Reisebericht

Reisebericht: Publin - oder die Pubs von Dublin

 
 
 
 
 
Reisebericht: Publin - oder die Pubs von Dublin

Rauch draußen – lern’ neue Leute kennen.

 
 
 
 
 

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Ein Radiosender versprach einst demjenigen
einen Preis, dem es zuerst gelingen würde,
einen Weg durch Dublin zu finden, ohne an
einem Pub vorbei zu gehen.


Publin

Als am 29.März 2004 in Irland die Zigaretten ausgingen, war es keineswegs das erste Land der Welt, in dem es verboten ist, in öffentlichen Räumen zu rauchen. Im Königreich Bhutan war das vorher schon so, neuerdings ist Tabak dort gänzlich illegal. Aber in Bhutan gibt es auch keine Pub-Kultur, und für viele Iren ist die Vorstellung rauchfreier Pubs identisch mit einem Himmel ohne Halleluja, für die berühmteste Feministin des Landes, Nell McCafferty, gar ein größeres Unglück als die Hungersnot von 1845. In Irland sind Pubs Wohnzimmer, Kulturgut , Zentrum des Soziallebens. Sie waren Treffpunkt, Schreibzimmer und Thema von großen Namen der Weltliteratur, und es stellt sich die Frage, ob es nicht vielleicht sogar ursächlich einen proportionalen Zusammenhang gibt zwischen der Dichte von Pubs und jener von weltberühmten Dichtern. Und dann fürchtet man nicht nur um das kreative Potenzial, um das Ausbleiben von Touristen, um das Verblassen der teerigen Patina und den Verlust der tresengestützten Ellenbogenfreiheit – man hat Albträume von Anzeigen und Polizisten, die man zur Damentoilette führen muss, weil es von dort her verdächtig qualmt und riecht. Ein paar Pubs haben noch Snugs, Kabinen mit undurchsichtigen Fenstern, wo sich einst einschließen ließ, wer nicht öffentlich beim Trinken gesehen werden wollte, und die Besitzer spielen nun mit dem Gedanken, diese für neue Zwecke zu reaktivieren. Andere haben bereits Markisen und Heizsysteme installiert, um das Rauchen im Freien angenehmer zu gestalten, alles auch unter dem Motto: ‚Rauch draußen – lern’ neue Leute kennen.’
Bei Johnnie Fox ist man dazu noch einen Schritt weiter gegangen: ein alter Doppeldeckerbus wurde etwas aufpoliert, ‚Happy Smoking Bus’ getauft und auf den Parkplatz gestellt. Das macht den höchstgelegenen Pub Irlands in Glencullen noch eine Spur attraktiver, obwohl er’s nicht nötig hat. Ausgezeichnetes Essen, mitreißende Show, zum Bersten voll, die Stimmung toll – the craic is mighty. Und wenn dann auch noch der Ceol (Song) auf der Bühne richtig rüber kommt, dann kann es schon mal passieren, dass da vor lauter Begeisterung plötzlich ein Büstenhalter beim Fiddler landet.
Jim Moloney, der Barkeeper bei Davy Byrnes, hält das Rauchverbot für das dümmste Verbot, das sich nur Leute ausdenken konnten, die irische Tradition, Kultur und Freiheitsliebe ignorieren. „Codswollop! Lächerlich!“ meint er, während er Austern serviert, die ihrem exzellenten Ruf mehr als gerecht werden. Er zeigt auf das Bild von James Joyce and der Wand. „Der hat hier sein Gorgonzola-Sandwich gegessen, ein Glass Burgunder getrunken und eine Zigarette geraucht, und das hat er seinem Leopold Bloom auch gegönnt. Aber wenn es damals schon ein Rauchverbot gegeben hätte, hätte er keinen Fuß hier reingesetzt, und Ulysses wäre nie geschrieben worden!“
Während Davy Byrnes wie kein anderer Pub Synonym für Joyce ist, ist es O’Neills für Samuel Beckett und McDaids für Brendan Behan, den radikalen Republikaner, der selbst der IRA zu verwegen war in seinen Ansichten, der nicht wie viele Schreiber mit Alkoholproblem war, sondern – in seinen eigenen Worten - ein ‚Säufer mit einem Schreibproblem’.
In der Palace Bar wiederum trank Flann O’Brien sein Guiness nur mit einem Samthandschuh, weil er seiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen hatte, nie wieder ein Glas mit Alkohol anzurühren. Außerdem sah man ihn nie zusammen mit Behan und Sean O’Sullivan im Davy Byrnes, Neary’s oder The Bailey. Jeder von ihnen hatte bei einem Hausverbot, aber jeder bei einem anderen.
Der einzige Dichter, den die Pubs nicht inspirierten, war Yeats. Ein Freund überredete ihn zu einem Besuch im Toner’s. Yeats trank einen Sherry und sagte: „Jetzt habe ich einen Pub gesehen. Bring mich bitte heim.“
Neun von zehn Pubs sind Familienunternehmen, durchschnittlich kommen 316 Erwachsene auf einen Pub in Irland, 1119 sind es in Dublin, wo Herny Grattan’s in der Lower Baggot Street vor kurzem für 4,5 Millionen Euro verkauft wurde. So schlecht können die Umsätze also trotz Rauchverbot nicht sein. Manche meinen sogar, dass zwar erst ein Umsatzrückgang zu verzeichnen war, da ein Teil der hartnäckigen Raucher den Pubs fern blieb, dann aber erstens militante Nichtraucher und andere Frischluftfanatiker zu neuen Kunden wurden und viele andere zu einem Glas mehr statt zur Zigarette griffen.
Die Kommunikation hat nicht gelitten. Auch nicht in der Temple Bar, einem Zentrum des Dubliner Nachtlebens mit zahlreichen Nightclubs, Restaurants und Pubs wie Porterhouse, Turk's Head, Temple Bar, Quays Bar, Foggy Dew und dem bereits erwähnten Palace. Die Pubs sind noch immer Lebensraum, Endstation Sehnsucht und Informationsbörse. Booze und Schmooze.
Slaintè!

P.S.: Den Preis gewann jener Mann, der vorschlug, dass man jeden x-beliebigen Weg nehmen könne. Man müsse nur einfach in jeden Pub gehen, statt an ihm vorbei .....



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Stadt: Dublin

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