Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.
Reisebericht: Harbin
Ein Winterwochenende in China, und keine Idee, was man damit anstellen soll? Ein Trip nach Harbin ist eine gute Idee, vorausgesetzt, es hat nicht gerade 30 Grad minus...
Was tun, wenn man in China ist und ein freies Wochenende hat?
Ich erinnerte mich an eine Fernsehreportage, die eine phantastische Eiswelt zeigte.
Paläste, Türme, Skulpturen, alles aus Eis errichtet. In Harbin war das, im Nordosten Chinas.
Die Neugier war geweckt, das innerchinesische Flugnetz ist gut und preiswert, und so buchte ich einen Flug von Beijing nach Harbin, der Hauptstadt der Provinz Heilongjiang.
Es war Ende Februar, und mit dem Wetter hatte ich Glück. Sonnig und 5 Grad minus, das ist dort schon fast Frühling. Im Winter sind 20 Grad minus keine Seltenheit, und auch 30 Grad unter Null kommt öfter vor.
Harbin war lange Zeit russisch besetzt, was man auch heute noch im Stadtbild erkennen kann.
Die Kirche St. Sophia ist dank Maos Revolutionären Garden allerdings kein Gotteshaus mehr, dafür aber jetzt ein Museum mit einer recht interessanten Fotoausstellung zur russisch geprägten Vergangenheit. Während meines Besuches sang ein Chor, es gab unter anderem Santa Lucia und Jingle Bells zu hören– auf Chinesisch, und singen konnten die!
Ein weiterer Hinweis auf den russischen Einfluss war die Speisekarte in einem Restaurant. Die chinesische war zwar hochglanzgedruckt, aber ohne Bilder, für mich leider unlesbar. Das etwas rustikalere handgeschriebene russische Exemplar war mir da schon hilfreicher.
Als ich mich an der Rezeption meines Hotels nach der Ice World erkundigte, fiel mir ein Prospekt in die Finger: hier gibt es ein Resort für sibirische Tiger. Keine Frage, das musste ich sehen.
Ein Taxi war schnell gefunden, und dann stand ich bald am Eingang des Dongbei Hu Linyuan, oder Siberian Tiger Park.
Erste Station ist ein Souvenirladen, dann durfte ich mit anderen Besuchern einen kleinen Bus besteigen. Der sah etwas komisch aus, die Fenster und die Radkästen waren mit stabilen Metallgittern geschützt. Aus gutem Grund, wie sich bald herausstellte: wir passierten eine Schleuse mit Doppeltoren, dann waren wir in einem riesigen, mit sehr hohen Stahlgitterzäunen umgebenen Gelände, umgeben von lauter Tigern.
Riesige Tiere, prachtvoll anzuschauen mit ihrem dichten Winterpelz, wohlgenährt und offensichtlich in bestem Zustand. Vier Meter lang können sie werden und 300 Kilo schwer, und viele von ihnen haben dieses Gardemaß sicher erreicht.
Wenn man dem Lonely Planet glauben kann, gibt es noch etwa 30 – 35 dieser Tiere freilebend in China und 360 – 400 insgesamt in Freiheit. Hier werden ungefähr eintausend sibirische Tiger gehalten, es ist unglaublich!
Und im Gegensatz zu üblichen Zoos waren die Tiere draußen und wir Besucher im vergitterten Fahrzeug eingesperrt.
Es gab in dem weitläufigen Gelände einige Unterteilungen, unter anderem um Muttertiere mit ihren Jungen separat zu halten. Immer wieder fuhren wir durch Fahrzeugschleusen; von Wachtürmen aus wurden die Tore bedient und aufgepasst, dass kein Tiger sein Abteil verlässt.
Ein total vergitterter Jeep erschien, es gab Leckerli für die Tiger. Ein lebendes Huhn wurde in de tödliche Freiheit entlassen, und in wenigen Sekunden endete es in den Fängen einer der riesigen Katzen.
Ich weiß, Tierschützer werden jetzt aufstöhnen, aber um das zu verurteilen, müssten wir doch wohl erst mal die Massentierhaltung bei uns beseitigen, oder? Ich meine, wer Chicken Nuggets isst, hat kein Recht, hier etwas zu kritisieren.
Außerdem: Tiger sind bekanntlich Raubtiere, Fleischfresser. Das Erbeuten von lebenden Tieren ist ihre Natur. Sie degenerieren, wenn sie nur mit Hackfleisch gefüttert werden. Und, nur mal so gefragt: wie ist das Hackfleisch eigentlich zu Tode gekommen?
Zu meiner großen Überraschung gab es aber nicht nur Tiger – auch eine Löwenfamilie lagerte in aller Gemütsruhe im Schnee. Auch sie gut genährt, mit dichtem Fell, und sie schienen unter der Kälte nicht zu leiden.
In separaten Käfigen waren auch einige Liger zu sehen, Nachkommen eines männlichen Löwen und eines weiblichen Tigers. Diese Kreuzung gibt es nur in Gefangenschaft, bekanntlich laufen sich Löwen und Tiger in ihrem natürlichen Habitat nicht über den Weg.
Einige der Käfige können wir von oben von einem Laufsteg aus besichtigen. Hier ist ein Schild, das die Chinesen lachen ließ. Ich bat um Übersetzung und erfuhr: wer hier Gegenstände hineinwirft, muss sie selbst wieder herausholen. So viel trockenen Humor hätte ich hier gar nicht erwartet. Es lag übrigens nichts in den Käfigen...
Die Snow & Ice World ist dann nicht sehr weit von dem Tiger-Resort entfernt. Schon an der Straße sind riesige kunstvolle Schnee-Plastiken zu sehen – mit integriertem Großbildschirm, auf dem Reklame läuft...
Der Eintritt in die Wunderwelt aus Schnee und Eis ist nicht billig, 280 Yüan, etwas mehr als 30 Euro. Für chinesische Normalverdiener wohl nur schwer erschwinglich.
Aber es ist unglaublich, was hier erschaffen wurde – Kunst mit kurzem Verfallsdatum.
Einige der Bauwerke sind jetzt schon abgesperrt, die Wintersonne hat die Standfestigkeit bereits beeinträchtigt. Und in Kürze wird das ganze Gelände gesperrt, weil die Wärme des Frühlings alles zusammenbrechen lassen wird.
Aber noch sieht es phantastisch aus: Paläste, Türme, Tempel, Arkaden, Monumente, alles aus blankem Eis, das in Blöcken aus dem Fluss geschnitten wurde.
Dem chinesischen Geschmack entsprechend wird das Ganze abends bunt illuminiert; Kabel und Leuchten sind in das Eis eingelassen.
Bestimmt auch das ein beeindruckender Anblick, mir aber genügt, das kristallklare Eis im Sonnenlicht glänzen zu sehen.
Eine Riesenskulptur ist nicht kristallen glänzend, sondern matt weiß – eine vielleicht 15 Meter hohe Buddha-Plastik aus Schnee. Tibetische Gebetsfahnen wehen im Wind, und ein Altar steht mit Räucherstäbchen davor.
Es ist unglaublich, wie viel Arbeit, Mühe und Geld hier jedes Jahr wieder investiert wird – um eine vergängliche Pracht zu schaffen. Aber aus der eingangs erwähnten Fernsehreportage weiß ich: die Bauarbeiter hier sind froh, auch im Winter einen Job beim Aufbau der kalten Pracht zu finden.
Und stolz auf ihr eiskaltes Wunderland – das sind sie allemal, die Leute aus Harbin.
P.S.
Ein Nachtrag: die Anzahl der Tiger im Resort wird sehr unterschiedlich angegeben. An den eintausend Tieren, von denen uns erzählt wurde, zweifle ich inzwischen auch. Andere Quellen geben etwa einhundert an - das ist, glaube ich, allerdings zu wenig. Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen.
Und es gibt dort nicht nur die erwähnten sibirischen Tiger, afrikanischen Löwen und Liger. Auch einige der sehr seltenen weißen Tiger sind zu sehen, Leoparden, schwarze Panther und weiße Löwen.
-
Hallo Ulrich!
Da hast Du ja wieder einen Bericht ganz nach meinem Geschmack geliefert! Die Eisskulpturen in Harbin möchte ich auch unbedingt einmal sehen, aber ob ich je im Winter nach China komme? Dank Dir habe ich es jedenfalls schon mal sehr anschaulich erlebt! Vielen Dank!
LG Susi -
Diesen Bericht fand ich spannend, interessant und absolut lesenswert.
LG Ursula
Lesezeichen für diesen Reisebericht setzen bei ...
-
Mister Wong
-
Google Bookmarks
-
YiGG
-
del.icio.us
-
Digg
-
StumbleUpon
-
Magnolia
-
Webnews
Bookmark in Ihrem Browser speichern Schließen