Reisebericht

Reisebericht: Der Rasenmäher-Rambo

 
 
 
 
 
Reisebericht: Der Rasenmäher-Rambo

Kennen Sie auch diese besondere Spezies, welche sich an schönen, ruhigen Sonntagnachmittagen auf den Bock schwingen und losfahren? Anstatt wie Sie lieber Kurzurlaub zu machen…

 
 
 
 
 

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Nein, ich rede nicht von begeisterten Motorrad- und Mokickfahrern, welche einen Kurztrip machen. Auch nicht von harmlosen, von umweltfreundlichen Brennstoffen wie Kohlenhydraten angetriebenen, Fahrradfahrern… ich rede von den Zeitgenossen, die sich für ihren Kleingarten hinterm Haus einen dieser Rasenmäher-Sitz-Hocker besorgt haben und die Rallye de Monte Gras absolvieren! Diese Leute treffen sie häufig auch auf Campingplätzen mit festen Wohnwagen- oder dar Mobilheim-Stellplätzen. Dann haben SIE auch dort das „Vergnügen“, ihnen bei der Arbeit zusehen zu dürfen!

In der Regel beginnt das Ganze harmlos:
Die Rasenfläche des eigenen Gartenparadieses (ca. 90 qm) hinter dem schmucken Eigenheim wird verkleinert. Gemüsetechnische und blümerante Autarkie ist schließlich out, aber Kinderfreundlichkeit wird neuerdings in Deutschland auf die Fahnen geschrieben. Kinder müssen toben können, auf perfekt gemähten Rasenflächen, ohne dass sie womöglich in Rosendornen gefangen sind oder durch wuchernde Kräuterbeete in ihrem Bewegungsdrang behindert werden. Auch wenn die Blagen inzwischen lieber mit gleich -und/oder andersgeschlechtlichen Freunden in der Diskothek abhängen, weil sie dem Alter entwachsen sind, in denen Fangen spielen und Seilhüpfen in sind.
Also werden erst einmal die mickrigen Züchtungsversuche einer eigenen, festkochenden Kartoffelsorte mit „Spiel-und-Sportrasen-Mischung“ eingesät. Als nächstes wird der prachtvolle Rhododendren-Busch genauso wie die ökologisch gedüngten Erdbeerfelder dem Erdboden gleichgemacht. Kräuter gibt es preiswerter und weniger die eigene Arthritis beim Unkrautzupfen herausfordernd tiefgekühlt aus der Aldi-Theke oder in praktischer Granulatform aus dem Regal.



 
 
 
 
 

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Die zweite Phase der Gartensanierung besteht darin, einen Teil durch sogenannte „Nachbarschaftshelfer“ und die freiwillige Sklavenarbeit der volljährigen Angehörigen durch eine Allzweck-Spielfläche zu bereichern. In mühevoller, aus Gründen des Schutzes vor rechtsstaatlicher Verfolgung nächtelanger Besorgungsaktion auf benachbarten Baustellen wurden die fossilen Bodenplatten geborgen, natürlich unter Wahrung der Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Archäologie…warum nur sehen die Gehwegplatten so verdammt unabgenützt aus?
Mittlerweile sind einige Monate vergangen, in denen die diversen Gartenhäuschen unterschiedlicher Stilrichtung auf- und ausgebaut wurden. Natürlich immer ab 19 Uhr abends und auch an den Wochenenden. Von frühindustriellem Stahl-Wellblech-Look bis hin zur heimeligen Voralpen-Renaissance ist alles vertreten. Der Rasen hat sich entschlossen, üppig zu sprießen und harrt seiner ersten Mähung. Dank des vorhergegangenen tagelangen Brunnenbergbaues und der durchgehenden Berieselung mit Grundwasser hatte die Grasfläche die besten Möglichkeiten, nicht nur das hauseigene Areal zu bewuchern, sondern auch einige Grassamen in die Nachbargärten zu entsenden.



 
 
 
 
 

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Phase Nummer drei fordert nun die volle Aufmerksamkeit aller Familienangehörigen und Helfer. Die Nachbarschaft wird ebenfalls in das große Ereignis einbezogen. Nach dem feierlichen Aufziehen der Nationalflagge wird der Stecker eines „normalen“ Rasenmähers in der Außenwand-Steckdose des Hauses platziert. Sektkorken knallen. Eine 2000-Watt-Stereoanlage und ein Festzelt wurden aufgebaut. Bierzapfanlagen werden in Serie geschaltet.
Dann der große Moment: mit einem sonoren, die Nachbarschaft während der Mittagszeit um Punkt 13.30 Uhr durchdringenden „Brummplopp“ legt der Rasenmäher das Stromleitungsnetz des gesamten Stadtgebietes lahm. Bundesgrenzschutz, THW und das Rote Kreuz rücken sofort aus. Die Stadtwerke registrieren mit größtem Bedauern den schrittweisen Ausfall aller Partnerstromkreise in den benachbarten Ländern wie Frankreich, Österreich und Polen. Sogar das kleine Luxemburg sendet SOS-Signale per Rauchzeichen a la Schwarzgeldindianerstamm.
Der stolze Rasenbesitzer und seine Mannschaft lassen sich durch den Stromausfall nicht beirren, bis tief in die Nacht hinein dürfen alle Nachbarn an ihrer Freude über die gelungene Bes(m)ähungs-Aktion teilnehmen. Feiern kann man schließlich auch bei Kerzenlicht! Was können die Garten-Party-Tiger denn dafür, wenn einige der Anwohner sich so Gartenpflegeunfreundliche Berufe wie Schichtarbeiter, Polizist oder gar Karbolmäuschen aussuchen…? Jeder vernünftige Mensch schuftet für seine täglichen Brötchen schließlich von 8.00 Uhr bis allerspätestens 16.00 Uhr!



 
 
 
 
 

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Der Höhepunkt des Programms aber ist Phase Vier!
Nachdem der Gartengrünflächeneigner durch das Schieben des Elektrischen Rasenmähers in der Vornacht völlig ausgepowert ist, entschließt er sich dazu, einen aus dunklen Quellen wie die Gehwegplatten stammenden, Benzinbetriebenen-Vier-Sterne-Komfort-Sitz-gräsigen- Niedrigwuchs kleinhaltenden-Deluxe-Rasenmäher zu besorgen. Dazu ist eine Einweisung durch das freundliche Nachbarschaftshelfervolkes nötigt. Aufgrund der Beschäftigungszeiten eben derer kann die Einweisung nur in den späten Abendstunden erfolgen.
Stolz wie Oskar schwingt sich der Rasenmäher-Mann auf den Sitz, schmeißt den umweltfreundlichen Benzinverbrennungsmotor an (zur besten Tatort-Zeit) und versucht loszurattern. Wohlgemerkt, er versucht es!
Gegen 23.00 Uhr sind mindestens fünf fachkundige Berater auf dem Grundstück versammelt, welche lautstark mit dem Besitzer des unwilligen Ungetüms über mögliche Fehlerquellen oder deren mögliche Beseitigungsalternativen diskutieren. Das Palaver dauert bis zum nächsten Morgen, welcher mit einigen fröhlichen Bier-Prositen willkommen geheißen wird. Immerhin wurde eine Lösung gefunden…das Vehikel knattert und rattert.



Der stolze Rasenmäher-Rambo steigt, mit einer „Malboro“ zwischen den zusammengekniffenen Lippen, einem energisch vorgereckten Kinn und mit Tarnfarbenbemalung versehen, im Morgengrauen auf seinem einsamen, harten Plastiksitz, tätschelt beruhigend das Vollkunststofflenkrad, überprüft noch einmal den korrekten Sitz von Feinripp-Unterhemd, Schraubenschlüssel und Sonnebrille, um dann…dem sanften Orange-Rot der aufgehenden Sonne entgegen zu mähen. In weiten Kreisen köpft er die Spitzen des hoffnungsvollen Grüns, überholt in Schumacher-Manier sogar einzelne Schnecken, verschont gnädigerweise die welkenden Stiefmütterchen, träumt davon, mit Bonsai-Schere und Machete Ordnung in seinem Garten zu schaffen. Während er auf seinem Sitzrasenmäher die Runden zieht beschäftigt er sich jedoch in Gedanken schon mit der Ausmerzung der wenigen verbliebenen Gänseblümchen und plant seinen Feldzug gegen den einzigen Maulwurf der Siedlung. In einem seiner diversen Gartenhäuschen hat er noch Dynamit aus NVA-Beständen gelagert.

Sie suchen derweil nach interessanten Orten weltweit, immer mit der Hoffnung, dort keine Rasenflächen anzutreffen. Zu empfehlen wären da die Wüste Gobi, die Spitzen der Alpen oder…ach, suchen Sie doch selber. Ich muss nämlich jetzt runter in den Garten. Rasenmähen….



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Kommentare
  • cirrus 04.03.2011 | 19:08 Uhr

    Sehr witziger und spitzzüngiger; gut beobachteter Bericht
    und so wohl allen wenigstens teilweise schon begegnet !!!
    Ich hab mich amüsiert :-))

  • ursuvo 04.03.2011 | 22:37 Uhr

    Hast Du Klasse beobachtet und beschrieben!!!
    Wir haben so einen Nachbarn der mit Hilfe seines neuen Laubsaugers für 19 - 24 Blätter mindestens 1 Stunde braucht - der Lärm dringt sogar bei geschlossenem Fenster durch meine Oropax! :-)) - und als dann erst die Blätter in Mengen vom Nussbaum fielen.....................:-((((((((((((( - ich freu' mich schon auf den nächsten Herbst :-)))

  • Aries 05.03.2011 | 11:54 Uhr

    Die besten Geschichten sind immer die, bei denen man schlagartig an eigene Erlebnisse der beschriebenen Art erinnert wird.
    Der Deutsche an sich ist eben gnadenlos gründlich!
    Und wenn Toleranz gefordert wird, dann kann man sich gleich in der Nachbarschaft beweisen, bevor man die großen Toleranz-Themen dieser Zeit angeht...
    Eine mit Hingabe geschriebene, dem Leben abgelauschte Geschichte!
    :-)) LG Hedi

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