig. In die Küche regnet es durch ein fehlendes Dachstück. Der Herd ist eine flache Sandkiste, auf der Feuer gemacht und gekocht wird. Gar nicht so übel! Wir kriechen gut versorgt ins Nest.



 
 
 
 
 

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Parismina - am Ende des Urwald-Abenteuers

Anderntags bleiben wir wegen Dauerregen gefangen in „Onkel Toms Hütte“, wie wir unsere Bleibe getauft haben. Die Ameisen stören uns nicht und wir sie auch nicht. Ich gucke an den Spinnen vorbei... Werner bäckt vor lauter Langeweile aus Maismehl und Öl Tortillas. Aber diese öligen Pfannkuchen will dann doch keiner essen. Auf den Märkten backen die Profis viel dünnere und feinere Tortillas. Na ja, die Ameisen werden sie dann mit der Zeit schon auffressen.
Abends sehen wir aus einem Seitenarm ein Motorboot mit Touristen herannahen, die auf der Abendpirsch sind. Das Motorgeräusch verliert sich in der Ferne, kommt aber im Dunkeln wieder vorbei. Nun wissen wir genau, in welchen Kanal wir abbiegen müssen, um wieder ein Dorf zu finden und freuen uns auf ein richtiges Bett mit dichtem Dach.
Wunderschön wird der Wald noch einmal rund um den Schutzpark der Laguna de Jaloba, dann zeigen sich schon vereinzelte Gebäude von Lodges mit Anlegestegen und Hütten. Wir nähern uns Parismina, wo uns die Überquerung der Flussmündung ziemlich Kraft kostet. Das Städtchen ist schon etwas größer, hat ein paar Straßen und ein herrliches B&B-Gasthaus. Im englisch gepflegt wirkenden Vorgarten dürfen wir unser Kanu waschen und trocknen, es hat uns treue Dienste erwiesen und wird für den Bustransport zusammengerollt. Hier können wir abends bummeln und haben mehrere Restaurants zur Auswahl. Nur die Sandstrände sind wieder nicht zum Baden geeignet, die Wellen sind zu hoch und zu wild.
Weil wir aber genau wissen, wohin es nun zum Badeurlaub gehen soll, nehmen wir das Passagierboot auf dem Rio Jimenez. Es bringt uns zum Autobus, der schier endlose Bananenplantagen durchfährt bis zur Hauptstraße, wo wir in den Bus nach San José umsteigen. Sprühflugzeuge und Großtanks mit Pflanzenschutzmitteln bei den Bananen-Farmen und ihren Verladestationen stimmen uns nachdenklich, was das Thema Naturschutz in Costa Rica betrifft. Aber von irgendwas müssen die Menschen ja hier leben – nur, wie lange lebt ein Plantagenarbeiter in dieser vergifteten Gegend?
Ich esse keine Banane mehr, ohne daran zu denken.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • okasa 03.07.2008 | 18:18 Uhr

    Ich beneide Euch!! - Solche Reisen sind genau mein Geschmack.
    Leider bin ich heute zu alt für solche Unternehmungen und Partner (nichts für meine Frau ) muß man dann auch erst finden. In meiner frühen Jugend waren solche Reisen noch undenkbar (nicht nur finanziell!).
    So habe ich in den zurückliegenden Jahren mit etwas gemäßigteren Reisen (teils auch Rotel) vorlieb nehmen müssen. Habe aber viele schöne Reisen in die entlegensten Teile der Welt hinter mir und hoffentlich auch noch vor mir! (Im nächsten Frühjahr will ich zum Kamel-Trekking in die Weiße Wüste nach Ägypten)
    Der Reisebericht ist erste Sahne (fühlte mich fast dabei!)!! Herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft!
    User Okasa (Karl-Heinz

  • anna.laselva 03.07.2008 | 19:37 Uhr

    ....gerade komme ich von einer 2wöchigen Paddeltour durch Costa Rica und Nicaragua zurück! - diesen Bericht lesender weise natürlich! Sehr lebendig und schnörkellos geschrieben! ... und dann diese Perspektive vom Wasser aus! Gratuliere!

  • hans_h 09.08.2008 | 22:04 Uhr

    Ein herrlicher Bericht! Wir haben auch gerade Costa Rica bereist, allerdings auf dem Landweg. Die Paddeltour klingt sehr verlockend!

  • mamatembo 13.04.2009 | 16:13 Uhr

    Ein sehr gut geschriebener und interessanter Bericht, der meine Vorfreude auf CR im November noch steigert. Auch wenn ich wohl mit den Touri-Motorbooten fahren muss anstatt mit einem Kanu selbst paddeln zu können.
    :-) Beate





  • RdF54 08.05.2009 | 09:44 Uhr

    was für eine tolle Tour und Bericht!!
    Klingt sehr abenteuerlich!

    LG Robert

  • RELDATS 30.04.2010 | 11:11 Uhr

    So ausgiebig habe ich C.R. leider nicht kennengelernt.
    Toller Bericht.
    Nette Grüße von Josef

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Wo die Affen brüllen und Krokodile lauern 4.11 9