Reisebericht

Reisebericht: Der Weg am Rande der Sinne - eine Wanderung über den Rothaarsteig

 
 
 
 
 
Reisebericht: Der Weg am Rande der Sinne - eine Wanderung über den Rothaarsteig

Er zählt mittlerweile zu den Top-Wanderwegen in Deutschland und führt durch eine der schönsten Gegenden des deutschen Mittelgebirges. Der Rothaarsteig. Immer entlang am Kamm des gleichnamigen Gebirges, steht er für grandiose Ausblicke und bequeme Ruheliegen. In fünf Tagen habe ich ihn von Brilon im Sauerland bis Hainchen direkt an der hessischen Grenze erwandert. Ein Erlebnis.

 
 
 
 
 

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Ich gebe es ja gerne zu – ich bin ein großer Fan des Pfälzer Waldes und der sich anschließenden Vogesen. Wunderbare Wälder, kletterbarer Buntsandstein und eine Ess- und Trinkkultur, welche ihresgleichen sucht in dieser Republik. Und die Wanderwege erst einmal...

Das sage ich als gebürtiger, dort weiterhin lebender und überzeugter Sauerländer. Der doch einen der höchstdekorierten Wanderwege quasi direkt vor der Haustür liegen hat. Den Rothaarsteig.

Aber wie so häufig, ist das Naheliegende nicht immer das Begehrte und so habe ich auch mehrere Jahre benötigt, um den „Weg der Sinne“, wie er gerne genannt wird, als ein möglicherweise gar nicht so abwegiges Wanderziel in Betracht zu ziehen. Eine Woche Urlaub hatte ich zur Verfügung und da passt dieser Weg von Brilon im Nordosten des Sauerlandes bis nach Dillenburg am südwestlichen Ende des Rothaargebirges und damit bereits in Hessen gelegen, hervorragend hinein. 156 km bei gerade einmal knapp 4000 Höhenmetern. Ein Kammweg, welcher weite Blicke in die Welt verspricht und, so hört man, mit etlichen Attraktionen aufwarten kann. Was will der Wanderer mehr (außer einer vernünftigen Rieslingschorle, welche es aber, in angemessener Form, nur in der Pfalz gibt).

Also nicht viel gehadert und die Hotels gebucht. Aus familien- und grilltechnischen Gründen habe ich beschlossen, nicht den kompletten Weg zu gehen, sondern auf etwa der Hälfte der letzten Etappe, in Hainchen, auszusteigen. Dort wohnen meine Schwiegereltern und mein Schwiegervater ist ein Könner am Grill. Das würde ich ungerne auslassen. Also alle Absprachen hinter die Reihe gebracht und schon kann es losgehen.

Mit der Bahn nach Brilon-Stadt zu gelangen ist recht einfach, wenn man akzeptiert, dass es keine Direktverbindung gibt. Der Regionalexpress aus dem erweiterten Ruhrgebiet (zum Beispiel Hagen) benötigt bis Bestwig gerade einmal eine knappe Stunde. Und von dort gibt es auf dem gleichen Bahnsteig eine Regionalbahn nach Brilon-Stadt (es gibt auch die Station Brilon-Wald. Klingt gut, ist aber noch 7,5 Kilometer von der Stadt entfernt. Eher etwas für Unausgelastete). Und man mag es kaum glauben. Beide Züge waren superpünktlich. Das ist kein Zufall und hat aus meiner Sicht zwei Gründe. Zum einen gibt es wenig korrespondierende Anschlusszüge, welche unangenehm in den Zeitplan hinein fuschen könnten – Die angesprochene Regionalbahn fährt nur nach Brilon und zurück nach Bestwig. Und zum anderen ist das Personal auf dieser Strecke noch vom alten Schlage und sehr auf Pünktlichkeit bedacht.

Leider ist auch das Verhalten gegenüber der Kundschaft noch vom alten Schlage und eher an preussischer Korrektheit, denn am Kunden orientiert. Auf der Fahrt gab es dann auch gleich einmal Stress mit einer handvoll Jugendlicher, welche Ihren Fahrschein nicht ganz korrekt gezogen hatten. Ist ja auch nicht ganz einfach bei den Automaten. Und für einen Streitwert von sechs Euro wurde ich etwa eine halbe Stunde der Fahrt mit einer dramatischen Tragikkomödie unfreiwillig unterhalten. Nun ja.

Brilon ist jedenfalls ein hübscher kleiner Ort mit viel westfälischem Fachwerk und eher dezentem Tourismus. Und so nebenbei ist das Hotel mit dem wenig ausgefallenen Namen „Zur alten Post“ im positiven Sinne sehr ausgefallen und darüber hinaus habe ich in der Pizzeria Covaccino eine der besten Pizzen der letzten fünf Jahre gegessen. Respekt.



 
 
 
 
 

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1. Etappe – Von Brilon nach Willingen

 
 
 
 
 

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Am nächsten Morgen um sieben aufgestanden und den Rucksack sehr säuberlich gepackt. Das mache ich nicht immer so. Aber dieser Rothaarsteig nötigt mir schon im Vorfeld einigen Respekt ab. Über 150 Kilometer lang. Witterung eher unbeständig. Und ganz ehrlich, in der Pfalz wandert man eher von Hütte zu Hütte, respektive Schorle zu Schorle und die sind selten weiter als zehn Kilometer auseinander. Meine Etappen pro Tag werden sich über 25 Kilometer und mehr erstrecken. Da ist man schon ein paar Stunden unterwegs und allzu viele Hütten konnte ich in der Karte nicht entdecken.

Der Steig startet mitten auf dem Marktplatz von Brilon und das markante rote Quadrat mit den zwei weißen Strichen führt den Wanderer recht komfortabel durch die morgendlichen Strassen der Stadt. Schon nach wenigen Kilometern wird mir klar, dass „Verlaufen“ sich doch als recht schwierig erweisen wird, sind doch an allen erdenklichen Stellen die Wegmarkierungen angebracht. Besonders gelungen finde ich dabei, dass die Wegebauer nicht nur Bäume nutzen, sondern auch eigene Pfähle, die in sichtlogischem Weg des Wanderers aufgestellt sind. Man wird quasi mit der Nase auf die zu nehmende Richtung gestossen.

Die ersten Steigungen auf den Drübel, das ist quasi der Hausberg von Brilon, sind moderat und die Luft um acht Uhr angenehm frisch. Wie es sich gehört für Anfang September. Und ab diesem Punkt bin ich nun auch das erste mal vom Wald umgeben. Ein schmaler Pfad zieht geruhsam in die Höhe. Hinter der nächsten Kurve kommt mir ein Hund samt Frauchen entgegen und das nette „Guten Morgen“ der Hundebegleiterin wird noch dekoriert von einem „Viel Spaß“ inklusive Lächeln. Freundliche Menschen sind das hier in Brilon. So auf den Tag eingestimmt, wandere ich vorbei am Krankenhaus, an einer Augenklinik und der Jugendherberge, um alsbald an der Möhnequelle zu stehen, die trotz der trockenen Wetterlage der letzten Tage für die Größenordnung des Gewässers respektabel Wasser führt. Um es gleich vorweg zu nehmen. Quellen gibt es auf dem Weg zu Hauf. Der Rothaarkamm ist die Wasserscheide zwischen Rhein- und Weserzuflüssen und dem entsprechend gibt es reichlich Quellen, die selbstredend so ziemlich alle vom Steig besucht werden.

Nachdem im Anschluss der Poppelberg überwunden ist und ich bei Gundenhagen ein markantes Holzbauwerk im Stil eines übergroßen indianischen Tippis bewundern durfte (ist gut zehn Meter hoch), geht es durch das schöne Gimmental zur ebenso schön gelegenen Hiebammenhütte, welche zu dieser frühen Stunde natürlich noch geschlossen hat. Die typischen Rothhaarsteigrastgelegenheiten laden trotzdem ein. Ich probiere eine der Holzhängematten aus und schaukele eine Weile zufrieden vor mich hin, beobachtet von zwei neugierigen Pferden, die sich vermutlich fragen, was dieses Menschentier da wohl vor hat. Neugierig traben sie vorsichtig näher, bleiben aber respektvoll auf Abstand, als ich den Kopf hebe.

Von der Hütte aus gibt es wieder einen kleinen Anstieg, doch der Weg erweist sich als wunderschöner schmaler Pfad mit viel Abwechslung zwischen Wald und Heide, so dass ich die Höhenmeter gar nicht so richtig wahrnehme. Alsbald stehe ich inmitten der steinernen Überreste einer uralten Wall- oder Fliehburg auf dem Borberg. Die ältesten Nachweise von menschlicher Besiedlung reichen zurück bis zur Jahrtausendwende. Zur vorvorletzten, wohlgemerkt. Ein wahrhaft mystischer Ort. Es sind nicht nur die steinernen Überreste, die dort schon seit über 1000 Jahren so aufgeschichtet liegen. Es ist der kreisrunde grasige Platz in der Mitte, bestanden mit uralten Buchen und Eichen. Stille rundherum, ich bin der einzige Besucher hier oben. Ein Friedhof war hier neben der Fluchtburg. Wer mag hier alles begraben sein? Welche Heldengeschichten liegen hier zu meinen Füßen? Mit einem tiefen Atemzug gehe ich weiter. Schöner Ort.

Es folgen lange Kilometer auf Forstwegen und während ich noch grüble, ob ich wohl den Einstieg zur hier abzweigenden Klettervariante verpasst haben, führt mir die nächste Wegkarte am Antoniusplatz meinen Irrtum recht eindrucksvoll vor Augen. „Mein Standort“ ist mit einem roten Punkt eingezeichnet und der liegt nicht dort, wo ich vermutet hätte. Sondern viel weiter nördlich. Ich bin noch gar nicht so weit, wie ich dachte. Offensichtlich habe ich einige Kalibrierungsprobleme bezüglich meiner mentalen Karte im Kopf und habe noch reichlich viel mehr Kilometer vor der Brust. Erneut ergreift mich einiger Respekt vor der Länge der täglichen Touren und ich stapfe mit mulmigen Gefühl im Magen einigermaßen mutig weiter. Die gute Nachricht dabei ist, dass ich logischerweise die Klettervariante noch gar nicht verpasst haben kann. Die liegt ja noch ein paar Kilometer vor mir. Den Abzweig hierzu zu verpassen wäre auch gar nicht so einfach, wie ich etwas später bemerke. Geht doch der Rothaarsteig als solcher davon aus, dass wirklich jeder diese Variante gehen möchte und dem entsprechend dieser Weg als Standard markiert ist. Wer lieber weiter bequem auf dem Forstweg laufen möchte, der sollte an der besagten Abzweigung nicht links den Wegmarkierungen des Rothaarsteigs folgen, sondern geradeaus laufen. Der Punkt ist einfach zu erkennen, steigt doch die Klettervariante kurz nach der Abzweigung nach links ungewöhnlich steil an.

Ich gehe natürlich linker Hand die Steigung hinauf und bereue die Entscheidung nicht. Der Weg ist ungemein kurzweilig und spannend. In einem englischsprachigem Reiseführer zu einer ganz anderen Tour habe ich einmal den schönen Satz gelesen „the trail jojoed up and down“. Das trifft es recht gut. Der schmale Trampelpfad zieht immer wieder zehn bis zwanzig Meter steil in die Höhe, um dann die gleiche Strecke wieder in die Tiefe zu machen. Dabei hilft dem Wanderer das Schiefergestein des Untergrundes mit gut gestuften Tritten. Nicht wirklich schwierig, aber etwas anstrengender.

Alsbald, hoch oben auf dem Ginsterkopf, kann ich zur Rechten die Bruchhauser Steine in der Ferne sehen. Mein nächster Wegpunkt. Und „in der Ferne“ ist dabei nicht übertrieben. Was habe ich mir da nur ausgesucht? Das scheint mir noch locker eine halbe Tagesreise entfernt zu sein. Mit dem Auto. Eindeutig der Zeitpunkt meine alten Lekis vom Rucksack zu schnallen. Wieder einmal bin ich überrascht, wie viel Entlastung die ollen Wanderstöcke bringen. Und dabei benutze ich sie schon seit gut 20 Jahren. So sehen sie übrigens auch aus.

Der Rothaarsteig zieht in der Folge eine Schleife um die Bruchhauser Steine und nach der Klettervariante ist das deutlich weniger spannend. Zumal die Steine als solche nur nach einer etwas öde anmutenden Asphaltpiste zu erreichen wären. Das schenke ich mir und mache lieber Rast oberhalb von Bruchhausen und schaue Bauarbeitern beim Arbeiten an einem Bau zu. Ein neues Einfamilienhaus am Rande von Bruchhausen. Nicht der schlechteste Ort zu wohnen, wie mir scheint. Ein nettes kleines Dorf.

Auf mich wartet im Anschluss wieder ein schicker, verschlungener Singletrail und dann ein längerer Forstweg um den Hömberg herum. Ein Wanderer kommt mir entgegen. Mit Rucksack. Offensichtlich ein echter Rothaarsteiggeher. Wir grüßen uns sehr freundlich mit dem Gefühl, dass wir augenscheinlich zu einer verschwindend kleinen Minderheit gehören. Zwei habe ich bislang getroffen. Beide alleine unterwegs, beide männlich. Ich sinniere noch über den Charakter des typischen Rothaarsteiggehers (auf den ganzen 141 Kilometern, welche ich gestiefelt bin, habe ich zum Beispiel keine einzige alleingehende Frau getroffen), als ich ziemlich abrupt vor einem steilen Anstieg stehe. Eigentlich nicht überraschend, liegt doch zwischen mir und meinem Zielort Willingen der Rücken des Rothaarkamms, welchen ich (fahrlässigerweise) zur Umrundung der Bruchhauser Steine verlassen hatte. Also hinauf zum Richtplatz. Der Name scheint Programm zu sein, denn die Sonne legt sich so richtig ins Zeug und Kyrill hat natürlich genau an diesem steilen Aufstieg mit den schattenspendenden Bäumen mal ordentlich aufgeräumt. Na danke auch. Trotzdem, die Strecke ist wunderschön und die Ausblicke (auch dank Kyrill) geradezu atemberaubend.

Ab dem Richtplatz, dort wurde in grauer Vorzeit tatsächlich Recht gesprochen, verlasse ich den Steig auf einen der gelb markierten „Zuwegen“ hinab nach Willingen. Gute 3,4 Kilometer bis zu meinem Hotel. Hätte ich vorher gewusst, wie touristisch „erschlossen“ Willingen ist, dann hätte ich mir den Abstieg gespart. Übernachten in Bruchhausen, dann weiterwandern bis Winterberg. Das scheint mir die absolut bessere Alternative zu sein. Weniger Höhenmeter und schönere Orte.

Nun ja, ich bin jedenfalls in Willingen und da ich keinem Kegelclub angehöre und auch sonst eher weniger mit krachledernder Geselligkeit anfangen kann, fühle ich mich eher deplatziert. Zudem beschäftigt mich der Gedanke, dass ich die 200 Höhenmeter, welche ich gerade hinabgestiefelt bin, Morgen wieder hinauf muss. Immerhin ist mein Hotel, der Waldecker Hof, sehr schön. Geniales Wellnessangebot und das Rührei am Morgen – ein Traum.

Beim Kartenstudium am Abend vor diesem Traum realisiere ich erfreut, dass ich auch mit der Seilbahn hoch zu einer Erhebung namens „Ettelsberg“ und im weiteren Verlauf „Mühlenkopf“ fahren kann, um dann den Wanderweg W6 zu nehmen. Spart bis Küstelberg, einem zentralen Wegepunkt der nächsten Etappe, locker einmal 2/3 der ansonsten fälligen Wanderstrecke auf dem Rothaarsteig. Von den erwähnten 200 Höhenmetern mal ganz zu schweigen. Und das, wo die anstehende Tagesetappe lockere 32 km für mich bereit hält. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwann einmal eine solche Distanz gelaufen bin. Da ist die Versuchung natürlich groß...



 
 
 
 
 

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2. Etappe – Von Willingen nach Neuastenberg

 
 
 
 
 

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Am nächsten Morgen hadere ich immer noch. Selbst das Rührei bringt mir nicht die Erleuchtung. Auf der einen Seite bin ich sicher, dass der W6 die vernünftige Entscheidung wäre. Andererseits würde ich dann sowohl den Langenberg, immerhin der höchste Berg meiner Heimat, als auch das Naturschutzgebiet Neuer Hagen auslassen. Außerdem beginnt der Sessellift seine Arbeit erst um neun in der Frühe. Arg spät.

Ein alter Freund von mir sagte immer: Erst einmal loslaufen. Das mache ich dann am Morgen auch. Das Wetter ist herrlich. Blauer Himmel mit der Kühle des beginnenden Herbstes. Nicht ganz zufällig wähle ich den Weg, welcher mich nicht durch das Dorf, sondern am Sessellift vorbei führt. Es ist gerade einmal halb neun und – das Ding fährt schon! Wenn das mal kein Zeichen ist. Froher Dinge verarbeite ich schnell den dörflichen Asphalt unter meinen Meindls und stehe ratfatz vor der Gondelbahn. Jetzt oder nie. Oder doch den Langenberg? Ich bin unschlüssig. Sei's drum. Ich lenke meine Schritte zur Talstation – und da bleibt der Lift stehen. Vermutlich wurde nur Personal in der Frühe hoch befördert. Egal, die Würfel sind gefallen. Ich nehme die Herausforderung an und nehme wieder den Richtplatz ins Visier.

Der Aufstieg ist gar nicht so schwierig. Frisch ausgeruht ist selbst ein Aufstieg immer leichter als müde ein Abstieg. Am Richtplatz wende ich mich grob Richtung Süden. Zum Langenberg.

Wobei nunmehr nicht mehr viele Höhenmeter zu bewältigen sind. Nicht einmal 100 an der Zahl fehlen mir und der Weg bis zum Gipfelkreuz des NRW-Giganten ist wahrlich absolut traumhaft. Selten Schöneres gelaufen.

Am Gipfelkreuz des Langenbergs erwartet mich keine Aussicht. Der Gipfel ist so flach, dass man ihn nicht erkennen würde, wenn nicht das gewaltige Kreuz dort stehen würde. Denn noch gewaltiger sind die Bäume drumherum. Was mich dort jedoch erwartet ist eine böse Überraschung. Der Rothaarsteig ist gesperrt. Dreifach gestaffelte Warnschilder hinter weiß-rotem Trassierband. Lebensgefahr. Baumfällarbeiten. Und keine Umleitung ausgeschildert. Immerhin scheint das Gelände nicht vermint zu sein.

Simon liegt derweil bereits auf einer der typischen und sehr bequemen Rothaarsteig-Holz-Hängematten und studiert die Karte. Er findet aber auch keine Alternative. Dass er Simon heißt, erfahre ich erst, als mir gemeinsam beschließen, böse Buben zu sein und unter der Absperrung durchhuschen. Um genau zu sein, haben wir beide vorher sehr genau gelauscht, ob irgendwo eine Motorsäge oder ein Diesel zu hören ist. War aber nicht. Gleichwohl haben die Waldarbeiter mit solcherlei Aktionen offensichtlich gerechnet und allerlei Stämme und Geäst mit schwerem Gerät in den Weg gerückt. Glück für uns, dass wir nicht die ersten „Bösen Buben“ sind und einen kleinen, waghalsigen Trampelpfad vorfinden. Nach gut 200 Metern ist der Spuk schon wieder vorbei und wir sehen die dreifach gestaffelte Absperrung der anderen Seite. Und hören den schweren Diesel einer Waldmaschine. „Jetzt gibt es Ärger“, meint Simon. Mal abwarten, denke ich. Was bleibt uns auch anderes übrig. Ein Baumrücker bei der Arbeit. Wir tun so, als wäre es das Allernatürlichste, dass wir aus gesperrten Gebiet auftauchen und machen unseren Weg. Der Baumrücker schaut einmal stirnrunzelnd zu uns herüber und rückt dann weiter Bäume. So soll es sein. Simon trennt sich alsbald von mir und geht voran. Wir haben den gleichen Weg und doch möchte er alleine gehen. Wie ich auch, wenn ich ehrlich bin. Wie so viele auf dem Rothaarsteig. Meine Gedanke wandern zurück zum Charakter des Rothaarsteiggehers. Der die Einsamkeit sucht.

Nach dem Langenberg führt der Weg über die Hochheide. Sehr schön. Sehr sonnig. Da trifft es sich gut, dass die Hocheidehütte Niedersfeld zur Rast einlädt. Ich bestelle mir eine große Apfelschorle und bewundere die verschmitzte Gelassenheit des Hüttenwirts.

Und weiter geht es durch das Naturschutzgebiet. Genial. Allerdings ist der Abstecher zum empfohlenen Aussichtspunkt Clemensberg nur Tagebergbauenthusiasten zu empfehlen, denn direkt vor dem feinen Aussichtsgipfel erstreckt sich der Tagebau des Diabas-Steinbruchs. Auch nicht uninteressant, aber nicht so recht das, was ich hier suche.

So wandere ich weiter und gelange alsbald auf eine recht lange Schotterpiste Richtung Küstelberg. Erst jetzt kommt der W6 von links wieder hinzu. Die Sonne steht mir nun direkt ins Gesicht, so dass ich wenig von der Umgebung habe. Das ist etwas nervig und ich suche jeden kleinen Schatten, welchen ich finden kann, um einen kurzen Augenblick meine Augen zu entspannen. Unterhalb des Hopperkopfs ändert sich aber zum Glück der Weg und ich wandere weiter über einen feinen, schmalen Pfad durch den Wald. Mountainbike-Gebiet. Keine Wanderer, aber einige der geschätzten Kollegen auf zwei Rädern kommen mir entgegen. Kurz überleg ich, warum ich die Strecke eigentlich nicht mit dem Bike mache, bis ich mich wieder an die Klettervariante erinnere.

Kurz vor Küstelberg erreiche ich eine Panoramatafel, welche mir recht gefällig die Orte am Horizont erläutert. Darunter auch den Astenturm auf dem Kahlen Asten. Ein Ort, den ich heute noch erreichen und sogar überschreiten muss. Ich sehe ihn nicht. Erst nach mehreren Anläufen gelingt es mir, einen kleinen Punkt auf der am weitesten entfernten Hügelkette auszumachen. Na, da lohnt sich doch schon fast ein Flugzeug. Es ist warm, sehr sogar, ich habe bereits einige Höhenmeter und 15 Kilometer in den Beinen und mein Ziel ist etwa so weit weg wie der Mond. Ich bekomme wieder Respekt.

Zudem hält Küstelberg keinerlei Biergarten bereit, zumindest nicht direkt am Wegesrand. Aber eine große Karte, die mir bestätigt, dass wir uns hier im Eldorado der Mountain Biker befinden, was ich bereits vermutet hatte. Das sage ich auch Simon, welcher plötzlich neben mir an der Karte steht. Wir fachsimpeln kurz über Bikes und ziehen dann weiter unserer Wege. Ich suche nochmals kurz und vergebens einen Biergarten und folge dann meinem Buddy durch sonnige Hänge.

Das nächste Ziel ist die Ruhrquelle. Bis dahin geht es erst über besagte sonnige Felder, dann durch schattigen Wald. Ich fühle mich geborgen und glücklich.

Die Quelle ist eher etwas schwachbrüstig. Kein Wunder, bei dem schönen und regenarmen Wetter.

Simon hat bereits seine Wasserflasche unter dem Rinnsal gestellt und zapft damit so gut wie Zweidrittel der derzeitigen, lokalen Wassermenge der Ruhr ab. Wir unterhalten uns über unser Wandererfahrungen. Korsika, Norwegen, Eifel, Pfalz, Vogesen, Schwarzwald, Berner Oberland... da kommt ein klein bisschen zusammen. Und die Liste der Wunschziele ist logischerweise noch länger. Und wir mögen beide die Ruhe und die Einsamkeit. Ein echter Freund, der Simon.

Es geht jetzt Richtung Winterberg. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Trails direkt neben dem Forstweg. Das war mir auf einem kurzen Stück schon auf dem Weg zur Hocheidehütte aufgefallen. Ich verstehe ja die Idee, dem Wanderer einen der geschätzten Singletrails anzubieten, aber das Ganze hat doch etwas sehr Gezwungenen und ich pendele einige Male zwischen Trail und Forstweg. Mag ich jetzt eher den schmalen Waldweg mit dem vielen Wurzelwerk oder doch lieber den breiten Schotterweg, wo es doch ein bisschen bequemer zu laufen ist? Keine Ahnung.

Kurz vor Winterberg führt der Weg, schon mitten in der Zivilisation, steil hinab in eine Klamm. Die Helleschlucht. Abstieg in die Unterwelt, fällt mir dazu ein, während ich über Holzstiegen immer tiefer in die Kühle und dunkle Schlucht steige. Schnell über eine Brücke und dann wieder ein längerer Anstieg hinauf zum Licht. Wie Orpheus fühle ich mich. Ich schaue besser mal nicht zurück. Am Ende stehe ich Knall auf Fall an einer Bushaltestelle, blinzle in die Sonne, quere die Strasse und stehe nach höchstens hundert Metern direkt auf dem Marktplatz von Winterberg. Wie geil ist das denn. Eine Schlucht, die einen direkt im Stadtzentrum ausspuckt? Das gibt es vermutlich nur in Winterberg. Respekt.

Wobei der Ort auch in Holland liegen könnte. Nicht bezüglich der Architektur, sondern eher ob der Menschen. Überall höre ich das Idiom meiner frühen Jugend (meine Mutter ist gebürtig aus den Niederlanden). Ich setzte mich auf dem Marktplatz in einen der Biergärten. Die Sonne scheint, Winterberg zeigt sich von seiner besten Seite und um mich herum wird eifrig holländisch geschnattert. Aus einem mir nicht mehr nachvollziehbaren Grund und im im offensichtlichen Zustand einer fortgeschrittenen Umnachtung bestelle ich mir einen Teller Käsespätzle. Wiewohl ich noch sieben Kilometer laufen muss. Mit einigen Höhenmetern.

Am Nachbartisch sitzt Simon. Er hat nichts dergleichen bestellt, sondern ließt die Zeitung bei einem Weizen und einem Zigarillo. Seine Wanderung ist hier zu Ende, wie er mir schon auf dem Langenberg erzählt hat. Wir unterhalten uns noch kurz dies und das und sind uns am Ende sicher, dass wir irgendwo wieder aufeinander treffen werden. Auf einer Wanderung. Keine Frage.

Ich laufe weiter. Bis zur Sankt-Georg-Schanze ist auch alles kein Problem. Direkt darauf folgt ein Abstieg und ein recht steiler Gegenanstieg parallel zum Auslauf der Schanze. Meine Uhr zählt den 28. Kilometer des heutigen Tages an. Es wird etwas zäh. Nicht zuletzt wegen der Käsespätzle. Nach einer doch recht netten Waldwanderung mit jetzt doch häufigeren Wege wechseln geht es wieder hinab zur Bundesstrasse, die seit Winterberg parallel zu meinem Wanderweg verläuft. Zum Glück hält sie sich die meiste Zeit sehr dezent im Hintergrund.

Ab dem Hotel Winterberg gibt es noch einmal einen Anstieg hoch zum Kahlen Asten. Das ist nicht wirklich der Himalaya, aber mit nunmehr gefühlt zwei Tonne Spätzle im Magen ist es eine echte Herausforderung. Kurz denke ich über EPO nach.

Endlich oben bin ich superstolz, irre aber in Folge etwas orientierungslos über die Fläche des Gipfels. Der Rothaarsteig zieht hier eine interessante Schleife, welche gemeine Wanderung wie mich gerne einmal verwirren mag. Den Astenturm schon zum Greifen nahe, schlägt der Weg einen Haken, um dann im weiten Bogen letztlich doch zum Turm zu gelangen. Aber die Aussicht ist extrem prächtig und entschädigt für vermeintliches Herumgeeiere; Der Abstieg nach Neuastenberg ist einfach und das Hotel nach 32 Kilometern hochwillkommen.



 
 
 
 
 

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3. Etappe – Von Neuastenberg nach Jagdhaus

 
 
 
 
 

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Am nächsten Morgen beschließe ich, wieder eigene Wege zu gehen. Meine Karte sagt mir, dass ich keineswegs wieder den Anstieg zurück Richtung Kahlen Asten gehen muss, wie es mir der Führer weismachen will. Nein, ich kann in südlicher Richtung ein kurzes Stück die B 480 hinunter, um dann halb rechts in die Straße „Am Gerkenstein“ einzubiegen und schwups bin ich wieder auf dem Rothaarsteig. Geradezu elegant. Und anders als so manche andere Abkürzung, welche ich in meinem Wanders- und Bikersleben vermeintlich auf der Karte zu entdecken meinte, funktioniert diese sogar. So bin ich nach wenigen Minuten wieder auf dem Steig und passiere dabei sogar noch ein pittoreskes kleines Häuschen, welches auch in einer Hänsel-und-Gretel-Verfilmung nicht fehl am Platze wäre. Sauerländer Fachwerk mit kleinen hutzeligen Fenstern inklusiver grüngestrichenen Fensterläden und rot-weiß karierten Gardinen. Dazu jede Menge Blumen und Zierrat. Nicht fehlen darf der Holzdackel auf dem Fensterbrett mit dem Schild und den Hals „Achtung! Kleiner Hund mit großer Schnauze“. Vermutlich ein Wachhund. Ein weiteres Schild belehrt mich, dass dieses Haus zum Forstamt Hilchenbach, Forstbetriebsbezirk Lahnhof gehört. Sollte hier gar der Förster wohnen?

Es geht weiter in südwestlicher Richtung und diesmal auf Asphalt. Was aber nicht wirklich hässlich ist, denn der Weg wird sehr hübsch von jungen Alleebäumen bestanden und zieht sich mit weitem Blick auf einem großzügigen Grad entlang bis zum Dorf Langewiese. Ein hübscher Ort, der offensichtlich sehr stolz auf „seinen“ Rothaarsteig ist. Nicht nur, dass die emsigen Bewohner den Steig durch das ganze Dorf führen und wirklich kaum eine Dorfattraktion auslassen; sie haben auch mit viel Liebe zum Detail einen sehr schönen Barfußtrail angelegt. Und auch im Dorf zeugen viele Verweilmöglichkeiten und kleine Kunstwerke auf den hohen Stellenwert des Trails für die Dorfbewohner. Sympathisch, das ganze.

Das Wetter ist heute etwas bedeckter. Stört mich nicht. Ich mag den Nebel und die Wolken.

An einer Passhöhe inklusive einer Schleife der schon bekannten Bundestrasse ändert sich der Charakter des Weges fundamental. Die gemächliche Sonntagsspaziergangsgradwanderung ist zu Ende. Nun geht es über eine buckelige Steinpiste steil hinauf in den Wald und weiter über den Kamm bis zum Wanderparkplatz am Albrechtsplatz. Nicht nur, weil das Wetter weiter zuzieht, kommt mir der Ort nicht sonderlich gemütlich vor und ich wandere direkt weiter. Der Westwind drückt nun die Wolken stärker in den Hang und es beginnt ganz leicht zu fieseln. Alsbald erreiche ich die Abzweigung zwischen der Tal- und der Kammvariante des Rothaarsteigs. Zahlreiche Steinmänner erwarten mich freudig an dieser Stelle und auch ich kann nicht widerstehen und baue einen kleinen Steinhaufen, der sich sofort zu seinen vielen Brüdern dort gesellt. Ich bin zufrieden mit meinem Werk und analysiere ganz objektiv, dass es offensichtlich mit Abstand der schönste Steinmann von allen ist. Na ja, der oben links ist auch nicht schlecht. Und der dort rechts am Wegesrand...

Ich wähle die Kammvariante, obwohl es vermutlich nicht allzu viel zu sehen gibt. Gäbe es aber auch bei schönem Wetter nicht, denn, anders als auf dem asphaltiertem Anfangsstück, bewegt sich der Wanderer ab hier fast nur noch durch den Wald. Ein schöner, keine Frage. Nur halt ohne Fernblicke.

An einer Wegkreuzung mache ich Rast. Wie fast immer bin ich ganz alleine mitten im Wald. Ruhe. Plötzlich Motorengeräusch und ehe ich mich Versehe rumpelt ein frisch gewienerter grauer Audi neueren Baujahres mit einem ebenso geschniegelten Ehepaar älteren Baujahres vorbei, welche mich etwas irritiert anschauen. So als gehörte ich nicht hierhin. Was mich wiederum irritiert. Ich studiere noch einmal die Karte. Keine Frage, die nächste befestigte Straße ist mindestens einen Kilometer entfernt. Und im Umkreis von mehreren Kilometern keine Ansiedlung. Vielleicht braucht das Navi ein Update...

Im folgenden philosophiere ich etwas über Wege und Strecken. Streckenwanderung heißt ja auch nicht zuletzt Strecke machen. Das funktioniert auf dem Rothaarsteig ausgezeichnet. Teilweise schnurgerade wie die Hochgeschwindigkeitstrassen der Deutschen Bahn führen die Forstwege im folgenden über Kilometer durch den Wald. Der Weg verläuft dabei fast stetig gegen Südwest. Da hat man viel Zeit für sich und seine Gedanken. Meine Uhr sagt mir zum Beispiel, dass ich an die elf Minuten für den Kilometer laufe. Also für meine Verhältnisse ordentlich schnell. Eine Wandererautobahn quasi. Um mich von solchen Gedanken abzulenken, gibt es glücklicherweise sehr interessante Erläuterungen am Rande des Weges. Der Rothaarsteig verläuft hier entlang der Grenze zwischen Sauerland und Wittgensteiner Land, also zwischen dem Land meiner Vorfahren (mein Vater wurde in Rüppershausen im Wittgensteiner Land geboren) und meinem heutigen Heimatland. Ich lerne, dass hier auf dem Kamm auch eine sprachliche und religiöse Grenze verläuft. Katholisch das nördlich gelegene Sauerland und evangelisch das südliche Wittgensteiner Land, dort das Sauerländer Platt und auf der anderen Seite des Bergrückens mitteldeutsche Dialekte. Schizophren fühle ich mich allerdings trotzdem nicht.

Kurze Zeit später passiere ich den schönen Ort Kühhude – nomen est omen - und stehe wenig später an einer der Hauptattraktionen des Rothaarsteigs. Was soll ich sagen. Eine wunderschöne Hängebrücke über einer schmalen Klamm. Selten bessere Handwerkskunst gesehen. Noch beeindruckender wäre es gewesen, wenn diese Brücke eine Funktion hätte. Hat sie aber nicht. Nicht nur, dass der Rothaarsteig nur daran vorbei führt und keineswegs hinüber. Mehr noch, selbst um auf die andere Seite der Klamm zu gelangen, bedarf es nicht der Brücke. Zehn Meter weiter führt ein sehr bequemer Fahrweg ebenfalls auf die andere Seite.

An dieser Stelle tritt vermutlich am deutlichsten mein einziger Kritikpunkt an diesem wirklich wunderschönen Steig im Sauer- und Siegerland zu Tage. Diese Jagd nach dem besonderen, der Attraktion. Als wäre die Aussicht und der Wald nicht Attraktion genug, werden Singletrails und Hängebrücken direkt neben dem Fahrweg gebaut und Kunstwerke in den Wald verfrachtet. Manchmal scheint mir da der Weg mehr am Rande der Sinne zu sein, als wirklich bei den Sinnen.

Der Rest des Weges ist aber wirklich wieder sehr naturbelassen über grasbewachsene alte Fuhrwerkwege zwischen alten Baumbeständen bis hin zum Ort Jagdhaus.

Oder fast bis dorthin. Etwa 400 Meter davor macht der Weg wieder eine weite Schleife, so als wolle er den Ort erst einmal einkreisen. Sicher ist sicher. Wer also Kilometer sparen möchte, richte sich einfach nach den Alternativwegen hinunter zum Dorf. Allerdings, und das sei explizit erwähnt, ist der Rothaarsteig auf der Schleife auch sehr reizvoll, führt er doch erst einmal über Stiegen steil hinab, um dann in einem großen Bogen zum Heidkopf wieder sanft anzusteigen. Der Berg als solcher ist dabei mehr ein sanfter Hügel und beeindruckt mehr mit den bereits bekannten und geschätzten Rothaarsteig-Ruheliegen und -schaukeln.

Zum zweiten Mal begegnet mir hier ein großer Rahmen aus wuchtigen Kanthölzern im Format 16:9. Genau, dass ist das moderne Fernsehformat und als solches soll es wohl die Aussicht in ein Fernsehformat bringen. Darauf muss man erst einmal kommen. Eine grandiose Aussicht dadurch verbessern zu wollen, dass man einen 16:9-Format drumherum baut. So liege ich denn auf der Liege (der Fernsehliege sozusagen) und schaue durch den Kasten in die weite Welt. Wie zu Hause, könnte ich sagen, wenn ich einen Fernseher hätte. Noch auf dem gesamten Restweg grübele ich, was mir das eigentlich sagen soll.

Wer die Runde ganz läuft kommt übrigens direkt auf der Terrasse vom Jagdhaus Wiese heraus und dort die Nacht zu verbringen ist recht empfehlenswert. Wobei, der Schäferhof etwas früher mit seinen altem Fachwerk und der kleinen Schafskulptur, welche mich ein bisschen an den berühmten Shaun erinnerte, sah auch sehr nett aus.



 
 
 
 
 

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4. Etappe – von Jagdhaus nach Hilchenbach

 
 
 
 
 

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Nach einer entsprechend entspannenden Nacht im Wellnesshotel Jagdhaus Wiese, starte ich früh mit der nächsten Etappe nach Hilchenbach. Der wahre Luxus ist dabei, dass direkt vor dem Hotelportal das erste Zeichen des Rothaartsteigs zu finden ist und man nach allerhöchstens 50 Metern bereits wieder vom Wald verschluckt wird. Ein sehr angenehm zu laufender und interessanter kleiner Pfad führt im Wechsel zu einigen wenigen Forststraßen hinüber zum Rhein-Weser-Turm. Erstaunlicherweise komme ich vorher am Potsdamer Platz vorbei, welcher jedoch wenig mit dem lauten Gegenstück in Berlin gemein hat.

Ich bemerke, dass ich den wenigen Menschen auf dem weg anders begegne. Normalerweise ist es ja so, dass sich Wanderer grüßen, weil man das ja so macht. Dabei wird Augenkontakt eher vermieden und ein hastiges „Servus“, „Grüß Gott“ oder „Hallo“ in den Raum irgendwo um den anderen Wanderer geschickt. Jetzt bemerke ich, dass ich schon viel früher Kontakt aufnehme. Neugierig bin. Wer kommt mir da entgegen? Ich suche den Blick und den Augenkontakt und selbst wenn es nur ein Nicken ist, so ist der Kontakt doch intensiver als jedes oberflächliche Grüßen. Das funktioniert sogar an den eher häufiger frequentierten Stellen des Steigs in der Nähe von Ausflugszielen oder Hütten, wo sich auch Spaziergänger hin verirren. Die sind allerdings von soviel „Begegnung“ mehr überrascht. Aber in den allermeisten Fällen positiv. Der Rothaarsteig lehrt Begegnung. Wer hätte das gedacht.

Der Rhein-Weser-Turm ist – ich möchte ihm nicht unrecht tun – immerhin verläuft hier die Wasserscheide zwischen Rhein und Weser, ein durchaus bemerkenswerter Ort und die Aussicht durch die kleinen Fenster ganz oben ist vermutlich auch exzellent. Aber er ist in seinem anthrazitfarbenen Schiefergewand und der konischen Form – nun ja – hässlich. Ich verzichte deshalb auf eine längere Rast und steige gleich weiter hinab ins Schwarzbachtal. Dabei überhole ich ein Paar mit einem jungen Hund. Der Hund versteht mich besser als das Paar, was nur zum Teil daran liegen kann, dass die beiden Holländer sind. Ist der Hund schließlich auch. Aber Körpersprache geht halt besser.

Das Schwarzbachtal ist eine der wenigen Stellen des Rothaarsteigs, wo dieser sich hinab bequemt in die Niederungen der Täler und über eine längere Strecke einem Bachverlauf folgt. Das klingt spannender, als es im ersten Drittel ist. Forststraße, im wesentlichen geradlinig. Die Deutsche Bahn lässt grüßen. Jedoch, nach einer kleinen Brücke, die Mountainbiker nehmen natürlich die Furt, finde ich mich wieder in einer wunderschönen Auenlandschaft. Die nächste Rothaarsteigliege ist meine und ich genieße die Rast. Keine Vögel. Es ist ruhig im Wald. Kurz überlege ich, ob ich wohl ein Hörproblem habe und die Vögel einfach nicht mehr höre. Jedoch dann, ein einzelnes zaghaftes Gezwitscher im Gebüsch. Der Rest ist wohl schon über die Berge Richtung Süden, die Brüder.

Es geht recht moderat hinaus aus dem Tal hoch zu einer asphaltierten Strasse auf dem Kamm, welche durch eine wenig attraktivere Schotterpiste abgelöst wird.

Ich habe nach den vergangenen Etappen noch viel zu viel Energie und denke, jetzt haust Du mal rein. Die Stöcke geben ordentlich Schub und der Weg fliegt nur so unter mir weg. Rein subjektiv.

Auch das Zinser Bachtal kann mich da nicht wirklich aufhalten. Ich komme in einem wenig zielführenden Geschwindigkeitsrausch.

Das merke ich jedoch erst als ich an der Ferndorfquelle abzweige hinunter nach Hilchenbach. Immerhin noch mehr als vier Kilometer. Die Sonne steht prall am Firmament, wie mir jetzt dann doch einmal auffällt. Und unter meinen Füßen ist steiler Asphalt. Sehr steil. Sehr lange. Eigentlich zu lange. Denn dummerweise mäandert der Abstieg noch die ein oder andere Kurve entlang bis er endlich oberhalb von Helberhausen herauskommt. Eine Bank kommt wie gerufen und ich gönne meinen armen Füßen etwas Luft. Die Aussicht ist wunderschön und der weitere Weg liegt klar vor mir. Selbstredend in der Sonne. Was soll ich sagen, die letzten zwei Kilometer sind wirklich fast noch schwerer als der Anstieg zum Kahlen Asten. Und das ohne Käsespätzle. Selbst Schuld.

Als ich endlich am Hotel angekommen bin, bin ich heilfroh, meine Füße entlasten zu können. Normalerweise wäre ein Abstieg nach Hilchenbach auch nicht zwingend notwendig. Der Rothaarsteigwanderer kann ab der Ferndorfquelle ohne weiteres direkt nach Lützel wandern. Kaum Höhenmeter. Mehr aus persönlichen Gründe, Hilchenbach ist ein Ort aus meiner Kindheit, den ich einfach gerne mal wieder gesehen hätte, habe ich mich für diese Variante entschieden. Und im Nachhinein, trotz der Strapazen des Abstiegs, habe ich sie nicht bereut. Denn der Hof 31, mein Hotel, ist wirklich ein Sahnestückchen für alle Innendesignfreaks. Da hat mal jemand mit viel Gespür für Farben und Formen ein Ambiente entworfen, wo es sich so richtig gut gehen lässt. Die Zimmer sind wirklich ein Traum. Sehr empfehlenswert!



 
 
 
 
 

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5. Etappe – Von Hilchenbach nach Hainchen

 
 
 
 
 

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Und am nächsten Morgen kann der müde Wanderer sehr einfach direkt zum Einstieg bei Lützel gelangen. Kaum hundert Meter vom Hotel ist der Bahnhof, und der stündlich verkehrende Zug bringt einen recht komfortabel hinauf nach Lützel, ein kleines, sehr verschlafendes Dorf. Wenn wundert's, ist ja noch nicht einmal acht in der Früh. Und für Wanderpuristen und staatlich geeichte Kilometerzähler sei angemerkt, dass mit dem Zug keineswegs Kilometer eingespart werden. Der Abstieg nach Hilchenbach entspricht in etwa der Distanz Ferndorfquelle nach Lützel.

Herbstliche Luft, kühl, der Nebel liegt noch über den Tälern,während die Sonne schon am tiefblauen Himmel steht und im Gegenlicht goldene Strahlen zum Boden schickt. Wow.

Und der folgende Weg durch das Edertal hinauf zur Ederquelle ist wirklich genial. Da ist es auch wenig abträglich, dass der gesamte Weg eine geschotterte Fahrstraße ist. Das obere Edertal mit seinen Auen und dem hindurch mäandernden Bach ist einfach nur himmlisch schön.

Oben kreuzt die Kohlenstraße, welcher ich hinab folge nach Benfe. Im Mittelalter war dieser Weg die einzige Möglichkeit, um mit langen Karawanen von Pferdefuhrwerken Holzkohle über den Berg zu den Eisenhütten zu schaffen. Noch heute sind teilweise die tiefen Furchen zu sehen, welche die schweren Karren in den Boden gezogen haben. Ich hätte kein Pferd sein wollen damals...

Ab Benfe ist der Weg nicht mehr ganz so geradlinig. Springt von einem Weg auf den anderen mit schnellen Richtungswechseln, aber immer gut ausgeschildert. Großenbach wird mit einer scharfen Rechtskehre bei einem Spielplatz im wahrsten Sinne des Wortes links liegen gelassen, um dann alsbald die Siequelle zu erreichen. Die aber auch nur kümmerlich vor sich hin plätschert.

Der Rothaarsteig verläuft jetzt über einige Kilometer sehr nett mehr oder minder parallel zur L722, auch „Eisenstrasse“ genannt. Das klingt schlimmer, als es ist. Um ehrlich zu sein, habe ich den Umstand erst beim Blick auf die Karte erkannt. Hören oder sehen vermag man die Straße nur selten. Dafür ist der Weg sehr abwechslungsreich und führt durch Wälder und Wiesen mit einigen kleineren An- und Abstiegen. Forstwege sind hier wirklich selten. Meist schlängelt sich der Weg auf schmalem Pfad mitten durch den Wald. Und das bis kurz vor dem Forsthaus Lahnquelle. Dort quert er noch einmal die Straße um dann im Bogen wieder dorthin zurückzukehren. Wer gerade ein moralisch/ethisches Wandertief hat oder wessen Füsse dringend einer Runderneuerung bedürfen, dem sei deshalb die Strasse empfohlen. Das Forsthaus ist vom Abzweig schon in Sichtweite und das Essen ist wirklich exzellent.

Nun ist es nicht mehr allzu weit bis zu meinem Ziel in Hainchen und der gesamte Rest nutzt wiederum uralte Handelswege. Eisen wurde hier verhüttet und dafür musste viel, viel Kohle über die Berge gebracht werden. Teilweise kann man noch die alte Pflasterung aus flachen, hochkant nebeneinander geschichteten Steinen erkennen.

Der Weg ist hier wieder einmal ein Grenzweg. Heute zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen, in früheren Tagen zwischen dem Königreich Preussen (auf den Grenzsteinen mit „KP“ abgekürzt) und Kurhessen. Hier passiere ich auch einen neueren Markierungsstein, welcher mir sagt, dass ich nunmehr 125 Kilometer auf dem Rothaarsteig zurück gelegt habe. Den 130 muss ich irgendwo verpasst haben, wiewohl ich noch die Schleife zur Dillquelle laufe, bevor ich den Abstieg nach Hainchen in Angriff nehme. Und das bei herrlich blauem Himmel und strahlender Sonne, was auch deshalb besonders schön ist, weil ich mich ganz zum Schluss gemütlich auf eine Terrasse setzen kann und mich neben einem leckeren Wein auch auf feines Grillfleisch freuen kann. Schwiegereltern haben doch auch so ihre Vorteile....


Fazit:
Der Rothaarsteig ist eine Wanderung wert und besticht neben seiner exzellenten Wegmarkierung und den zahlreichen netten Rastplätzen vor allem durch einmalige Weitblicke über das Sauer- und Siegerland. Höhenmeter sind nicht wirklich viele zu bewältigen und wenn, dann eher moderat an- oder absteigend.

Dafür sind Einkehrmöglichkeiten, insbesondere unter der Woche eher dünn gesät. Und bei nicht so freundlichem Wetter mit etwas mehr Wind und möglicherweise Niederschlag kann der Rothaarsteig als Kammweg natürlich unangenehm werden. Aus dem gleichen Grund sind Talwege an Bachläufen zwar vorhanden (Edertal oder Schwarzbachtal), aber im Großen und Ganzen doch eher in der Minderzahl.

Nicht zu verachten sind auch die täglichen Etmale von bis zu 32 Kilometern, wenn man den Weg in fünf bis sechs Tagen machen möchte.

Und im Vergleich zum Pfälzer Wald? Auf jeden Fall zu empfehlen.

Es sei denn, man möchte guten Wein trinken...



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • astrid 30.09.2012 | 17:40 Uhr

    Was für ein ausführlicher, interessanter Reisebericht nach dem ich direkt loslaufen könnte. Vielen Dank! Herzlichen Gruß, Astrid

  • ingepeter (RP) 01.10.2012 | 19:46 Uhr

    Ein Wanderbericht mit sehr persönlicher Note. Einige Strecken kenne ich und ich deine Beschreibung unbedingt bestätigen. Es ist eigentlich sehr schade, dass der Rothaarsteig nicht stärker begangen wird, aber das ist ja auch ein Vorteil. Ach ja, der Pfälzer Wald ist schon etwas ganz besonderes ..... Gruss Inge

  • doubleegg 02.10.2012 | 11:38 Uhr

    Wunderbar, wenn sich Wander- und Schreiblust so perfekt ergänzen! Der Bericht ist ein Genuss - so wie auch der Rothaarsteig (den ich leider nur auszugsweise kenne). Einen schönen Wanderherbst und gute Lese wünscht Elke.

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Der Weg am Rande der Sinne - eine Wanderung über den Rothaarsteig 5.00 4