Reisebericht

Reisebericht: Wo ist Eva?

 
 
 
 
 

Das Abenteuer beginnt...

 
 
 
 
 

(4 Stimmen)

(Zum Bewerten bitte anmelden)

Bei meiner letzten Prüfung an der Uni, die ich kurz vor der Abreise zum Kaukasus absolviert habe, fragte mich mein Professor: „Aber sagen Sie, ist die Besteigung des Elbrus so gefährlich, dass Sie vielleicht nicht mehr wieder kommen?“ „Wissen Sie“, antwortete ich, „natürlich muss man mit Gefahren rechnen. Aber nein, so gefährlich ist der Elbrus nicht. Wir sehen uns auf jeden Fall wieder“. Beinah wäre mir diese Antwort zum Verhängnis geworden…
Mitte Juli fliegen wir (Anno, German, Lothar, Marian, Waldek, Darek und ich) nach Mineralnyje Vody. Unser Ziel ist die Besteigung des Elbrus, der mit 5642m die höchste Erhebung des Kaukasus (und wenn es nach manchen geht – auch die höchste Europas) darstellt.
Die ersten zwei Tage treiben wir uns in und um Cheget herum und besteigen zur Akklimatisierung den gleichnamigen Gipfel. Dann brechen wir zu unserem eigentlichen Ziel auf. Bis auf ca. 3000m bringt uns eine Gondel hoch. (Man könnte durchaus bis 3800m mit dem Sessellift hochfahren, worauf wir jedoch wegen der Akklimatisierung verzichten). Eigentlich ist die Gegend zum Wandern nicht wirklich schön: grauschwarzer Monolithgestein aus Zeiten, als der Elbrus noch ein aktiver Vulkan war. Drumherum durch den Menschen verunstaltete Natur, die mit ihren Skiliften und anderen nicht hierhin passenden Bauten irgendwie trostlos wirkt.



Die Nacht unterhalb der Container-Unterkünfte

 
 
 
 
 

(5 Stimmen)

(Zum Bewerten bitte anmelden)

Wir steigen bis auf 3800m auf, wo wir kurz unterhalb der Bochki (Botschki = Containerähnliche Unterkünfte für die Touristen) unsere Zelte aufschlagen. Hier werden wir die nächsten zwei Nächte verbringen, während wir tagsüber bis auf 4500m aufsteigen, um uns zu akklimatisieren. Danach verlegen wir unser Lager auf 4100m, in die Ruinen der vor einigen Jahren abgebrannten Hütte „Prijut-11“. Es ist nicht besonders nett (viele Bergsteiger, viele Zelte), aber hier sind wir windgeschützt. Die Nacht ist sehr kurz: Schon gegen drei Uhr morgens brechen wir in Richtung Gipfel auf. Ich gehe sehr langsam, mich plagen Magenkrämpfe – das kommt öfters bei mir bei einer größeren Anstrengung vor. Nichtsdestotrotz macht es die Sache nicht einfacher – irgendwann muss ich mich übergeben. Von nun an geht es mir etwas besser, aber ich werde den gesamten Auf- und Abstieg nichts essen und kaum trinken (um den Magen nicht zu belasten). Immerhin bin ich nicht allein: German geht auch mein Tempo. Auf der Traverse, die leicht ansteigend und sehr lang ist – ich habe das Gefühl, dass sie kein Ende nimmt (!) – (ca. 5300m) treffen wir einen Teilnehmer unserer Gruppe, dem es nicht so gut geht und er sich entschließt, umzukehren. Schade, aber da kann man nichts machen…



Kälte und Sturm

 
 
 
 
 

(8 Stimmen)

(Zum Bewerten bitte anmelden)


Der Aufstieg ist sehr lang und mühselig und die Höhe macht sich mit jedem Meter bemerkbar. Obwohl ich schon viel höher war und es mir nicht fremd ist, habe ich trotzdem das Gefühl, als würde mir jemand ein Kissen vor den Mund halten, um mich daran zu hindern, richtig tief Luft zu holen. Ich atme ein und… es kommt nur sehr wenig Sauerstoff in meinen Lungen an (aufgrund des verminderten Sauerstoffpartialdrucks). Das zwingt mich dazu, sehr langsam zu gehen und alle paar Schritte anzuhalten. Die Tatsache, dass ich schon viele Stunden unterwegs und daher müde bin, kommt hinzu. Doch endlich erblicke ich den Gipfel – noch weit vor mir, aber ich sehe ihn. Darek geht mit mir (er befand sich bereits im Abstieg als ich ihn traf, will mich aber doch noch begleiten. Toll!), er wird heute zum zweiten Mal auf dem Gipfel stehen. Und schließlich nach einem neuneinhalbstündigen (!) Aufstieg erreiche ich die höchste Erhebung des Elbrus – zwei Stunden später als Darek. Es ist sehr kalt und windig hier, aber die Aussicht ist überwältigend. Elbrus ist der König über dem Kaukasus, überragt die ihn umgebenden Berge um einige hundert Meter. In der Ferne erblicke ich Kasbek, Schhara, Dich Tau, Kaschtan Tau… Das Schwarze Meer liegt leider unter Wolken. Ich bin sehr glücklich, es geschafft zu haben. Und müde.



„Ereignisreiches“ Kaukasus


Bevor wir ins Tal absteigen und wieder mal vernünftig essen, verbringen wir noch eine Nacht in unserem Zeltlager am Elbrus. Im Tal wird es dann beim leckeren Essen und Bierchen gefeiert. Denn es gibt richtig was zu feiern: Von sieben Teilnehmern standen sechs auf dem Gipfel. Ein schöner Erfolg!
Da wir noch einige Tage Zeit haben, fahren wir ins Adyrsu-Tal und wollen über den Gumachipass (ca. 3600m) zum Adylsu-Tal gelangen. Eine schöne 1,5 tägige Gletschertour. Unser Fahrer Mahood bringt uns in ein ca. eine Stunde entferntes Dorf – hier stiegen wir auf einen Jeep um und es geht hoch in die Berge. Und steil. An einer Stelle stoppt der Wagen und weiter geht es nur mit einem speziellen Lift: Wir fahren mit dem darauf und werden hundert Meter nach oben befördert. Weiter geht es auf einer sehr holprigen Schotterpiste. Bevor wir aber im Adyrsu-Tal ankommen, müssen wir noch einige Schwierigkeiten überwinden... Ein Parkwächter kontrolliert unser Permit und meint, dort einen „Fehler“ entdeckt zu haben. Natürlich ist es kein Fehler, aber man muss ja etwas finden, wenn man nebenbei Geld verdienen will. Er ist völlig betrunken, erklärt uns lang und breit, was angeblich mit unserem Permit nicht stimmt, dabei macht er uns immer wieder auf seine drei Sterne auf seiner Uniform aufmerksam – wahrscheinlich, um seiner Forderung nach Kohle noch mehr Ausdruck zu verleihen, und uns Angst einzujagen. Natürlich gibt es Streit zwischen uns; er nimmt unser Permit und lässt es in seiner Jackentasche verschwinden. Uns ist es klar, dass er uns auf keinen Fall weiter fahren lässt, wenn wir nicht bezahlen. Darek reagiert richtig und bittet ihn uns noch einmal auf dem Permit zu erklären, was dort eigentlich fehlt. Der Wichtigtuer holt also das Permit raus und bevor er sich umsieht, hat Darek ihm das Dokument aus der Hand geschnappt, versteckt es in seiner Hosentasche und sagt verärgert zu ihm: „So, du bist besoffen und willst nur unser Geld! Aber du bekommst es nicht.“ Seltsamerweise versteht der Wächter, dass bei uns nichts zu holen ist und... lässt uns durch. Daraufhin erzählt uns unser Fahrer, dass hier jeder etwas verdienen will und wir aufpassen sollen. Wir hatten Glück, denn es hätte auch anders ausgehen können...
Nach einer weiteren Stunde Fahrt kommen wir an einer Turbasa vorbei – unser Ziel, denn hier endet die Straße. Dem Fahrer drücken wir 200 Rubel in die Hand und schon ist er auf dem Rückweg. Wir dagegen wollen erst einmal frühstücken: Brot, Salat und Melone. Lecker. Hier in der Turbasa (ein großer Campingplatz) gefällt es mir ganz gut und ich hätte nichts dagegen, heute hier zu bleiben. Aber die Jungs wollen nicht, wir gehen weiter.
Das Adyrsu-Tal ist wunderschön. Wir wandern die ganze Zeit an einem Fluss entlang, um uns herum hohe Berge, deren Anblick uns hin und wieder den Atem raubt. Nach zwei Stunden Anmarsch erreichen wir ein Plateau, wo wir unsere Zelte aufstellen. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum sind wir in den Zelten, regnet es schon in Strömen. Ich fühle mich sehr müde und schlafe fast den ganzen Nachmittag durch – wahrscheinlich schlafe ich noch die Anstrengung vom Elbrus aus... Die Jungs über derweil Spaltenbergung für den Fall der Fälle, denn morgen werden wir auf dem Gletscher unterwegs sein. Die Übung wird sich auszahlen...
Kurz nach sechs Uhr morgens gehen wir los und erreichen schon eine Stunde später den Gumatschi-Gletscher. Da der Gletscher sehr spaltenreich ist, gehen wir natürlich angeseilt. Wir wechseln uns beim Führen ab und irgendwann bin ich an der Reihe, die Führung zu übernehmen. Wie immer gehe ich ganz langsam, an einigen größeren und kleineren Spalten vorbei, die entweder links oder rechts umgegangen werden.



Hält sie oder hält sie nicht...?

 
 
 
 
 

(4 Stimmen)

(Zum Bewerten bitte anmelden)


Jetzt wird es abenteuerlich, denke ich. Ich stehe vor einer Gletscherspalte, die man mittels einer kleinen Schneebrücke überqueren kann. Die Brücke ist schmal und es führen Spuren auf die andere Seite, also muss jemand vor uns hier durch gegangen sein. Ich bin mir nicht sicher, ob die Brücke halten wird und überlege kurz, ob wir doch umdrehen und die Spalte umgehen sollten, entscheide mich jedoch dagegen, in der Hoffnung, dass die Brücke hält. Aber wenn sie hält, dann höchstwahrscheinlich nur mich, die Gruppe nicht mehr. Die Jungs könnten hinterher gesichert durch ein Seil auf die andere Seite gelangen. Zusammen mit Lothar, der direkt hinter mir ist, besprechen wir die Lage und ich bitte ihn darum, mich zu sichern. Er haut einen Eispickel in den Schnee, befestigt daran einen Karabiner mit einem HMS-Knoten. German leiht mir seinen Eispickel, so dass ich jetzt zwei Pickel in den Händen halte. Nun kann´s losgehen. Ich stelle meinen rechten Fuß auf die Brücke, belaste ihn mit meinem Gewicht und… stürze ab – samt der Schneebrücke. Ich fallen und falle, habe das Gefühl viel tiefer zu stürzen als es tatsächlich ist – im Endeffekt sind es 7-8 Meter. Mir kommt es aber viel mehr vor. Während des Fallens drehe ich mich in der Luft, spüre den Schnee um mich herum. Es ist ein irres Gefühl – beängstigend und überwältigend zugleich (mein Körper stößt jetzt unglaubliche Mengen an Adrenalin aus!). Plötzlich bleibe ich hängen. Waagerecht, aber ich hänge. Es ist sehr anstrengend, mich wieder in die aufrechte Position zu bringen. „Ich bin o.k.“, schreie ich meinen Kameraden zu. Nur der Rucksack zieht mich nach unten. Die Jungs starten gleich mit der Rettungsaktion. Unten auf dem Zwischenboden entdecke ich meine Mütze und Trinkflasche. Ein Eispickel ist ebenfalls weg. Die Jungs versuchen mich rauszuholen, was jedoch scheitert: Das Seil hat sich in den Schnee eingeschnitten und über mir ist eine überhängende Schneewechte. Es ist unmöglich, mich rauszuziehen, da das Seit sich nicht bewegen lässt. Auch der zweite Versuch mit dem anderen Seilende scheitert – das Seil schneidet sich in den Schnee ein, sobald ich versuche, es mit meinem Gewicht zu belasten. Ich habe auch keine Möglichkeit, an die Spaltenwand zu kommen, weil über mir – wie gesagt - eine überhängende Wechte ist und ich mindestens zwei Meter von der Wand weg bin. Ich wage es aber auch kaum, mich zu bewegen... Allmählich wird es mir kalt und meine Kräfte schwinden, denn es ist sehr erschöpfend, die ganze Zeit zu versuchen, alle Muskeln anzuspannen, um aufrecht hängen zu bleiben – während der Rucksack einen nach hinten zieht. Hinzu kommt die psychische Belastung, die mit jedem Blick in die nicht-enden-wollende Tiefe größer wird.



Die Zeit zieht sich dahin


Während ich so in der Spalte hänge, vergeht die Zeit gar nicht… Ich habe Zeit zum Nachdenken. Viel Zeit. Auf einmal fällt mir das Gespräch mit meinem Professor ein. „So schnell kann´s gehen“, schießt es mir durch den Kopf. Das Schlimmste dabei ist: Ich kann nichts tun, außer „hängen“ und abwarten. Ich schaue nach unten, in den Abgrund. 100 Meter? Vielleicht 200? Ein Ende der Spalte ist nicht sichtbar. Irgendwann wird´s einfach schwarz. Hoffentlich hält das Seil, der Karabiner… In so einem Moment muss man auch sehr viel Vertrauen in das Material aufbringen, was angesichts dessen, was man unter sich erblickt, nicht so einfach ist… Nur keine Panik. Die Jungs werden mich schon irgendwie hier rausholen, denke ich zuversichtlich. Und natürlich ist auch mir klar, dass mein Leben jetzt buchstäblich „an einem Faden hängt“. Nicht am goldenen, aber am Faden…
Dann schlage ich vor, dass ich versuchen könnte, an einem Prusikknoten raus zu kommen, aber German sagt: „Eva, wir sind zu viert und werden es wohl ohnen Probleme schaffen, eine kleine Frau hoch zu holen“. Es war gar nicht so einfach, wie wir alle es gehofft hatten...
Erst als Darek zum Spaltenrand kommt, sich – gesichert am Seil - auf den Bauch legt und die Wechte mithilfe des Eispickels weghaut und den Schneeüberhang auf diese Wiese entfernt, kann ich am anderen Seil hochgezogen werden. Den ganzen Schnee kriege ich natürlich ab, aber es ist mir egal. Ich will nur raus hier! Endlich bin ich oben. Total nass und kraftlos, aber glücklich. Es waren die längsten 45 Minuten meines Lebens!
Die Spalte umgehen wir nun von der anderen Seite – Anno geht vorne am Seil. Heute werden wir noch viele, viele kleinere Spalten umgehen bzw. überqueren, und jedes Mal werde ich ein mulmiges Gefühl im Bauch und ein Herzklopfen spüren. Und es ist bis heute nicht anders, wenn ich mich einer Gletscherspalte nähere...
Eines habe ich dabei gelernt: Es ist gar nicht so einfach, jemanden aus einer Gletscherspalte rauszuholen. Die Jungs haben dabei ein hartes Stück Arbeit geleistet. Natürlich wissen wir, dass wir unter das Seil einen Eispickel hätten legen sollen, aber…

Na ja, es war ein sehr schöner Urlaub mit vielen Abenteuern. Kaukasus ist auf jeden Fall eine Reise wert!



Machen Sie aufmerksam auf diesen Reisebericht!
Das könnte Sie ebenfalls interessieren
Verwandte Reiseberichte
DER GROSSEN ZINNE AUF'S DACH GESTIEGEN  Italien: Misurina | von Radio1 | Ø Bewertung: 4.4
Adventurous Sagada  Philippinen: Sagada | von schlabbi | Ø Bewertung: 4.9
North Lakes  Großbritannien: Buttermere und Honister Pass | von Bille | Ø Bewertung: 4.0
Klettern über dem Gardasee  Italien: Riva | von Ecki | Ø Bewertung: 4.0
Kommentare
  • darek (RP) 21.01.2008 | 18:46 Uhr

    Hallo Kocik,
    ja, es war gar nicht so einfach, Dich aus der Spalte zu "angeln". Schoener Bericht! Bin gerade in Cape Town, 32 Grad, der Kaukasus bringt ein wenig Abkuehlung :-) Bis morgen!
    Ha bi di

  • Sahara 21.01.2008 | 19:42 Uhr

    Das wäre eindeutig nichts für mich! Bist du eigentlich schwindelfrei ;)?
    Aber der Bericht ist schön geworden!!

  • AndyH 22.01.2008 | 14:33 Uhr

    Haleluja, so schnell kann´s gehen - it´s a hard life in the mountains!

    Der Elbrus wär auch mal eine Reise wert - würde ich gerne mal im Spätwinter mit Tourenskiern machen! Danke, dass du einen schon vergessenen "Virus" in mir wieder zum Leben erweckt hast ;-)

    Übrigens sehr packender Bericht - vor Allem die Episode vom Spaltensturz!

    Ciao,
    Andy

  • Kazimierz 24.01.2008 | 13:15 Uhr

    I've known description of your travel written in polish and think this - in german - is equally good. You went as far and as high as was possible, overcoming your phisical complaint. You are great Eva! Congratulations. Congratulations for your husband on his splendid pictures.
    I am sure, it's a wonderful life in the mountains.
    Wish you another one.
    Tadeusz

  • tadeusz478 24.01.2008 | 13:30 Uhr

    Ponieważ odzyskałem tożsamość, dodam do poprzedniego komentarza: proszę uważać na szczeliny. Trzymam kciuki aby kolejne teksty pojawiły się jak najszybciej na tej stronie, Tadeusz

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.

Wo ist Eva? 3.88 8