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Reisebericht: Campesinos und KünstlerInnen
Nach meinen Costa-Rica-Missgeschichten habe ich mich entschieden nach Nicaragua weiter zu reisen. Leider ohne Kamera, die irgendwo in Costa Rica von jemand anderem verwendet wird.
Nicaragua 2012
Die Stimmung ist sehr friedlich auf der Terrasse des Albergue Celentiname. Senora Maria malt ganz konzentriert Reiher in einer üppigen grünen Umgebung, mit Schmetterlingen, Schildkröten, sehr idyllisch auf dem ersten Blick. Ein Krokodil lauert im Wasser, es gehört auch dazu, aber vielleicht repräsentiert es auch die Gefahr der Umweltzerstörung? Ich frage Senora Maria und sie bestätigt es; in ihren Bildern steckt eine klare Botschaft: Die von Umwelteinflüssen bedrohte Artenvielfalt mit allen Mitteln zu schützen. Sie ist Malerin und ziemlich bekannt.
Ich befinde mich auf der Isla San Fernando, eine des 36 Inseln des Solentiname Archipel, auf dem Nicaragua-See. Die meisten dieser Inseln sind nicht bewohnt, ausser Isla Maccaron, Isla Fernandez, La Venada und Mancarroncito. Ich wohne bei Senora Maria und Daniel. Eine sehr einfache Unterkunft, aber wunderschön gelegen, mit Kolibris, jeder Menge bunter Vögel, Schmetterlingen, Blumen und Lori, dem Hauspapagei, der sprechen kann. Er ist wirklich charmant! Senora Maria erinnert sich gut an die Zeit der Solidaritätsbrigade (1984), wann das Haus (ein paar Bungalows) bis zu 50 Leuten beherbergte. Daniel, ihr Lebensgefährt, ist während seinem Militärdienst ein Jahr in Kirgisistan gewesen und er erinnert sich sehr gerne an diese Zeit. Er lebt seit mehr als 25 Jahren in San Fernando und möchte überhaupt nicht woanders sein.
Ernesto Cardenal, sozialistischer katholischer Priester, Poet und Schriftsteller, Kulturminister während der Ära der Sandinisten, gründete hier in Solentiname, in der Zeit vor der Revolution (1965), zusammen mit dem Schriftsteller Willian Agudelo, eine Künstlerkolonie. Die Einrichtungen wurden 1977 von den Soldaten Somozas zerstört. Auf der Insel Maccaron schrieb er sein bekanntestes Buch: «Das Evangelium der Bauern von Solentiname».
Bei Senora Maria und Daniel, könnte man das Gefühl bekommen, nicht willkommen zu sein. Sie sind nicht unfreundlich, aber zurückhaltend, wie die meisten Menschen auf den Inseln. Ich versuche mit Daniel darüber zu reden und er gibt zu, dass sie sich eigentlich nicht wünschen, dass die Insel ein Ziel des Massentourismus wird. Die «Eindringlinge» werden freundlich aufgenommen, man ist bereit, die Natur mit ihnen zu teilen – jedoch nicht bedingungslos. Voraussetzung ist der respektvolle Umgang mit den wertvollsten Gütern der Insel: der Flora und Fauna.
Ich besuche verschieden «Ateliers», wo ganze Malerfamilien die Schönheit Solentinames in beeindruckenden Gemälden detailgetreu abbilden. Das Thema «Natur» dominiert die Bilder. Kein Guerillero mehr, der sich im Dschungel versteckt. Vögel, Schildkröten, Schmetterlinge und Fische werden aus dem leichten Balsa-Holz geschnitzt und bemalt. Viele von diesen Objekten werden nach Costa Rica exportiert.
Einen Besuch wert ist «El Museo Archipiélago de Solentiname (MUSAS)». Das Museum ist im Jahr 2000 gebaut worden, um die Geschichte des Inseln und des BewohnerInnen zu dokumentieren. Lokale KünstlerInnen haben die ursprüngliche Geschichte der Insel auf grosse Plakate bemalt, man findet interessante Karten mit Informationen über Archäologie, über verschiedene Fischereitechniken und über die Balsaholz Schnitzerei. Das Projekt wurde von der EU, von der «Asociación para el Desarrollo Rural de Africa y América Latina (ACRA)» und von Legambiente (Italien), unterstützt.
Auf dem Weg dorthin treffe ich Violetta, eine Nichte von Senora Maria, die in Managua lebt. Sie arbeitet bei einer NGO, die auf der Insel San Fernando Kurse für die Bauern organisiert. Sind nicht alle KünstlerInnen hier! Ein Problem auf den Inseln ist, dass viel gerodet wird. Das Holz wird vor allem zum kochen gebraucht. Es gibt eben Projekte für die Einführung von Öfen, die nicht zu viel Holz verbrauchen, aber die Leute hier mögen sie nicht, den Grund hat Violeta bis jetzt nicht herausgefunden.
Auf der Insel Mancarron, wo Ernesto Cardenal gelebt hat, gibt es neben der Kirche und dem Gedenkstein, eine Bibliothek und ein kleine Museum mit archäologischem Fund. Mehrere Unterkünfte sind hier vorhanden, aber wenig TouristInnen.
Ich würde gerne länger bleiben, aber ich will auch andere Orte in Nicaragua besuchen. Zurück in San Carlos, fahre ich mit dem Boot auf dem Rio San Juan nach El Castillo. Während der Bootsfahrt passiert etwas Fantastisches. Genau bei Sonnenuntergang treten Millionen Eintagsfliegen auf und bilden einen Superorganismus von unglaublicher Kraft. Die Luft und das Wasser sind gelb geworden und das Boot ist innerhalb kurzer Zeit voll mit ihnen. Das Spektakel ist aber schnell vorbei. Beim aussteigen muss ich über Tausende sterbende Eintagsfliegen balancieren.
Bei einem Militärlager wird das Boot kontrolliert. Es dauert eine Ewigkeit. Rio San Juan ist ein Streitobjekt in den (schon schwierigen) Beziehungen zu Costa Rica. Denn das Wasser gehört zu Nicaragua, das Südufer grösstenteils nicht. Er fliesst vom Nicaraguasee zur Karibikküste, durch teils unberührte Regenwaldgebiete. Auf costaricanischer Seite reicht die Siedlungsgrenze meist bis ans Flussufer. Der Bau einer Autobahn ist zum Glück eingestellt worden.
Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Rio San Juan Gegenstand eines ambitionierten Planes. Der Rio sollte für Seeschiffe ausgebaut werden, zwischen dem Nicaraguasee und dem Pazifik sollte ein Kanal die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik herstellen. Der Plan des Nicaragua-Kanals konkurrierte mit dem Plan das Projekt in Panama zu realisieren. Es wurde dann – wie man weiss – der Panamakanal realisiert. Im Oktober 2006 kündigte der damalige Präsident Nicaraguas Enrique Bolanos Geyer einen auf alten Plänen basierenden Bau des Kanals durch sein Land an. Der Kanal soll demnach 280 Kilometer lang werden und 18 Milliarden Dollar kosten. Schiffe mit einem Volumen bis zu 250.000 Tonnen könnten den Kanal benutzen, während der Panama-Kanal in seiner derzeitigen Form nur Schiffe bis 80 000 Tonnen erlaubt. (Der Erweiterungsbau des Panamakanals soll bis 2014/2015 abgeschlossen sein – zum hundertjährigen Jubiläum). Im Oktober 2009 gab es Verhandlungen mit der Regierung der Vereinigte Arabische Emirate über die Finanzierung des Kanals. Die Gespräche fanden zwischen dem Außenminister der VAE, Sheikh Abdullah bin Zayed und Daniel Ortega statt. Das Projekt solle mit Hilfe der Länder der Bolivarianischen Allianz (Alba) unter der Führung Venezuelas finanziert werden. Als Nicaragua 2011 begann, das Flussbett auszubaggern, kam es zu einem Konflikt mit Costa Rica. Damals stritt Managua allerdings ab, den Bau des Nicaragua-Kanals vorzubereiten.
El Castillo ist eine kleine, verschlafene Stadt am Ufer der Rio San Juan und die einzige Sehenswürdigkeit ist die Festung El Castillo de la Immaculada Concepcion, wo sich derzeit ein Museum befindet. Von hier kann man mit dem Boot weiter reisen, zu dem Naturschutzgebiet «Reserva Biologica Indio-Maiz». Das Reservat beherbergt unzählige Pflanzen und Tiere, ein weiterer Grund für die Ablehnung des Nicaragua-Kanals, der die Flora und Fauna stark gefährden würde.
Von San Carlos reise ich weiter nach Ometepe, mit der Fähre, 11 Stunden. Alle haben mich davor gewarnt, aber so schlimm ist es eigentlich nicht. Die TouristInnen können jetzt nur in der 1. Klasse reisen. Der Aufenthaltsraum ist extrem kalt und es stinkt. Ich bevorzuge, draussen zu bleiben und miete einen Liegestuhl. Viele Möwen folgen der Fähre und begleiten sie bis Ometepe, ununterbrochen. Ein Arbeiter erklärt mir, dass sie auf die Fische warten, die vom Propeller zerstückelt werden. Richtig portioniert! Interessant ist auch bei den verschiedenen Zwischenstopps, wo be- und entladen wird. Alles nur mit Muskelkraft. Frauen verkaufen Reis und Huhn, man kann schnell aussteigen und essen. Schlafen ist sowieso unmöglich, aber die Zeit geht relativ schnell vorbei.
Ungefähr um 1 Uhr erreichen wir Altagrazia .Die erste Nacht im Hotel Central, sehr empfehlenswert. Nach einem wunderbaren Frühstuck mit Gallo Pinto (ein traditionelles Gericht in Costa Rica, Nicaragua und Panama – gebratener Reis mit Bohnen, Rühreiern, Maistortilla, Käse, Kochbananen und Sauerrahm), fahre ich mit dem Bus nach Playa Santo Domingo. Zimmer mit vielen Fenstern, tolle Aussicht, aber leider zu viel Wind! Das Zimmer ist nicht isoliert und in der Nacht muss ich mich fast ans Bett binden! Vom Nicaraguasee weht ständig ein kräftiger Wind, vor allem in der Nacht. Der Sandstrand ist 4 Kilometer lang, und ausser Reiher, Geier, Ibisse und Leguane ist man allein. Am Morgen und am Abend lädt der See die Pferde zum trinken und Baden ein. Wunderschön!
Der Name Ometepe kommt von dem Nahuati-Wort «ometepl» und bedeutet «zwei Berge» und das sind die beiden Vulkane Concepcion und Maderas, die sich über die Insel erheben. Ometepe ist die grösste Seeinsel Zentralamerikas und der See selbst ist das einzige süsse Gewässer weltweit, das von Haien bewohnt wird. Vulkan Concéption (1610 m) ist aktiv und seine Spitze wird fast immer von Wolken verdeckt, wie eine weisse Kappe. Vulkan Maderas (1365 m) ist erloschen und mit dichtem Wald bewachsen. In seinem Krater befindet sich eine Lagune.
Die etwas 35 000 EinwohnerInnen der Insel sind Nachfahren der Nahua-Indianer, die schon vor mehr als zweitausend Jahren dort gesiedelt haben. Als Tourist hat man hier das Gefühl in einem Paradies gelandet zu sein, aber die Realität für die EinwohnerInnen ist ganz anders. Hier herrscht Arbeitslosigkeit von und bis 90 Prozent. Die meisten Leute sind campesinos und arbeiten für den Eigenbedarf. Auf vielen Stellen gibt es kein Trinkwasser und vom Seewasser werden die Leute krank. Die medizinische Versorgung ist leider auch kritisch. Die Regierung von Daniel Ortega hat 2011 beschlossen einen internationalen Flughafen in der Nähe von Moyogalpa zu errichten. In März 2012 war der Bau fast fertig und wahrscheinlich wird der Flughafen jetzt schon betriebsbereit sein. Laut den Tourismus-Behörden besitzt die Insel ein hohes touristisches Potenzial.
Ich besuche verschiedene Projekte, wie zum Beispiel Finca Magdalena. Die Finca ist eine 350 Hektar grosse Bio-Farm und Sitz der Kooperative Carlos Diaz Cajina, die sich mit ökologischem Kaffee- und Kakaoanbau beschäftigt. Die Genossenschaft umfasst 24 Mitglieder und ihre Familien. Das Restaurant hat eine wunderschöne Terrasse, mit Blick auf den Vulkan Concéption. Ein Kooperative-Mitglied führt mich ein wenig herum. Schlafen kann man hier auch. Viele junge Volontäre aus der ganzen Welt sind da.
In Balgüe und Umgebung gibt es auch andere Projekte und preiswerte Unterkünfte oder Öko-Lodges. In Santo Domingo befindet sich das Projekt «La Esperanza», eine Klinik, Vorschule und Schule, wo Kinder und Erwachsene gratis lernen können. Die Kinder erhalten täglich eine Speisung und regelmässig ärztliche Untersuchungen. Monika und Michael Höhn aus Deutschland haben 1993 – gemeinsam mit nicaraguanischen Freunden – das Ometepe-Projekt Nicaragua ins Leben gerufen.
Fast täglich gehe ich nach «El Ojo de Agua», eine schöne private Oase, die am Wochenende viel besucht wird. Sie besteht aus zwei Schwimmbecken, umgeben von grossen Bäumen und von einer unterirdischen Quelle gespeist. (Es wird mir versichert, dass das Wasser eine heilende Wirkung hat und ewige Jugend verspricht!)
In der Gegend um das Naturschutzgebiet Chaco Verde ist es weniger windig und der See ist auch viel ruhiger. In der Mitte des Reservats liegt der smaragdgrüne See Charco Verde. Die Lagune verdankt ihre eigentümliche Farbe den vielen Algen, die darin wachsen. Man kann einen Rundgang machen und dann im Restaurant ein leckeres Ceviche essen. Ceviche besteht aus kleingeschnittenem, rohem Fisch verschiedener Sorten, der ungefähr 15 Minuten in Limettensaft mariniert wird. Dazu kommt Chili und Koriander.
Bei einem Spaziergang in der Umgebung von Altagrazia halte ich im Hotel-Restaurant Tagüizapa an. Hier kann man einen riesigen Kapokbaum bewundern – angeblich der älteste dieser Art auf Ometepe. Tagüizapa ist eine der wichtigsten archäologischen Fundstellen auf Ometepe. Bisher wurden hier 4 grosse Steinskulpturen ausgegraben.
Julio Guillén, Ko-Besitzer des Restaurants, ist Komponist und Sänger, spielt Akkordeon und improvisiert ein kleines Konzert, für mich allein. Ein Abschiedskonzert.
Nach zwei Woche verlasse ich Ometepe, ein bisschen traurig bin ich schon. Ich fahre mit dem Boot nach San Jorge, dann mit Bus nach Rivas und weiter nach San Juan del Sur, an Nicaraguas südlicher Pazifikküste entlang. Bekannt ist San Juan del Sur für seine schönen Strände und Wellen, die immer mehr Surfer anziehen. Der Ort ist sehr touristisch und entlang der Strandpromenade reihen sich Restaurants und Bars, von denen man schöne Sonnenuntergänge geniessen kann.
Von hier kann man mit dem Bus zur Grenze nach Costa Rica fahren. In Penas Blancas angekommen geht es los! Ich werde von jungen Leuten völlig überrumpelt. Sie bieten mir an, für mich die ganze Grenzformalität mehr oder weniger gratis zu erledigen, mit der Behauptung, dass sonst alles sehr schwierig sein könnte. Es ist nicht wahr! Schwierig ist es nicht, nur mühsam und sehr chaotisch.
Wieder in Costa Rica fahre ich weiter mit dem Bus nach Liberia. Diesmal klappt alles wunderbar.
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