Reisebericht

Reisebericht: Mit den Leningrad Cowboys nach Timbuktu

 
 
 
 
 
Reisebericht:  Mit den Leningrad Cowboys nach Timbuktu

"Thiiis is yourrrr Käptn Alexandrrr speaking.....in a few Minutes we are going to land on Timbuktu interrrrrnational Airrrrporrrrt..."

Air Mali oder There´s no better Way to Fly

"Thiiis is yourrrr Käptn Alexandrrr speaking.....in a few Minutes we are going to land on Timbuktu interrrrrnational Airrrrporrrrt..."

Ich habe es fast geschafft - UND vermutlich werde ich es wohl auch überleben.

Als ich wenige Stunden zuvor am Flughafen der malischen Hauptstadt Bamako die Maschine der staatlichen Fluggesellschaft Air Mali betrachte,die uns nach Timbuktu fliegen soll, kommt mir schlagartig wieder ins Gedächtnis, dass ich als junger Mann unter Flugangst litt: eine alte, klapprige, optisch nicht sehr vertrauenswürdig daherkommende russische Antonow soll also unser Transportmittel nach Timbuktu sein. Timbuktu. Kaum ein Name, kaum eine andere Stadt ist mehr Synonym für Abenteuer und das geheimnisvolle, unbekannte Afrika und ferne Länder generell. Timbuktu.Ein Mythos. Wenn ich Mali bereise, dann will ich auch nach Timbuktu. Punkt.

Bislang hatten wir dieses bettelarme westafrikanische Land mit seinen herzlichen Bewohnern von Bamako aus mit dem Landrover bereist. Hatten die beeindruckende Lehmmoschee in Djenne, den Fischmarkt in Mopti und das Land der geheimnisvollen Dogon besucht. Doch der Bani - ein Nebenfluss des Niger - und der Niger selbst waren stark über die Ufer getreten und hatten das Umland derart überschwemmt, dass der Landweg unmöglich mit dem Auto zu bewältigen schien. Daher wählten wir für die Anreise nach Timbuktu den Luftweg.

Nachdem ich also die Antonow begutachtete, auf die Abfertigung und den
anschließenden Checkin warte, wächst mein Unbehagen, als ich die Crew
erblicke, die sich unserem Flieger über die Landebahn hin nähert: ohne jeden Zweifel
handelt es sich meiner Einschätzung nach um sonnenbebrillte Russen, die im
Entengang lässig hintereinander hermarschierten und dabei eine geradezu frappierende Ähnlichkeit mit der legendären finnischen Musikertruppe "The Leningrad Cowboys" aufweisen. Einer der Männer torkelt stark und muss von den anderen gestützt werden.

Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel und flehe, dass es sich bitte,bitte bei dem schwankenden Herrn nicht um unseren Flugkapitän
handelt. Der Rest der Truppe kommt optisch auch nicht viel vertrauenswürdiger daher. Gaukelt mir meine von der flirrenden Hitze getrübte Wahrnehmung einen Streich vor
oder wandert tatsächlich eine Flasche Wodka von Hand zu Hand,jeweils gefolgt von einem kräftigen Schluck aus der Pulle?
Ich vertreibe meine düsteren Gedanken damit, dass ich mir die anderen Flugzeuge auf dem Rollfeld anschaue.
Grad wird eine vollbesetzte Maschine der Cameroon Airlines von einem Carrier in Startposition gezogen. Das erstaunliche: Der Carrier brennt lichterloh! DAS scheinen
mittlerweile sowohl die Besatzung der Camaroon Airlines, als auch der Fahrer des
Carriers realisiert zu haben, der sich- die Situation vermutlich realistisch einschätzend –
mit einem eleganten Sprung aus dem Cockpit von seinem Arbeitsgerät entfernt und
in sichere Gefilde über die Rollbahn flüchtet- und die Kameruner Maschine ihrem Schicksal überlässt.

Einige andere Besatzungsmitglieder lehnen in der Cockpittür und bestaunen den munter vor sich hin lodernden Carrier, der durch eine Zugstange maximal drei Meter von der vollbesetzten, vollgetankten Boeing entfernt steht;scheinbar relativ ruhig beratschlagend, wie wohl weiter zu verfahren sei. Aber Hilfe naht!: durch schräges Sirenenjaulen angekündigt, nähert sich mit einem Höllentempo ein Löschfahrzeug der lokalen Flughafenfeuerwehr. Ah. Man ist auf Zack!

Als das Löschgefährt noch circa 15 Meter von dem brennenden Carrier entfernt ist ,
hält es leicht schlingernd an. Und – Wasser marsch! Ein etwa dreifingerdicker erdbrauner Strahl tritt - fast mitleiderregend anzuschauen - aus der Löschkanone. Und platscht gut fünf Meter von dem Flammenherd entfernt auf den heißen Asphalt der Rollbahn.


Zögerlich tastet sich das Löschfahrzeug-die Besatzung vermutlich in Todesangst- nun Meter für Meter näher an den brennenden Carrier heran. Bestaunt von der immer noch in der Cockpittür stehenden Besatzung der Cameroon Air.
Ob die Passagiere von dem Vorfall überhaupt unterrichtet wurden oder gar
bemerkten, bleibt pure Spekulation. Endlich hat sich das Löschfahrzeug so dicht herangepirscht, dass der Wasserstrahl den Carrier erreicht. Und kurze Zeit
später ist das Feuer dann auch gelöscht, von der Besatzung mit frenetischem
Jubel kommentiert . Na also. "Hakuna Matata" würde jetzt wohl der Swahili
sprechende Afrikaner gutgelaunt anmerken. Nur Immer die Ruhe bewahren. Der
ausgebrannte Carrier wird kurze Zeit später abgekoppelt, ein neuer vor die Maschine gespannt. Und nach wenigen Minuten steigt die Boeing der Cameroon Airlines in den strahlend blauen afrikanischen Himmel, als habe der Vorfall niemals stattgefunden.

Meine Freude auf den bevorstehenden Flug ist durch diesen Vorfall nur bedingt gewachsen. Aber was muss, das muss. Ich tröste mich damit, dass durch einen Flugzeugabsturz über Timbuktu zu Tode kommen ein Abgang wäre, um den mich meine Freunde ganz sicher beneiden würden.(„Klar. Der kann ja nicht einfach vor nen LKW rennen…“) Das hätte ohne Zweifel schon Stil.

Derart positiv selbstinstruiert, zwängen wir uns also in unsere Sitze. Christina ist die Ruhe selbst –während ich es nur vorgaukel. Wo sind die Notausgänge? Frei zugänglich? Oder stehen Ziegen davor? Platz wird in Afrika in der Regel auch maximal genutzt. Nein. Alles OK.Gut.
„This is yourrrrr Cääpptain Alexander………“ Gütiger! Der Leningrad Cowboy! Und da ist doch ein deutlich vernehmbares Lallen in seiner Stimme! Ich murmel irgendein Mantra und rede mir ein, dass mir sowieso nur meine Fantasie Streiche spielt. Die hochfrequent drehenden Propeller der Antonow versetzen die Maschine in Vibrationen, die Bremse wird gelöst – voller Schub! – die Maschine schnellt nach vorn. Und steigt schon wenige Augenblicke später in den Himmel. Ich schnaufe durch und versuche mich zu entspannen. Gerade, als ich mir vor mich hinlächelnd einrede, vermutlich doch nicht wie „Der englische Patient“ zu enden, werden meine schlimmsten Befürchtungen Realität: dichter weißer Rauch quillt aus den Gepäckvorrichtungen. OH GOTT – die Maschine brennt – doch „Englischer Patient!“ Christina stupst mich an: „Schau. Die Bordklimanalage. Ob die Trockeneis dafür nutzen? Sieht witzig aus. Fast wie Rauch.“ Ich stammel irgendwas schwachsinniges und tue so, als habe ich das natürlich gewusst.

Um mir die gut einstündige Flugzeit zu vertreiben, schaue ich mir die Passagiere an: rechts im Gang neben mir sitzt ein alter Afrikaner mit einem schneeweißen Boubou, vor und hinter mir Frauen und Kinder in der schönen, typisch farbenfrohen Landestracht der Westafrikaner. Christina und ich scheinen – neben der Besatzung – die einzigen Toubabs an Bord zu sein. Doch – halt. Schräg vor mir sitzt ein hellhäutiger älterer Herr, bekleidet mit einem abgewetzten senffarbenen Tweed-Anzug und Tropenhut. Der unvermittelt beginnt, die amerikanische Nationalhymne zu singen. Mehrfach unterbrochen von einem hysterisch klingenden Kichern und Glucksen. Ich stupse Christina an und mache sie auf den Herrn aufmerksam. „Na ja. Hast du mal auf das Datum geschaut?“ Ich erstarre: es ist der 11. September. Vor genau einem Jahr flogen von Al Qaida gekaperte Verkehrsmaschinen in das World Trade Center und töteten tausende Amerikaner. Will er die Maschine über Timbuktu zum Absturz bringen? Rache für 9/11?
Ich beschließe: steht der Knabe auf und bewegt sich Richtung Cockpit, hau´ ich ihn um! Ohne Vorwarnung!
Aber der Herr bleibt gottlob in seinem Sitz. Kichert dann und wann vor sich hin und stochert ansonsten höchst konzentriert wirkend mit dem Bügel seiner Brille ausgiebig in seinen Gehörgängen rum.

Der Schub der Triebwerke wird gedrosselt, die Maschine setzt zum Landeanflug an. Touchdown.
Die Maschine rollt aus.
„This is youuur Captäääään Alexanderrrr speaking-hicks-we hääve ländet on Timbuktu-hicks- internäschel Äääärrport…”

----------(Im September 2002 - JEDES Wort ist wahr! )-------------

Anmerkung: Von diesem Trip habe ich leider so gut wie keine Bilder mehr. Einige wenige analoge Fotos werde ich noch einscannen und nachreichen. :-)



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • edwingrub (RP) 13.08.2012 | 11:00 Uhr

    Da bin ich aber froh, dass Du das überlebt hast und uns diese skurrile Geschichte erzählen konntest!

    Das Ganze "schreit" nach einer Verfilmung, am Besten mit Oliver Pocher in der Titelrolle :-) - aber Du bist natürlich frei in der Auswahl der Schauspieler.

    Gibt es eine Fortsetzung? Wurdest Du in Timbuktu verhaftet?

    Liebe Grüße,
    Edwin

  • Schili 13.08.2012 | 12:46 Uhr

    Nein. Ich wurde nicht in Timbuktu verhaftet. Aber - um diese drollige Polizeistation besichtigen zu dürfen, stelle ich mich dem diensthabenden Polizisten dort als..öh..."Polizeichef von Deutschland vor, der diese Station mal inspizieren wolle.." Ich durfte tatsächlich. Und musste mich dort in das ausliegende "Ehrenbuch" eintragen....auch das ist wahr...:-) Daher auch das Foto. Niemals! hätte ich einfach so gewagt, eine polizeiliche oder militärische Einrichtung in Afrika zu fotografieren bzw. mich davor fotografieren zu lassen, ohne ausdrücklich dafür eine Einwilligung erhalten zu haben. Da versteht man in Afrika keinen Spaß, da landet man(auch als Europäer)ganz schnell im Gefängnis! Und das ist keine witzige Angelegenheit.
    Vor einigen Wochen sah ich in einer TV-Reportage, dass islamische "Rebellen"(in Afrika i.d.R. eine schmeichelhafte Bezeichnung für die größten Verbrecher...) diese Polizeistation komplett zerstört & verwüstet haben....das hat mir fast das Herz gebrochen...:-( Viele Grüße aus Köln.

  • Blula 20.08.2012 | 19:32 Uhr

    Wie ein Live-Erlebnis....!
    Ich bin durchgeschüttelt .... und begeistert von diesem lebendigen Bericht.
    Klasse!
    LG Ursula

  • trollbaby 31.08.2012 | 19:51 Uhr

    Köstlich, einfach köstlich Dein Bericht!!! Kurz vor einem eigenen Flug jedoch nur bedingt als Lektüre zu empfehlen, es sei denn, man ist absolut gegen Flugangst gefeit! :-)
    Aber Spaß beiseite... Schön, dass Du Timbuktu zu einer ruhigen Zeit besuchen konntest. Was jetzt dort abgeht und wieviel schon zerstört wurde... ich mag gar nicht daran denken. :-(
    LG Susi

  • moho 17.09.2012 | 07:44 Uhr

    fürchterlich lebendig und wie Susi schreibt: köstlich, einfach köstlich...
    Ich hab mich vollsten amüsiert. Wunderbar mitfiebernd geschrieben!
    LG Moni

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