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Reisebericht: Fahrt nach Tanah Lot
Der Weg nach Tanah Lot, dem Sonnenuntergangstempel an der Westküste Balis, führt durch Reisterrassen.
Der Pura Tanah Lot ist atemberaubend durch seine Lage auf Felsen im Meer.
Schlangen sollen den Tempel vor Ungläubigen beschützen.
Ich fuhr mit dem Motorrad nach Tanah Lot. Das ist ein Tempel auf wild zerklüfteten Felsen im Meer, bei dem sich, um die Zeit des Sonnenuntergangs, Tausende von Touristen scharen – Kameras im Anschlag. Pura Tanah Lot ist einer der bedeutendsten Tempel Balis. Die Worte Tanah Lot bedeuten auf Balinesisch „im Meer“. Der Legende nach ist der Tempel das Werk des buddhistischen Priesters Nirartha. Seeschlangen beschützen den Tempel. Solche Schlangen sollen in einer dunklen Höhle besucht werden können.
Tanah Lot liegt, ungefähr eine halbe Stunde von Kuta entfernt in nordwestlicher Richtung. Mein Weg geht durch Reisfelder, deren kurze stopplige Stecklinge erst kurze Zeit in der Erde sind. Im braunen Wasser, das die grünen Spitzen umgibt, spiegeln sich Wolken. Irgendwann muss ich links abbiegen. Die Straße geht nun genau nach Westen, zum Meer. Ich überlege, ob ich, wenn ich geradeaus weiterfahren könnte, im südlichen Sudan ankäme und beschließe, später auf einer Karte nachzusehn.
Schließlich mündet die Straße in eine betonierte Fläche von einem Quadratkilometer, der in eine Mautstation unterteilt ist und einen riesigen Parkplatz. Alle müssen Eintritt bezahlen. Für Busse, Personenwagen und Motorräder werden die Fahrer oder Insassen unterschiedlich zur Kasse gebeten.
Ich muss für mich und das Motorrad 15 000 Rupien bezahlen.
Ich gehe die Straße entlang zum Meer, an der 1001 Verkaufsstände aufgebaut sind, an der in mehr Zungen gesprochen wird als an einer normalen Sprachenschule.
Vor allem die Verkäufer überbieten sich in verschiedenen und dem Geschäft nicht unbedingt zuträglichen Versuchen, die Nationalität der Vorübergehenden einzuschätzen und sie entsprechend anzureden. Nihonjin desu ne – Sie sind wohl Japanerin, höre ich einen breitschultrigen jungen Balinesen sagen und sehe, wie ein hübsches kurzhaariges Mädchen mit einem weißen breikempigen Hut, rot wird und ihren Schritt beschleunigt. Nach einigen Sekunden erreicht sie eine kleine Gruppe, deren einheimischer Fremdenführer eine japanische Fahne in die Höhe hält.
Die Besonderheit des Tempels entsteht durch die Verbindung mit den Felsen, auf denen er sich bedindet. Er lebt durch die Brandung des Indischen Ozeans. Wenn sich die Wellen an den heiligen Felsen brechen, fliegt die Gischt bis zu den bunten Schirmen, die den sakralen Bereich des Tempels schmücken.
Es ist Ebbe. Das Wasser zwischen Strand und den Felsen, auf denen der Tempel steht, ist nur knietief. Balinesen in Sarongs und einer Art Käppi, das Teil der traditionellen Kleidung ist, führen ältere Touristen durch das Wasser, weil anrollende Wellen die Durchquerung erschweren. Drüben wird, unter einem Felsvorsprung, reinstes Quellwasser angeboten, das aus dem harten Stein sprudelt und in Plastikbecher abgefüllt wird, aus denen die Touristen trinken.
Dabei wird, gegen eine Spende, auf balinesisch – hinduistische Art, der Segen erteilt.
Ich verzichte auf das heilige Wasser. Ich will hinauf in den sakralen Bereich, der über eine schmale Treppe an der Außenseite ungefähr zehn Meter in die Höhe führt.
Ich zeige den Tempelwächtern eine winzige Buddhastatue, die ich in meiner Geldbörse immer bei mir trage. Die Verwandschaft von Hinduismus und Buddhismus und meine Nähe zum Buddhismus reichen für die Priester mir den Zugang zu erlauben.
Ich binde den Sarong um. Langsam folge ich einem Priester die Stufen hinauf. Als ich oben ankomme, bespritzt mich ein anderer mit Wasser. Das ist angenehm. Ich fühle mich innerlich am Beginn eines Reinigungsprozesses und gebe mich hin, versuche, mit der Umgebung eins zu werden, mit Gott und der Welt zu verschmelzen. Für Sekunden gelingt mir das. Ich sehe den Tempel mit meinem inneren Auge. Die nach Westen orientierte Seite, die allabendlich den Sonnenuntergang erlebt, der symbolischer Zeuge ist vom Tod. Ich sehe die östliche Seite, auf die die Morgensonne scheint als Symbol der Wiedergeburt.
Als ich mit geschlossenen Augen da stehe und lächle und an den Kreis der Wiedergeburten denke, bittet mich mein Begleiter, auf dem Altar einen Geldbetrag zu opfern.
Der Tempel verliert seine spirituelle Bedeutung ebenso schnell wie ein Fakir dem ein Trick bei seinen Levitationsübungen nachgewiesen wird.
Ich lege 5000 Rupien auf den Altar und gehe die Stufen hinunter, lege den Sarong ab, gebe ihn dem Priester zurück, wate ins knietiefe Wasser, das durch eine anrollende Welle hüfthoch wird. Ich muss mich anstrengen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Eine weitere Welle zwingt mich zum Rückzug. Meine spirituelle Ernüchterung wird von einer körperlichen abgelöst. Wieder stehe ich dort, wo die Touristen in Becher gefülltes heiliges Wasser trinken. Ich lache und bin pudelnass.
Ich frage einen der Priester nach den Schlangen. Der weist mich darauf hin, dass ich bezahlen muss, um die heiligen Tiere – er sagt: holy animals – zu sehen. Ich gebe ihm 5000 Rupien, die er sich mit einer raschen Bewegung in die Hemdtasche steckt. Ein anderer schaltet eine Taschenlampe ein und führt mich in den hinteren Teil einer kleinen Höhle, in den kein Tageslicht mehr dringt. Dort liegen in Felsnischen schwarz – gebänderte Seeschlangen, die nach Auskunft von Biologen über das stärkste Schlangengift auf Erden verfügen sollen.
Es bringt Glück, die heiligen Tiere zu berühren, sagt der Priester.
Ich habe vor Jahren ein Buch von Dieter Eichler über tropische Meerestiere gelesen. Eichler hat dort geschrieben, dass Seeschlangen friedliche Tiere seien, die überdies ein sehr kleines Maul hätten, mit dem sie höchstens in Ohrläppchen oder in die Hautlappen zwischen den Fingern beißen könnten. Die Einschätzung des Unterwasserfotographen, den ich vor Jahren auf einem Boot in thailändischen Gewässern kennengelernt habe, ist ausschlaggebend. Ich nähere meine rechte Hand langsam der Schlange, die den Kopf hebt und wieder senkt und ihn ruhig auf ihren zusammen gerollten Körper legt.
„Hinter dem Kopf“, sagt der Priester. „Langsam.“
Vorsichtig berühre ich sie, die daran gewöhnt zu sein scheint.
P.S. Es gibt seltene Bisse von Seeschlangen. So werden Fischer gebissen, die die Tiere in ihren Netzen übersehen.
Copyright: Michael Haas, Bali
Bei Interesse: hier habe ich ein kurzes Video mit einer Seeschlange auf meine Seite gestellt
http://www.blupdivingbali.com/aale-seeschlange-video.html
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Danke für den ausführlichen Bericht - er hat bei mir viele Erinnerungen aufgefrischt!
LG Christina
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Lieber Michael!
Nun habe ich mich von Dir tatsächlich in diesen Schlangentempel entführen lassen. Alle, die mich hier kennen, wissen, dass ich einen Horror vor diesen Tieren habe. Vielleicht träume ich heute Nacht von Deinem Bericht. Aber, keine Angst ! Deine Erzählweise ist so wunderbar, dass ich mich letztendlich nicht gefürchtet habe. Sogar das fabelhafte Video habe ich mir angesehen.....
Ich war ja auch einmal an dieser wirklich wunderschön gelegenen Tempelanlage, habe sie mir jedoch nur aus der (sicheren) Ferne betrachtet und meine Fotos gemacht.
Danke für diesen erneut sehr, sehr guten Bericht!
LG Ursula -
Danke Ursula, du motivierst mich :)
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Ich war letztes Jahr beim Pura Tanah Lot, aber durch Deinen Bericht habe ich nun einiges mehr erfahren und dadurch einiges anders wahrgenommen als durch das typische Touri-Programm. :-) Danke!
LG Susi
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