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Reisebericht: FRÜHLINGSREISE DURCH OSTDEUTSCHLAND 5. ETAPPE: GOSLAR
Besuch jenseits der ehemaligen DDR-Grenze in Goslar
Mit pittoresk herausgeputzter spätmittelalterlicher Architektur umgibt sich der Marktplatz der Kaiserstadt Goslar. Die bereits frühsommerliche Sonne Ende April hat nicht nur Touristen, sondern auch die Bewohner der zum kulturellen Welterbe der UNESCO erhobenen niedersächsischen Kleinstadt am Nordrand des Harzes zum Einkauf und zum Plausch in das Zentrum gelockt.
Wir haben unsere Ostdeutschlandreise zu einem Besuch jenseits der ehemaligen DDR-Grenze unterbrochen und verfolgen gespannt den die Geschichte des Bergbaus am Rammelsberg darstellenden Figurenlauf der Spieluhr am Giebel des Schiefer verkleideten Kaiseringshauses.
Dem Lockruf reichlich vorhandenen Silbers und Kupfers in der Erde folgten seit Beginn des 10. Jahrhunderts die Begründer des Deutschen Reiches, Heinrich der I. und sein Sohn Otto. Der frühindustrielle Bergbau, für den eine große Anzahl von Arbeitern benötigt wurde, ließ seit 922 die später reich gewordene Stadt Goslar entstehen.
Im 15. Jahrhundert galt Goslar mit etwa 12000 Einwohnern als Großstadt. Für den Sitz ihrer Verwaltung errichteten die wohlhabenden Bürger ihr neues Rathaus, das fortan den Marktplatz mit seiner gotischen Fassade dominiert.
Zwischen 1505 und 1520 wurde im Obergeschoss des Rathauses der Huldigungssaal mit prächtigen Wandmalereien ausgestattet. Umgeben davon diskutierte hier der Stadtrat die Geschicke von Goslar.
Nur von außen darf der schlichte Tourist einen Blick auf die Fresken und Deckenpaneele werfen, deren künstlerische Gestaltung in bunter Farbenpracht die Geschichte der einst freien Reichsstadt Goslar vermittelt.
Seit fast 200 Jahren beherbergt das 1494 von Goslars Kaufherren errichtete Gildehaus der Tuchhändler das Hotel Kaiserworth. Das als Wahrzeichen von Goslar geltende eindrucksvolle Gebäude mit seinem Türmchen verzierten Schieferdach und seiner leuchtend roten Schmuckfassade steht schlechthin für das Aufblühen der bürgerlichen Stadtkultur zum Ausgang des Mittelalters.
Die Skulpturen deutscher Kaiser – angebracht zur Zeit des Barocks - ergänzen harmonisch den gotischen Stil des Hauses – ganz so, als wären sie von Anfang da gewesen.
Die Platzmitte markiert der Marktbrunnen, dessen untere Schale bereits im 12. Jahrhundert entstand. Sie gilt als größter Bronzeguss aus romanischer Zeit. Die darauf liegende Schale kam 100 Jahre später hinzu.
Erst seit dem 18. Jahrhundert krönt der vergoldete Reichsadler als Symbol für die einst freie Reichsstadt den Brunnen.
Nur wenige Schritte entfernt vom Marktplatz überblicken die Türme der Marktkirche aus dem 12. Jahrhundert Goslars Zentrum. Einst galt sie als Hauptpfarrkirche der Stadt.
Nicht weit ist der Weg zur Kaiserpfalz. Doch weil immer wieder die kunstvoll restaurierten Fassaden prächtiger Fachwerkhäuser, den Besucher veranlassen, stehen zu bleiben um sie zu bewundern, wird der Weg selbst zum Ziel.
Nicht Vorübergehen kann man am Brusttuch, einem markanten Patrizierhaus aus dem Jahr 1526, das über ganz besonderes Schnitzwerk verfügt.
Über die Königsbrücke, deren solider steinerner Aufbau bereits die Annalen der Stadt im 12. Jahrhundert erwähnen, verlassen wir den Marktbezirk und gelangen in den Bereich der Königspfalz.
Am hohen Weg gewahre ich die ehrwürdiges Alter verkündende Fassade des Spitals Großes Heiliges Kreuz, das im Jahr 1254 für die Aufnahme von Armen, Kranken und Pilgern als Keimzelle mittelalterlicher Fürsorgetätigkeit gestiftet wurde. Untergebracht und gepflegt wurden die Hilflosen der Stadt durch demütige Ordensfrauen im Siechenhaus, einer großen Halle, die man in Goslar Däle nannte. Hier konnten sie von ihrer Lagerstatt aus, nicht nur unentwegt das Bildnis des schmerzensreich Gekreuzigten erblicken. Viel mehr war ihnen auch ermöglicht, zumindest akustisch dem Gottesdienst in der angrenzenden Kapelle zu folgen. Die vor ca. 20 Jahren erfolgte Renovierung der Gesamtanlage ermöglichte den Anbietern von Kunsthandwerk die Nutzung kleiner, aber feiner Räumlichkeiten dort, wo sich einst begüterte Bürger einmieten konnten, um die Bequemlichkeit einer Altersresidenz ihrer Zeit genießen zu können. Noch heute befindet sich in einem Teil des Hospitals ein Altersheim.
Mit einer weitläufigen Grünanlage umgibt sich die Kaiserpfalz von Goslar. Dominant erstreckt sich das mächtige Kaiserhaus, das Palatinum aus dem Jahr 1050. Davor bewachen zwei Reiterstatuen die Anlage. Heinrich der III. weihte seinen einst vor dem Palatinum gestandenen Dom im Jahr um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Während der Säkularisierung wurde das Sakralbauwerk in Anbetracht seiner Baufälligkeit im Jahr 1819 gesprengt.
Erhalten blieb nur die Domvorhalle direkt am jetzigen Straßenrand.
Dass die Kaiserpfalz von Goslar noch heutzutage an die Frühzeit des deutschen Kaisertums erinnern kann, verdankt die Stadt einem Besuch Kaiser Wilhelms, des I, der dem Projekt, die brüchige Ruine aus der Glanzzeit der salischen Reichsgründer zu restaurieren, 1875 die nationale Weihe verlieh.
Die Rückbesinnung preußisch/deutscher Machtstrukturen nach dem Sieg über Frankreich 1871 auf die Glanzzeiten des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation veranlasste die beauftragten Baumeister ihren heroischen Phantasien Flügel zu verleihen. Und so ergänzten sie die vom Zahn der Zeit angenagten Überreste mittelalterlicher Baukunst mit den monumentalen Insignien ihrer Zeit, indem sie der Neuauflage deutscher Zentralmacht in Europa huldigten.
Über das Ziel hinausgeschossen betrachtet die distanzierte Sicht der Gegenwart das Ergebnis ihres vorläufig für die Ewigkeit geschaffenen Mammutprojektes der Wiedererstehung einer Pfalz aus der Zeit der Wanderkaiser mit seinen zwei Etagen.
Für ihren Größenwahnsinn stehen die Reiterskulpturen zu Füssen der Pfalz. Getreulich nebeneinander bewachen Friedrich Barbarossa, der Begründer des ersten deutschen Reiches im 12. Jahrhundert und Wilhelm der I., dessen Reichsneuauflage nur 40 Jahre später auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges schmählich unterging, die restaurierte Machtzentrale.
Für den Überschwang des 19. Jahrhunderts stehen auch die Monumentalfresken im Sommersaal des gewaltigen Gebäudes, die in heroischer Verklärung durch Hermann Wislicenus mit Darstellungen aus der deutschen Geschichte, ergänzt durch all die Mythen, die sie bereichern, bemalt wurden. Die Bildfolgen beginnen mit Karl dem Großen, der die Irminsul der Germanen fällt. Vergangenheit und die Gegenwart des 19. Jahrhunderts vereinigen sich im Auftritt Wilhelms, des I., der begleitet von Bismarck, dem Schmied seines Reiches und seiner Familie durch die Kaiser des Hochmittelalters als darüber schwebende Lichtwesen beschützt wird. Und Friedrich Barbarossa, der nicht gestorben ist, entsteigt nach Jahrhunderten langem Schlaf seiner Ruhestatt im Kyffhäuser. Er trägt die Gesichtszüge von Wilhelm I.
Am Rande der Kaiserpfalz diente die Ulrichskapelle der Pflege des Seelenheiles der wieder einmal in Goslar weilenden Familien der Wanderkaiser.
In dem ebenerdigen Raum steht umgeben vom Ambiente einer würdigen Kaisergruft ein Sarkophag. Seine Deckelplatte ziert eine Plastik aus dem 13. Jahrhundert. Sie stellt lebensgroß Heinrich den 3. dar, der diese Pfalz erbauen ließ. Im Sarkophag ruht sein Herz, das geschützt durch eine vergoldete der Stadt Goslar erhalten blieb.
Wir sind wieder unterwegs im mit romantisch verklärtem mittelalterlichem Lokalkolorit bestückten Stadtteil, den die Bürger rund um die erhabene Kaiserpfalz erbauten. Hier spazieren wir entlang der unendlichen Reihen wohl restaurierter Fachwerkhäuser, die für die bescheidenen Verhältnisse der Ackerbürger und Handwerker Goslars standen. Sie entstanden seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, als Goslar während der Wirren der Reformation den Zugriff auf die Erzvorkommen des nahen Rammelsberges verlor.
Im Bereich der Abzucht, des Stadtbaches, der zusammen mit der Gose, einem Nebenfluss der Oker, Goslars Gewässer bildet, bauten diejenigen, denen der Reichtum der Patrizier fehlte, ihre Heimstatt in gemütlicher Umgebung.
Am Ufer des Baches, der früher in Anbetracht stinkender Rückstände aus dem Rammelsberg ein Schmutzpfuhl war, erheben sich jetzt restaurierte Wohnhäuser mit romantischen Fassaden, die den Besucher auf seinen Wegen durch eine Kleinstadt mit der Ehre, ein Ort des Weltkulturerbes zu sein, anheimeln und faszinieren.
Dort, wo die Abzucht sich ihren Weg durch Goslars Altstadt bahnt, steht, wie alte Chroniken berichten, seit dem 12. Jahrhundert, die Lohmühle. Als einzige von einstmals 40 Mühlen blieb sie erhalten. Wie in mittelalterlichen Zeiten, als in der Lohmühle Öl für die Bürger von Goslar hergestellt wurde, verrichten die romantischen Wasserräder ihre Arbeit am malerischen Museumsufer.
Eigentlich befinden wir uns längst auf dem Weg zum Parkhaus am Rand der Altstadt, als wir am Jakobi-Kirchhof die Schnittstelle des historischen Goslars mit der modernen City entdecken. Ein älterer Mann, der uns einlädt in die hier stehende Pfarrkirche einzutreten, entpuppt sich als ein der Kirchengeschichte kundiger Bürger. Während ich die sakrale Kunst dieses Gotteshauses, das einen Höhepunkt des Christentums in Goslar darstellt, eigentlich viel zu oberflächlich mit der Video-Kamera ablichte, bereitet er meinem Mann den gesamten Fundus seines Wissens. Schon am Morgen hätten wir uns treffen sollen, hätte er uns mit all jenen Schönheiten der Stadt vertraut machen sollen, die der Ortsfremde übersieht.
Unsere Rückfahrt nach Stolberg begleitet wabernder Nebel. Er hüllt die Wälder in Watte ein, verleiht der einsamen Landschaft genau das mythische Flair für den Auftritt der Hexen, die sich in Kürze auf dem Brocken, dem Blocksberg zum Tanz treffen werden. Morgen wollen auch wir dem Berg aufs Haupt klettern.
Weiter geht die Frühlingsreise durch Ostdeutschland in
Wernigerode
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Ja, die alte Kaiserstadt Goslar ist mir noch in allerbester Erinnerung. War ich doch auch erst im vergangenen Herbst während meiner Harzreise in dieser wunderschönen Fachwerkstadt. Sehr gerne bin ich heute deshalb noch mal Deinen Spuren gefolgt und konnte somit in Erinnerungen schwelgen. Auch dieses ist sehr schöner Bericht von Dir.
LG Ursula
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