Reisebericht

Reisebericht: Auf dem Karakorum Highway

 
 
 
 
 
Reisebericht: Auf dem Karakorum Highway

Die hier beschriebene Fahrt auf dem Karakorum Highway im Norden Pakistans fand vor mehreren Jahren statt. Zur Zeit wird die Straße ausgebaut und modernisiert.

 
 
 
 
 

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Wir sind in Gilgit, der Hauptstadt der autonomen Region Gilgit-Baltistan im Norden von Pakistan. Es ist November, der Winter naht, nachts wird es schon bitterkalt, und die umliegenden Berge sind von Schnee bedeckt. Vor 5 Tagen sind wir mit einer F-27 der PIA (Pakistan International Airlines) von Islamabad über die einzigartige Hochgebirgslandschaft des Karakorum hierher geflogen, und gestern sollte unser Rückflug sein. Eigentlich! Aber wenn man im Norden Pakistans unterwegs ist, muss man flexibel sein, denn das Wetter nimmt keine Rücksicht auf Flugpläne. Seit Tagen wird ein Flug nach dem anderen abgesagt, weil die Wetterbedingungen zu unsicher sind. Wie schwierig diese Route zu befliegen ist, davon konnten wir uns beim Hinflug überzeugen, als die Bergwände bedrohlich nah an unsere Maschine heranrückten. Wann denn wieder Flugwetter sein wird – niemand kann es uns sagen, so dass wir uns endlich entschließen, auf den Flug zu verzichten und uns einem öffentlichen Bus anzuvertrauen, der auf der Karakorum-Höhenstraße zwischen Gilgit und Rawalpindi verkehrt. Pünktlich am nächsten Morgen sind wir am Abfahrtsort und fahren – mit einstündiger Verspätung – um 08:00 Uhr los in Richtung Rawalpindi, ohne uns bewusst zu sein, worauf wir uns eingelassen haben.



 
 
 
 
 

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Für den Verlauf und die Sicherheit einer Autofahrt sind im Allgemeinen 3 Faktoren ausschlaggebend: das Fahrzeug, der Fahrer und die Straße. Bei dieser Fahrt von Gilgit nach Rawalpindi sehen diese so aus, dass nach mitteleuropäischen Maßstäben jeder Meter Fahrt eigentlich unzulässig wäre.



 
 
 
 
 

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Das Fahrzeug ist ein betagter und knallroter Bedford-Bus, der sicher schon bessere Tage gesehen hat. Seine Reifen haben wohl schon manche Karakorum-Fahrt überlebt, wären aber für jeden deutschen TÜV-Prüfer eine Provokation. Hinsichtlich des Zustands von Lenkung und Bremsen kann man nur hoffen. Bevor unsere Fahrt beginnen kann, muss etwa 45 Minuten lang etwas am Motor repariert werden, und bei jedem Halt muss der Fahrer an der Batterie manipulieren, damit der Motor wieder anspringt. In jeder Pause kriecht er unter seinen Bus, um irgendetwas zu schrauben, zu ölen, festzuziehen, zu überprüfen oder …? Ein Fahrzeugteil aber funktioniert bestens: die Hupe. Sie wird fast ununterbrochen betätigt, bei Kurven, bei entgegenkommenden Autos, um Menschen auf und an der Straße zu alarmieren oder zu grüßen oder aus purer Lebensfreude – so scheint es uns. Natürlich ist unser Fahrzeug massiv überladen. Zwar muss kein Passagier stehen, aber wo Platz für 2 Personen vorgesehen ist, sitzen mindestens 3-4 Fahrgäste. Mein Begleiter und ich sind die einzigen Ausländer an Bord, und selbstverständlich hat man für uns mit pakistanischer Gastfreundschaft 2 besonders gute Plätze direkt neben dem Fahrer frei gemacht. Dort sitzt man zwar bequemer als in der Mitte oder hinten im Bus, aber die freie Sicht nach vorn bedeutet auch, dass wir in den kommenden Stunden mehr als einmal dem Tod ins Auge zu blicken glauben. Auf dem Dach des Busses ist das voluminöse Reisegepäck der Passagiere zu abenteuerlichen Aufbauten gestapelt.



 
 
 
 
 

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Der Fahrer heißt Rasul, ist ein wild aussehender und energisch dreinschauender Gilgiti, eine Respektsperson mit 22-jähriger Berufserfahrung, wie er uns stolz erzählt. Er fährt brillant, holt aus dem Bus das Letzte heraus, überholt fast jedes Fahrzeug, wird selbst nie überholt und steuert auch Kurven, bei denen es links oder rechts 1000 m steil in die Tiefe geht, mit unbekümmerter Bravour an. Man fühlt, dass er sein Fahrzeug beherrscht, aber was, wenn nach einer Kurve plötzlich ein Felsbrocken im Weg liegt oder ein Fahzeug auf der falschen Seite entgegenkommt? Am schlimmsten ist es, als unser Chauffeur sich mit einem anderen Bus, der uns nicht vorbeilassen will, auf einer Gefällstrecke ein kilometerlanges Rennen liefert. Natürlich ist weder ein Auswechselfahrer noch ein offizieller Beifahrer mit an Bord, unser Rasul schafft alles ganz allein. Auf der langen langen Fahrt gibt es 3 kleinere Pausen auf freier Strecke oder an einem Rasthaus. Die Passagiere steigen aus, erleichtern sich, nehmen einen Tee zu sich oder beten. Nur einer scheint keine Pause zu benötigen, unser Fahrer, der immer irgendeine Arbeit an seinem Bus findet. Einschließlich der kurzen Fahrtunterbrechungen sitzt er heute ununterbrochen 15 Stunden am Steuer, die meiste Zeit in extrem schwierigem Gelände und viele Stunden bei Dunkelheit. Morgen – so erklärt er uns am Abend strahlend – werde er die ganze Strecke wieder zurückfahren. Allah sei weiterhin mit ihm.



 
 
 
 
 

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Die Straße, der Karakorum Highway, ist kühn und imponierend angelegt und gilt als höchstgelegene Fernstraße der Welt. Die Straße wurde als „Friendship Highway“ gemeinsam von Pakistan und China in 20-jähriger Arbeit von 1959 bis 1979 gebaut, wobei über 1000 Menschen durch Erdrutsche, Lawinen und andere Unglücke ums Leben kamen. Der Highway folgt der historischen Seidenstraße und verläuft über Hunderte Kilometer entlang des Indus. Er ist landschaftlich oft atemberaubend schön, meist auf halber Berghöhe gebaut mit steiler Felswand auf der einen und tiefem Talgrund auf der anderen Seite und eröffnet immer wieder fantastische Aussichten auf die spektakuläre Bergwelt. Wer den Karakorum Highway befährt, kann einige der höchsten Berge der Erde bestaunen, wie z.B. den Nanga Parbat oder den Rakaposhi. Der Verkehr ist zum Glück sehr mäßig, denn jedes entgegenkommende oder zu überholende Fahrzeug kann den Puls hochtreiben. Die übrigen Verkehrsteilnehmer sind LKWs, andere Busse, Pickups, Pferde- oder Ochsengespanne, Yaks oder andere Haustiere. So schön die Natur auch ist, über viele Stunden hinweg ist die Straße ein wahrer Alptraum. Es gibt lange Abschnitte, die von heruntergefallenem Material, darunter tonnenschwere Steinklötze, übersät sind. Meist ist dann eine Fahrspur frei geräumt, oft muss sich der Fahrer aber selbst einen Weg durch die Hindernisse bahnen. An anderer Stelle ist die Straße überflutet, weil Regenwasser nicht abfließen kann. Ein Stein trifft das Dach unseres Busses, zum Glück nicht schwer genug, um es zu durchschlagen. An über 10 Stellen ist die Straße ganz unterbrochen, d.h. entweder durch Geröll- und Steinlawinen verschüttet oder aber nach unten weggerutscht. Dann muss der Bus mühsam über eine Notspur kriechen, manchmal so, dass man feuchte Hände bekommt. So eindrucksvoll und majestätisch die Landschaft auch ist, nach einigen Stunden lernt man die Berge zu hassen und sehnt sich nach einer langweiligen Flachlandfahrt.



 
 
 
 
 

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Zu dem Zittern bei jeder Kurve kommt bei uns Ausländern ein weiteres Risiko hinzu: Wir müssen jede Polizeikontrolle fürchten – und davon gibt es mehr als genug. Ausländer dürfen diese Straße nur mit Sondergenehmigung passieren, und die haben wir wegen unserer kurzfristig geänderten Reisepläne nicht. Wir fallen natürlich immer auf, nicht nur bei den Kontrollposten, sondern auch bei einem Stopp in einem Ort, wo sich die Dorfjugend sofort neugierig um uns versammelt. Es gelingt uns aber überall, uns herauszureden, uns dumm zu stellen oder andere, amtlich aussehende Papiere vorzuzeigen.

Eine unerwartet positive Erfahrung bei dieser Fahrt sind die übrigen Passagiere. Unsere Mitreisenden – ausnahmslos Einheimische – sehen zwar aus, als seien sie gerade einem Karl-May-Roman entstiegen, aber sie zeigen sich als friedfertige, freundliche und hilfsbereite Zeitgenossen, die still und gottergeben jede Unbequemlichkeit auf sich nehmen und während der zweiten Rast gewissenhaft ihre Gebete verrichten. Von dem angeblich unerträglichen Gestank in pakistanischen Bussen ist nichts zu vermerken.



 
 
 
 
 

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Es verwundert nicht, dass der Karakorum Highway in Pakistan als besonders gefährlich gilt. In jeder Woche ist in der Zeitung zu lesen, dass wieder einmal ein Bus nicht an seinem fahrplanmäßigen Ziel sondern tief im Tal des Indus oder des Hunza-Flusses angekommen ist. Wie viele Opfer diese Straße bisher gefordert hat, niemand weiß es, aber die Zahl dürfte erschreckend sein. Wenn man diese 15-Stunden-Fahrt hinter sich hat, ist man froh, dass man sie gemacht hat. Empfehlen kann man sie aber nur jemand, dem Enge, Hitze, Hunger und Durst nichts ausmachen und der nicht ängstlichen Gemütes ist sondern Nerven wie die berühmten Drahtseile hat.

Der Karakorum Highway wird derzeit – wieder mit massiver chinesischer Hilfe – zu einer leistungsfähigen, ganzjährig befahrbaren Straße ausgebaut. Auf dem neuen Highway wird man dann schneller und sicherer unterwegs sein als hier beschrieben, aber ein Stück Abenteuer und Romantik wird dann auch verloren gehen.



 
 
 
 
 

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