Reisebericht

Reisebericht: Irland - Wanderungen im Westen - Teil II

 
 
 
 
 
Reisebericht: Irland - Wanderungen im Westen - Teil II

Eine etwas andere Art der Reisebeschreibung: Natur- und Stimmungsbetrachtungen, gewürzt mit einigen Anekdoten und freier Lyrik.
2 Kapitel - County Clare & County Galway

County Clare - Kapital III County Clare & IV County Galway

Weiter hinauf im Westen: eine Wanderung entlang der Cliffs of Moher. Wir wanderten zu zweit vom O'Briens Tower südlich entlang der Steilklippen. Ich durfte mich stehend nicht bis an den Rand wagen – Abgründe ziehen mich magisch an, und da ich noch nicht lebensmüde war, robbte ich wie am Slea Head auf dem Bauch bis zur Abbruchkante und schaute in die Tiefe. Später auf dem Weg legte ich mich auf eine der schräg in den Boden gerammten Natursteinplatten, die den Wanderer vom Abbruch fernhalten sollen, und sah fasziniert in den strudelnden Abgrund. Es gibt immer wieder Waghalsige, die die Platten überklettern, und einige haben ihren Mut mit dem Leben bezahlt. Wir beide schwelgten jedoch in Licht, Luft, Seevögelgeschrei, weiß stampfenden Gischtrossen auf See und genossen den Wind im Haar. Weit ab vom Touristentrubel begegnete uns kein Mensch - fast allen genügt eine Viertelstunde auf der großen Plattform oder wandern, wenn's hoch kommt, das kurze Stück zum Turm. Unsere Mühe jedoch belohnte uns reichlich! Und wieder ein Gedicht:

Cliffs of Moher

Versteinerte Ewigkeit –
Gezeiten und Stürme zernagen die Wände;
steil, wuchtig und drohend, monumental.
Gekreisch der Möwen,
schwindelnder Abgrund, anziehend -
und ängstlich gemieden.
Gewaltige Kraft, in Stein gebunden,
trotzend der See und atlantischem Sturm,
badend in Sonne, versteckt in den Nebeln,
Gegensatz von Ruhe und Bewegung.
Morgens schwarz im Schatten,
abends warm bestrahlt,
im Regennebel undurchdringlich, verschwunden;
eben noch sichtbar,
zieht vom Meer ein weißer Vorhang die Bühne zu.

Nicht weit davon entfernt im schönen County Clare sind neben vielen interessanten Sehenswürdigkeiten weitere drei Highlights, die mich von Stimmung bzw. Besonderheit der Natur besonders beeindruckt haben:
Der Burren ist eine urtümliche Karstlandschaft, die einmal bewaldet war und von den englischen Besatzern für den Schiffsbau radikal gerodet wurde. Übrig geblieben ist ein gewaltiges, auf den ersten Blick wüstenartiges Gebiet, dessen Einzigartigkeit sich erst beim Wandern erschließt. Man geht über erodierte Felsplatten, die teilweise wie von Steinmetzen behauen wirken, denn das Gestein ist von unzähligen längs, quer und diagonal laufenden, manchmal schnurgeraden Spalten durchzogen, in denen sich eine einzigartige Flora etabliert hat. Es finden sich unzählige Arten (www.Bilder zur Burren Flora). Mein Gedicht hierzu:

Burren

Steinerne Wildnis, ausgewaschen, abgenagt.
Aus Spalten sprießt's und blüht's. Vereinzelt, niedrig, Bäume,
vom Sturm in eine Richtung hingepeitscht.
Bizarr gestapelte Mauern aus Stein
durchzieh'n das Land,
manchmal wie Filigran gemustert,
dann wieder wirr gestapelt,
auch überwuchert brombeerschwer.
Der Fuss ertastet sich den Weg,
und tückisch sind die Spalten -
kaum hebt sich mal der Blick zum Horizont.
Gewitterschwere Wolken zieh'n am Himmel,
und Regen prasselt, dass es nur so klatscht.
Kein Schutz ist weit und breit zu finden,
doch bald vorüber ist der Spuk -
verzischt sind Blitze und verhallt der Donner,
und Sonne überstrahlt die frisch gewaschene Natur.

Der Burren zieht sich bis hinunter zum Black Head, wo ich mich an der Steilkante niederließ, mit Enya in den Ohren abschottete und dem Atmen des Atlantiks zusah, bis große Ruhe mich überkam. Dieser gewaltige Organismus bewegt mich bis ins Innerste, und meine Sehnsucht danach wird mir wohl immer bleiben.

Black Head

Wo der Burren ins Meer sich senkt,
dehnt sich steinerne Wüste mit Pflanzenoasen.
Gischttürme peitschen die Felsen empor;
weit geht der Blick,
es atmet die See in tiefen Zügen.
Mit dem Heben und Senken der Wogen,
im Auge den endlosen Horizont,
gewinnt man Ruhe
und die Erkenntnis der Göttlichkeit
in der grandiosen Natur.

Eine mystische Atmosphäre hat Dysart O'Dea – eine Kirchenruine besonderer Art. Daneben ein halbverfallener Rundturm, uralte Grabsteine und ein Hochkreuz. Wir hatten das Glück, dort ohne Touristentrubel diese einzigartige, unbeschreibliche Stimmung auszukosten. Der Rundbogen des Kircheneingangs ist mit seltsamen Tier- und asiatisch anmutenden Menschenköpfen verziert. Ich mag manchmal gar nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Rate ziehen – meine Phantasie lässt für mich ganz persönliche Bilder und Vorstellungen entstehen. Jeder mache sich selbst ein Bild.
Unser Hotel in Lisdoonvarna, bestehend aus zwei aneinandergebauten Häusern, deren Stockwerke jedoch nicht gleich hoch sind und deshalb abenteuerliche laby- rinthische Verbindungen hat, war damals leicht abgewohnt und belustigte mich immer wieder, da hier sämtliche Arten von Duschen und uns falsch vorkommenden Wasseranschlüssen versammelt waren. Hätte die Etagere keine Reling gehabt, wäre alles davongerutscht. Weit gefehlt, darüber zu meckern – es war einfach urig und komisch. Überhaupt ist diese Lässigkeit, dieses Fehlen von Perfektion das besonders Liebenswerte an Land und Leuten Irlands. Das Hotel beherbergt auch die berühmte „Matchmakers Bar“ - hier findet im September der große Heiratsmarkt, ein wahres Eldorado für Singles, statt. Es gibt einen amüsanten Film dazu: „The Matchmaker“/“Heirat nicht ausgeschlossen“. Das Hotel dürfte übrigens seither bereits renoviert worden sein.
Abends war ich mit einigen Reisefreunden in einem Pub. Zwei ältere Herren in einfacher Alltagskluft setzten sich an eins der kleinen Tischchen und deponierten Concertina und Gitarre neben sich. Sie orderten zwei Guiness, tranken ein paar Schlucke, und der eine dämpfte seine Pfeife aus - und dann ging's los! Zuerst nur instrumental - Jigs und Reels, dass unsere Beine nur so zuckten. Dann zog einer
der beiden eine Flöte aus der Sakkotasche und spielte ein wehmütiges, ziehendes
Air so gefühlvoll, dass mir die Augen überliefen, und schließlich begann der Andere, der trotz seines fedrig-weißen Haarkranzes um die hohe Stirn und den Rauschebart so unglaublich faltenfrei und jung aussah, mit ganz wunderbarer Stimme einige der alten Folksongs vorzutragen. Der Applaus war enorm! Irgendwie stelle ich mir einen Engel so vor wie diesen jungen Alten... Obwohl rechtschaffen müde, hielten wir die Stellung, bis die beiden ihre Instrumente abstellten und hatten einen besonderen Höhepunkt dichtester Atmosphäre erlebt.

Von Doolin aus ging es am nächsten Vormittag mit einem kleinen Schiff zur Insel Inishmaan. Die Aran-Inseln sind wie der Burren steinig, steinig, steinig. Wir besichtigten die Ruine Kilcananagh - ein kleines Gebetshaus aus dem 11./12. Jahrhundert. Dann führte uns der Weg Richtung John Synges Chair, einem Punkt hoch auf den Klippen, auf dem der irische Dichter gerne verweilte und aufs Meer und die Nachbarinsel Inishmor blickte. Ich absentierte mich von der Gruppe, weil ich die paar Stunden allein am Meer verbringen wollte. Alle respektierten meinen Wunsch – niemand empfand es als Ablehnung. Später trafen wir uns im Café einer Strickerei wieder. Von dort wanderten wir zurück zum Hafen, wo wir auf die Fähre nach Rossaveel warteten. Auf der etwa einstündigen Überfahrt war ich in meinem Element – fühlte mich eins mit dem seitlichen Rollen und dem die querlaufenden Wellen abreitenden Schiff.

Überfahrt

Das kleine Schiff, es schwankt von Seit' zu Seite;
es reitet auf den Wellen auf und ab.
Ich steh' im Bug, die Jacke festgezurrt,
doch gleichwohl bläht der Wind
wie einen Luftballon mich auf - heb' ich nun ab?
Gischt sprüht, und ich spür' die salz'ge Nässe -
die Zunge leckt den würzigen Geschmack.
Oh! Herrlich ist's, so über's Meerzu reiten!
Breitbeinig steh' ich da
und stemm' mich gegen Wasser, Wind und Wogen.
Lummen tauchen eilig seitlich ab.
Ewig könnt' solche Fahrt doch dauern -
die Zeit vergeht mir viel zu schnell.
Knieweich tret' ich an Land mit dem Gefühl,
als könnt' ich nicht mehr geh'n -
so schnell sind Seemannsbeine mir gewachsen!
Ach! - Vorbei!

Kapitel IV County Galway

Von Rossaveel ging's in schneller Fahrt nach Clifden, dem Hauptort der Connemara. Abends landete ich mit zwei Reisegefährten nach wunderbarem Fischessen in einem Pub, in dem eine ältere, gewichtige Dame vehement das Klavier bearbeitet. Später stießt „Batt“ (Bartholomew), unser prächtiger irischer Fahrer, zu uns, nahm das Mikro und sang kraft-, doch auch gefühlvoll und heftig beklatscht, „The Rose of Tralee“.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fuhren wir über die Sky Road, von der sich ein phantastisches Panorama der Küstenlinie bietet, zu einem hoch gelegenen Friedhof mit für unsere Gewohnheit teilweise kitschigen Gräbern, die mit grellfarbenen Kunstblumen unter Glaskuppeln auf weißem Kies geschmückt sind – allerdings ist klar, dass Naturblumen hier oben die Stürme sicher nur einige Minuten überstehen würden.

Sky Road

Eine Welle nach der anderen
steigt die Straße in den Himmel.
Oben angelangt,
überrascht der Blick auf kleine Inseln,
weiße Strandsäume und blaue Unendlichkeit
von Himmel und Meer.
Hier wandern Blickeund Gedanken,
verlieren sich im Blau,
bis endlich, jäh erwachend,
zurückfällt Geist und Körper
bis in die Gegenwart.

Nachmittags unternahmen wir einen Ausflug nach Roundstone, wo wir Malachy Kearns Roundstone Music & Crafts besuchten und zusehen konnten, wie die Bodhran, die irische Trommel, gemacht wird. Ich fragte Roland, ob wir danach einen Abstecher zur Dogs Bay machen könnten. Es war ein grauer Tag, aber gerade deshalb war der Strand menschenleer, und wir genossen es, den Strand von einem Ende zum anderen abzuwandern. (Bild)

Dogs Bay

Weißer Strand, so weit geschwungen!
Grünes Wasser - weiße Wogenkämme.
Der Schuh' entledigt, im eisigen Wasser,
werfe ich mich dem Wind entgegen,
verharre, schaue, kann mich nicht satt sehen.
Dunkle Felsen lasten schwer.
Im Hintergrund die Dünen
mit Grasperücken, windzerzaust.
Satte Wiesenhänge, bunt bestickt mit Blumen.
Salzige Luft, frischer Wind, flatterndes Haar,
Gischtgesprüh' im Gesicht -
Glück sprengt mir fast die Brust!

Eine am Spätnachmittag begonnene Wanderung durch eine Moorlandschaft in der Connemara war ein Erlebnis besonderer Art. Roland führte uns mit Kompass und Karte, oft vorauseilend schauend, im schon rötlichen Sonnenlicht durch Dick und Dünn.Von Grasbüschel zu Grasbüschel springend, manchmal auf Felsbuckeln kurz rastend, weglos im ungewohnten Terrain. Ängstlich darauf bedacht, nicht hinten irgendwann den Anschluss zu verlieren, eilte ich ihm immer nach und versuchte, mit meinem Gefühl, wir kämen diesen Abend hier nicht mehr 'raus, fertig zu werden, ohne meine Bedenken zu äußern. Es gelang mir, mich innerlich auf eine Nacht im Moor einzustellen. Es gab eben diese Felskuppen, wo man sich mit Regenpelerine schon bis zum Sonnenaufgang einrichten könnte – und ich empfand es dann als willkommenes Abenteuer, das aber gar nicht eintraf. Roland erklärte uns dann, dass die Kartografierung aus der Luft trügerisch sei, weil verlandende Seen von oben wie festes Land aussehen. Es galt, den einzigen trockenen Durchgang zu finden, weshalb er öfter vorausrannte. Eine wahre Sensation war, dass plötzlich Batt,
unser Fahrer, auftauchte und uns begrüßte. Er hatte den Kleinbus zum Endpunkt gefahren und war uns aufs Geradewohl barfuß entgegen gegangen. Gemeinsam marschierten wir weiter und gelangten in der Dämmerung an einen Teich, wo wir uns zu einer Rast niederließen. Wir schnitten Binsen, und Roland zeigte uns, wie man „Brigids Cross“ (das Kreuz der heiligen Brigitte) flicht.

Auf der Weiterfahrt am darauffolgenden Tag hörte ich, wie Roland Batt fragte, ob wohl Zeit sei, das Denkmal zu besichtigen. Er gab sein O.K., und wir stiegen auf einem Parkplatz mitten in der Pampas irgendwo bei Recess aus – weit und breit keine Siedlung, aber gegenüber ein großer Supermarkt. Roland wies die Richtung. Wir fanden das Denkmal:
2 Steinstelen, darauf zwei Natursteinplatten und darüber eine Kupferplatte, auf der stand: „In 1897 on this site nothing happened.“ Irish Humor...

Connemara

Noch führt ein Weg durch's Moor uns,
und wir wandern, bis sich der Pfad im Sumpf verliert.
Der Blick, er haftet fest am Boden, und wir achten jeden Tritt's.
Der Schritt wird schneller,springt, er darf nicht rasten.
Der Boden saugt, und Bäche, Seen verwehren uns das Ziel.
Verharren nur auf festem Boden, auf Felsen, mit erhöhter Sicht.
Der Blick, er sucht; das Licht bricht durch die Wolken;
die Sonnenstrahlen lassen noch den Tag erahnen,
doch spürbar wird es Abend.
Den Sonnentau hätt' größer ich mir vorgestellt.
Die einz'gen Lebewesen, die uns hier begegnen,
sind Schaf' und Vögel - einsam ist das Land.
Als sich ein Weg dann findet, der uns zu einem Teiche bringt,
wird bei der Rast St. Brigid's Kreuz geflochten,
und tiefer Frieden senkt sich bis ins Innerste.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • Blula 05.04.2013 | 17:01 Uhr

    Liebe Bärbel!
    Es ist ein Genuß, mit Dir durch diese wildromatische Region zu wandern. Und... . einen Reisebericht in solch einer ganz bezaubernden Art, umgarnt mit Lyrik und feinen Anekdoten, zu lesen, ist mal etwas ganz besonderes.
    Hat mir s e h r gefallen!
    LG Ursula

  • barbarattje 05.04.2013 | 18:32 Uhr

    Liebe Ursula -
    soviel Lob - da werd' ich ganz verlegen...freut mich natürlich sehr! Dass Du die Witze gut findest, auch. Morgen haben wir in der Galerie Vernissage, und ich muss noch Preis-schilder machen - dabei plagt mich ein Hexenschuss...aber das geht wie schon so oft ja wieder vorbei. dir geht's hoffentlich gut!
    Liebe Grüße von Bärbel!

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