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Reisebericht: La trochita alias Patagonien Express
Mit seiner Reiseerzählung „The Old Patagonian Express“ schuf Paul Theroux 1979 eine Legende, die über 15 Jahre das Ziel für Individualreisende aus aller Welt war. Doch die Techniklegende zwischen den Weiten Patagoniens und den Gipfeln der Anden ist dabei sanft zu entschlummern.
¡Cuidado, cuidado!
„Rapido, rapido con mucho humo.“ Mit dem Walki Talki in der Hand steht Bernd Seiler in der Weite Patagoniens und gibt dem Lokomotiv Personal Anweisungen. Wenig später schnauft der Patagonien Express durch das magische Licht der aufgehenden Sonne. Was so einfach aussieht ist das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung.
Wechselndes Management, unklare Verantwortlichkeiten, ein Ausbruch des Vulkans Puyehue, sowie eine Sturmbö, die am 23.04.2011 einen ganzen Zug entgleisen und umstürzen ließ, drohten das Projekt mehrfach sterben zu lassen.
Ein lokales Unwetter unterbrach am 08.03.2012 an mehreren Stellen die Strecke und ein durchgehender Verkehr ist bis auf weiteres nicht mehr möglich.
Dies ließ alle Planungen der letzten Jahre in einer Stunde nutzlos werden. Doch Bernd Seiler, besessener Fotograf und Inhaber eines der skurilsten Reisebüros gibt nie auf.
Innerhalb eines Tages handelte er mit den Verantwortlichen vor Ort einen neuen Plan aus.
Totgesagte leben länger und so fuhr der Patagonien Express eine Woche wie anno dazumal wieder zwischen Ingeniero Jacobacci und Esquel. An Bord befanden sich Hobbyfotografen aus der ganzen Welt.
Geschichte
Die Bahn ist ein Produkt eines Programms zur wirtschaftlichen Entwicklung Patagoniens. Im Jahr 1908, plante die Regierung von Argentinien ein Netzwerk von Eisenbahnen in Patagonien um die kleinen Siedlungen entlang der Strecke an die Märkte Argentiniens anzuschließen.
Der Bereich Colonia 16 de Octubre, Esquel und das Trevelin Gebiet, sollte mit der schmalspurigen Nebenstrecke von Ingeniero Jacobacci angeschlossen werden. Das gesamte Netzwerk stellte dann die Verbindung zwischen den patagonischen Weiten und der Hauptstadt Buenos Aires via San Antonio Oeste her.
Im ersten Weltkrieg kamen die Arbeiten fast zum Stillstand und mussten durch Investitionen und Technologie aus Europa unterstützt werden. 1916 erreicht der nördlich Abschnitt der Hauptlinie von der Küste Ingeniero Jacobacci. Gebaut wurden die 282 km lange südlichen Hauptlinie von Deseado nach Las Heras, und die 197 km lange Nebenbahn von Comodoro Rivadavia nach Sarmiento. Beide wurden aber nie miteinander und dem nördlichen Netzwerk verbunden.
Nach 1916 wurden keine weiteren Streckenprojekte verfolgt oder gebaut. Lediglich die Verbindung von Ingeniero Jacobacci nach Bariloche wurde bis 1934 fertig gestellt. Alle südlichen Bahnen gehörten zur "Ferrocarriles Patagónicos".
Eine Besonderheit stellt die 402 km lange Strecke von Ingeniero Jacobacci nach Esquel dar.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren Lokomotiven und Gleise von schmalspurigen Eisenbahnen zum Transport von Frontnachschub leicht verfügbar. So wurde im Jahr 1921 von Buenos Aires der Plan zur Errichtung einer Schmalspurbahn zur Erschließung Patagoniens ausgearbeitet.
1922 bestellte man in Belgien Reisezug- und Güterwagen sowie 50 Lokomotiven bei Henschel & Sohn in Kassel. Weitere 25 Lokomotiven wurden später bei den „Baldwin Locomotive Works“ in Philadelphia, USA bestellt. Der erste Teil des Projektes war es, eine dritte Schiene innerhalb der vorhandenen Spuren zwischen Jacobacci und dem Chubut-Tal zu montieren, so dass sie von den Schmalspurbahn Fahrzeugen genutzt werden konnten. Überschwemmungen in den Jahren 1931 und 1932 zerstörten große Teile der Linie, so dass man im Jahr 1934 mit neuen Plänen beginnen musste.
Tausend Tagelöhner waren in der rauen patagonischen Weite mit dem Bahnbau, dem Bau einer 105 m langen Brücke und einem 110 m langen Tunnel beschäftigt. 1935 war es so weit, die ersten Züge konnten auf dem fertig gestellten Teil der Strecke eingesetzt werden. Im Jahr 1941 wurde El Maitén erreicht. Hier entstanden auch die Anlagen zur Instandhaltung des rollenden Materials. Der erste Zug nach Esquel verließ El Maiten am 25. Mai 1945. Doch bis 1950 war es Fahrgästen nicht vergönnt mit dem „Patagonien Express“ zu reisen, da zunächst nur ein reiner Güterverkehr durchgeführt wurde. Die erste Verbindung für Personen wurde im Jahr 1950 eingerichtet. Sie führte von Esquel mit Umsteigen in Jacobacci bis nach Buenos Aires, wo der Zug am Bahnhof Constitución ankam. Damals saßen die Passagiere auf lockeren Holzbänken um einen Herd, der auch für die Zubereitung von Matetee und kleinen Speisen genutzt wurde. Die Fahrzeit ist leider nicht überliefert dürfte aber zwei Tage betragen haben. Der Güterverkehr auf der Strecke war nicht nur ein wichtiger Faktor zur Erschließung Patagoniens sondern wurde in den 1960er und 1970er Jahren für den Bau des Staudamms am Fluss Futaleufú genutzt.
Mit der Verbesserung des Straßennetzes, der zunehmenden Nutzung von Lkw und Bussen, sowie den Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung einer Bahn so weit von der Hauptstadt und der Haupteisenbahnlinien des Landes, begann der Niedergang des "Patagonien Express“.
Im gleichen Zeitraum wurde Patagonien von Touristen entdeckt und La Trochita (das Spürchen) avancierte zum Backpacker-Highlight
In seiner Erzählung „The old Patagonien-Express“ und machte Paul Therouxs, 1978 die Bahn weltberühmt und damit zu einer Pilgerstätte für argentinische Nostalgiker und Touristen aus aller Welt. Dennoch war die Linie, seit ihrer Eröffnung nie wirtschaftlich. Da sie ausschließlich den regionalen Gemeinden diente, waren Investoren auch nicht interessiert. Im Jahr 1992, unter der liberalen und ökonomischen Zentralregierung, wurde beschlossen, die Linie zu schließen. Allerdings gab es dagegen nationale und internationale Proteste. So wurden den Regionalverwaltungen von Chubut und Rio Negro die Linie übertragen
La Trochita heute.
La Trochita heute: Die Bahn ist heute im Besitz von 22 Dampflokomotiven, davon 11 Henschel und 11 Baldwin H2-8-2H "Mikado"-Lokomotiven, die jedoch entweder auf dem Schrott stehen oder Endlosreparaturen über sich ergehen lassen. Seit der Eröffnung der Strecke gab es keine Diesellokomotive die hier eingesetzt wurde. Das gesamte Rollmaterial, mit Ausnahme der Speisewagen und einige 1. Klasse Wagen, die im Jahr 1955 gebaut wurden, sind alle Fahrzeuge von 1922. Der Zugverkehr beschränkt sich mit Unterbrechungen auf den von Esquel nach Nahuel Pan oder gelegentlich auch nach Deviso Thomae verkehrenden Touristenzug. Da die Strecke seit dem 08.03.2012 an mehreren Stellen unterbrochen ist, ist ein durchgehender Verkehr bis auf weiteres nicht mehr möglich.
Im März 2012 fanden sich auf der gesamten Strecke vier Lokomotiven, die bedingt als einsatzfähig bezeichnet werden können.
Die Situation der verbliebenen Beschäftigten, hat sich mit der Privatisierung verbessert. Nun bekommen sie ihren Lohn pünktlich, was zu Zeiten der Ferrocarriles Argentinos. Die finanzielle Misere Argentiniens drückt sich überdeutlich in 4,6 Mrd. Euro Auslandsschulen und 20 Mrd. Euro offener Forderungen überdeutlich aus. Finanzmittel für die Instandhaltung der Strecke, der 90 Jahre alten Lokomotiven und Wagen sind von staatlicher Seite somit nicht zu erwarten. Der Tourismus in der Region zwischen Ingeniero Jacobacci und El Maiten beschränkt sich auf einige Durchreisende. Esquel, 90 Km von Nationalpark Los Alerces entfernt hat das Potenzial für eine begrenzte Zukunft. Der am 12.04.2012 verkehrende Touristenzug von Esquel nach Nahuel Pan war bis auf den letzten Platz belegt.
Machen Sie eine Zeitreise. Schaukeln sie in belgischen Personenwagen mit dem Matebecher in der Hand und Mercedes Sosa im Ohr durch die Weiten Patagoniens.
So lange es noch möglich ist.
Wer nicht mit der „La Trochita“ gefahren ist, war nicht in Patagonien.
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Ein sehr lebendiger, informativer Bericht! Dazu mit ausgezeichneten noch nie gesehenen Motiven versehen. Das ist eine wirkliche sehr virtuelle Reise für mich gewesen.
Absolut großartig!
LG Frank
P.S.: Auch hierzu meine ich, . . . . die Redaktion wird's bemerken! -
Oho - er fährt tatsächlich! Danke für den tollen Bericht und die großartigen Fotos! LG Astrid
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Sehr interessant zu lesen nicht nur für Bahnfans! :-)
LG Schalimara -
Hier weckst Du Reisesehnsüchte. Ein Riesenbericht ist das von Dir, von den Fotografien ganz zu schweigen........:-)))))))))))))
LG Ursula -
Klasse. :-) Wobei dein Abschlusssatz schon eine latente Ohrfeige für jeden Patagonienreisenden darstellt, dem eine Fahrt mit dem Patagonienexpress nicht vergönnt war....oder aber man sollte es als Anreiz für einen weiteren Besuch betrachten...;-) Theroux war natürlich! auch bei mir seinerzeit Pflichtlektüre....
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Zugegeben, meine Schreibweise ist zuweilen drastisch und unverblümt.
Patagonien hat viele Gesichter und natürlich kann und muss nicht jeder mit dem Patagonienexpress reisen.
Doch eines sein angemerkt; die Türme der Torres del Paine, Fitz Roy ragen sicher noch in den Himmel wenn es uns nicht mehr gibt, die Gletscher werden noch mindestens 50 Jahre in der jetzigen Pracht zu bewundern sein und der Wind wird wohl ewig über die Pampa blasen.
Doch nirgendwo anders lässt sich noch die Zeit spüren, da Pioniere Estancias in den Weiten gründeten, als man davon träumte die Pampa besiedenl und fruchtbar machen zu können.
Die Zeit als Argentinien insgesamt noch ein wohlhabener Staat war.
Spektakläre Natur hat Patagonien im Übefluss. LEbendige Geschichte gibt es nur noch zwischen Ing. Jacobacci und Esquel.
Danke und liebe Grüße
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