Reisebericht

Reisebericht: Indien in einem Zug - letzter Teil

 
 
 
 
 
Reisebericht: Indien in einem Zug - letzter Teil

Ja eben, so war es dann, irgendwann war diese fast lunatische Indienreise zu Ende. Dieser indische Zugtrip durchs Nichts..., wo dann doch noch was war: Janzi, Lucknow, Gorakhpur... Und dann noch diese beschauliche Busfahrt, den ersten Wehen des Himalyas hoch, bis Kathmandu, wo ich diese Reise (Indien im Zug) literarisch festgehalten habe. Ob mir das gelang, wissen die Geier!

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Indien in einem Zug - 3. Teil (Ende)

Nur noch etwa 600 Kilometer, ein Klacks! Mein Sitz war am Gang, gegenüber einem Sechserabteil schweigender Inder. Neben mir ein junger Kerl. Alle strahlten mich an, wie einen anzulächelnden Fremden. Elektrisch quasi, auf Knopfdruck, ohne dass ich genau wusste warum. Ich gab mir Mühe, zurück zu lächeln, aber es fiel mir schwer. Entfernt hörte ich das Nebelhorn der Lokomotive, dann fuhr der Zug langsam an. Er kam aus Bombay und man sah es ihm an! Er sah ausgeglüht aus, nachdem er Ewigkeiten durch die brütende Vorhölle Zentralindiens gefahren war. Jeder sah gerädert aus. Ich hatte keine Ahnung warum hier Jeder grinst, dem ich einen Blick zu warf.

Janzi zog langsam und dann immer schneller an den offenen Zugfenstern vorbei. Endlich mal eine Stadt, dachte ich. Endlich mal MENSCHEN, die das Land besiedeln, nicht nur Land, das sich selbst gehört und ein paar Ziegenhirten. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass ich 3000 Kilometer durch eine PAMPA gefahren war, ohne mehr Köpfe zählen konnte, als vielleicht deren Tausend. Wo war die Dichte, in diesem doch ach so vollen Land? Wo waren Menschen in ihrer menschlichen Essenz. Also Städte, die ich mehr noch als Natur, heutzutage suche und irgendwie liebe. Und sei es nur, dass ich mich nicht einsam fühle.

Was hatte ich für verrückte STÄDTE erlebt, in den letzten zwei Jahren! Noumea, Luganville, Honiara, Gizo, die kleine Shitstadt da, in Neuguinea, wo mir gar der Name entfallen ist, wo ich aber die ganze Schule fotografiert hatte. Ich bin dort geschwelgt in primitiver Poesie und konnte mich nicht satt sehen, an den Werken der jungen Künstler, mit denen die ganze Schule angemalt war. Es war mein Abschied an die Südsee, nur wusste ich das dort noch nicht. Inzwischen weiss ich es aber.
Es war die „Wallace Line“ der Kunst... Hier hörte die Freiheit auf! Die Freiheit der Kunst... Bis hier geht sie, bis Alotau – jetzt fällt mir der Name wieder ein - der östlichsten Stadt Papua Neugineas. Hier brennt sie noch ordentlich, in den Seelen der Künstler! Hier wird noch dem schieren Nutzen ein Gesicht gegeben!
In Australien, auf der Insel Thursday, war auch eine Stadt, und spätestens da war der Ofen aus! Durch suchende Künstleraugen betrachtet ein blinder Fleck. Beziehungsweise, Kunst kommt von Kunstmuseum. Also gehört es auch da wieder rein. Ab hier wird Kunst eingesperrt in Sonderdenkzonen! Und dann Gove, die Bauxitmetropole am westlichen Ende des Carpenteria Golfes. Eine Stadt zum Nutzen der Welt, mit einer monströsen Industrielandschaft, wie Charly Chaplins „Modern Times“ in einem Freilichttheater nachdem man jedes Zahnrad ins Zehnfache vergrössert hat. Mit einem sensationellen Kunstmuseum aber, das ich mir gerne näher angeschaut habe, damals, vor über einem Jahr, als ich fast mein Schiff verkauft hätte, weil ich ja WUSSTE, dass ab hier der Ofen aus ist! Bzw. nur noch im kommerziellen Kontext in gekachelten Cheminees das Kreative ab und zu mal aufflackern darf, aber meistens nur glimmt, um nicht von den Geschichten der Reichen abzulenken.

Und dann Dili, wo ich sechs Monate war. Alle Menschen dort waren entweder UN Mitarbeiter, bettelarme Einheimische, stinkreiche Einheimische mit etwas portugiesischem Blut, Australische Ölplattformspezialisten, schneeweisse Weltbankmanager, katholische Priester, Chinesische Werkzeughändler oder schwule Englische Friseure. Eine gute Mischung also, wo ich viel getan kriegte, dem Schiff die bislang komplizierte Revision angedeihen liess, aber ab und an auch das eine oder andere Krokodil wegscheuchen musste, während ich am Propeller arbeitete.

Bima in Indonesien, gepfeffert mit exotischer Poesie, mit Pferdekutschen sogar. Und dann etwas später Denpasar auf Bali, wo die Hauptverkehrsadern in Etwa wie in Zürich aussehen, bloss dass sie etwas sauberer wirken. Auch hier gibt es noch Chinesen in Werkstätten, wodurch ich endlich meine Selbststeueranlage bauen konnte. Dass sie funktioniert, habe ich dem jungen Chinesen in der Werkstatt zu verdanken. Irgendwie liebe ich „Made by a Chinese“, aber NICHT Made in China...

Von der KÜNSTLERISCHEN Seite her, fand ich Bali aber eher fade! Ein Feuerchen der Kunst nach dem anderen, emsig am Leben gehalten in einer bunten Boutique, aber nie das Dach ergreifend, gar die Mauern der Konventionen abbrennend, ausser ein Künstler schläft mit seinem Joint ein.

Nein, Bali hat mir nicht so viel gesagt, in Worten der Kunst. Sicher, und ich hoffe es, gibt es hier und da lodernde Hütten am Mount Agung Agung, wo wahrlich Kunst entsteht, aber selten erreicht diese die kulturellen Tiefebenen von Kuta bis Legian. Irgend eine WIRKLICH neue Stilrichtung, irgend ein kreativer AUFSCHREI eines zu Tode Gelangweilten, ist mir nie unter mein suchendes Auge geraten dort. Leider sage ich das praktisch ohne Mitgefühl für die in Bali lebenden Künstler. Ist es doch an ihnen alleine, der Welt zu zeigen, dass nicht nur Dinge und Kitsch aus Bali kommt, der aussieht, als ob er aus Bali kommt... Wo seid ihr bloss, Künstler dieser erhabenen Insel der Götter? Seid ihr so abgehoben, dass niemand euch noch sieht?

Hier hatte ich endlich auch die geografische Wallace Line überquert, die grosse Naturscheide zwischen Eurasien und Austronesien. Kulturell gibt es sie auch, aber sie befindet sich weiter im Osten und interessiert auch niemanden, weil..., was will man noch von Kultur wissen, wenn man andauern von ihr umstellt wird mit dies und das an kulturellen Angeboten?

Die nächste Stadt war Galle und diesem Namen wurde sie auch gerecht. Südasien, Ceylon, kurz nach Kriegsende. Colombo war einiges besser, obwohl auch ganz schön kaputt. Aber Colombo war im Aufbau, dass es eines Tages eine Stadt wie viele andere wird, mit Mac Donald, Chinesischer Botschaft und irgendwo einem Biergarten für Schweizer und Deutsche.

Cochin in Südindien war dann der volle urbane Genuss! Ein Schutzgott muss die Hand über das alte Fort halten, dass es dort so viele riesige Bäume gibt, unter denen eine ganze Stadt entstand, ohne sich ihrer Baumriesen entledigen zu wollen. Ein Traum in mystischem Grün und Portugiesischem Weiss, Holländischem Rot und Indischer Musik. Die älteste Synagoge Asiens, eine der ältesten Kirchen Asiens, alles alt, bloss die Einwohner nicht. Eine wahre KINDERSTADT, voller Karies und toten Fischen in den Kanälen.

Schneller als ich erwartet hatte waren wir wieder auf dem Land unterwegs. Felder soweit das Auge reicht, Hochspannungsleitungen, die erste Autobahn. Das Land aber weit und leer. Hütten mit davor sitzenden Bauern, Motorräder auf einsamen Feldwegen, Staubwolken hinter sich her ziehend. Auf gerader Strecke brauste der Zug durch trockene Ödnis, aber der Schiene folgte ein Bewässerungskanal, wo noch etwas Wasser floss. Bäume standen in grüner Pracht Spalier. Enten flogen auf und davon, es gab wieder Raben und auch eine Art riesige Fischreiher flogen dem Zug beiseite, bevor sie mit riesigen rückwärts schlagenden Schwingen, sich wieder am Rand eines Moors aufbauten. Ich sah eine Art Hirsche, aber auch Füchse, die vom Dröhnen des Zuges erschrocken wurden, wodurch man sie leicht im hohen Gras davon rennen sehen konnte. Am Himmel flogen Bussarde oder Adler, selten stand irgendwo ein Mensch. Auch Traktoren sah ich keine auf den riesigen Feldern, oder vor den Häusern in den Käffern, an denen der Zug vorbei raste, nachdem der Kapitän das Nebelhorn gezogen hatte.

Ich fühlte mich auf einem Meer, dem das Wasser abgelaufen war, und jetzt war es ein Jammerland, jedenfalls wenn man darauf leben muss. Nicht weit hinter dem Kanal wirkte das Land wie ein Schrei nach Wasser.

Meine Mitfahrer waren entweder eingenickt oder am Schweigen, was die letzte Konsequenz jeder langen Zugreise ist. Im Flugzeug ist man auf Adrenalin, zumindest am Fenster wird man an alle Wunder der Welt erinnert, und an die technischen Wunder, wenn die Landeklappen ausgefahren werden. Wer kann da am Ende schweigen? Im Schiff unterwegs hat man eine verrückte Welt für sich alleine und auch das Wetter ist ein beliebtes Thema auf Schiffen, im Gegesatz zum Zug. Kein Seefahrer schweigt bei der Ankunft. Aber im Zug, da wird am Schluss nur noch geschwiegen und mit starrem Blick in eine Ecke geschaut. Auch in Indien.

Es war schon Nacht, man sah Lichter am Horizont, als der Zug immer langsamer rollte und schliesslich hielt, ohne dass man einen Bahnhof erkennen konnte. Wir waren in die Aussenbezirke einer grösseren Stadt geraten. Neben den Schienen chaotisch geordetes Land, wenige Meter hohe Hügelchen, vomm mit Hütten, dazwischen Senken mit stehendem Wasser, wo Kühe tranken. An vielen Stellen brannten Feuer, die ganze Szenerie war in Rauch gehüllt und flackerndes rötliches Licht.

Endlich schien ich mir in Indien angekommen! Kinder, Kinder, Kinder! Sie jagten dem stehenden Zug entlang, bettelten den Zugfenstern hoch, oder verkauften gegrillte Maiskolben, die sie an einem Spiess trugen und diesen den Käufern mitten ins Gesicht streckten. Ein Geschrei, als wären überall Verletzte. Ich hielt mich bedeckt hinter dem Zugfenster, um nicht als potentieller Gönner entlarvt zu werden, als Kuriosität, der man bis zur Abfahrt vor den Augen rumzuwedeln hat, um danach ein paar Rupien aufzusammeln.

Mir stockte der Atem vor Schmerz, als auch Geruch. Dante 2.0. Abfall wohin man nur schauen konnte! Plastikflaschen, Kartons, Dosen, und nochmals Plastik. Hier auf ERDE unter den Füssen zu stossen, war reine Illusion!. Eine Ghetto auf linear verlegter Müllkippe, schrieb ich ins Notizbuch, denn dass es auch in die Tiefe gehen könnte, sich breit und tief ins Land fressen könnte, vermochte ich mir einfach nicht vorzustellen! Hoffentlich eine Ausnahme, wie diese ärmsten der Armen hier leben, schrieb ich ungeniert. Vielleicht DIE Chance, hautnah durch ein „richtiges“ Getto zu fahren... Zieh es Dir GUT rein! Hier ist der Inder in seinem Element! In Dreck und Müll!

Aber auch in seiner elementaren Herzlichkeit, die einem Mitteleuropäer schwer gelingen würde. Der Zug hielt nun bereits eine halbe Stunde, warum wusste niemand und fragte sich wohl niemand. Viele Passagiere hingen tratschend an den offenen Fenstern und liessen sich gegrillten Mais hochreichen, oder in Öl gebackene Teigklumpen, die nach Staub schmeckten. Küchen waren überall am rauchen, es gab auch elektrische Lichter in manchen Hütten, die Gleisböschung wimmelte von schreienden Verkäufern, aber alles ging eher im fahlen Licht der flackernden Müllfeuer vor sich, deren Geruch mir von Anfang an unerträglich war. Aber ansonsten niemanden zum Klagen brachte, wenn mich die essenden Inder nicht täuschten.

Schliesslich ertönte ein Nebelhorn am Horizont, ein Zug donnerte steuerbord an uns vorbei, dann kam auch unser Zug wieder in Fahrt. In Fahrradtempo fuhren wir einer Allee Gettos entlang, dann war der Bahnhof Lucknow angesagt, aus sich überschlagenden Lautsprechern. "LUCK NOW!" Ein hübsch kommunistischer Name rate ich, aus den Gründerzeiten des modernen Indiens vielleicht. Eine Arbeiterstadt wohl, rauchend Kamine, Gewerkschaftsbosse. Der indische Traum: So zu werden wie England! Und zwar SOFORT: Lucknow!
Es hatte mehrere Perrons neben unserem stehenden Zug. Auf zweien davon waren Kühe am Abfall durchsuchen, was ich schon rein technisch als hinderlich betrachte - und mir nie hätte vorstellen können! Auf den Strassen Kühe anzutreffen, mag man als frischer Indienreisender ja schon vorgewarnt sein, aber bei der Einfahrt eines pfeifenden Schnellzuges in einem Bahnhof neben einer KUH stehen zu müssen, erfordert doch etwas mehr als Mut. Indische Gelassenheit...? Ich fragte mich. Ich schaute zu, wie die Kühe den Perrons entlang wanderten und wie die Leute ihnen auswichen. Die Perrons waren sehr hoch über den Geleisen, so dass die Kühe unmöglich hier hätten hochsteigen können. Sie mussten also über diese Überführung gekommen sein, eine genietete Eisenbrücke, wo sie ungehindert die Treppe hochsteigen durften, über ein paar Gleise hinweg, dann wieder runter auf Gleis 5..., ohne dass ihnen vom Bahnhofsvorstand der Marsch geblasen wird! Ob man sie wohl auch bei Atomkraftwerken in den Reaktorraum lässt...?

Der Zug nahm wieder Fahrt auf und bald war von Lucknow kein Licht mehr zu sehen. Der Zug war wieder verstummt, jeder räkelte sich hin. Die ersten Betten wurden runter geklappt. Zu schlafen, wäre mir unheimlich gewesen, denn ich hätte wohl den Bahnhof verpasst, an dem ich raus musste - Gorakhpur - und wäre am Schluss in Kalkutta gelandet, wo es mich hinzog, wie einen Eisbären in die südliche Sahara.

Trotzdem musste ich tief geschlafen haben, denn als ich aufwachte, stand der Zug totenstill und voller Schlafender im Bahnhof Gorakhpurs. Ich rappelte mich sofort auf, behändigte mich meines Gepäcks und schlüpfte aus der Wagontüre hinaus. Adieu Zug durch die Nacht! Hast mich weit gebracht, sogar auf einem Spitzerglobus. 3500 Kilometer im Zug durch Indien, drei Nächte, drei Tage, und das alles für zehn Euro! So hatte nicht nur die ganze Reise an sich etwas leicht Absurdes an sich, sondern gleich auch der Preis!

Es hatte kaum Menschen auf dem Perron, weder wurde gross eingestiegen, noch schienen hier viele angekommen zu sein. Ich quälte mich mit meinen zwei grossen, schwarzen Rucksäcken den Aufgang zur Überführung hoch, wo gleich um die Ecke der Treppe ein Kind lag. Es war klein und etwa sechs Jahre, würde ich schätzen, und langes, zerzaustes schwarzes Haar lag um sein Kopf herum verstreut auf dem rostigen Eisenboden. Es schlief. Wie SÜSS! Vielleicht war es ein Mädchen, vielleicht ein Junge. Es atmete sogar noch, wie ich während meiner kurzen Verschnaufpause feststellte. Es lebte noch, welch ein WUNDER! Es hatte graue, schmutzige, zerlöcherte, kurze Hosen und ein T-Shirt eines Erwachsenen, das über sein dünnes Körperchen am Boden ausgebreitet lag. Es war ein braunes Adidas T-Shirt, das Kind hatte also STIL!

Ich liess es schlafen und trug meine Bürde weiter, dann der Treppe nach unten in die grosszügig beleuchtete Bahnhofshalle, wo Taxifahrer mir heiser entgegen bellten, mit dem Gesichtsausdruck hungriger Kojoten. Nicht dass das neu war für mich, bloss der Grad an Hunger war mir neu. Dabei wollte ich mich doch nur ausruhen im Wartesaal erster Klasse, wie es sich für Menschen meiner Rasse gehört!

Nur gab es den hier nicht! Die ganze Bahnhofshalle war der Wartesaal, am Boden schliefen den Wänden entlang Leute, als auch verstreut in der ganzen Halle. Durch diese Wüste musst du gehen, hallte in mir mein latenter Masochismus, der sich gerade neckisch die Hände rieb. Du wolltest das LEBEN sehen, mit allen Höhen und allen Tiefen...? Willkommen in Gorakhpur - um drei Uhr morgens!

Und dann trat ich ins Freie. Und ein, in eine neue Welt für mich, wie ich sie mir nie hätte ausmalen können. Ein Gemälde, das es noch zu malen gilt, ich versuche es hier mit Worten, obwohl diese mir weitgehend fehlen.

Ein grosser Platz vor dem Haupteingang des Bahnhofs, vielleicht 150 mal 150 Meter, grosszügig ausgeleuchtet von Flutlichtscheinwerfern auf einem hohen Stahlmast. Und auf dem Platz – mein Herze setzte aus! - mindestens TAUSEND Menschen, die am Boden lagen, teilweise direkt auf dem Asphalt - am SCHLAFEN! Einige mit etwas kümmerlichem Gepäck an ihrem Kopfende, andere ohne jegliche Habe. Ausgestreckt wie auf dem Rücken liegende schlafende Strassenköter, die ihre Nacht hier hinter sich brachten, unter GLEISSENDEM Licht - und doch Menschen waren!

Ich erstarrte zur buchstäblichen Salzsäule! Meine Kleider waren so dreckig, dass... Ich wehrte mich! Nein...! Leg dich bitte nirgends hier hin, Alter, donnerte mein halbtoter Hygieneinstinkt...
Aber eben! Irgendwann gewinnt immer der Körper! Ich war absoluter Erschöpfung nahe, erspähte eine „gemütliche“ Mauer, neben der noch niemand lag, und setzte mich auf den Boden davor. Und lehnte mich an. Und schlief langsam ein. Und kippte wohl um. Und wachte deshalb kurz auf. Und kratzte mich am Kopf. Junge Junge, bist DU aber tief gesunken! Vor mir ein Parkplatz voll schlafender Menschen, was man ja auch als eine Form des Parkierens betrachten könnte. Und in all diesem von Hyronimus Bosch gemalten Irrgarten der Phantasie lief sporadisch eine riesige, weisse Kuh umher, die am Gepäck der Schlafenden schnüffelte. Mit dem Effekt, dass manche aufwachten, wortlos ihr Bündel packten, und sich woanders wieder hin legten. Irgend eine Form der Wegscheuchens dieses aufringlichen indischen Kuhgottes - der Hörner hatte, dass man sich eine Hängematte hätte dazwischen spannen können - irgend ein FLUCH, ein SCHREI der Empörung..., ein ZZT!!, ein beherztes, HAU AB DU MISTSTÜCK, auf leises, aber doch hörbares INDISCH....? NICHTS, meine lieben Leser und Lesserinnen, nichts, was hier irgendwen aus der Verfassung bringt! Was für ein abartiges Verhalten, aus der Sicht eines Europäers, der wegen Pfützen im Park Leserbriefe an die Stadtzeitung schreibt... Ich meine dies nicht WERTEND, sondern einzig als Beobachtung. Mit der anschliessenden Frage, ob es wirklich so gut ist, wenn jeder irgendwie ALLES über sich ergehen lässt? Und dabei sein Lächeln nicht verliert... Ob es nicht BESSER wäre, Kühen wenigstens die Perrons von Bahnhöfen zu verbieten... So mal als Anfang!

Aber eben! Ich musste tief eingeschlafen sein, denn die Sonne war schon oben, als ich aufwachte, an eine Steinmauer gerollt, die nach Urin stank. Etwa ein dutzend Inder standen um mich rum und schauten freundlich, aber ratlos. Der Platz war inzwischen lebendig wie ein Ameisenbau, Leute kamen an, oder wurden in Rickshaws davon gefahren. Die unheimliche Ruhe der Nacht war längst der Musik des Orients gewichen. Mit jeder Minute wurde es heisser. Ich fühlte mich wie eine Ratte mit meinem langen Haarschwanz. Da ich auf dem Schiff meine Haarbürste vergessen hatte, versuchte ich bei einem Friseur eine neue zu kaufen. Das ging nicht so einfach und billig, wie es mir vorgestellt hatte. Der Friseur stellte fachmännisch fest, dass ich wohl besser gleich Bekanntschaft mit seiner Schere machen sollte, um nicht in Nepal für einen Yeti gehalten zu werden. Er trimmte mir auch den Bart und färbte mir die Haare mit Henna, damit ich im Verkehr besser gesehen werde. Für alles zusammen zahlte ich rund doppelt so viel, wie mich 3500 Km Zugfahrt gekostet hatte. Ich hatte vergessen, vorher nach dem Preis zu fragen...

Der Bus, der mich zur Grenze nach Nepal bringen sollte, fuhr zuerst eine Stunde um den Busbahnhof rum, bis sich genug Leute angesammelt hatten, dass es los gehen konnte. Und dann ging es los und loser, einer extrem holprigen Landstrasse entlang, wo ich meinen Computer auf den Schoss nahm, und meine externe Festplatte, weil ich Angst hatte, dass denen die Achsen brechen. Lauter kleine, ineinander über gehende indische Käffer, mit unglaublich viel Charakter, wenn man das allgemeine Chaos so umschreiben könnte. Eine Polizeisperre brachte den Bus zum Anhalten, zwei Bullen stiegen ein, mit je einem Gefangenen in Handschellen, die auf einer Seite an ihnen und der anderen an ihren Bewachern angeschlossen waren. Der Bus war spätestens jetzt so voll, dass keine Kokosnuss mehr reingepasst hätte! Einer der Gefangenen stand direkt neben mir, aber ich wusste nicht, welcher überhaupt der Gefangene war, wer der Wächter, da alle zivil trugen, unrasiert waren, und jeder des Quartetts prima auf einen Steckbrief gepasst hätte.

Kurz vor der Grenze war die Busreise nach vier qualvollen Stunden zu Ende und ich stieg aus. Sofort hängte sich ein Rickshawfahrer an mich und da er so schön blaue Augen hatte, durfte er mich mit seinem bunten Gefährt über die Grenze nach Nepal fahren, nachdem mir der Indische Zoll den Pass gestempelt hatte.

Adieu, du verrücktes Indien, dachte ich, wie gerne würde ich nie mehr zurück kehren! Ich habe eine „Prise“ genommen, muss aber sagen, das Land schmeckt mir zu scharf, zu HOT! Aber da ich mein Schiff in Indien habe, wirst du krasses Land mich irgendwann wieder sehen! Vielleicht nur Cochin, und dann nichts wie weg! Abtauchen gen Süden ins grosse, weite Meer hinaus, Richtung Madagaskar, ohne Blick zurück.

Direkt nach der Grenze kehrte ich ein in ein gemütlich wirkendes Hotel, das auch Busreisen nach Kathmandu anbot. Ich erkundete mich, fragte rum, traf auf meine ersten Backpacker seit Ewigkeiten. Ein Australisches Paar. Sehr hilfreich! Sie wussten, was ich noch nicht wusste. Dass Nepal kurz vor dem Chaos stand. Dass in drei Tagen über eine neue Verfassung abgestimmt wird, werden soll..., aber Jeder weiss, dass daraus nichts wird. Zu gut Deutsch, dass mit Ausschreitungen gerechnet werden musste..., besonders genau HIER wo wir waren!

Für die kommende Nacht war eine Ausgangssperre verhängt worden. Es fahren gar keine Busse nach Kathmandu..., erfuhr ich. Ausser dieser EINE hier, wo aber nur Ausländer mit dürfen. Ja, toll! Dann nehme ich DEN, hauchte ich in letzter Verzweiflung, denn ich wollte nichts wie weg von hier. Der Bus kostete so viel, wie wenn man dem gesamten Äquator in einem indischen Zug entlang reisen würde. Über hundert Euro. Dafür aber ein supermoderner Bus mit Klimaanlage und einem Militärkonvoi voraus, was natürlich unglaublich beruhigend ist.

So machte ich es mir gegen Ende des Tages zuhinterst in einem Bus gemütlich, der fast leer war, etwa 10 Leute, darunter ein orange gewandeter buddistischer Priester aus Kalifornien mit gütigem Blick. Wenigstens das. Ich konnte mich voll ausstrecken auf der fünf Sitze breiten Bank im Heck. Meinen Turban über meine Augen wickeln, dass ich nichts mehr sehe, denn ich hatte zuviel GESEHEN in den letzten drei Tagen! Bitte, messagte ich dem Gott der Reisenden, bitte lass mich SCLAFEN! Mein Arbeitsspeicher läuft sonst über!

Trotzdem konnte meine Müdigkeit meine innere Unruhe nicht überlisten, die die letzten Nachrichten in mir ausgelöst hatten. Ich schaute aus dem Fenster, es war immer noch Tag, es war ganz zu Anfang der Busfahrt, die mindestens sechs Stunden dauern sollte, als wir an einem Unfall vorbei fuhren. Ein Lastwagen stand halb und quer auf der Strasse, die Räder auf einer Seite platt, die Scheiben zertrümmert, der Motor am Rauchen und die Zementsäcke auf der Pritsche aufgerissen, als ob ein Raubtier mit seinen Krallen daran beteiligt war. Komischer Unfall, ging mir durch den Kopf, da wurde schon der nächste Unfall sichtbar, ein über die Böschung gefahrener Tanklastzug, von dem nur noch das verbrannte Gerippe übrig war, das vor sich her rauchte. NOCH ein komischer Unfall... Miteinander zu tun hatten sie nichts, dazwischen war ein halber Kilometer!

Leute standen in etwas Distanz an der Strassenseite, neben Steinhaufen, die bis in die Mitte der Strasse reichten. Komisch...!

Das Australische Paar sass schräg rechts vor mir und lachte. Was lacht ihr, fragte ich sie. LOOK HERE! rief er nur und stand auf, um sich den nächsten Unfall besser anschauen zu können, einen Bus mit eingeschlagenen Fenstern und platten Rädern. Und dazu LACHTE der Australier, und sie auch...

Ja, was LACHT ihr denn, fragte ich sie nochmals höflich, worauf er nur die Schulter zuckte, sich am Bart zupfte und mich gleich darauf, und als weiterer Beweis, dass hier LUSTIGE Dinge passieren, auf den NÄCHSTEN „Unfall“ aufmerksam machte. Also ICH finde das ehrlich gesagt NICHT witzig, gab ich von mir, was die Australier mit einem „So what?“, oder „what the hell?“ quittierten. Und dem sofort folgenden Hinweis, dass da vorne ein WEITERER Unfall war. Was natürlich jeden denkenden Menschen sofort zu heftigsten Lachattacken reizt!

Ich ging nach vorne und fragte den Fahrer, ob alles OK sei, was dieser bejahte. Diese Unfälle..., nun ja! „The people are nervous, you know!” Ich wollte noch wissen, wo eigentlich unser Militärkonvoi geblieben war.
„Good question, sir...!“

Am Ende waren es genau sieben weitgehend zerstörte Lastwagen mit vernichteter, ausgeschütteter, oder angezündeter Ladung, innerhalb von etwa 10 Kilometern Strasse. Dazu mehrere Strassensperren aus Steinhaufen in Vorbereitung, mit am Rand der Strasse sitzendem Mob, also Menschen in Wut, die laut hinter unserem Bus her schrien. 400 Kilometer hatten wir noch vor uns, als die Nacht begann.
Es hatte keinen Verkehr, wir waren die Einzigen, der Bus fuhr schnell. Irgendwann fingen die Berge an, und ich rutschte auf der hinteren Bank wie ein ausgestopfter Teddybär von einer Seite zur anderen, während der Bus Tausende Kurven einen Berg hoch und dann wieder runter fuhr. Es wurde kühler und ich schloss die ersten Fenster im Bus. Schlafen konnte ich nicht, ich war zu müde dazu! Gegen den Sternenhimmel sah ich nahe gelegene Berge in den Himmel ragen, wie in der Schweiz. Backbord glitzerte weit unter uns ein grosser Fluss im Mondlicht. Immer wieder wurde eine Pause eingelegt, wir tranken wortlos Tee in schummrigen Hütten, schlürften Dahl. Als wenige Stunden vor Tagesanbruch der Bus in Kathmandu anlegte, war es noch still und die Luft roch noch fast frisch.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • Liberty-in-Paradise (RP) 28.06.2012 | 17:17 Uhr

    Bin froh, diese Reise gut überstanden als auch nach bestem Gewissen aufgeschrieben zu haben, auch wenn mir selber beim Lesen die Haare fast zu Berge stehen...

    Jetzt kann ich mich dann bald einem neuen Fokus zuwenden: "Kathmandu ohne Filter" Dauert noch, kommt aber gut...!

  • mamaildi 29.06.2012 | 09:21 Uhr

    Jetzt bin ich mit dir 3500 km durch Indien gereist, die Ein- und Ausblicke, die du gewährst, gehen unter die Haut.
    Gespannt bin ich nun natürlich auf Kathmandu, wobei mir deine Anreiseerlebnisse schon Sorgen machen, sie deuten auf eine neuerliche sehr ungute Entwicklung im Land hin...
    LG Ildiko

  • Zaubernuss 02.07.2012 | 15:03 Uhr

    Dein Reisebericht gibt Einblick in Deine Reiseerfahrungen, die wohl auch ein Stück Deines Lebens widerspiegeln. Als Wortkünstler und Wortmaler entsteht ein lebendiges Bild vor mir mit dem Gefühl, dabeigewesen zu sein...
    Danke und liebe Grüsse:
    Ursula

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