Kanuabenteuer in Kanada

Reisebericht

Kanuabenteuer in Kanada

Reisebericht: Kanuabenteuer in Kanada

In Kanada kann man mit dem Wohnmobil reisen, Rundfahrten mit dem Reisebus machen, Sightseeing-Touren in den großen Städten erleben, die Eisenbahn von Ost nach West oder umgekehrt nutzen, oder z.B. auf Kanutour auf dem Spanish River gehen. In der Hauptsache letzteres habe ich mir im September 2010 "angetan"......... und das ist die Geschichte:

3 Abenteurer



Wie es dazu kam.....

Mein langjähriger Freund Theo fragte mich Mitte 2010, ob ich mir vorstellen könne, mit ihm zusammen im September seine in der Nähe von Toronto seit vielen Jahren lebende Schwester und ihre 3 Kinder nebst Partner und Enkelkinder in Kanada zu besuchen, da seine Frau aus gesundheitlichen Gründen keine langen Übersee-Flüge mehr machen könne und er nicht alleine fliegen wolle. Nicht nur weil ich seine Schwester und einen Teil der Kinder bereits persönlich kannte, fiel mir die Entscheidung sehr leicht: ich wollte. Und so machten wir uns an die Vorbereitungen.

Ein Direkt-Flug mit der Lufthansa von Düsseldorf nach Toronto am 09. September und zurück am 26. September war schnell gebucht. Um eine Unterkunft mussten wir uns nicht kümmern, denn wohnen würden wir bei einer Nichte meines Freundes auf deren Ranch ca. 100 km westlich von Toronto nahe der Stadt Bramton. Auf dem Grundstück mit Pferdeställen und Reithalle gab es in einem großen typisch kanadischen Ranchgebäude offensichtlich genug Platz, um ein paar Leute aus Old-Germany unterbringen zu können.

Einige Wochen vor Beginn der Reise meinte der Sohn meines Freundes Theo, dass er uns beiden Senioren (wenn ich mich recht erinnere, hat er uns "alte Knacker" genannt) auf keinen Fall alleine reisen lasse. Er würde den Senioren-Reisebegleiter machen und gut auf uns aufpassen. Außerdem hätte er seine Verwandschaft auch länger nicht gesehen und könnte ein paar Tage Kanada auch gut gebrauchen. Also wurde aus 2 Reisenden ein Trio.

Irgendwann kam eine Email aus Kanada mit der Frage, ob wir Bock auf eine Kanutour auf dem "Spanish River" hätten, man würde dann ggf. etwas organisieren. Natürlich überlegten wir nicht lange, sondern erklärten sofort, dass wir selbstverständlich großen Bock hätten. Und natürlich hatten wir so gut wie keine Ahnung, was auf uns wartete.

Die Zeit bis zum 09. September verging fast im Flug u.a. mit dem Einholen von Detailinformationen zu einer Kanufahrt auf dem Spanish River z.B. durch Video-Berichte bei "you tube" und Reiseberichte in entsprechenden Internet-Foren. Kurz gesagt: wir bekamen durch diese Informationen jedenfalls keine Angst vor unserer eigenen Courage. Ach ja, und dann gab es auch noch eine Information unserer Gastgeber zur Ausrüstung, die wir bitte besorgen sollten: Wasserschuhe, warme Socken usw. für die Nächte im Zelt, Klamotten zum Wechseln bei Wasserkontakt....... dürftige Hinweise, wie sich herausstellen sollte.



Die Tage vor der Kanutour

Ranchgebäude auf "Amani...

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Nach der Ankunft in Toronto übernahmen wir einen vorgebuchten Mietwagen und fuhren auf direktem Weg zur Ranch "Amani Acres", wo uns die Schwester meines Freundes in Empfang nahm und mit den Örtlichkeiten vertraut machte. Nach und nach trudelten weitere Familienmitglieder ein: der Partner der Hausherrin, die erst 2 Tage später von einer Geschäftsreise nach Europa zurück kam, deren Tochter und Sohn und auch der Rest des Clans, der in anderen Orten in der weiteren Umgebung wohnte.

Wir waren von der Ranch sofort hellauf begeistert, denn auf dem großzügigen Gelände tummelten sich 11 Reitpferde, 2 Ziegen, ein Lama und etliche Enten, sowie 2 Hunde, die uns sofort als Familienmitglieder akzeptierten, und mit denen wir in der Folge sehr viel Spaß hatten.

Obwohl wir 3 aus Deutschland die Niagara-Fälle von früheren Kananda-Besuchen her bereits kannten, entschieden wir uns kurz entschlossen zu einem Tagesausflug nach "Niagara-Falls" und Umgebung. Es war ein schöner Tag mit strahlendem Sonnenschein in tollster Urlaubsstimmung. Fazit: es war erneut ein lohnenswerter Ausflug.

Unser nächstes Ziel nach kurzer Zwischenstation auf der Ranch (die Hausherrin hatte inzwischen das Regiment auf "Amani Acres" wieder übernommen, sollte dann Ottawa sein. Also fuhren Theos Schwester und wir drei in Richtung der kanadischen Hauptstadt. Auf dem Weg dorthin unterbrachen wir unsere Fahrt in "Upper Canada Village", einer kleinen ländlichen Stadt mit restaurierten Orginalgebäuden aus der Zeit vor 1867 und kostümierten Dorfbewohnern. Ebenfalls Landesgeschichte gab es in Kingston, in der wieder aufgebauten britischen Bastion "Old Fort Henry", einem lebendigen Militärmuseum, zu erleben. Und Ottawa selbst mit seinen Regierungsgebäuden im gotischen Baustil, dem Rideau Canal, dem Canadian Museum of Civilization und den vielen anderen Sehenswürdigkeiten ließ die Zeit bis zum Start unserer Kanutour wie im Flug vergehen.




Ranch "Amani Acres"



Die Kanutour (Vorbereitungen und Tag 1)

Nach unserer Rückkehr von der Ottawa-Tour bekamen wir noch am Abend vor dem Start unseres Kanu-Abenteuers einen ersten Eindruck vom Umfang der Utensilien, die am nächsten Tag in unsere beiden Autos verladen werden mußten: 2 Zelte, Schlafsäcke und Luftmatratzen für 6 Personen, trockene Klamotten zum Wechseln nach unfreiwilligen Bädern, Verpflegung und Kochutensilien (Kocher, Geschirr, Besteck), jede Menge Dosenbier und eine Flasche "Killepitsch" (ein Spezial-Kräuterschnaps aus Düsseldorf) "für aussichtslose Situationen", ein eigenes Kanu von Neil, dem Partner unserer Gastgeberin, der bereits etliche Kanutouren auch auf dem "Spanish River" hinter sich hatte (2 weitere waren bestellt und würden vor Ort bereitgestellt), .......usw. ........und der ganze Kram sollte in 3 Kanus Platz finden?

Am nächsten Vormittag fuhren wir zwischen allem Packen noch in die nächstgrößere Stadt, um bei einem Ausstatter für Camping und sonstige Outdoor-Aktivitäten zumindest für uns drei "Greenhorns aus Germany" noch einige Utensilien, die bisher noch fehlten, zu besorgen. Das waren z.B. die erwähnten Wasserschuhe und vor allem wasserdicht verschließbare Transportsäcke. Schließlich sollten ja unsere Klamotten für die Nacht und zum Wechseln, sowie Video- und Photokameras, auch für den Fall des Kenterns gut geschützt sein.

Am frühen Nachmittag starteten wir (mein Freund Theo, sein Sohn Ingo und ich in einem Auto) und unsere Gastgeber (Theos Nichte Susanne, ihr Lebensgefährte Neil und ihr Sohn Luke in einem zweiten Auto) bei strahlendem Sonnenschein nach Norden Richtung "Sudbury", einer größeren Stadt auf unserer Route. Von dort ging es dann noch einmal etliche Kilometer durch immer dünner besiedeltes Gebiet hinein in eine einmalige Landschaft voller Flüsse, Seen und unendlicher Wälder. Nach insgesamt ca. 600 km erreichten wir am frühen Abend den winzigen Ort "Cartier", bestehend aus einer Railway-Station der "Canadian-Pacifik-Railway" und ein paar weit verstreuten Häusern, wo in einem kleinen Motel 2 Zimmer für uns reserviert waren. Nach dem Einchecken, noch auf dem Weg von unseren Zimmern zum Restaurant, begann es zu regnen.

Und es regnete die ganze Nacht und auch noch am nächsten Morgen, einem Samstag, in Strömen. Es regnete während unseres deftigen Frühstücks mit Eiern, Speck und Bratkartoffeln, und es regnete, während wir auf dem Bahnhof auf unsere beiden Leihkanus und den Zug zu unserem eigentlichen Startpunkt warteten. Eigentlich konnte unser Abenteuers nicht viel depremierender beginnen, denn die Aussicht auf eine Kanufahrt nicht nur mit viel Wasser unter unseren Booten, nagte mit jeder Minute, die wir untätig herumhängen und auf unseren Zug warten mussten, an unserer Stimmung. Glücklicherweise waren wir zu 6 Leuten, die sich gegenseitig Mut machten, und außerdem wartete noch eine Gruppe offenbar naturverbundener "Trapper" mit sehr viel Gepäck, allerdings ohne Kanus, auf denselben Zug wie wir. Und die ließen sich schließlich auch nicht durch den vielen Regen von ihren Plänen abbringen.

Irgendwann kam unser "Outfitter", übergab die beiden Leihkanus und Paddel und erklärte, dass er uns am Montag früh gegen 10:00 Uhr an einer ganz bestimmten Stelle am "Spanish River", wo er mit dem Landrover direkt bis an den Fluss fahren könne (und das geht nur an ganz wenigen Stellen), abholen würde. Wir sollten bitte pünktlich sein, da er nur max. eine Stunde auf uns warten könne. Die Konsequenz, die mit dieser "Ansprache" verbunden war, wurde uns erst im weiteren Verlauf unserer Tour bewusst. Einzig unser erfahrener Kanute Neil wusste bereits zu diesem Zeitpunkt um die evtl. Problematik, die mit diesem Zeitplan verbunden war. Denn zu allem Überfluß ergab sich, dass der "Spanish River" aktuell für die Jahreszeit relativ wenig Wasser führte. Und damit war klar, dass wir möglicherweise für die Bewältigung div. "Rapids" (Stromschnellen) mehr Zeit brauchen würden, als uns lieb war.

Der Zug sollte lt. Fahrplan um 10:00 Uhr eintreffen. Allerdings wusste Neil zu berichten, dass das selten der Fall sei. Es könne auch gut 11:00 Uhr werden, da es sich um einen Sonderzug handele, der ausschließlich ähnliche Fahrgäste wie uns zu mehr oder weniger einsamen Stellen im kanadischen Niemandsland befördern würde. Und so war es auch: der Zug, bestehend aus einer kräftigen Diesellok, einem großen Gepäck- und 2 Personenwagen, kam irgendwann gegen 11:00 Uhr. Wir hatten inzwischen unsere Utensilien auf dem Bahnsteig bereitgestellt und begannen mit Hilfe von 2 kräftigen Eisenbahnmitarbeitern mit der Verladung in den Gepäckwagen. Als auch die andere Reisegruppe ihr Gepäck im Zug hatte -es regnete übrigens immer noch in Strömen- begann die Fahrt teilweise dicht am Fluß entlang und dann wieder durch dichten Wald. Irgendwann hielt der Zug auf mehr oder weniger freier Strecke (nix Bahnhof oder was ähnliches) und die mit uns eingestiegenen "Trapper" verschwanden mit ihre Utensilien. Für uns und noch etliche andere Fahrgäste ging die Fahrt weiter. Nach insgesamt ca. einer Stunde Fahrzeit hielt der Zug erneut auf freier Strecke und entließ uns in unser Abenteuer. Es war schon ein komisches Gefühl, als wir 6 Figuren nach ein paar Minuten mit unserem Krimskrams allein am Bahndamm standen und dem weiterfahrenden Zug nur noch hinterhersehen konnten. Vor uns lagen nun ca. 50 km "Spanish River" in mehr oder minder völliger Einsamkeit, denn andere Menschen sollten wir bis auf eine kurze Ausnahme bis zum Ende unserer Tour nicht zu Gesicht bekommen.

Zum unserer großen Überraschung und Freude hörte es genau in diesem Moment auf zu regnen, und die Sonne kam durch. Und wenige Meter neben dem Bahndamm plätscherte der "Spanish River" vor sich hin.

Schnell trugen wir unsere Kanus ans Wasser und beluden sie nach Vorgaben von Neil mit den div. Gepäcksäcken und wasserdichten Kisten. Dann hieß es: fix umziehen, Schwimmwesten an und eine Kurzeinweisung in die Geheimnisse des Kanufahrens (wie paddele ich richtig, wie durchfahre ich eine Stromschnelle am elegantesten, was tue ich, wenn ich in der Stromschnelle hängenbleibe (bei dem niedrigen Wasserstand zu erwarten), was ist zu beachten, wenn das Kanu kentert. Im nächsten Schritt wurde entschieden, wer mit wem im Kanu: Neil mit Luke, dem Sohn von Susanne, Theo mit seiner Nichte Susanne und ich mit Theos Sohn Ingo, und schon ging es los.

Die ersten Eindrücke waren einfach großartig. Der "Spanish River" floß gemächlich dahin und wir mit ihm durch pure Natur. Nichts wie dichter Wald rechts und links am Ufer, und hinter jeder Flußbiegung tat sich ein anderes Panorama auf. Und, wir konnten es kaum glauben, das alles bei strahlendem Sonnenschein (geregnet hat es übrigens bis zum Ende unserer Tour keinen Tropfen mehr).

Dann veränderte sich plötzlich erstmalig die Geräuschkulisse: es begann zu plätschern und zu rauschen; die erste Stromschnelle lag vor uns. Und bereits bei dieser ersten Begegnung bekamen wir bzw. unser Boot Bodenberührung. Überall vor uns sahen wir dicke Steine aus dem Wasser ragen, die es zu umfahren galt. Allerdings ließ sich nicht vermeiden, den einen oder anderen Brocken zu berühren. Und dannn erst die, die vollständig unter Wasser lagen, aber nicht sehr tief. Unsere Kanus ( 2 aus Fiberglas und eins aus Alu) mussten so manchen Stoß ertragen, und wir hatten Mühe, in der Strömung das Gleichgewicht zu halten.

Nachdem die ersten kleinen Rapids ohne Probleme gemeistert waren, kam es jedoch immer wieder vor, dass ein Kanu festsaß. Also aussteigen in das glücklicherweise nicht allzu kalte Wasser, das Boot freidrücken (schieben und ziehen), wieder rein und weiter bis zum nächsten unfreiwilligen Festsitzen. Schnell wurde uns der Sinn der "Wasserschuhe" klar: der steinige Grund des Flusses war teilweise glatt wie Schmierseife.

Bald erreichten wir die erste Stelle im Fluß, wo es per Hinweisschild hieß: Umtragungsempfehlung, die Stromschnelle ist nur für Könner zu meistern. Alle anderen sollten ihre Kanus tunlichst um die Stelle herumtragen. Uns Nichtkönnern blieb die gemeine Schlepperei der Boote und des vielen Gepäcks trotzdem durch folgenden Trick erspart: Neil als erfahrener Kanufahrer paddelte das erste Kanu durch die Stromschnelle, lief dann am Ufer den Umtragungspfad zurück und holte das 2. und auch noch das 3. Boot. Dabei konnte dann wer wollte, noch mit ihm fahren. Ich beispielweise wollte nicht, da ich mit Video- und Fotokamera vom Ufer aus die Durchfahrung der Stromschnelle dokumentieren wollte. Mein Freund Theo dagegen wollte und .........stieg pitschnass unterhalb der schwierigen Stelle aus dem Boot. Was war passiert? Ganz einfach: er hatte bei einer der zahlreichen Grundberührungen schlicht und ergreifend das Gleichgewicht verloren und das Kanu kopfüber zu einem Vollbad verlassen.

Das anschließende Wechseln der Kleidung erinnerte stark an eine filmreife Slapstick-Szene. Der Rest unserer Truppe hat sich jedenfalls köstlich amüsiert, mit welchen Verrenkungen Theo auf dem unebenen Uferstreifen teilweise auf einem Bein balancierend die klatschnassen Klamotten gegen trockene tauschte. Es gab schließlich keinen Hocker oder Stuhl, auf den er sich hätte setzen können und nichts zum Festhalten. Und einfach mit einem nassen Hintern auf den Boden? Nein, danke.

Nach dem unfreiwilligen Zwischenstop ging es frohen Mutes weiter. Irgendwann später hingen Ingo und ich zum x-ten Mal in einer Stromschnelle fest, und ich musste aussteigen, um das Boot wieder flott zu machen. Dabei erwischte es diesmal mich. Ich rutschte auf den glitschigen Steinen im Wasser aus, tauchte komplett unter und eine weitere "Flusstaufe" war vollzogen. Zu allem Überfluss konnten wir an dieser Stelle das unwegsame Ufergelände nicht erreichen, mit der Konsequenz, dass ich nass wie ich war, bis zum Erreichen des Campground für die kommende Nacht noch ca. 2 Stunden weiter paddeln musste.

Zwischendurch versuchten wir von Neil zu erfahren, wie weit die Raststelle für die erste Übernachtung denn wohl noch entfernt sei, da sich langsam aber sicher Erschöpfung bei uns ungeübten Kanuten aus Deutschland bemerkbar machte. Konkretes kam dabei nicht heraus. Vielmehr hieß es immer nur: weiß ich auch nicht genau - es ist schon sehr lange her, dass ich auf dem Spanish River war - es gibt keine wirkliche Orientierung am Fluß, wie weit wir schon sind - wir müssen so viel Strecke wie möglich machen, um Montag rechtzeitig am Abholpunkt zu sein. Und außerdem liess sich für Neil ja wirklich nicht einschätzen, welche ungeplanten Zwischenstops wir Greenhorns noch produzieren würden.

Nachdem zumindest ich in meinen nassen Klamotten am späteren Nachmittag das Erlebnis Kanutour nicht mehr wirklich geniessen konnte und kaum noch einen Blick für die Natur hatte, erreichten wir irgendwann gegen 19:00 Uhr eine Stelle im Fluss, wo am Ufer ein Hinweis auf eine Raststelle auftauchte. Also nichts wie ran ans Ufer und Zelte, Schlafsäcke, Luftmatratzen, Koch- und Küchenutensilien und sonstiges Gepäck ausladen und einige Meter die dort recht steile Uferböschung hinauf bis zu einer kleinen ebenen Fläche hochschleppen. Endlich hatte ich dann die Chance, meine nasse Kleidung auszuziehen und gegen trockene zu tauschen. Und dass ich dabei und noch einige Zeit danach am ganzen Körper vor Kälte (die sich langsam ausbreitete), und Erschöpfung zitterte, will ich an dieser Stelle nicht verschweigen. War wohl doch etwas viel.

Mit vereinten Kräften wurden die beiden Zelte aufgebaut und die Nachtlager vorbereitet. Nicht mehr aus der Bahn werfen konnte Theo und mich zu diesem Zeitpunkt die Erkenntnis, dass unsere Luftmatratze undicht war. Mit der nötigen Menge Gerstensaft und Killepitsch würden wir die Nacht wohl auch ohne weiche Unterlage überstehen.

Schnell und routiniert hatte Neil ein Lagerfeuer angezündet, an dem wir uns nicht nur aufwärmen konnten, sondern auf dem auch sehr schnell unser redlich verdientes Abendessen Gestalt annahm. Es gab Kartoffelpuree, Gulasch und grünen Spargel. Als wir dann etwas später satt und warm am Feuer sassen, liessen die ersten Dosen Gerstensaft und einige Schnäpse die Strapazen des Tages schnell vergessen. Und es dauerte nicht allzu lange, bis wir hundemüde in unsere Zelte krochen.



Kanuübergabe



Die Kanutour (Tag 2)

Am frühen Morgen des nächsten Tages - es war noch nicht vollständig hell - wurde ich nicht nur von meiner vollen Blase, sondern auch von meinen kalten Füßen aufgeweckt. Und dass die Kälte ihren Weg in unsere Schlafsäcke gefunden hatte, verwunderte mich beim ersten Blick nach draussen nicht mehr wirklich: die Temperatur war in der klaren Nacht unter den Gefrierpunkt abgesunken und hinterließ auf unseren Zeltplanen eine dünne Eisschicht. Bei dem Gedanken, in Kürze ein kurze Hose, feuchtkalte Wasserschuhe und klamme Handschuhe anziehen zu müssen, breitete sich fast schon Entsetzen aus. Aber als mit Hilfe eines kleinen Kochers der erste heisse Kaffee fertig war und Rühreier mit Speck auf dem schnell wieder entfachten Lagerfeuer brutzelten, sah die Welt schon wieder recht freundlich aus. Und auch die ersten Sonnenstrahlen liessen hoffen. Außerdem wußte Neil zu berichten, dass Temperaturen um oder kurz unter dem Gefrierpunkt auch bereits im August garnicht so ungewöhnlich seien. Jedenfalls war es wohl nicht sein erstes Erlebnis dieser Art.

Nachdem später das gesamte Gepäck wieder in den Kanus verstaut war, ging es weiter auf dem "Spanish River" flußabwärts. Heute natürlich auch nicht ohne Zwischenfälle: Ingo und ich hatten durch ein etwa gleiches Körpergewicht nicht nur eine schlechte Gewichtsverteilung im Kanu (vorne eine leichtere Person und hinten ein schwerere hätten das Kanu besser durch die Stromschnellen gleiten lassen). Nein, auch unsere mangelnde Kanuerfahrung führte immer wieder zu Mißverständnissen bei der Frage, wer denn wann auf welcher Seite des Bootes sein Paddel einsetzen sollte. Und so kam es wie es kommen musste; wir waren noch nicht sehr lange unterwegs, als unser Kanu in einer Stromschnelle mit uns machte, was es wollte. Mit der Folge, daß wir kenterten.

So früh am Morgen schon ein Vollbad nehmen zu müssen, war uns natürlich nicht unbedingt recht. Außerdem war unser Kanu randvoll mit Wasser gefüllt. Gut, dass alle Gepäckstücke wasserdicht verstaut im Boot festgebunden waren. So konnten wir zumindest vermeiden, einzelne Utensilien später weiter flußabwärts suchen und einsammeln zu müssen. Allerdings blieb uns nicht erspart, das Kanu vollständig auszuladen und eine Menge Wasser erst mal auszuschöpfen. Nur so ließ sich unser Kanu überhaupt bewegen, also umzudrehen, um das gesamte Wasser raus zu bekommen. Dann wieder alles einräumen, verstauen und festzurren.

Unsere Stimmung besserte sich erst etwas später, als wir an einer zugänglichen Uferstelle anlegen und unsere Kleidung wechseln konnten. Ganz schnell hatten wir so eine gute Stunde Zeit "verplempert", die unseren Zeitplan möglicherweise durcheinander bringen konnte. Um ähnliche Zwischenfälle einzugrenzen und die miese Gewichtsverteilung und fehlende Kompetenz in unserem Boot auszugleichen, entschied Neil, hier an dieser Stelle die Bootsbesatzungen zu ändern. Den Rest der Strecke saß ich als leichtere Person vorne im Boot mit Neil hinten, und Ingo schipperte mit Luke weiter. Wie sich schnell herausstellte, war die Entscheidung goldrichtig. Das Festhängen in den Stromschnellen reduzierte sich spürbar.

Und Stromschnellen warteten noch sehr viele auf uns. Irgendwann auch wieder eine, die man eigentlich hätte umtragen müssen. Doch auch hier griff Neil wieder zu seinem Trick. Er fuhr alle 3 Kanus nacheinander die schwierige Passage ohne Probleme hinunter, diesmal allerdings ohne Mitfahrer. Auf einer kleinen Insel im Fluß machten wir gegen Mittag Rast, und ruck-zuck sorgte ein improvisiertes Picknick für unser leibliches Wohl. Im weichen Uferboden der Insel waren ürigens Hufabdrücke eines Elches zu sehen. Vor nicht allzu langer Zeit war hier offensichtlich ein größeres Exemplar durchgekommen. Gut, daß wir uns nicht begegnet sind, denn Elche sind ganz schön riesig.

Der Nachmittag verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Das Wetter spielte großartig mit. Im Sonnenschein konnten wir die Natur um uns herum richtig geniessen. Außer den Geräuschen der Natur (Vogelstimmen, Plätschern des Wassers, immer mal wieder das Rauschen einer Stromschnelle und das Eintauchen der Stechpaddel) war nichts zu hören. Wenn wir jetzt noch mehr Zeit gehabt hätten........ Vorstellbar war ein stilles Dahingleiten mit der Strömung des Flusses oder z.B. eine relativ frühe Beendigung der Tagesetappe, um am Ufer in der Sonne zu sitzen und evtl. unsere nassen Klamotten aus den Gummisäcken zu befreien und zu trocknen. Leider konnten wir davon nur träumen. Neil war unerbittlich, und so wurde weiter gepaddelt, um Kilometer zu machen. Ich profitierte von der Tatsache, dass ich seit dem Morgen mit unserem "Guide" im Kanu saß. Immer wieder mal konnte ich meine eigene Paddelarbeit kurz unterbrechen, wenn sich z.B. mein Rücken durch die kaum veränderbare Sitzhaltung meldete.

Irgendwann am frühen Abend, es begann schon langsam dunkel zu werden, hatte die Paddelei wie am Tag vorher an einem Hinweis auf einen Campground ein Ende. Also, wie vom Tag vorher noch in guter Erinnerung, anlegen, Kanus ausräumen, Zelte aufbauen, Feuer machen und das Abendessen zubereiten. Quer durch unser "Camp", möglichst nah am Feuer, wurde eine lange Wäscheleine gespannt, um unsere zahlreichen nassen Kleidungsstücke zu trocknen. Denn schließlich wurden trockene Klamotten langsam aber sicher Mangelware. Und das fand seine Steigerung in der Tatsache, dass unsere Schlafsäcke beim Kentern unseres Kanus am Morgen nass geworden waren. Irgendwer hatte die große Tasche nicht wirklich wasserdicht verschlossen.

Um es kurz zu machen: kein einziges nasses Teil wurde am Abend trocken. Die Zeit dazu war einfach zu knapp. Und so mussten wir für die Nacht improvisieren. Alles, was noch trocken war, anziehen, Plastikfolie unter die Schlafsäcke, um keinen direkten Kontakt zwischen Körper und Nässe zu haben, und dann nach einigen Dosen Bier und Killepitsch mit der nötigen Bettschwere sanft in das Reich der Träume schweben. Insgesamt war der Abend am Lagerfeuer trotz allem wild romantisch. Da konnte auch die von Neil ausgegebene Parole - morgen früh um 6:30 Uhr aufstehen und um 7:30 Uhr Abfahrt - nichts dran ändern.



Frühstück nach einer kalten Nacht



Die Kanufahrt (Tag 3)

Am anderen Morgen - die Nacht war angenehmer als die letzte und es war auch nicht ganz so kalt - verzichteten wir im Hinblick auf das Ende unserer Kanutour irgendwann in den nächsten Stunden und die Aussicht auf ein deftiges "Holzfäller-Frühstück" in Cartier, da wo unsere Autos standen, auf ein selbst zubereitetes. Um etwas in Schwung zu kommen, gönnten wir uns lediglich einen heissen Kaffee. Nachdem wieder alles einschließlich unseren nassen Klamotten eingepackt war, ging es in die Kanus und raus auf den "Spanish River".

Das Bild, was sich uns nun bot, läßt sich kaum in Worte fassen. Die Sonne war noch nicht richtig aufgegangen und das Licht dadurch noch diffus. Von der Wasseroberfläche stiegen Nebelfetzen auf, und es herrschte eine nicht zu beschreibende Stille und Atmosphäre. Wir fühlten uns in die Zeit von Lederstrumpf zurückversetzt und erwarteten hinter der nächsten Flußbiegung Indianer in ihren Kanus. Es waren einfach einige Minuten Traumsequenz im Sinne von Coopers Roman "Der letzte Mohikaner" und des gleichnamigen Films.

Nach der problemlosen Bewältigung weiterer Stromschnellen tauchte bereits nach ungefähr einer Stunde eine Uferstelle auf, die Neil als die Stelle identifizierte, an der unsere Kanutour enden sollte. Es hatte sich also gelohnt, Tempo und Strecke zu machen, um rechtzeitig anzukommen. Und das nun sogar früher als notwendig. Schnell waren Kanus und Gepäck aus dem Wasser und für den Abtransport bereitgestellt.

Gegen 9:30 Uhr erschien bereits unser "Outfitter" mit seinem Landrover nebst Bootsanhänger. Nach einem letzten teils erleichterten, teils wehmütigen Blick auf den "Spanish River" erreichten wir nach einer knappen Stunde Autofahrt den Bahnhof von Cartier, wo unsere Autos standen und unsere Reise vor drei Tagen begonnen hatte.

Bei dem bereits erwähnten deftigen Frühstück wurde ein erstes Resumee unseres Abenteuers gezogen: alles in allem war es eine großartige Erfahrung, die in erster Linie wir 3 Gäste aus Germany machen konnten. Nur auf sich selbst und die Natur gestellt, ohne Verbindung zur Außenwelt (ein Handynetz gibt es nicht), das erlebt man nicht alle Tage. Mit etwas mehr Zeit und etwas mehr Wasser im Fluß wäre es insgesamt etwas leichter und unbeschwerter gelaufen. Und wenn man so ein Abenteuer erleben möchte, sollte man es machen, solange man jung genug dafür ist. Irgendwann kommt nämlich für jeden der Zeitpunkt, wo je nach persönlicher Fitness das Ein- und Aussteigen in ein wackeliges Kanu und das lange sture Sitzen in einer kaum veränderbaren Haltung mühselig wird. Ganz zu schweigen vom Ausziehen nasser Kleidung an einem steinigen Flußufer.

Nach dem Frühstück lagen dann zunächst wieder ca. 600 Kilometer Autofahrt vor uns. Zeit genug, alle Details unserer Kanutour noch einmal Revue passieren zu lassen und zu bewerten. Und auch hier das Fazit: keiner möchte das Erlebnis missen, zumal es auch ohne Blessuren an Leib und Seele verlaufen ist. Nicht mal einen Husten oder Schnupfen hat jemand davon getragen. Wahrscheinlich war unser Adrenalinspiegel daür ständig zu hoch.




Morgenstimmung auf dem Spanish River



Die Zeit nach der Kanutour

Bis zu unserem Heimflug nach Deutschland blieb uns nach unserem Abenteuer noch eine knappe Woche Zeit. Die nutzten wir, um noch weitere Verwandtenbesuche zu machen, uns in der Gegend noch ein wenig umzuschauen und Toronto einen Besuch abzustatten. Da wir die Metropole an sich mit ihrem 553 mtr. hohen CN-Tower (lange Zeit das höchste freistehende Gebäude der Welt) von früheren Besuchen her bereits gut kannten, verbrachten wir diesmal einige Stunden auf den Toronto vorgelagerten Inseln "Toronto Island". Hier herrscht auch im Sommer, wenn die Temperatur in Toronto selbst bis auf 39 Grad C. klettern kann, immer eine angenehme kühle Brise, was von Besuchern und Einwohnern Torontos sehr geschätzt wird. Es gibt auf den Inseln Wohnviertel, Strände, den Vergnügungspark Centreville und neben Wildnis div. gepflegte Parkanlagen. Wir mieteten uns Fahrräder und erkundeten die Inseln auf Drahteseln.

Einige verbleibende Abende auf der Ranch von Theos Nichte Susanne verbrachten wir noch am Feuer eines Aztekenofens bei einem Wein oder Bier, u.a. natürlich in Erinnerung an unsere tolle Kanutour. Nach einem Abschiedsessen im Kreise der ganzen Familie war es dann letztlich für uns viel zu schnell soweit, den Heimflug anzutreten.



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Kommentare

  • RC-Redaktion

    Schöner und ausführlicher Reisebericht, der heute in der Zierleiste auf der Startseite erscheint!

  • Blula

    Was für ein faszinierender Bericht. Ich kann nur sagen: Danke für's Mitnehmen. Diese abenteuerliche Kanutour auf dem Spanish River in Canada habe ich wirklich genossen, denn Du hast sie auch sehr lebendig geschildert.
    LG Ursula

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