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Reisebericht: Indien! im Segelschiff
Eine lange Reise, eine lange Geschichte. Hängt viel Herzblut dran. Habe lange rumgedoktert mit diesem teils gewagten Text, entlasse ihn jetzt aber aus meinem Laptop, obwohl ich sicher noch endlos weiter schleifen könnte... Meine Gedanken, meine Reise und meine Gefühle hier das erste Mal in Indien! zu sein:
Endlich Land
Verrückt, aber ich bin in einem Land, in das ich nie bewusst wollte. Alles ein Resultat vieler Mikroereignisse, die mich dazu brachten, nach Indien zu reisen. Die Crew, die ich von Bali aus via Internet zusammen getrommelt hatte, wollte nicht. Den Mädels passte das Klo nicht, die Jungs vermissten Internet. Wurde dadurch komplizierter nach Madagascar zu segeln, was eigentlich der Plan war. Komplizierter, sprich alleine, brach ich später als geplant von Bali auf, machte einen Zwischenhalt in Chrismas Island, wo ich mich wieder ins Netz einklinken konnte, und dabei eine Webseite fand mit den Zugbahnen der Wirbelstürme im Indischen Ozean, der letzten 50 Jahre. Die letzten elf kopierte ich auf meinen Rechner und studierte sie an Bord der Liberty. Es war gegen Ende Oktober und wie mir die Statistiken zeigten, mindestens einen Monat zu spät für diese weite Reise. Ich studierte Alternativen. Nach Mauritius zu segeln war halb so weit, führte aber tiefer in die Wetterzone, wo Wirbelstürme sich intensivieren. Über Sumatra nach Thailand segeln wäre eine Option gewesen, da sie mich in die nun sicher werdende Nordhälfte des Indischen Ozeans gebracht hätte, aber auf Südostasien hatte ich null Bock! Dieses ganze Sexgetue nervt mich, diese fliessenden Übergänge zwischen Schule und Bordell, wo man nicht weiss, wo man gerade steht. Die Bullen von Malaysia, Singapore, Thailand möchte ich nie in meiner guten Stube sehen! Vor 30 Jahren war ich schon mehrere Male in Thailand, bis ich mich schämte, Weisser zu sein, bzw. Mann.
Ich beschloss also nach Indien zu segeln. Der Weg führte mich zuerst alleine weiter zum Cocos Keeling Atoll, ein weit in den Indischen Ozean voregelagerter Aussenposten Australiens. Ich war dort unglücklich wie selten, fühlte mich extrem alleine, war bestürzt über den Kontrast zwischen dieser Trauminsel und ihren Bewohnern, deren materieller Dekadenz, die einen solch hochtrabenden Lifestyle haben, dass ich schier vor zynischer Ironie meiner Gedanken verzweifelt wäre. Blickt mal über euren Lagunenrand hinweg! Da oben, im Norden von hier, lebt die halbe Menschheit! Aber wenn die so leben würden wie ihr, dann wäre diese Erde bereits „konsumiert“, irgendwie total kaputt! Das dachte ich ja schon lange, und ohne grosse Mühe über mein geliebtes Europa, meine Schweiz, aber dort ist dieser Gedanke nicht annähernd so absurd, wie auf dem abgelegensten Atoll der Erde.
Die Weiterreise von Cocos Keeling versprach etwas einfacher zu werden, hatte ich doch einen Freund dabei, Robert aus Berlin. Er hatte keinerlei Segelerfahrung. Wir hatten einen knallblauen Himmel über uns, als wir mit Ziel Sri Lanka lossegelten. Dazu ein traumhafter Wind aus Südosten, also Passatwind. Ich rechnete mit zwei bis drei Wochen für die Überfahrt. Am nächsten Tag drehte der Wind auf Süden, der Himmel bewölkte sich, dann drehte der Wind auf Westen. Am nächsten Tag wurde der Himmel dunkelgrau. Über Wetterfax konnte ich erkennen, dass wir unter einer grossen Wolke sind. Wir hatten danach VIER Wochen, wieder aus dieser Wolke heraus zu kommen. Erst kurz vor Sri Lanka gelang uns dies. Robert wurde zwar nie seekrank, aber er wird wohl eine Weile brauchen, bis ihn die Segelei wieder interessiert. Auch ich bin in den total 37 Tagen, die die Segelreise nach Sri Lanka gedauert hat, nicht unbedingt überzeugter geworden, dass das Reisen unter Segeln das Nonplusultra ist...
Sri Lanka
In Sri Lanka verliess mich Robert dann wieder. Eigentlich wollte er noch bis Indien mit, aber er war durch die lange Segelei zu spät dran. Ausserdem wusste ich selbst nicht, ob ich jetzt nach Indien soll, oder nicht. Dieses Land war nie auf meiner Hitliste der Träume. Vor 30 Jahren in Ceylon, da überlegte ich, per Fähre nach Indien zu gehen, hörte dann aber Horrorstories über die Fähre und liess es bleiben. Wenn, dann wäre ich wohl nach Cochin gereist und hätte mir die Backwaters angeschaut, von denen ich irgendwo Bilder gesehen hatte. Auch hatte ich es beim Flug nach Colombo damals unter mir gesehen, das Funkeln der Backwaters, aber allzu stark war mein Wunsch nicht und ich hatte ihn bald vergessen.
In Sri Lanka studierte ich wieder an Alternativen zu Indien rum, denn eigentlich zogen mich keine zehn Flöhe nach Indien. Ich versuchte Crew zu organisieren, die mit mir von Sri Lanka zu den Malediven segelt, dann nach Mauritius, dann Reunion, was schon lange auf meiner Liste besuchenswerter Inseln liegt. Soll die Schwesterinsel von Hawaii sein. Vulkane, grüne, schroffe Berge, schwarzer Strand. Und französischer Food. Nichts wie hin, sobald sich im Süden des Äquators das Wetter stabilisiert, also etwa Ende April. Es meldeten sich online ein paar ganze Kerle und tuffe Mädels, die mitwollten. Ich verwickelte sie in Diskussionen via Mails, die mir recht schnell klar machten, dass ich mich weiter umschauen muss. Dazu gab es auf den Malediven einen Staatsstreich, was mir Länder nicht besuchenswerter erscheinen lässt. Von Ausnahmen abgesehen natürlich!
Inzwischen war ich auch recht müde des Reisens. Ich brauchte einen sicheren Hafen, wo ich mein Schiff anbinden kann und mal wieder in meine Heimat zurück kann. Mir fehlten meine Kinder, mir fehlte Geld. Ich war seit bald zwei Jahren unterwegs, selten alleine, aber mit ständig wechselnder Crew, alles Anfänger. Ganz schön Stress war das oft! Ich war am Schluss so weit, bereits glücklich zu sein, wenn niemand über Bord ging. Dass nie etwas passiert ist, ist Ehrensache! Bzw. nimmt Jeder als selbstverständlich an.
So zog ich auch in Sri Lanka los, um Crew zu finden, die mit mir nach Indien kommt. Das finden alle Backpacker wahnsinnig interessant und es gelang mir, von Europäern wie ein Aussenirdischer angestarrt zu werden, wenn ich erwähnte, dass ich per Segelschiff unterwegs bin. Ich fand heraus, dass die Tatsache, dass weltweit Tausende mit Segelschiffen rumreisen, dem „normalen Backpacker“ praktisch unbekannt ist, oder für ein Gerücht gehalten wird.
Ich reiste von Galle, wo ich mein Schiff im Hafen liegen hatte, ins Landesinnere. Kandy, Nuwara Eliya, Ella, wo mir Martin über den Weg lief, ein junger Franzose aus der Bretagne. Das ist sehr gut, denn das sind Leute mit Meerwasser im Blut. Klar war er sofort dabei! Ausserdem meldete sich bei mir ein Amerikaner, den ich in einer Lodge in Nuwara Eliya kennen lernte. Lee aus Washington DC, 73 Jahre alt, als Junge ein begeisterter Segler, wie er mir sagte. Jedenfalls war es ER, der mich fragte, ob er denn mit kann, nach Indien, und ich sagte zu.
Die Vorbereitungen für die Überfahrt nach Cochin in Indien waren nicht allzu kompliziert. Der Trip war nur 350 Meilen, etwa 600 Km. Leider hatte es aber kaum Wind und Liberty musste mal wieder beweisen, was für ein gutes Motorschiff sie auch ist. So viele Segelschiffe sind prima Segler, aber wenn es kein Wind hat, treibt irgend so ein Hobbymotor mit Witzpropeller das Boot an. Als wir Kap Cormorin erreichten, das Südende Indiens, kam endlich guter Wind auf und wir segelten aufgeregt wie kleine Jungs durch die ganzen Fischerboote, die zu Hunderten vor der Küste rumschippern. Da die Küste eher flach ist, sahen wir Indien während zweier Tage nur als schemenhaften Streifen rechts vom Schiff vorbei ziehen. Vor der Stadt Allepy fischten sie früh morgends mit altertümlichen Barken, die wie riesige Gondeln aus Venedig aussahen.
Überfahrt nach Indien
Martin und Lee waren happy, auf so romantische, fast zarte Weise in Indien ankommen zu können. Auch ich war entzückt. Die Fischer von Alleppy, an denen ich in Rufdistanz vorbei segelte, erschienen mir bewundernswert und interessant. Sie strahlten und riefen uns zu und wir winkten zurück. Ich filmte und war irgendwie so glücklich, wie ich es lange nicht war. Ich bin auf der Suche nach echten Menschen! Cocos Keeling war eine Art Menschenzoo mit goldenen Gitterstäben, Sri Lanka hatte gerade eine Generation Krieg hinter sich, die Bevölkerung ist gestresst, arm, und erwartet von den Touristen, dass sie fleissig spenden. Der Verkehr ist hektisch bis lebensgefährlich. Klar, wie alle Menschen sind sie echt! Aber getrieben von einer Weltwirtschaft, die wenig Rupien für Tee ausgeben will und auch für Rubine nicht allzu viel. Ich wünsche Sri Lanka nur das Allerbeste, dass sie sich wieder versöhnen und so, aber das wird wohl lange dauern. Echt ist der Mensch erst, wenn der Grund für Krieg verschwunden ist, und das ist etwas anderes, als der Sieg der Einen über die Anderen. Klar, dass auch Wirtschaft eine Form von Krieg bedeuten kann, also ist der „echte Mensch“ wohl eher schwer zu finden.
In Cochin bogen wir genau mit Eintritt der Dunkelheit rechts ab. In dem schmalen Kanal in den riesigen Hafen Cochins waren wir kurz auf Frontalkurs vor einem herausfahrenden Tanker und ich wurde über Funk von der Hafenbehörde gemassregelt. Ich musste sofort scharf rechts ran steuern. Nach der Einfahrt in den Naturhafen von Cochin, der zu den grössten der Welt zählt, musste ich mich umgehend auskennen. Das ist so beim Ankommen in einem Schiff. Wir wurden per Funk vor das Gebäude der Hafenbehörde geleitet, wo uns sofort mehrere Motor und Ruderboote belagerten, Hilfe anboten und Beamte an Bord kletterten, schneller als ich meinen Hut ziehen kann. Ich liess alles betont freundlich, ja belustigt über mich ergehen. Indien!
Indien! Indien ohne Ausrufrezeichen zu schreiben ist ein Fehler, soviel war mir schon aus der Distanz klar. Plötzlich strömte es in Form von Gerüchen und Männern in weissen Hemden und mit Schnurrbärten ins Boot, die Liberty, mein Haus. Ich ankerte, wo Vasco Da Gama ankerte. An Land reihte sich ein Lagerhaus ans andere, das Gewürze lagerte und handelte, wie mir der Zöllner sagte. Auf dem Wasser schwammen Teppiche Seelilien mit weissen Fischreihern, oder sie flogen unter dem Sternenhimmel des Arabischen Himmelzeltes davon. Dann schlug plötzlich ein Kirchturmuhr und ich hatte dieses heile Heimat Gefühl, denn ich hatte dies seit zwei Jahren nicht gehört. Dann gingen die Beamten von der Navy und vom Zoll wieder, alle noch freundlicher als anfangs, was echt eine Leistung darstellt! Samstag abends um zehn.
Wer blieb, war Akam, der Bootsboy. Wollte uns gleich losrudern mit seinem Taxiboot zu rund um die Uhr offenen Offices, Martin, den jungen Franzosen, Lee, der der Bruder vom Pabst sein konnte, und meine Einfachheit, Gerd der Seefahrer.
Erste Eindrücke
Jedenfalls war alles ein Erlebnis wie wenn man nach einer Reise durch die Wüste gerne eine Dusche nehmen möchte, und dann über dem Kopf ein Stausee bricht. Ich schreibe diesen Text mit der Vorsicht, mit der man einen Ballon voller Wasser ansticht. Ich muss meinen Takt erst finden. Die Takte sind vom ersten Tag an so divers, dass ich nicht weiss, wo hinhören. Die entfernten Trommeln waren von dem Moment an zu hören, an dem ich den Diesel abwürgte. Die Werbetrommel, die sagen will: Indien ist anders! Unter anderem – als ich es mir vorgestellt hatte! Dies war die Grunderleuchtung eines langen Tages unter Segeln mit anschliessender Ankunft an so einem wahnsinnigen Ort wie Cochin.
Die nächsten zwei Tage verbrachte ich damit, die diversen in Marinesachen involvierten Büros kennen zu lernen, von denen es reichlich hat. Ich wurde ausgesprochen freundlich, korrekt und schnell behandelt. Ich musste nie in einer Linie stehen. Mit der Immigration habe ich gefrühstückt, mit den Customs am nächsten Tag zu Mittag. Riz Casimir vom leckersten. Ein Märchen bahnt sich an. Und das heisst Indien. Und dahin entliess man uns.
Willkommen im Fort von Cochin! Und schon begann eine neue Musik. Jetzt noch ein Gang zur Hafenbehörde. Ja, ich kann noch etwas dort vor Anker bleiben, vor dem Taj Malabar Hotel, dem teuersten Hotel Keralas. Mein momentaner Ankerplatz ist der beste Stadtankerplatz seit Noumea. Er versöhnt mich sogar mit dem letzten Scheisshafen, Galle, und das braucht Einiges!
Und dann kommt man an Land, küsst es. Klar! Nicht nur berühre ich Indien, es berührt ja auch mich! Himmel Donnerwetter nochmal – die wir ausgiebig auf dem Weg hierher hatten - hier läuft ein ECHT anderer Film! Kein gekünstelter, nein, ein total kunstvoller. Kitsch as can, aber eben nicht nur. Alles sieht wie in einem Märchen aus, das gleich beginnt...
Nun bin ich schon fast zehn Tage in Indien. Was ich bis Jetzt hier trieb, kommt mir vor, wie das Suchen meines vorgegebenen Platzes in einem riesigen Openair Konzert, in dem es gleich losgehen wird. Was losgehen wird, habe ich keinen blassen Schimmer, aber das ist egal! Jede Strassenecke in Cochin ist so interessant, dass man eine Webcam hinstellen könnte und sie hätte Millionen Follower. Ganz Cochin vibriert. Die Hälfte der Häuser sind Ruinen, was dem Fort Authenzität und Würde gibt. Was keine Ruinen sind, sind halbrotte Gebäude aus dem Anfang des vorletzten Jahrhunderts. Renoviert werden die Gebäude meist in Pink, Giftgrün oder Gelb. Die kreuz und quer gespannten Drähte im ganzen Fort sehen wie Kunstwerke aus Draht aus. Welches Volk sich so abartig kompliziert elektrisch zu verbinden weiss, dürfte kein Problem mit komplexer Software haben.
Riesige Bäume spenden Schatten. Es ist sehr heiss. Es ist sehr verrückt, nein verrucht und ich fühle mich vom ersten Tag an willkommen. Die Leute sind entweder SO bunt, oder SO, oder anders, oder schwarz, oder weiss, oder im Schleier, oder im Sarong, oder wie die Wickeltücher hier heissen. Es singt. Vögel wecken mich. Die Luftverschmutzung hält sich im Rahmen. Ein frischer Wind weht ab Mittag über das Indische Kasperletheater namens Cochin, oder Kuchin, oder Kuchi, oder Cochi. Who cares? Einer der Ansaugtitten an einem der sieben Weltmeere - ideal für Seefahrer - warum ich wohl hier landen MUSSTE!
Vasco Da Gamas Seereisen hinterliessen hier Spuren. Die Weltküche würde fader schmecken, ohne den Beitrag dessen, was von hier an Gewürzen jährlich in die ganze Welt verfrachtet wird. Hier riecht es nach Tausend und einer Nacht, Ali Baba Schweiss, Portugiesischen Seefahrern.
Ein leise rieselnder Ganges neuer Gewürze der Kulturen, nicht nur der Küche. Ist es DAS Land...., das ich suchte? Das Land aus den Träumen damals, vor endlosen Jahren, als ich als Junge ein Ziel suchte?
Diese Familie am Beach.... Dieses flache Land... Dieses Gefühl unbeschreiblichen Glücks, sie gefunden zu haben. Die Karte. Die Karte, die ich seit den Träumen in mir abgespeichert habe, als JPEG in schlechter Auflösung. Diese Irrfahrt... Diese kleine, ahnungslose Insel, die ich durch einen Umweg erreichte...., damals mit zehn, mit zwölf, mit fünfzehn. Die Frage habe ich mir oft gestellt, in den Solomonen, in Neukaledonien, aber nie in Neuguinea oder Australien, oder Timor, oder Indonesien.
Und jetzt ist sie wieder aufgetaucht, diese Facette in mir, derer ich mich ab und an gerne zurück erinnere. Dieser absurd klare, messerscharfe Kindertraum von damals. Dieses Gefühl, das ich diesem Traum schulde, irgendwann „seine“ Menschen gefunden zu haben. Nicht seine Brüder. Nein, sich selbst!
Nicht, dass ich solche Gefühle bereits hätte, hier in Indien! Heute bin ich seit genau 12 Tagen hier. Das ist, wie wenn man 5 Minuten in New York war. Es ist mehr das Gefühl, dass es hier sein könnte, wo ich mich wieder finden kann. In Ruhe, nicht im Stress der eben erst besuchten fremden Inseln, wo die Sorge um das Weiter, um das Wetter, um den Wind alle kreative Lust in mir ausblies. Ich will schon lange wieder malen, zeichnen, mit Lehm Figuren machen, nutzlose Windräder aus Federn bauen. Erst hier in Cochin ist mir wieder so eine Gegend unter den Kiel geraten, wo ich echt abschalten kann von der mechanischen Seite in mir. Sie nahm überhand in den Jahren, seit ich dieses schwere Schiff habe. Mickky Maus ist over! denke ich oft. Im Persönlichen, aber auch im Grossen. Auch die Parabel, dass ich mir mit ein paar Tricks und dicken Tauen die Erde dahin ziehe, wo ich sie gerne habe, kam mir auf dem Weg nach Indien kaum je in den Sinn. Ein kleines Atoll „zieht“ man sich noch gedanklich vor den Bug seines Segelschiffes, nicht aber Indien. Das ist zu fest verankert. Da zieht man gleich ganz Eurasien rum... Konkret war es mein schwerster Trip unter Segeln, wenn ich die gesamte Reise seit Cocos Keeling rechne. War wirklich nur selten Spass. War nie Micky Maus!
Besuch aus Köln
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Und dann kam Mo, der Pädagoge aus Köln. Er segelte schon mit mir durch Vanuatu und die Solomonen. Dicker Freund, lange nicht gesehen, taucht plötzlich aus der dünnen Möglichkeitssphäre auf, wo alles passieren könnte, aber doch meist nichts geschieht. Er war alleine durch Indien gereist, sein erster Trip hierher, er redete wie ein Wasserfall während uns das Taxi, eine motorisierte Menschensteinschleuder mit drei Rädern, vom Bahnhof zu den Docks vom Fort schoss. Etwas rudern, und schon waren wir zu dritt an Bord der Liberty, wo Mo´s Wasserfall an eben erlebten Geschichten von meinem Wortschwall getroffen wurde, all dessen gewidtmet, was in den letzten eineinhalb Jahren an Bord alles geschah. Eine Weltreise nun entfernt von den Solomonen, von Ughele, dem krokodilverseuchten Kaff, wo Mo sich nach zwei Monaten an Bord in Richtung Köln verabschiedet hatte, trifft man sich in Indien wieder. Wenn das nicht Stil hat, dann was? Die Ferne gemeinsam erschliessen, auf ad hoc Basis. Wer kommt, kommt, wer nicht kommt, kommt nicht.
Martin, mein Gefährte von Ceylon hierher, war der, der von mindestens 30 „Hochinteressierten“ am Schluss als Crew auch mit kam. „Haste Lust, mit mir nach Indien zu segeln?“ Eine der zartesten Versuchungen seit Erfindung des Apfels.
Und da sassen wir nun in Indien. Drei beinharte Männer vor dem Taj Malabar in Cochin vor Anker schwojend, begleitet vom Saxophonisten an der Hotelbar. Überall sassen Raben rum, dicke, gut genährte, mit Gel in den schwarzen Federn. Gestylt flogen sie rum, andauernd ihre Sitzposition wechselnd, und nonstop am twittern.
Martin war wohl der Einzige, der schweigen konnte. Sein Englisch ist noch so jung, er ja auch, aber sein verschmitztes Grinsen lag wie eine tiefstehende Sonne über Mo´s und meinem Wasserfall an Geschichten, mit denen wir nonstopp unserem Gegenüber vermeintliche Lücken füllten, wie mit Weihwasser, wie die Essenz des Lebens, die nur Worte sein kann, Worte, die zu Taten führen. Was verbindet mehr, als anders gereist zu sein...? Alleine gewesen zu sein auf dem Treck durchs Leben, jeder für sich? Alleine durch den Dschungel der Möglichkeiten getigert zu sein, und sich dann wieder zu treffen. Auf einem Betonschiff mit drei Kielen, das seit unserer letzten Begegnung die Distanz von Hamburg nach Südafrika zurück gelegt hat. Vogelflug gemessen, in Wirklichkeit war es viel weiter.
Und all dies fiel uns wie Schuppen von den Augen, die feucht vor Tränen des Lachens mit den Sternen um die Wette funkelten. Mo ist hier! Ich konnte es kaum fassen! Was hatte ich DIESEN Kumpel vermisst! Mo, der Mitbegründer der Kunst des Ransackens.
Ab in die Backwaters von Kerala!
Zuerst hatten wir das Buch von Mark Twain gelesen „Letters from Hawaii“, das meine Bordbücherei krönt, als Essenz dessen quasi, was alles gesagt werden soll, darf und kann..., sobald man auf Reise ist. Mark Twains Brief von Big Island von Hawaii endet mit: “...wherefore we proceeded to ransack the country for further notable curiosities!“
Dieser Spruch verziert seit meinen Reisen in den Solomonen den Eingang der Liberty. Seit Mo und ich nach Malaita gesegelt waren, um die Langalangalagune zu suchen, das Gelbe vom Ei in Sachen harter Exotic, nah an der Grenze des offiziell Beschreibbaren. Darum verliere ich jetzt keine Worte darüber, sondern blende gleich wieder rüber zum Studio in Cochin, wo ich gerade Mo bei seinen interessanten Reden filme. Es geht auch ihm um die Interessanz, ein neues Wort, ein neuer Masstab also. Die Essenz des Interessanten. Indien! Zum Beispiel. Köln. Zum Beispiel. Wie misst sich Interessanz? Bagdad ist auch interessant... Washington ist hochinterresant! Aber wie steht es um die Interessanz Washingtons, im Vergleich zur Langalangalagune? Boston versus Cochin? Interessanz ist das Quermass dessen, was einem erlaubt ist, zu tun, in Relation zu dem, was getan werden kann. Abenteuererspielplatz oder Museum? Kindergarten oder Parkplatz? Mauerritzen mit wilden Blumen in Cochin, oder verspiegelte Bankenfassaden in Krakenstein?
Nach einem darauffolgenden Tag zu dritt in Cochin, (nicht ganz unauffällig, wir waren ein Dreiergespann aus Livingston, Ali Baba und dem „Pirat of the Arabean Sea“) sagten wir dem Fort von Cochin Adieu und segelten im Babysegelboot, das ich für solche Zwecke immer an Deck habe, in Richtung Backwaters davon. Dies ist ein siebzig Kilometer langes Gewässer, das sich hinter der Küste freundlicherweise und mit Shivas Hilfe gebildet hat. Es ist irre komplex, hat Tausend Seitenarme, Knicks, tote Ecken, Strömungen und Inseln. Um der Idee des Ransackens gerecht zu werden, starteten wir unsere Excursion kurz vor Einbruch der Dunkelheit, ohne Karten, ohne Ahnung. Aber mit einem Handschweinwerfer, der jedem U-Boot gerecht würde. Ich hatte die Lampe in Australien gekauft, wegen den Krokodilen.
Klar, zauberhaft, schöner Himmel voller Sterne, all das Übliche an kosmischen Reizen. Der Hafen war gut ausgeleuchtet von Flutlichtlampen. Alles riesige Industriekacke, wie ich es mal abgekürzt sage. Gastanks, Chemietanker mit „Phosphoric Acid“, Kriegsschiffe. Dann irgendwann die letzte Brücke, die Ufer wurden schemenhafter, die Strömung war mit uns, gegen drei in der Frühe bogen wir rechts in einen Seitenarm ein, wo wir wie Sardinen im Segelboot schliefen, bzw. uns todjuckten. Uns fast übergaben, wegen dem Gestank der Fäulnis in diesem offenbar hundetoten Seitenarm. Bei Erlösung durch die Sonne stand bereits der Inder an Land, den wir brauchten, und so befanden wir uns nur Minuten später im klimatisierten Grossbüreau einer offensichtlich erfolgreichen Werft, und sippten Jai. Hier entstehen moderne Polyesterschiffe für die wachsende Mittelschicht Indiens, die auch gerne mit 80 PS Aussenbordern herumbollern möchte, wie Hollywood es ihnen vorgeträumt hat, bevor Bollywood den Part übernahm. Ein boomendes Business also. Die grösste Mittelschicht der Erde entdeckt die vergnügliche Motorbootfahrerei. SOS! Was er denn von Segelschiffen hält, fragte ich den Boss, der aber vor offensichtlicher Entzückung, Vasco Da Gama, Jack London und Huckleberry Finn gleichzeitig in seinem Office sitzen zu haben, eher sprachlos blieb. Aber rund um seinen Schnauzer waren alle Lichter an und er wippte seinen Kopf auf diese Indische Art. Sie mahnt mich an die Bewegungen vom Kopf des Plastikhundes, den ich in den Achzigern auf dem Dashbord meines Mercedes 450 SEL hatte, so wie sich das damals gehört hat, als Designer von Sachen, die niemand braucht.
Die Kopfbewegung als die ganz natürliche, eines auf dem Sozius eines Mofas über Schlaglöcher Fahrenden, interpretiert, rudern wir nach diesem informativen Frühstück winkend davon. Der Boss hatte uns noch Google Earth gezeigt, wodurch wir etwas mehr Ahnung hatten, wie es weiter geht. Nur um Handbreite kamen wir unter der Brücke zurück ins Hauptgewässer, weil inzwischen Flut war. Die Bucht, wo wir die Nacht verbrachten, war bei Tag der Standort diverser Fischfabriken, was ihr diesen perfiden Geruch gab.
Ja, und dann segelten wir immer tiefer rein in die Backwaters. Wir orientierten uns an der Sonne und bestaunten die Küste durchs Glas. Ein wolliger, grüner, wild gewebter Schal aus triefenddampfender Flora, die die Backwaters hier ausstaffiert. Immer wieder mal ein Haus, meist aber menschenleere Küste. Was dahinter ist, sieht man nicht. Dicker Wald, flaches Land, mehr konnte man nur ahnen. Aus uns unbekannten Gründen gab es hier kaum Schiffe und Boote. Wäre dies eine Bucht in Melanesien, es hätte sie überall!
Beim näher an Land segeln, hörten wir Indische Musik durch die Palmenhaine. Am Liebsten wäre ich ganz nah dem Land entlang, aber dort fehlte der Wind. Also segelten wir etwas Zickzack, aber ohne dass Aufregendes geschah. Die Strömung war immer mal wieder mit uns, dann dagegen. Der Wind hätte zwei Stufen stärker sein dürfen. Die Sonne hatte etwas Höllisches an sich! Auf Liberty, dem Mutterschiff, kann ich immer in den Schatten flüchten, und im Innern ist das Schiff recht dunkel, was man in den Tropen gerne hat. Im kleinen Beiboot aber wird man gehämmert von der Sonne! Dazu spiegelte sich die Sonne im Meer, ausser über Mittag, wenn die Devise breiter Hut hiess, auf was ich aber bestens vorbereitet war.
„Interessant“ wird es aber so etwa ab Drei Uhr. Da ist die Lufttemperatur auf dem Maximum, aber langsam tritt der Spiegeleffekt des Meeres ein! Der Nachbrenner wird angeworfen, das Heizkissen unter dem T-Shirt. Hölle!
Schliess- und endlich kam rechterhand ein schattiger Nebenarm, den wir ansteuerten, um dort irgendwo eine bessere Nacht zu verbringen, als die letzte. Wir waren fertig gebacken wie Fritten bei Mac Donalds, gebadet im Schweiss, als uns die Moskitos der Backwaters willkommen hiessen. Bislang waren wir in Kilometerbreiten Armen unterwegs, jetzt in hundert, fünfzig Meter breiten vielleicht. Häuser zwischen den Palmen wurden jetzt sichtbar, Kinder die winkten, Palmen die winkten, Männer die winkten und sich mit der anderen Hand zwischen den Beinen kratzen. Indien! Wir bargen die Segel und meine beiden Obelixe paddelten sich die Hucke ab, um ihren Kapitän Ransack an einen Lagerplatz für die Nacht zu bringen. Die Leute waren uns jetzt ganz nah! Fast zum Greifen nahe Frauen, die winkten wie diese Skulpturen da, die mit den vielen Armen. Mann hälts im Kopf nicht aus, Ehrlich! Schliesslich parkierten wir unser Segelboot entlang der rostigen Wand eines Tanks, oder was das war. Der Tag war fast zu Ende. Hauptsache es hatte eine gerade Fläche zum pennen. Und irgendwas, wo wir die Moskitonetze aufhängen können, fertig ist der Ransacker! OK, geht vielleicht auch OHNE Moskitonetz..., sagten wir uns, nachdem wir nichts fanden, um unsere Moskitonetz aufzuhängen. Lasst uns zuerst von diesem Tank verschwinden, Jungs, der glüht ja noch! Fluchend, juckend, schwitzend rannten wir mehr davon, als dass wir gingen.
Klar, und da waren wir dann irgendwann. Wo, wusste aber nicht mal Mo. In der Ferne hörten wir laute Indermusik, vor uns lag ein Dorf, oder war es eine Stadt? Wir hatten keine Ahnung. Und machten uns umso vergnügter auf den Weg zum Ursprung dieser indischen Musik, die wie Sirenen uns Seefahrern die Sinne raubte. Hinter uns lag im Dunkeln unser angebundenes Boot voll Delikatessen, Werkzeugen, Funkgeräten, einem Scheinwerfer. Und dort waren wir drei naiven Maler aus Europa, die durch Wiesen voll schnaubender Kühe und düsteren Wegen aus Matsch sich von ihrem Boot entfernten. Ohne Karte, ohne Kompass, ohne Durchblick.
Lauter originelle Häuser, die man sich leicht merken kann, dachten wir, bis es so viele wurden, dass unsere Festplatten heiss wurden. Ohne Plan B., weil es nicht mal ein Plan A gab! Wie ein Trio Gibraltaraffen, die zu Intelligenztestzwecken in den Backwaters von Kerala freigelassen wurden, beobachtet von höheren Wesen – sprich Wissenschaftlern – wie wir immer wieder zurück schauen, und zu merken versuchen, wie diese Wegbiegung aussieht, wie jene...im Dunkeln! Ich vergesse nie meine Nacht auf der Insel Penang, vor gut 30 Jahren, in der ich wie ein Blinder herum geirrt war, um mein Hotel wieder zu finden, in das ich eben erst einlogiert hatte. Ich wollte bloss noch schnell irgendwo etwas essen und hatte mir den Namen des Hotels nicht gemerkt. Es hiess Hotel Switzerland, wie ich nach einer durchwanderten Nacht fest stellte. Nachdem ich meinen beiden Coransackern meine Story fertig erzählt hatten, hatten wir überhaupt keine Ahnung mehr, wo wir waren. Indien? Indien! Kerala, da bin ich mir SICHER...!
Uns lockte die Musik, abgesehen von einem guten Curry. So aus der Ferne habe ich selten Musik vernommen, wie mir irgendwann auffiel. Die Flachheit der Backwaters scheint Schall leicht weiter zu tragen. Weiter, als man denkt. Nach einer guten Stunde waren wir am Rand einer Stadt. Es war mir, als bestiege ich ein Karusell. Das Ganze wurde zum Zirkus, je tiefer in die Stadt wir vordrangen, von deren Namen wir nichts wussten. Alles drehte sich im Kreis, die Rikschahs, die Kühe, die Ballonverkäufer, die Musik, die aus riesigen Lautsprechern kam. Nix da mit Konzert, wie wir gehofft hatten. Alles Dosenmusik auf einem fast leeren Volksfest. Was wäre Indien ohne Lautsprecher? Ist die erste konkrete Frage, die mir zu diesem Land einfällt. Sri Lanka ist visuell das Ergebnis des Plotters, mindestens die Hälfte aller öffentlichen Flächen sind von Werbung zugekleistert, die hochprofessionell aus dem Plotter stammt, bunt wie Papageiensalat mit Tintenfischwurst. Hier in Indien (Cochin) schien mir dieser Neuzeiteffekt noch nicht so voll durchgeschlagen zu haben. Aber der Lautsprecher... (Was wäre der Islam ohne Lautsprecher, frage ich mich eh schon seit Indonesien.)
Und dann trafen wir die beste Entscheidung seit Erfindung des Buchdrucks: Wir gingen in ein Hotel und buchten ein Dreierzimma, das weniger kostete, als eine Cola in der Zimmerbar eines Hiltons. Wir mussten aber unsere Pässe zeigen und der Typ hinter dem Tresen musterte uns eindringlich. Die ganze Lobby war verstummt, nachdem Mo, Martin und meine Unauffälligkeit eingetreten waren. Nur der Fernseher spuckte fleissig weiter Töne, während ein dutzend Inder sich an der geografischen Mitte ihrer Saris zu schaffen machte. Dass mein sechs Jahre altes Passbild etwas ungenau ist, fiel dem Clerk auf und ich musste ihn auf die Seite mit dem Indischen Visum verweisen, wo mein Konterfei einigermassen aktuell abgebildet ist. Er verlangte noch nach unseren Telefonnummern, was uns keine Mühe bereitete, weil zehn Zahlen zu spucken einfacher ist als Zähneputzen im Sitzen.
Das Zimmer hatte die Ausstrahlung einer Gefängniszelle, wir waren im 4. Stockwerk, bei einem Brand wären wir Vogelfutter. Trotz meiner manchmal leicht ins Wagemutige abgleitenden Bekenntnisse über meine Reisen, bin ich doch immer auf der Hut - was mir aber nur Experten ansehen! Schliesslich wurden meine diffusen Ängste, die Hotelzimmer mir oft einflössen, vom Schlaf davon getragen und echte, gute Ransackerträume begleiteten mich durch die tropisch schwüle Nacht.
Was war ich verpennt am Morgen durch all die eben geträumten Irrwege, die nichts brachten, ausser kichernde Freude im Schlaf. Ransacken ist neugieriges Wühlen im Chaos, ohne wirkliches Ziel. So, wie auch Träume entstehen. Ein Kind in uns tanzt dann unseren eigenen Erinnerungen entlang, filzt rote Taschen und findet blaue Kamele darin, oder Kokosnüsse, die Erinnerungsfunken an die Insel Elba schlagen, wo die Kokosnuss und die rote Tasche so schnell vergessen ist, dass der Griff in den Eisschrank folgt, wo man von diesem zappelnden Fisch im Eisfach so erschreckt wird, dass man davon geweckt wird. Mit trockener Kehle an den Deckenventilator starrt. Fern jeder Eisbox.
Trotzdem: Neben unserem Boot auf dem verrosteten Tank zu schlafen wäre dadegen wohl Dantes Hölle gewesen, Haie mit Summantrieb und glühende Bananen! Mehr zufällig fanden wir nach komplizierten, aber interessanten Irrwegen unser kleines Segelschiff wieder. Es hockte schief auf dem Schlick. Jemand hatte sich darum bemüht, es höher gezogen, und mit einem indischen Knoten festgemacht. Wie erwartet fehlte nichts. Aucht nicht das Abschiedskommitee hübscher Inderinnen, die uns mit so vielen Armen nachwinkten, dass es mir verdächtig vorkam. Indien! Also doch..! Adieu ihr Göttinnen in grün und blau, rot und gelb, pink und lila, Gold, aber nie Silber! Inderinnen! Ich werde wieder kommen! Backwaterladies, ich vergess euch nie!
Wir waren sogar plötzlich auf ein Ziel gekommen, das man vielleicht ins Auge fassen könnte, was aber eigentlich gegen die Idee des Ransackens verstösst! Ein Ziel ist nur dann einzusetzen, wenn es entweder leicht gefährlich ist, oder gute Chancen bestehen, dass man sich verirrt, was eines der zentralen Anliegen des Ransackens ist! Wer weiss, wo er ist, verliert elf Punkte... Unser Ziel hiess plötzlich Allepy, Allepy war plötzlich unser Ziel, und wir waren sogar bereit, uns darauf zu einigen. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, die Reise hiermit wesentlich auszudehnen, da diese Stadt am südlichen Ende der Backwaters liegt. Weitere 40 Kilometer also, was in einer kleinen Jolle ganz schön weit ist.
Der Wind spielte mit, die Segel summten, die Taue waren straff wie Bogensaiten, unsere Herzen jubilierten. Dann kamen wir an eine lange Brücke, aber darunter sahen wir eine Mauer. Fertig Backwatertraum? Dann sahen wir ein kleines Frachtschiff unter der Brücke hervor knattern, so laut dass man es bis Bombay hört, und wir steuerten dort hin. Eine Schleuse! Wie lange hatte ich keine Schleuse mehr gesehen, seit sie in meiner Zeit als Rheinmatrose zum täglichen Job gehört hatten. Wir ruderten in die offene Schleusenkammer, hinter einem Frachter, dann ging schon das andere Tor auf, kaum dass das hintere zu war - ohne dass sich der Wasserspiegel änderte - und wir wurden in eine nigelnagelneue Welt entlassen, von der wir keinen blassen Schimmer hatten. Von hier an waren wir in Süsswasser, aber selbst das erfuhren wir erst am nächsten Tag. Unsere Ahnung, wo wir überhaupt waren, war nilch. Nada! Keine Karte im Boot, keine im Kopf, kein Lonly Planet. Allepy, fragte ich die Crew des Frachters, und sie zeigten die Richtung. Sie boten sogar an, uns bis dort abzuschleppen, aber wir verzichteten freiwillig. Der Motor war uns zu laut!
Die Backwaters werden hier an zu einem Gemälde. Ein Gemälde aus Tausend und einer Nacht, aber in Wasserfarben und flach wie ein Reisfeld. Schiffe mit geflochtenen Dächern aus Reisstroh kamen uns entgegen. Böse Touristen aus aller Welt. Sie verfolgten uns. Hatten diesselben Träume wie wir. Mit dem Messer zwischen den Zähnen hängten wir sie ab...
Seit spätestens Sri Lanka ist Piraterie das Hauptthema unter Seglern. Dass man da besser mit Schiffen rumsegelt, die nicht wie schwimmende Tresore aussehen, oder Schaufenster von Tiffany, versteht jeder normal denkende Mensch. Leider sind die auf dem Wasser nicht häufiger, als an Land. Meine Theorie ist, dass der IQ jeden Mensches... schlagartig 50 Punkte abnimmt, sobald er die Planken eines Schiffes betritt. (Ich SCHREIBE auch auf einem Boot...)
Insofern bin ich Fan eines dezidiert schlampigen Looks auf Schiffen, sobald sie sich Asien, Afrika, Südamerika, der Karibik, oder der Südsee annähern, also ab etwa Griechenland. Spätestens in der Arabischen See, wo ich jetzt bin, sollte der maritime Schlampenlook Jedem einleuchten. Dazu passend möge der distinguierte Bordmensch noch seine adäquate Garaderobe finden, die sich an der Quintessenz christlicher Seefahrt orientiert: Vor nix haben Piraten mehr Schiss..., als vor Piraten!
Jedenfalls lässt mich echt JEDER in Ruhe... Einen Bart lasse ich mir wachsen seit den Cocos Keeling Inseln, weil ich nicht mehr sagen kann, warum ich mir bescheuerten Plastikmüll kaufe, täglich meine Haut damit zerkratze, um mit 56 wie 55 auszusehen! Und im Endeffekt nicht annähernd so gut mein Grinsen tarnen kann, wie jetzt! Lauter Nachteile, dieses Rasieren, ein Dressurakt der Frau am Mann.
Indien! Bzw. Mark Twain! War der eigentlich auch mal hier? Ich weiss echt nichts über Indien! Bin hier angeschwemmt wie ein treibender Baumstamm, staune wie ein Kind über den immer grösser werdenden See. Die Backwaters. Die Ufer sah man inzwischen nicht mehr. Die Segel steif wie Elefantenohren, alles im grünen Bereich, ausser... Ich muss mal! meldete ich mich zuerst höflich an. Mein „Hauptscharnier“ über den Bootsrand gehängt... echt Indisch ......! Mein Gott, kann k..... schön sein. Die Sonne schon tief genug, dass sie fast angenehm war. Das ferne Ufer zog sich aus dem leichten Dunst der Backwaters, der Tag neigte sich dem Ende zu und man sah langsam dieses Aquarell aus dem Dunst auftauchen. Mit Kokospalmen und einem grossen Baum, der von Weitem wie ein Hochhaus aussah. Eine Art Deich zur Linken, ein Küstenstreifen zur Rechten, hinter dem wohl die Arabische See wie in Gold getaucht aussah, jetzt wo gleich Sunset war. Das Plätschern der Wellen am Rumpf der Jolle. Jetzt noch im „Indischen Stil“ das „Scharnier“ putzen...? Ich schaffte es nicht, war „zuviel zivilisiert“, holte die Rolle Klopapier aus dem Rucksack. Der beste Sch... meines LEBENS! Versicherte ich meiner Crew, die das Reisen in Indien unter Segeln innig genoss und das gleichzeitig auftauchende und sich in Dunkelheit zurück ziehende Land vor uns musterte. Während drei Tage hatten wir übrigens kein einziges Segelfahrzeug entdecken können, bloss Kanus und Motorboote diverser Grössen. Komisch! Hier weht ein verlässlicher Wind über eine riesige Lagune, aber niemand SEGELT? Da stimmt doch etwas nicht...! (Typischer Ransackergedanke!)
Indien! Ein paar Tage später. Dieses Land nimmt mich gefangen schon – noch weiss ich nicht warum...
Zurück zu den Backwaters von Kerala, wo wir am Ende des dritten Tages, prompt bei Eintritt der Nacht, auf eine Insel stiessen. Sie war teils schmal wie ein Pfad, lang, dass ich es nicht weiss (auch bei Tag nicht), gleichzeitig geknickt im rechten Winkel, wie ein aufgeklappter, halb geknickter Zollstock. Und genau am Knick kamen wir im Dunkeln fast an, schemenhaft sah man den Baum, der präzise an dem Knick über das milde Wasser ragte, von dem wir immer noch nicht wussten, dass es Süsswasser war.
Hinter dem ausladenden Baum, unter Kokospalmen, stand ein Haus, dessen Licht brannte, ein paar dunkle Wesen davor mit Muschelkettenzähnen, die man noch knapp sah, weil sie lachten, im letzten Auffunkeln des Tages. Wie einen grossen Schmetterling segelte ich unser Boot nah ran an sie, im einschlafenden Wind. Rufe hallten herüber, Gelächter, es roch nach Curry.
So lernten wir eine Familie kennen - genau, eine Inderfamilie! - die auf dieser Insel lebt, ganz alleine wohlgemerkt, und sie erstreckt sich entlang des Ufers eines Sees, den irgend ein Hindugott der Familie schenkte, als Hafen, als Fischgrund, als Spielplatz, als Reisfeld, als Wohnraum. Ihr Haus sahen wir nicht, bevor es Tag wurde. Wir schliefen auf einer Anlegestelle für das Kursschiff, das ihre Insel mit Allepy verbindet.
Morgens servierte der Inselherr Tee und wir erfuhren, dass wir hier in einem Süsswassersee waren.
Fischende Inder entstiegen der Fähre, die bald kam, und setzten sich entlang der Kante der Insel, die besagte Familie bewohnt. Hütet. Tagsüber füllt sich langsam der Rand der schmalsten aller Insel, die ich je sah, mit Anglern, die es sich im Schatten von Bananenblättern bequem machen. Abends nehmen sie wieder die Fähre.
Wie lang denn seine Insel sei, wollte ich wissen. Forever! Sagte er und lachte. Sie war also rund, der Deich um Reisfelder herum, begannen wir zu verstehen. Wo sie endete, war nicht zu erkennen.
Aussen gurgelte dieser Insel ab Tagesanbruch ein Motorschiff nach dem anderen um den Deich. Grossenteils Touristen. Ökotouristen. Auf Polyesterbarken mit handgeflochtenen Grasdächern und Stromaggregaten auf dem Achterdeck, für die aircondition.
So lernte ich einen Indischen Deichgrafen kennen, seine Gemahlin, einen Onkel von ihm, und zwei Töchter in bald heiratsfähigem Alter. Sie waren hier aufgewachsen. Auf der Insel. Sie kannten die Insel, die Schule und Alleppy, mehr nicht. Und in Cochin waren sie auch schon.
Und hier noch ein Chay, und dort noch ein Curry, und von uns gab es Milo Trinkschokolade mit Nestle Pulvermilch. Und hier noch ein Tschapatty und dort noch ein Foto.
Die Kinder der Inder, die Inder der Kinder! Die Insulinder, statt Insulaner. Ich sah Gemeinsamkeiten. Und ich sah, wie sie grundverschieden waren, ganz andere Menschen, als zum Beispiel die Inseln der Solomonen. WIE sie anders waren, konnte ich aber noch nicht annähernd sagen. Gleichzeitig sah ich in ihnen die Schweizer! Ein Besuch dreier müder Wanderer aus Amerika würde zu ähnlichen Reaktionen führen, ständen sie plötzlich mit einem Rangerover auf einer Alp, die von einer Sennenfamilie bewohnt wird, die noch nie einen Amerikaner gesehen haben. Praktisch die identische Gastfreundschaft. Klar, dass man auf ihrer Kuhwiese im Rangerover schlafen kann. Sogar Inder! Wir sind nicht so, wie wir sind, sondern sind wie wir waren. Ebenso dürfte der Gastfreundlichkeitspegel in Neu Dehli im Stossverkehr kaum höher sein, als in Zürich an der Bahnhofstrasse kurz vor Weihnachten. Da zweifle ich keinen Moment daran!
So sassen wir da, im Schatten des Baumes, schauten der Kuh beim Pissen zu und lachten und hatten alle unsere inneren Lichter an, torkelnden mit unseren Köpfen, sie geübt, und wir nach am Üben. Noch nie waren sie besucht worden von Weissen in Segelbooten, erzählten sie. An ihren Ohren blinkten bunte LEDs, auf Infraschall klang der Beat der festen Erde, die hier zwar lieblich verziert und getarnt unter einem See lag, der wenige Meter tief nur ist – aber gleichzeitig Teil meiner Heimatinsel ist, die mir hier und jetzt, nichts als Afroindoeuropasien heissen konnte, für einen kurzen, glücklichen Moment. Und vielleicht nur ich sah die kleinen Spiralantennen an den wippenden Köpfen der lachenden Inderkinder, die sich aus ihren verschmitzten Köpfen in den Himmel Keralas schraubten, mit rosa Kugeln an den Spitzen, die in alle Richtungen Seifenblasen absonderten. Weder verstanden wir sie wirklich, noch sie uns. Aber das Grundsätzliche war so greifbar und fassbar in der Luft: Dass wir Alle von der gleichen Insel stammen! Wenn sie untereinander indisch sprachen, klang es kindisch zugleich und wenn Mo und ich deutsch redeten, oder französisch mit Martin, waren es sie, die sich kugelten vor Lachen. Und das war in der Schweiz auch mal so. Auf den Alpen, hoch oben. Dort, wohin sich Freigeister verziehen, wenn ihnen die Ebenen zu unfrei werden. Damals... Und Lachen hing wie ein Regenbogen über der kleinen, endlosen Insel, dem Deich des Deichgrafen, deren Töchter uns fleissig rüber morsten, dass ihnen unser Besuch nicht ungelegen kam. Und sie waren wie zwei Mädels im Heu, und dass sie das nicht wussten, war das Schönste an ihnen. Würden alle Mädels der Welt wie sie leben, gäbe es keine Klimaprobleme. Und genug Reis! Oder Käse!
Sie zeigten mir ihr spärliches Zimmer, wo sie offensichtlich mit grosser Wonne Hausaufgaben der Schule erledigten. Hinter ihrem offenen, bei Regen von einem Reissack verhängten Fenster, lag wie ein Fächer aus Pfauenfedern das Labyrinth aus Reisfeldern, die ihre Eltern bearbeiten. Welch ein tiefer Stolz, den so etwas bringt, ging mir durch den Kopf, an dem aber jegliche Kühlung fehlte. Die echte Selbstbeherrschung, so eine reisfarm zu hegen und pflegen und ernten und so. Ich, wir, hier - alles ein Wort! Und hier leben sie, die bald flügge werdenenden Deichgrafenkinder. Sie schlugen schon fein ihre Flügel, merkten, dass sie welche hatten. Und ihre Mama kochte Reis im grossen Topf auf einem Feuer aus Holz. Trotzdem hatten sie Strom, der dem Deich entlang geliefert kam. Die Mädels mit Mobiltelefon – selbstverständlich!
Was für ein Mix! Indien! Die geknickte Zollstockinsel, das Auge in der Insel aus Reisfeldern. Eine der frivolsten, frischesten Wasserlandschaften, die ich gesehen habe. Frauen in kindischen Farben, Kinder in indischen Kleidern, Schals, Tüchern, Schmuck. Eine Kindheit, die in der Natur sofort auffällt. Eine Kultur der Signalik, alles sind Symbole, niemand kennt alle, aber alle wollen sie haben - bis und mit: in die Mitte zwischen ihren Augen. Herrlich, das Gott Indien runtergeschmissen hat! Stellt Euch vor, alles wären bloss Sagen, die Inder die Bewohner einer ausgedachten Welt...
Um die Geschichte mit der Inderfamilie auf der einsamen Insel weiter spinnen zu können, bat ich darum, mein Boot bei ihnen unterstellen zu dürfen. Klar, kein Problem! Das Boot steht jetzt direkt neben der Villa des Deichgrafen. So. Auch die Amerikaner hätten ihren Rangerover eine Woche auf der Alp stehen lassen dürfen, die Älplerfamilie hätte wohl auch lächelnd ja gesagt. Wie gesagt, ich beschreibe hier den Vergleich zweier Extremlebensweisen, DIESE Älpler finden sich garantiert noch heutzutage.... (Jedenfalls in Österreich). Interessant ist aber der Vergleich mit einer Insel in Melanesien, frisch zu Besuch bei einer Kanakenfamilie, ein Boot voller Food, Feldstecher, Anker, Paddel... Ich hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit NICHT mein Boot eine Woche in ihre Obhut gegeben! Eher nicht...
Und genau hier durch verläuft eine Art Meridian, wo wir Inder und Schweizer, und ja, sogar Balinesen und bis und mit Timoresen, alle auf der selben Seite leben. Und die Leute von Rendova zum Beispiel, auf der anderen. „Wirkliche“ Insulaner sind keine Spur böse. Aber gefährlich! Und wir, na ja, Europäer..., sind böse – im Sinne unser täglichen Handlungen – aber null gefährlich... Geworden. Was sicher seine guten Seiten hat; aber indirekt, und mir fast als Ausgleich unseres „Störungstriebes“ vorkommend, eine andere Form von Gewalt freigesetzt hat.
Wir nahmen uns dann die Fähre nach Aleppy und wurden schier verrückt ob der zunehmenden Dichte der Schiffe in den Kanälen. Mein Gott, war ich froh, hier nicht selber rein rudern zu müssen! Aber desgleichen, Interessanz pur! Exotik zum Abbeissen in jeder denkbaren Blickachse. Ich filmte quasi nonstopp. Mo knipste sich die Fingerkuppe wund. Martin sass wie Teil einer Landemission eines UFOS, aber mit Buddahgrinsen auf der Barke und machte Faxen für die Kamera. Indien! Und schon frass uns in Aleppy ein röhrender Bus auf, bis Cochin, 70 Kilometer. Arme lässig aus den offenen Fenstern hängen lassen, schien angesagt, damit der Bus möglichst wie ein Container Affen aussieht. Hier gleicht Indien den Solomonen, aber null und nix der gefriergetrockneten Kaffestubenschweiz. Oder...?
Damals, die Schulausflüge im Postbus über den Gotthardpass, damals, als man in Bussen noch die Fenster aufmachen konnte, damals, als Technik noch jung war, und nicht veraltet, wie heute. Damals also... Damals! Ja, wie ein bengalischer Tiger sprang er mich an, der Gedanke, dass ich auf all meinen Reisen nur meine Heimat gesucht hatte, also meine Kindheit. Und dass all diese Länder, ob Solomonen, ob Indien, noch all diese Ingedienzen aufweisen, die uns längst abhanden gekommen sind, im „internationalen Wettbewerb“, wie es früher immer hies. All dieses Feinstoffliche an Bedürfnissen, wie Busfenster, die man selber öffnen kann, was dem erwachsenen Ureuropäer natürlich ein Graus ist. Aus der Sicht der Kinder natürlich nicht. Und der Inder auch nicht. Und ja, da ist sie, die in meinen Augen heile Welt aus Hütten und Märkten, Lautsprechern und Reisfeldern.
Oh, ihr glücklichen Inderkinder! Ich war geblendet, geblendet vor Farbe, mehr als Licht. Von Form. Die dreidimensionale Umsetzung des Theaters Indiens schien mir atemberaubend. Man mixe Frieden mit Kunst, warte ein paar Generationen, lasse Religionen ihre Beiträge leisten - Werbung ist eh überall – und MEHR ist doch besser! Also auch gehörig Religion, dass die Suppe Allen schmeckt. Es braucht doch auch Fühler, nicht bloss Denker! Aber wer an Nischt glaubt – der neueste Gott am Himmelszelt – ist ebenso willkommen. Selbst acht neuntel Nackte sind hier willkommen. Hier in Indien funktioniert das irgendwie wunderbar!
Unter „Indien“ verstehe ich übrigens das Fort Cochin, die Busstation von Allepy und die halbe Deichgrafeninsel. So, und das wars denn auch fast, mit meinen ersten Gedanken hier in Indien! Dem Land, dem ich eigentlich nie vorhatte, mich anzunähern, ausser neulich ganz plötzlich, weil ich einen sicheren Dauerhafen für meine Liberty suchte. Hier fand ich Schutz! Endlich! Nach insgesamt drei Jahren Suche... (Ohne Sch....!)
Cochin! Es lacht mich an, von Anfang an. Was für ein spannender Weg es war, und letztlich, wie unerwartet auch für mich selbst, dass ich jetzt in Kerala im Saft schmore. Während ich hier schreibe (an Bord) läuft mir der Schweiss aus allen Poren. Ich habe aber eine Schutzfolie über dem Keyboard...
Die Monsungeschichte fängt ja bald an. Die Temperaturen erreichen jetzt schon fast vierzig Grad. Gegen Abend grollen Gewitter und Blitze zucken von Shivas Trohn – oder war es Ganesh? – im Moment regnet es.
Bald findet hier eine Metamorphose statt, wenn ich es richtig verstehe. Regen wird zum Oberkommandierenden halb (oder ganz) Indiens, alles glänzt und glitzert NOCH mehr! Die schon jetzt, wie rollende Discomischpulte blinkenden Taxis, verdoppeln ihre Silouetten in den Pfützen. Und sehen dann wie furzende Schmetterlinge aus, wenn ich mir das richtig überlege. Steigerbare Interessanz also, ich muss hier WEG...!
Irgendwie bin ich vom direkten Kurs nach Europa abgekommen, und melde mich gehorsam aus einem der kuriosesten Länder, die unser Weltzirkus vorzustellen hat. Ähnlich wie vor langer Zeit Neukaledonien, stehe ich auch hier fast unabsichtlich auf fremdem Boden! Was für ein glücklicher Zufall!
Bist es wieder du, der alte Traum von den „echten“ Menschen? Frage ich mich hier mal wieder. War es hier, am rechtwinkligen Knick der schmalen Insel, wo Menschen mir halfen, mein kleines Boot an Land zu ziehen, eine Sippe nur, und flaches Land dahinter? Ein Licht, das ich nie sah, nur träumte davon. Ein hoher, weiter Himmel mit Vögeln, die Kapriolen schlugen, als ich träumender Junge sie mir vorstellte im Traum, mein Hirn Welten und Menschen schnitzte aus Rohmaterial aus der Reiseliteratur, die ich damals verschlang, von Hans Otto Meissner bis Robert Louis Stevenson. Ist es hier? Der neue Breitengrad, den ich suchte, die neue Länge, nahe Europas?
Wie ein Land links unten von Griechenland kommt es mir hier vor. Drei Pleiten weiter östlich quasi. Plötzlich ein Land mit dem enormen Vorteil, dass es kein Öl hat, keine Nachbarn mit Öl, weder an Amerika grenzt, noch an Europa. Welch ein gesegnetes Land also! Mögen die Kühe bis anno domini die Strassen bewohnen, der Ruf der Moscheen weit über die Backwaters vernehmbar sein, alle Stunde die Glocken der Kirchen bammeln, Sikhs mit ihren Turbanen sich bücken müssen, wenn sie in die Fähre zum Fort einsteigen. Mögen die Sadhus ihre Dschilloms rauchen bis zum jüngsten Tag und Frauen mit heissen Blicken ihre blattgrünen Sarongs neu über ihre Schultern werfen, bis zur nächsten Eiszeit. Indien! Echt!
Irgendwie kommt immer von irgendwo Musik!
Epilog
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Ich stehe am Ende einer sehr langen, oft anstrengenden Reise, in der ich mich über zwei Jahre von Noumea hierher nach Cochin „verirrt“ habe. Ransacken pur also! Je komplizierter, je lustiger! Später jedenfalls...
Endlich habe ich es geschafft und bin mehr als zur Hälfte in Richtung Heimat gereist. Was auch immer das ist... Heute vor zwei Jahren stand ich am Flughafen Charles De Gaulle und rauchte eine Gauloise auf einem öffentlichen Balkon aus Sichtbeton. Die Sonne war eben aufgetaucht, der Himmel war zum Zerschneiden klar. Es herrschte diese angenehme Kühlheit eines beginnenden Frühlings. Ein Pappbecher Kaffee wärmte meine Finger und so rauchte ich meine Gauloise mit dem Penner, der auch rauchte, Abfall durchwühlte und nebenbei mit mir quatschte. Ein wirklich sehr herrlicher Morgen war das! Paris reveille! Ich war mit dem Abendzug von Zürich hierher gelangt, aber da dieser leider so schnell war, verbrachte ich den langen Rest der Nacht in einem Wartesaal des Flughafens im Sitzen, was lange nicht so bequem war, wie der Zug.
Was war mir Europa doch lieb geworden! Wir bliesen Rauchwolken in den Morgenhimmel der Hauptstadt Paris. Ich kam aus Einsiedeln, Kanton Schwyz, und hatte ein Ticket nach Noumea in der Tasche. Eine superschwere Tasche übrigens! Und andere Taschen... Und alle rammelvoll. Ramsch eines fliegenden Seglers. Barometer, Feldstecher, wasserdichte Taschen, Rechner, eine komplette Notfallapotheke der Schweizer Armee. Du Armer! Ging mir durch den Kopf..., auf MICH bezogen! Im Wahnsinn eines frühen Morgens in Paris Orly BENIED ich ihn!
Er hatte zwar nichts, durfte aber in Europa bleiben, der grossen, vereinigten Entropie. Dem Chaos der Kulturen und Menschen und ihren Arten zu leben. Alles schön unter einem Dach! Irgendwie ein ausgedachtes Dach natürlich. Wat solls! Als Künstler liebt man ausgedachte Dächer! Liebt man Europa! Liebt man die Welt!
Zweifel gingen durch meinen Kopf. Ich hatte auch ein paar Tausend Schweizer Franken in Cash in der Banane, die liebevoll meine Hüfte umarmte. Ich Armer... Ich hatte Gedanken, mein Schiff in Noumea... - ein Schiff sein zu lassen! Es seinem Schicksal zu überlassen, es frei zu geben, als bewohnbarer Lebensraum, den sich der Stärkere erschliessen wird. Irgend ein Alain oder Bruno würde sich meinen schwimmenden Bunker unter den Nagel reissen, wat solls!
Ich liebe nichts mehr, als die Freiheit! Ging mir fahrlässig durch den Kopf. Und an diesem neuen Tag in Paris erschien mir die Freiheit eines 15 Meter langen Schiffes irgendwie fad, auch wenn das Schiff Liberty hiess. Du lügst, fernes Schiff, schoss mir durch den Kopf! Ich will Penner werden, und dann tippel ich los! Was für Freiheit, die mich dort erwartet! Ja, was für Freiheit! Meine Kohle in der Banane würde mich zum Günter Sachs der Clochards machen! Ich wäre der gemachte Penner! Ich surfte die Parkbänke Europas entlang, Barcelona, Marseille, Rom.
Und so stand ich noch eine Weile da, wie ein zu begiessender Pudel, der auf sein Flugzeug nach Noumea wartet, um dort seine Luxusyacht abzuholen, um sie.... Ich wusste es ja gar nicht wirklich! Irgendwie Richtung Europa weiter. Immer mit irgendwelchen Freaks als Crew, die meine Liberty mit Guantanamo verwechseln werden, wenn es rau wird, aber das noch nicht wissen.
Ich hatte echt Schiss! Von Noumea aus ist in jeder Richtung nur Wildnis! Zuerst ein potentiell gefährliches Meer, dann Australien, also heimtückische Sandbänke, im Norden Riffe und überall giftige Quallen. Oder hinter dem ungemütlichen Meer taucht Vanuatu auf, was ja noch gemütlich wäre, aber dahinter dann die Solomonen, also Krokodile, fast nie Wind, Fliegen. Fliegen, die hinter Fliegen fliegen, während man den unverzeihlichen Fehler begeht, dass man etwas isst, schläft, oder einem Geschäft nach geht. Einzig wer nonstop im Dauerlauf gegen einen Ventilator rennt, wird von Fliegen verschont. Wind hat es nie. Dazu eine qualvolle Hitze, dass man echt nur eines noch kann: Quatschen! Quatschen und rauchen!
Aber schon war das Nikotinhigh weg, leise sprühten erste Funken des Zweifels durch meinen Kopf, und ich verstand mich etwas besser. Wusste, warum ich mich hier in Europa so zurück sehnte, auf die Inseln Melanesiens. Es war das Reden, das mir so fehlte, das Reden mit Menschen über Menschen, das in Melanesien so blüht, wie selten irgendwo und zu einer anderswo unerreichten Sprachdichte geführt hat.
Und nichts Anderes schien er mir zu sein, dieser mit schmuddeligem Verband am Auge, Gauloise rauchende, an die polierte Chromstahlbrüstung des Balkons zu Orly lehnende Vagabund, als ein Wesensverwandter! Nicht unbedingt von mir, aber von den Kulturen Melanesiens. Wo Arbeit nie wirklich aufkommt, da diese nur durch eine Trennung vom Leben an sich entsteht. Ein weiterer Mensch, der nichts lieber würde, als reden. Reden und tun. Ein weiterer Hufschmied, dem keine Pferde mehr gebracht werden. Ein weiterer Mensch, wie Menschen immer waren. Nicht faul, aber auch nicht redefaul. Im Zweifelsfall sollten wir lieber drüber reden - als es TUN!
Wie soll das gelingen, hinter der Maschine, die nicht nur unsere Hände zu Sklaven genormter Tasten macht, sondern auch unsere Gespräche von einst, zu zielgerichteter Kommunikation hat werden lassen. Zu virtuellen Altaren, wo dem Gott des Geldes gehuldigt wird, oder wo goldene Kälber entworfen werden. Wo theoretisch zwar die halbe Menschheit zuhört, wenn man zwischendurch mal auf Facebook „Hilfe, ich kann nicht mehr!“ ruft - keine Sau aber mehr Zeit hat, es nur schon zu LESEN, geschweige denn zu HELFEN!
Und da sträubt sich was bei Manchen. Und zwar das Nackenfell! Und auch bei mir! Die Antenne für kommende Gefahren. Ich schwankte während etwa dreier Zigaretten zwischen dem freien Gammlerleben in Europa - frei in den Frühling 2010 rein - das ich mir mit 54 endlich „gönnen“ könnte, ohne Gewissensbiss, ohne als Aussenseiter zu gelten... Ich hatte gerade ein paar Wochen in Einsiedeln unerlaubt in einer Scheune gepennt, bei unter Null, ich hätte die ideale Vorbildung: abgebrochene Schreinerlehre, abgebrochene Matrosenlehre, Jahrzehnte auf Achse, diverse Jobs, selbstgemachter Schmuck und ähnliche unqualifizierte Nebensächlichkeiten. Hier, da hast n‘ Euro, Penner!
Oh, was war mir dieses Leben doch erstrebenswert, in diesem kurzen Inne halten zwischen den extremsten Lebensweisen, die als reale Chance vor mir standen. Der Sozialkontinent Europa würde mich durchfüttern, wie einen mageren Esel, garantiert! Mein unangepasstes Leben hatte mich ausserdem dazu gebracht, mich an etwa Alles anpassen zu können! Alles, ausser ein Bürojob von acht bis fünf, wo man die Länge von Kanalröhren berechnen muss. Dann lieber in einer solchen schlafen!
Als die dritte Zigarette zu Ende geraucht war, die kurze, frühe Euphorie über dem Himmel von Paris verflog und immer mehr Menschen auftauchten, hinter Türen hervorkamen, aus Löchern quollen, sich wie Soldaten zu Reihen formierten, genormte Plastikkoffer vor sich her schiebend, als plötzlich die Förderbänder angingen, verdüsterte kein Wölkchen des Zweifels mehr meine Gedanken. Nichts wie WEG von hier! Ich checkte ein, nachdem ich gut die Hälfte meines Gepäcks samt Inhalt der Flughafenmission spendiert hatte. Nicht ganz unfreiwillig, ich hatte fast 20 Kilo Übergepäck. So endeten die ganzen schönen Klamotten, die ich den Kanaken schenken wollte, bei den Sans Domicile in Paris. Oder auf dem Flohmarkt von Vichy.
Zwei Jahre habe ich seit meiner Ankunft per Air Caledonie in Noumea, einen „Parkplatz“ für Liberty gesucht, immer in Richtung Europa segelnd. Der Pariser Penner ist mir nie ganz aus dem Sinn geraten. Er war der letzte Europäer, mit dem ich in Europa (über Europa) redete. Europa ist auch schön unter den Brücken, bestätigte er mir. Dies ist ja eh mein wahres Ziel: Mit Liberty durch die Kanalwelt Europas schippern, nie Angst vor Sturm, immer ein Käseladen in Fahrraddistanz. Ach wie romantisch! Finde ich. Wo kann man heute überhaupt noch so romantisch leben, wie auf einem Fluss in einem Schiff. Kein Kontinent ist für Schiffe so einladend wie Europa.
Und dort ganz klein mit Hut unterwegs auf Napoleons Träumen, den Kanälen, die er bauen liess, den Bäumen, die er den Ufern entlang pflanzen liess. Ja, und immer ein paar Meter Distanz zum Festland von Europa, eine Gedankenbreite nur, damit man eine gute Ausrede hat, keinen Briefkasten vor dem Haus zu haben und keinen Hut auf einer Stange
.Auf meiner guten, alten Liberty einen hübschen Rasen auf dem grossen Vordeck anlegen, mit ein paar Ziegen, oder Hasen. Auf dem Pilothouse ein Hühnerkäfig und der Reling entlang Blumenkästen mit Tomaten, die sich der Takelage entlang winden. All das eben, was einem als Seefahrer so fehlt! Und hinten drauf ein paar Fahrräder, Drachen, Kanus, damit man mobil und fit bleibt. Alles natürlich online, also mit Webcam am Halsband der Ziegen, und dann vor Anker in Köln, Mo besuchen, Schilder an die Reling hängen, „Ziegen bitte füttern!“ und etwas weiter landeinwärts ransacken gehen, also notable Kuriositäten finden, filmen, ans Licht zerren. Vielleicht spasseshalber die letzten Künstler überfallen, die es in Europa noch geben soll, ihnen ihre Geheimnisse raus locken, fragen, obs noch andere Künstler gibt, notfalls etwas Waterboarding! Oder Omis suchen, die noch Körbe flechten können. Und all die anderen Kuriositäten. Was, hier macht noch jemand selber KÄSE? Was für eine Sensation! Ein SCHREINER? WO wo wo? Der letzte Gürtelmacher westlich vom Ural...?
Ach, das Leben ist doch so herrlich, das Leben unter den Brücken Europas. Wir haben bloss den kleinen Detaildenkfehler, dass wir uns mit den Bildern begnügen. Wir haben spezielle Etuis, in denen wir die Bilderserie „Europas Brücken“ sammeln - würden uns aber bedanken, je unter einer solchen zu pennen. Wir befahren sie nur, hetzen über sie rüber, auf Bahnen, die von Diktatoren stammen könnten, die zu Unrast auffordern, andauernder Mobilität, Burnout. Wozu, fragt man sich unter den Brücken schon ewig. Wozu? Brücken sind Krücken, mehr nicht. Man stolziert wie ein Flamingo über Täler hinweg mit Beinen, die man selber nicht mal sieht, beim stolzieren. Und Brücken sind auch Krücken von Häusern, Notschlafstellen, Feuerplätze, wobei dies sicher schon verboten ist. Was nicht verboten ist, ist vermittels Tausender lautstarker Explosionen diese Brücke fahrend hinter sich zu bringen. Feuer treibt die Welt an, aber als Lagerfeuer wird es bald verboten sein. In meiner Heimat.
Aber, wo ist die schon? Ich war zu lange unterwegs! Meine Heimat heisst zunehmend Welt. Wohin ich dann mal aufbrechen werde, wenn ich den Anker hier hoch ziehe, ist mir noch unklar. So wie die Südsee zu Asien wurde, ohne grosse Brüche, wird irgendwann Arabien aus Indien, oder Afrika. Wenn die Piratensituation sich beruhigt, werde ich wohl durch das Rote Meer fahren. Die Abkürzung. Ist aber eine komplizierte Abkürzung, man hat im Roten Meer fast nur Wind von vorne. Starken Wind! Also fast alles unter Motor, sprich laut und heiss. Eine Tortur, um es einfach zu sagen. Etwa für 2000 Kilometer. Rechts der absolute „No No-Staat“ für Segler – Saudi Arabien – links Äthiopien, der Sudan, Ägypten. Ich höre schon jetzt aus den Namen ihre Faszination! Und ein paar Problemchen... Dann kommt der Suez Kanal, also Kohle abdrücken für die Durchfahrt, Bakschisch etc. Der Noteingang nach Europa.
Griechenland liegt dann an, wo mir plötzlich klar sein dürfte, wie gesittet und gepflegt Europa doch wirklich ist. Wie seriös die Geschäftsleute sind, wie sauber die Klos. Und vom ersten Tag werde ich glücklich sein! Vom ersten Tag, nachdem ich allen Paperkram erledigt habe, den der Eintritt in die EU verlangt, wenn man sich erfrecht mit seinem eigenen Kahn anzukommen. Also nach einer Woche etwa, wenn ich Glück habe und ich für alle Feuerlöscher an Bord die Zertifikate gefälscht habe. Und sich die Griechischen Zöllner durch meine Kunstkollektion aus dem Pazifik geschraubt haben und jede einzelne Skulptur geröngt haben, damit da nichts eingebaut ist, was man eben erst noch an jedem Markt kaufen konnte. Und dass ja kein kleiner Neger an Bord sich versteckt! Also werden sie auch meine Buschtrommel durchleuchten, sobald sie den Spezialscanner aus Stuttgart haben.
Aber dann werde ich glücklich sein! Glücklicher Europäer, und ich werde mit aufgeblasenem Hawaiihemd durch die Gassen Salonikis lustwandeln und am Pier von Piraeus neckisch Liberty mit ihrem Heck wedeln lassen. Liberty aus Port Vila. Kennt natürlich niemand, oder glaubt, es sei in Italien. Ich musste schon hier in Indien den Zoll beknien, dass sie mir glaubten, dass es ein Land namens Vanuatu gibt, in dessen Hauptstadt die Schiffspapiere ausgestellt wurden. In Griechenland riskiere ich das auch, klar! Dass man zwar die Schiffspapiere für echt hält, aber das Land für einen Joke!
Da muss ich dann durch! Mit einem „unrasierten“ Betonkahn durch die Aussenwandung des stöhnenden Luxusdampfers Europa. Das wird mir ein Gaudi, wenn ich endlich in Barcelona bin und mit meiner geliebten Sesselbahn über den Jugendstildächern Barcelonas schwebe! Wie auf einer seit Neukaledonien zunehmend schräger werdenden Ebene, zieht es mich immer schneller nach Europa „runter“. Da, wo alles hingesickert ist, an Essenz dieser Erde. Kein Wunder, dass sich dabei auch Rost gebildet hat, bei all dem Tropfwasser...
Die Oberkrise ist meines Erachtens übrigens immer noch die Phantasielosigkeit, die sich wie ein Grauschleier unbemerkt über unsere Welt gelegt hat, dass sie unseren Kindern gar nicht mehr auffällt. Um diese Krise in ihrem Aussmass zu überbieten, muss echt ein Atomkrieg ausbrechen! Die Leute kaufen nicht NICHTS, weil sie NICHTS haben wollen, sondern weil die Läden nichts haben, was noch Irgendjemanden vom Hocker hauen könnte, der älter als sieben ist. Diese „Gefahr“ besteht im Jahre 250 nach Einführung der Industrialisierung kaum noch für ältere Semester. Klar, gefressen wird immer, geschlafen auch, gestorben auch, also brummt der Laden irgendwie immer noch, technisch jedenfalls. Aber all die enorme Vielfalt an eigentlich Unnützem, Feingeistigem, die Staffage des Zeitgeistes, tendiert zunehmend gegen „Deja vue“ oder „Gähn“, was aber dasselbe ist. Die grosse Blüte der Malerei in Europa war vor hundert Jahren, heute sind Van Goghs Pinselstriche zu Megapixelbildern geworden. Wohndesign wirkt so abgeschminkt wie unser Zeitgeist. Möbel sind jeglicher Zierde beraubt, die eventuell noch eine unbedarfte Frau annähen können müsste, dafür sind sie billig. Originelle Möbelhäuser verkaufen Betten, die ähnlich geschickt gebaut sind, wie Euro DIN Paletten. Häuser sind genauer und langweiliger geworden und haben eine Halbwertszeit von einer Generation. Ganze Stadtquartiere versprühen den Sex Appeal von Computerchips, während Vorstädte aussehen wie Modelleisenbahnlandschaften, schön mit Watte in den Kaminen der Fallerhausbewohner. Und ganz Europa soll nun Einrad fahren!
So kommt es mir vor, aus der Ferne betrachtet. Aber ich weiss, dass dem nicht so ist. Spätestens wenn ich dann eines Tages in Porto Veccio bin, wird mir alles wieder klar. Die Spielregel im Leben. Dass alles so ist, wie es ist, wenn du die Augen offen hast. Und dass daher nur die Erinnerungen, die Gedanken, die Phantasie dir Streiche spielen. Also auch die Glotze, das Internet, diese Geschichte, die ich (dir) hier erzähle. Alles sind Finten Anderer, dich über eine Brücke zu locken, wo doch der Fluss am Wichtigsten ist! Das Leben den Ufern entlang. Die Verbindung zwischen Quellen und Mündungen. Diese Flusswelt ist uns Europäern zur Fremde geworden.
Was einst Lebensadern waren, sind auch heute Lebensadern - die wir nicht mehr zu brauchen glauben. Fracht kommt von Lastwagen, klar...! (Nicht von Frachter...) Dabei lässt sich Fracht durch nichts so einfach transportieren, wie über Wasser. Nicht zufällig sind die meisten Orte der Welt am Wasser entstanden. Wer Mensch sagt, muss auch Wasser sagen! Das ist auch Nestle aufgefallen, und daher mischt sich diese kluge Schweizer Firma weltweit ins Geschäft mit Wasser. Versucht ihre Klebefinger dazwischen zu halten, zwischen Quelle und durstiger Kehle.
Und da werde ich bald wieder sein. In der hübschen, zuverlässigen, haargenauen Steinschweiz. Das Land der Tresore und Jodler. Um dort im üblichen Gang, der für übliche Menschen vorgesehen ist, drei Schritte vorwärts machen zu dürfen und zwei zurück machen zu müssen, damit ich nicht schneller bin, als Schildkröten zum Beispiel. Vielleicht, dass das Grüssen von Hüten wieder zur Bürgerpflicht geraten könnte, vom Vierwaldstättersee bis in die Niederungen Germaniens und Transsylvaniens hinab. Den Ländern der Briefkästen. (Wobei in diese einstmals hübschen Kästen doch eh nichts Gutes mehr reinflattert, wenn man etwas dreistes tut, zum Beispiel existiert!)
Nach Jahren das erste Mal muss ich mich wieder ANMELDEN! Oh Graus! Krakenkasse ist jetzt obligatorisch in der Schweiz und daher teurer denn je!
Und dann die Miete! Die absurd hohe monatliche Busse dafür, dass man nicht unter Brücken pennen will, oder in der Ferne blieb. Keine kleinen, gut duftenden Currystände mehr, wo man sich für 20 Cent satt essen kann. Keine Fähren mehr für 3 rupees. Nix! Alles weg gebeamt von Europäischen Gnaden, ersetzt durch Superschalldichte Fressfabriken mit geföhnten Kassieren und blinkenden Kassen, wo GRÜEZI! aufleuchtet, wenn man näher tritt. Hilfe! HIIILLFE!
Ach ja, hört ja niemand, also cool tun! Cool über Brücken mit Pennern fahren, die eigentlich Fähren steuern wollten, aber zu spät auf die Welt kamen und jetzt unten wohnen. So geistern wir kreuz und quer über eine Halbinsel Asiens und sammeln unsere Brückenbilder, als wär die Welt ein Kartenspiel. Meschugge!
Jede Insel, die ich besucht habe, im Pazifik und anderswo, hat irgendwie ein RAD AB! All diese Inseln..! Ihre Freiheit ungewöhnlich zu sein, ist unendlich. Keine Brücke wird je zu ihnen geschlagen und selbst untereinander kennen sie sich kaum. Hunderte Inseln, Tausende Kulturen, die Melanesien zum Galapagos des Homo Sapiens macht. Immer noch weitgehend frei von der Pestilenz des Fernsehers.
Ich habe ein paar Jahre dort gelebt. Ich werde also heim kommen - in dem was technisch meine Heimat ist - als halber Melanesier. Als moderner Kanake vielleicht. Immerhin habe ich Melanesien von mehr Winkeln beobachten können, als die allermeisten Melanesier selber. Und wie gesagt, jede Insel hat ein Rad ab! Jede Insel hat einen Spleen! Niemand in ganz Melanesien ist ganz DICHT! Soll das IRGENDWO... ANDERS sein?
Anfangs glaubt man noch schnell, Melanesien gesehen zu haben. Man war in Fiji vielleicht, und/oder Vanuatu. Die ganz Mutigen gehen in die Highlands von Papua, laden die Fotos auf Picassa. Ursprünglich wurde Melanesien wohl von Austronesiern besiedelt, den schnellsten Afrikanern aller Zeiten! Die klang- und spurlos an Asien vorbei gezappt sind, vielleicht gerudert, bis sie fast jede Insel besiedelt hatten, die östlich von Neuguinea SICHTBAR war. Also zumindest, am Horizont einer Insel angelangt, am dahinter liegenden Horizont sichtbar wurde. Klar, dass die Kette an Feuer spuckenden Inseln schnell besetzt war, man sah sie ja von sehr Weitem schon. Ihre Vehikel dürften ähnliche Kanus wie heutzutage gewesen sein, die aus einem ausgehölten Baumstamm bestehen. Aber vielleicht sind sie auch geschwommen, zutrauen würde ich es ihnen! Dem dunkelsten Volk der Erde. Den abgesengtesten Menschen, die sich ihre Häuser aus Gras und Bambus bauen. Und das in Zeiten wie diesen! Verrückt..., oder?
Inseln haben so ungefähr alle „Ticks“ die man sich vorstellen kann, ALLE Inseln! Ich glaube nicht, dass die Inseln Griechenlands eine Ausnahme wären, sollte ich sie je besuchen. Und nicht alle Ticks sind auf den ersten Blick sonderlich originell!
In Melanesien zu sein, ist wie in einem Irrgarten, der durch die absolute Isolierung entstehen konnte, die Inseln, aber auch dramatische Talformen mit sich bringen (häufig in ganz Melanesien). Die Grenze jeder Insel ist einfach definierbar, eine Landgrenze viel weniger. Die lange Isolierung führte zur Herausbildung ganz spezifischer Denk- und Handelsmuster. Urindividualisten also, diese Melanesier; zwar nicht INDIVIDUELL betrachtet, aber als Völker, bzw. Inselclans, oder Dorfsippen. Und auch Sippen haben immer einen Schuss, ebenso wie Inseln.
Inseln erlauben eine irre Bandbreite des Irren... Es gibt keine Nachbarn, die moderierenden Einfluss haben, nur Meer. So verhält es sich mit ALLEN Inseln, also auch mit der grössten aller Inseln, der Erde, wo wir ja bekanntermassen nur Insulaner sind – ALLE – und laut Paul Theroux zufällig hier Gestrandete sind, mehr nicht. (Jean Paul Sartre war wohl seine Reiselektüre, als er quer durch den Pazifik paddelte!)
Ich komme also hier in Indien mit der höflichen Frage an, welchen „Tick“ wohl diese „Insel“ hat. Die wirklich grosse Insel, meine ich.., Eurasien. Werde ich aus meiner „Kanakenperspektive“, die mein Auge trübt, meinem Melanesierspirit, DAS Verrückte sehen hinter meinem Kontinent Eurasien? Das diese westöstliche Kultursuppe dominierende Gewürz, das Amerika nicht hat (ich habe nicht gesagt FEHLT), das Austronesien nicht hat. Und das reicht mir schon als Referenzpunkte, Afrika kenne ich nicht. Was IST es? Bzw. Was ist ES? Dieses allen Inseln gemeinsame Gemeinsame, das sie von anderen Inseln unterscheidet.
Seit Timor kommt es mir vor, als wäre ich schon fast in Europa. Es geht nur noch um Stellen hinter dem Komma, was WIRKLICH anders ist... Das ist zumindest MEINE Sicht! Irgendetwas war schon DORT (Timor) so - wie es HIER ist (Indien); und wie es in meiner herzigen Schweiz ist. Aber ich habe noch nicht mal den Anfang vom Knäuel gefunden, der Timor mit Portugal verbindet, als auch mit Cochin, Bali und Brüssel.
Irgendwas ist es, ich nenne es das grosse Geheimnis, das, was all dies verbindet, ohne auch nur geahnt zu werden. Nicht etwas, das verheimlicht wird, sondern das grosse Heimliche, das unsere Insel voran treibt. Unbewusst, in die Nacht rein.
Von hier kann ich im Zug nach Zürich reisen. Endlich bin ich wieder fast in der Heimat! Ein paar Hügel noch, ein paar Wüsten, ein paar Brücken weiter, und schon nennt man sich Europa. Über den Bosporus kommt man auf einer Luftmatratze, der Ural ist ein uralter Witz. Mehr kaum, jedenfalls keine Kontinentgrenze, höchstens ein Hinderniss, in das man Tunnels sprengen muss. Bald wird eine Autobahn von Shanghai nach Lissabon zusammen geschustert, damit der Europäer schneller zu Chinesischen Balettschuhen kommt. Um Pirouetten im Büro zu drehen, wenn die Kündigung eintrifft. Ein Kontinent auf dem Rückmarsch in den Feudalismus. Back to the roots! Rechts, zwei, drei! Rechts, zwei, drei! Wer hat, der kriegt. Wer kriegt, der hat. Wer nicht hat, ist nicht. Wer nach langen Reisen heim kommt, ist ein Sonderfall. Sonderfälle stören.
Zwei Indische Nächte und tropische Hitzetage später. Ich weiss nicht, ob ich hier diese Geschichte weiter schreiben soll, weil sie schon so lang ist, dass ich gar nicht mehr weiss, wie sie begann. Also schreibe ich hier jetzt weiter, da ich, wenn ich nicht weiss, ob ich etwas tun soll, es meistens tu, ergo sonst gar nicht hier in Erkulanum wäre, sondern Schmuckdealer in Krakenstein, mit randloser Brille und gewixten Schuhen. Aus aktuellem Anlass glaube ich sogar, zu zweitletzt Gesagtem die Zustimmung von Günter Grass zu kriegen!
Wer sich überlegt, etwas zu tun, sollte es tun! Ein Befehl ist etwas anderes, den muss man sich eigentlich immer überlegen... Es gibt Befehle, die sind gut! Und es gibt Befehle, die sind gut, werden wiederholt, sind immer noch gut, werden nochmals wiederholt, sind IMMER noch gut, und NOCHMALS..., und sind dann vielleicht immer noch gute Befehle. Oder auch nicht... Je öfter man sich etwas aber ÜBERLEGT, desto wahrscheinlicher sollte man es TUN!
So überlegte ich mir gestern, einen bestimmten Weg dem Meer entlang zu laufen, eine künstliche Uferpromenade mit echten Bäumen, obwohl ich zweifelte, dass es am Ende eine Querverbindung gab, zu dieser anderen Strasse, auf die ich eigentlich wollte. Aber ich überlegte es mir, also ging ich. Es war tatsächlich eine Sackgasse. Aber an deren blindem Ende geschahen unerwartete Dinge! Ich hatte meine Videokamera, volle Batterien, und filmte fast eine Kasette voll: Das schrecklichste Boot der Erde! Ein Baggerboot mit Stelzen, die hydraulisch ein- und ausgefahren wurden. Sich windend und gurgelnd und besoffen schaukelnd, hob das Monstrum schwarzen, triefenden Schlamm aus der Hafenbrühe, beleuchtet von den Baggerscheinwerfern.
So! (Ein Junge, der nicht gross geworden ist, denken jetzt Manche, der hier ganz dolle Bagger gesehen hat! Und jetzt bis und mit GEO Redaktion, alle wissen lassen muss, dass die Wasserbagger von Cochin filmreif sind...)
Als Anbeter guter Mechanik fesselte mich natürlich dieses stampfende, röhrende Ungeheuer, denn es sah wie ein überdimensionierter Elefant aus, mit einem Rüssel aus Stahlgelenken und hydraulischen Beinen. Und alles in dieser tropischen, schwülen Inderwelt, im brauen, aufgewühlten Hafenwasser stehend, bzw. stampfend. Ringsrum Typen aus der Gerberei, ihre Lenden in verknotetes Tuch gewickelt, die diesem Wasserbagger ebenfalls zuschauten. Wie er aufknurrend und markerschütternd quietschend, stinkenden Uferschlamm....(ja, und JETZT kommts!) in ein hölzernes Kanu kippte, bis dieses fast unterging, den Rand noch eine Fingerbreite über Wasser, und dann von zwei nageldünnen Gestalten mit langen Stangen davon gestakst wurde, in die Nacht hinaus.
Und schon kam das nächste Kanu mit Typen aus der Dörrfleischabteilung. Hagerer, dunkler, geht kaum. Nach mehreren Baggerschaufeln schwarzem Klebsand - mit Uraltplastiktüten, die aus dem Schlamm hingen – war auch dieses Kanu voll. Wie in einem Südseeschnulzentrailer wurde auch dieses von zwei Männern davon gestakst, bis es in der Dunkelheit des nächtlichen Hafens verschwand.
Das ist, warum ich fast eine Kasette voll filmte! Wegen diesem Gegensatz zwischen Mensch und Maschine, der mir selten so archaisch inszeniert schien, wie gerade hier und jetzt. Ich filmte, weil die Geschichte gar nicht erzählbar wäre. Diese wundervolle Symbolik, wie hier noch das alte Indien lebt, die Boote mit den Staksern, die aus der Nacht kommen und in die Nacht verschwinden. Und dort das „moderne“ Indien, dieser absurde Wasserbagger, der den Charme eines verrosteten Elefanten ausstrahlte, was vielleicht nur ich bemerkte.
Überhaupt: Das Leben ist ein Film mit zuviel Werbung drin! Um das rauszufinden, musste ich zuerst nach Indien. Indien! Überall sind Poster von einem Film, wo so ein Typ mit Schnauzer eine Gun in der Hand hat. Riesige Poster! Dann hat es viel Bankenwerbung. Das am Anfang Witzige ist, dass hier der gleiche Typ mit Schnauzer den Kopf auch für die Bankwerbung hin hält. Und in anderen Filmen ist er auch! In VIELEN! Und Werbung macht der Typ mit dem Schubladenkinn und Hammerschnauzer (der locker Saddams Cousin sein konnte) bis hin zum Schmuckladen, Teppichgeschäft und Blumenladen. Der Typ ist omnipresent. Es gibt keine Strasse, wo er mich nicht von irgendwo anglotzt, meistens aus allen Himmelsrichtungen! Bei genauerer Betrachtung sind es aber verschiedene Andere, die alle wie geklont wirken. Alle den selben Atomschnauzer. Alle gut genährt. Alle am Kämpfen fürs Gute!
Gestern war ich mit einem Filmer unterwegs, der gerade einen Film dreht, „Gods own Country“, über den Staat Kerala, in dem ich mich seit gut zwei Wochen befinde und langsam mehr darüber erfahre. Einen Reiseverführer habe ich immer noch nicht. Ich bin jetzt knapp so lange an meinem neuen Ankerplatz, wie ich den Namen der Stadt aussprechen kann: Erkulanum. Da sind wir rumgetigert, Paul und ich. Filmender Engländer, mit Inderin verheiratet, Anfang Fünfzig, ein Baby, wohnt seit Jahren in Indien. Hat viel zu erzählen, die Geschichte Keralas, ihre heutige Politik, wie angenehm stark die Gewerkschaften hier sind, wie die Kommunistische Partei eine wichtige Rolle spielt in der Politik des Bundesstaates Kerala, der früher Malabar geheissen hat. Aha! Gods own country also! Clear as Klossbrühe!
So kamen wir irgendwann auf Gott, ein Thema, das man in Indien nicht leicht umschiffen kann. Hier sind 350 Millionen Götter, sagte er, seine Glatze funkelte im Mondlicht. Wie er auf diese Zahl kam, wagte ich nicht zu fragen, aber wie bei Religionen üblich, stimmte ich ihm voll bei: At LEAST! Yes, at LEAST! Pflichtete er bei.
Endlich Jemand, den ich verstand. Ein Weisser mit Schlägervisage und Antennen wie ein Gottesanbeter. Der in sich Gespaltene, der keine Probleme damit hat. In England wäre er entweder vor Thatchers Hunde gegangen, oder wäre Nachbrenner von Richard Attenborough geworden. Dazwischen gibt es nichts im vereinigten Königsreich! England hat eine höhere Analphabetenquote, als Kerala, erfahre ich von ihm. Darum lebt er lieber hier und filmt sich durchs Leben. Ein cinematischer Spinner! Einer, der Fäden spinnt, zwischen seiner Heimat, den Tausend Orten wo er war und dem Ort wo er ist. Man reist ja immer als Botschafter von wo man war!
Gemeinsam schlenderten wir im Dunkeln der Meerpromenade entlang, bis wir bei der Baustelle waren, wovor Liberty ankert. Hier werden riesige Wohnhäuser hochgezogen, die Gegend ist nachts eine verlassene Geisterstadt, trotzdem kann man sich sicher fühlen, weil man in Kerala ist, erfuhr ich von ihm. Mann o Mann, der Typ ist ja echt auf dem Regionalen..., dachte ich. Ist es nicht, weil wir in INDIEN sind, dass wir uns hier sicher fühlen können, fragte ich Tom. Aber sein Ding hiess KERALA! Hat wohl zuviel Kerala GERAUCHT, dachte ich. Der Typ hatte es echt und einzig mit genau HIER, sonst nichts! Und das gefiel mir dann irgendwann, denn in Erkulanum am Meer zu sitzen und von Rajasthan zu quatschen, ist ja, als wenn man in Lisabon Europa betritt und gleich von der Seenplatte Lapplands zu hören kriegt.
Easy, easy, war Toms Message, die aus verträumten Augen kamen, deren Sanftmut mit seinem polierten, haarlosen Hirnhaus neckisch kontrastierten. Wie denn ein Gott sein eigenes Land haben kann, nagelte ich ihn aber nach zwei späten Bieren an die Barwand, wenn es hier 350 Millionen Götter gibt...? Na ja, so nennt sich Kerala nun schon länger..., aber mit der Ergänzung, die hier üblich ist: ..., but here live the devils of people!
Freiheit im Denken scheint den Indern ja angeboren! Je vermüllter ein Land, desto freier die Bürger, kommt es mir langsam aber deutlich vor. Ein Fehlschluss? Ist es nicht so, dass irgendwann ein Land so voll ist, dass es echt keine Rolle mehr spielt, was man noch anfügt an Farben, Religionen, Menschen. Freiheit heisst selten nehmen und meistens GEBEN. Sich SELBST geben, als edelste aller Freiheit. Wehe! heisst es doch gleich, in allen sauberen Ländern... Wo Dreck und Müll regiert, hat es dagegen meist noch Platz, sogar für Menschen!
Wenn hier Jemand mit Jemandem spricht, so fällt mir inzwischen auf, bewegt der Angesprochene seinen Kopf wie ein Flöte spielender Schlangenbeschwörer. Oder er wippt seinen Kopf wie ein Hügel hoch spazierender Tele Tubby: Eine klitzekleine LED auf dem Kopf scheint mir sichtbar zu sein, die beim Kopf wippen blinkt und anzeigt, dass man A) zuhört B) mitdenkt C) einverstanden ist. Oder vielleicht einverstanden. Oder eher nicht einverstanden ist - oder auf gar keinen FALL! Leider ist es mir bislang noch nicht gelungen, letztere Signale klar zu filtern! Sollte demnächst in Kerala eine ayurvedische Kopfschüttelschule für Nichtinder aufmachen, werde ich mich schnell anmelden!
So redeten wir über das Filmen, was man in Indien besser tut! Kein Land so bunt wie Indien vielleicht, klar kommen hier die meisten Filme her! Kein Name so magisch, wie Indien! Jeden Tag öffnen sich mir neue Türen. Von meiner Businessseite her bin ich hocherfreut, endlich in einem Land zu sein, wo Schmuckgeschäfte grösser als Banken sind und später schliessen. Ich bin mit Tom einer Avenue entlang stolziert, wo ein riesiger Schmuckpalast am anderen steht, mit grossen Parkplätzen davor und livriertem Personal in Eingängen, als betrete man den Taj Mahal (Ich muss aber zugeben, dass ich noch nie im Taj Mahal war!) Siehst du, sagte ich Tom, hier siehst du das EINZIGE, was Indern noch wichtiger ist, als Filme und Musik. Schmuck!
Wie haben die Inderinnen es doch erlickt! Gold her, und ich heirate dich, Macker! So soll es wohl sein, meine Herren, mit und ohne Schnauzer! Was ist schon Geld..., gegen Gold? Was ist schon Liebe gegen Sicherheit? Was Show, gegen das raue Leben?
Ach Indien! Wie kam es bloss, dass ich dieses Land so lange nicht sah, auf meinem Radar für Inspiration. Neulich kam eine Sendung auf BBC, ein begnadeter Europäischer Kurator für Designausstellungen, der sich in die Bewertung Indischen Designs verlief... „Yes, VERY GOOD design, indeed!“ Muss sich nur noch etwas ENTWICKELN (develop), dann ist es reif für Europa, sogar reif für die Insel England.
Nach dieser bahnbrechenden Erkenntnis auf BBC ist natürlich ganz Indien erleichert an die Webstühle zurück gekehrt und hat freudig weiter gewebt! Bald, ja bald, kommen die sieben Zwerge aus dem Abendland und werden ordern! Endlich wird Indien Chancen haben, sich zu developpen und sitzt nicht nur am Ganges rum und wäscht Seidentücher. Oder hämmert in der Wüste auf Goldblech rum. Bald, oh ihr armen Inder, dürft ihr uns Europäern richtige Kleider schicken, Schmuck, Möbel, Teppiche, ja, Autos! (Nicht nur Software...)
Nach viertausend Jahren „Übung“ in jedem nur denkbaren Handwerk, seid ihr nämlich jetzt.... FAST so weit! Europa wird euch Induskinder in eine sorglose Industrie weiter leiten, ebenso wie uns Europäer selbst! Amen! Ihr müsst nur hübsch brav die Hausaufgaben machen, alles rationalisieren, unnötiges Personal entlassen, den Staat abbauen (ausser die Streitkräfte), etwas mehr in die Hände spucken, und schon ordern wir mindestens drei Container Seidenschals! Weil wir Europäer so gerne bunt rumlaufen! Besonders wir Männer!
PS. Die wahre Aufgabe von uns Menschen liegt im gegenseitigen Ermuntern Mensch zu sein. Sei es direkt, oder indirekt, durch Handel und Wirtschaft. Nur so gelingt es uns, über den Sumpf des Animalischen hinaus zu kommen, der unter uns lauert. Die „Spleens“ zu erkennen, die uns antreiben. Nur gemeinsam finden wir heraus, wer wir sind!
Individualismus ist ein süsses Wort ohne tieferen Sinn, aber hohem Marktwert! Denn in jedem Menschen wohnt die ganze Menschheit, Medien und Produkte sie Dank! Kein Tier, in dem all seine Artgenossen so klar präsent sind. Kein Wesen, das so zum Mitleiden verdammt ist; aber auch mitgetragen wird von der Freude Anderer!
Mir schwant schon: Im Normalfall wird man auf einer Indienreise nichts als ein Mensch. Alles Überflüssige hat man irgendwo verloren!
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Hi Captain Jack Sparrow :-)))
... wieder mal ein genialer Bericht aus Deiner Feder, und dann auch noch (wenigstens teilweise) aus meinem geliebten Indien und mit großartigen Fotos illustriert! Konnte ihn nur überfliegen, aber ich komme wieder, um alles noch mal in Ruhe zu lesen. Bis dahin nur so viel:
Twenty years from now, you will be more disappointed by the things you did not do than by the things you did do. So, throw off the bowlines. Sail away from the safe harbour. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.
Mark Twain
LG Beate -
Embracing Memories Of Dreams Long Gone
voller Freude habe ich dein Lebenzeichen aus Indien gelesen. Ich staune erneut über deine gelungene Wortwahl. Du kannst es einfach fesselnd gut niederschreiben dazu tolle Buidls.
Toi Toi Toi für deinen weiteren Weg. LG aus Bayern,
Moni
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Ja, sag ich doch, von Mark Twain lässt sich viel lernen... Einer der freisten Schreiber überhaupt, denn er hat auch so gelebt. Sein Sprachwitz hat mich immer inspiriert. Er war ein extrem feinfühliger Mensch, der viel reflektierte. Wäre echt interessant, zu wissen, was er heutzutage schreiben würde. Auf meine Art versuche ich ihn zu verstehen, durch seine Augen die Welt zu betrachten. Wie er, war auch ich Flussmatrose, Fan des einfachen Lebens und der Kultur des Menschen. Er hat den Pazifik durchsegelt, hat über Hawaii geschrieben, und hatte einen Atomschnauzer....
Wenn ich zurück in der Schweiz bin, werde ich mir meinen Bart absäbeln, da er mir nach dem Essen immer zu zerkleckert ist. Der Schnauzer bleibt aber... Eine kleine Geste an Mark Twain, ohne den mein ganzes Leben anders verlaufen wäre, seinen mir ebenso wichtigen Zeitgenossen Robert Louis Stevenson (Dr. Jeckil und Mister Hyde) und Jack London, der mir die Solomonen schmackhaft machte (Stevenson Samoa). Alles Jungs mit Schnauz, GROSSEN Schnauze(r)n...
Ja, und dann eben der "Andere" mit dem Schnauzer, über den man sich gerade so ereifert, weil er mal musste...
Ich "muss" manchmal auch!
Danke für Eure guten Bewertungen, liebe LeserInINNEN, die ich trotzdem kriege...
Gerd Fehlbaum, Cochin, India -
Seid gegrüßt, eure Verruchtheit!
Hier spricht der andere, Sternzeichen Krebs.
Dieser Bericht bedeutet mir viel.
Ich habe ihn gelesen, vor einiger Zeit. Ast gefreut, durchgenudelt. Sacken lassen.
Später meinem Mitbewohner (Jonas, vielleicht erinnerst du dich) vorgelesen nachts zu später Stunde nach einer schiefen Selbstgedrehten bei einem Glas Wein und Kerzenschein.
Anderthalb Stunden am Stück, gespickt mit gelegentlichen Erläuterungen meinerseits, und kurzen Diskussionen zwischendurch. Fand ich echt toll, Jonas auch. Es kam mir vor, als könnte ich dadurch Jonas auf eine ganz besondere Weise an meinen Ausflügen auf der Suche nach bemerkenswerten Kuriositäten Teil haben lassen. Jonas liest sehr viel und kann insgesamt mit Literatur viel anfangen, hat dafür viele Kanäle offen, liest zwischen den Zeilen. War selber aber noch nie wirklich unterwegs,
"Hatte ich gar nicht erwartet. Besser kann man einen solchen Bericht nicht schreiben", meinte er zum Schluss.
Ich konnte somit meinen besten Freund auf eine für ihn sehr zugängliche Art und Weise an einem großen Ding Teil haben lassen, was mich packt und bewegt.
Danke dafür.
Außerdem habe ich nun auch angefangen, deine anderen Artikel zu lesen. (Und sogar festgestellt, dass ich ja in noch einem vorkomme ;))
Wir haben uns ja echt schon das ein oder andere Mal gegenseitig die Ohren fast blutig gewasserfallt während der mittlerweile fast 3 Monate, die nahezu wir Tag und Nacht miteinander verbracht haben. In Gefilden, die Mark Twains Lippenbalken wangenmuskelkontraktionsbedingt und freudigerweise wohl aus der Waagerechten gebracht hätten.
Etwas, wie du selbst sagst, "mit Herzblut" Geschriebenes zu lesen, weitet die freundschaftliche Vernetzung noch aus! Ich habe das Gefühl, dich dadurch besser kennen zu lernen. Von verschiedenen Blickwinkeln. Was das Geschriebene und das Schreiben eben so vermag.
Übrigens: Die wohl zärteste Versuchung seit Erfindung des Apfels? Mag ich. Oh ja.
Wie ich eben gesehen habe, bist du immer noch in Kochi.
Jo .. Was geht ab? Wird so langsam schwül, wa? Was machen die Finanzen, deine Pläne bzgl. Europa und Schweiz? Irgendwas NOTABLES passiert??!
Grüße aus Köln,
Mo
PS: A propos Schnäuzer. Haste dir mal Nietzsche reingezogen? Yo .. Moin!
(Lesenswert auch.) -
Danke für Deinen Kommentar Mo!
Ja, ich bin immer noch in Cochin, kennst ja meine Devise, so LANGSAM reisen, wie es nur geht, knapp am Rande der Sesshaftigkeit... Nach fast ZWEI MONATEN Indien kenne ich bislang nur diese wundervolle Stadt hier mit den grossen Bäumen. Vielleicht gucke ich mir hier in Indien auch noch mehr an, wüsste aber gar nicht WO anfangen. Ist eher eine theoretische Überlegung...
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