eine Wanderung über den Berg Athos

Reisebericht

eine Wanderung über den Berg Athos

Reisebericht: eine Wanderung über den Berg Athos

ein Reisebericht von Hartmut Sommer

Gruppe Riccabona-Schaller-Sommer

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Reise in die Mönchsrepublik Athos 5. bis 12. Mai 2009


Im Sommer 1868 komponierte Johannes Brahms einen Zyklus von 18 sog. Liebeslieder-Walzern, von denen einer mit den Zeilen endet: „Wäre lang ein Mönch geworden, wären nicht die Frauen, die Frauen.“ Wir hatten die Lieder damals im Chor der Christuskirche zu einem Sommerfest gesungen, ganz am Anfang unserer Ehe – und so manches Mal hatte mich Marieluise an dieses Lied erinnert, wenn ich von den Vorzügen des mönchischen Le-bens schwadronieren wollte. Nicht zu ahnen, dass ich mich fast 40 Jahre danach wieder mit Vergnügen an Text und Melodie erinnern würde…

Angefangen hatten die Reisepläne schon vor mehr als einem halben Jahr, als mich Achim, der 45-jährige ehemaliger Schüler von mir, gefragt hatte, ob ich mit ihm im Frühjahr 2009 auf den Athos fahren wollte. Damals hatte ich zugegebenerweise nur recht vage Vorstellungen von der Situation, Athos und Meteora-Klöster vermischten sich in meinen Gedanken, aber ich war von dem Plan fasziniert genug, um gleich zuzusagen. Die lange Vorbereitungszeit war auch nötig, weil eine Einreisegenehmigung beantragt werden musste, das Diamonithiri-on, das nur für drei Nächte auf dem Athos ausgestellt wird – und nur für Männer, die nicht wegen ihrem Lebenswandel auf einer ‚schwarzen Liste’ stehen. Die Reiseerinnerungen, die ich in Publikationen von früheren Athos-Pilgern gelesen hatten, waren meist schwankend zwischen Euphorie und Bericht über ein mehr als kärgliches Leben in Klöstern, die dem Ver-fall weitgehend anheim gegeben waren. – Nichts davon haben wir so erlebt.

Der Reihe nach: Wir waren eine kleine Gruppe, zwei Brüder aus Innsbruck, ein pensionierter Gerichtspräsident und ein pensionierter Religionslehrer, Achim unser Weltkind-Benjamin, Alexander, der Reiseleiter aus Frankfurt und ich. Wir haben uns spontan gut verstanden, zumal wir uns einige Wochen zuvor schon bei mir hier im Olympischen Dorf gesehen hatten. In Griechenland war Thessaloniki unser erster Aufenthalt mit Kennenlernen der Situation, die den Apostel Paulus einst dazu veranlasst hatte, seine beiden überlieferten Briefe, die ganz aufs Jenseits ausgerichtet sind, zu verfassen. Die Überlandfahrt mit einem Mietauto am nächsten Tag hat uns dann auch zu Aristoteles’ Geburtsort Stagira gebracht, wo ein hüb-sches Freilichtmuseum auf seine physikalischen Errungenschaften aufmerksam macht. In Ouranoupolis, der letzten Ansiedlung vor der Grenze zur Mönchsrepublik Agion Oros, dem Athos, haben wir Quartier gemacht. Dort ist eine wirklich befestigte Grenze, mit Mauer und Stacheldraht, bewacht durch patrouillierende Grenzpolizisten. Einen Zugang auf dem Land-weg hat die Athosrepublik ohnehin nicht.

Das Fährschiff hat uns dann am nächsten Tag von Ouranoupolis nach Dafni gebracht, dem Einreisehafen mit Zollkontrolle und unübersehbaren Hinweistafeln, daß keine Frauen einrei-sen dürfen. Befremdlich eine so große Fähre, angefüllt nur mit Pilger-Männern, Arbeitern, die zu den Klöstern zurückkehren, zusammen mit den Mönchen. In wagemutig vollgepackten Bussen sind wir dann zum Hauptort Karyes gefahren, wo noch einmal offiziell die Einreise genehmigt wurde, befristet auf vier Tage. Die Schifffahrt führte vorbei an einer Fülle von Klosteranlagen, die mich kaum aus dem Staunen herauskommen ließen: Prächtig restaurier-te Gottesburgen, die sicher schon oft in ihrer meist 1000-jährigen Geschichte den verschie-densten Seeräuberplagen ausgesetzt waren.
Zwei Klöster und ein Kellion hatten uns aufgenommen: das Kloster H. M. Iviron an der Nord-küste, gar nicht so weit für das erste Tagespensum von Karyes entfernt. Das Kellion des Paters Nikion in dem Klosterdorf Nea Skiti an der Südost-Spitze der Halbinsel und das Klos-ter H. M. Osiu Grigoriou wieder auf dem Südufer. Die Aufnahme in den Klöstern erfolgte in einem eigenen Pilgertrakt, in einem Zimmer für uns Fünf; eine Reihe von anderen Pilgern waren im Gästetrakt mit aufgenommen. In der Nea Skiti waren wir nur mit vier Mönchen, dem Pater Nikon und wohl einem Novizen in seinem Kellion, darin steckt das Wort Zelle, einem Minikloster untergebracht, voll in deren Tagesablauf von Beten, Wachen, Schlafen und gemeinsamen Essen integriert.

Die vielfältigen Eindrücke sind bei mir noch ziemlich ungeordnet und unverarbeitet in mei-nem Gedächtnis, sodass ich einstweilen nur soviel zusammenfassen kann:
Wir sind stets herzlich aufgenommen worden, haben an den Gottesdiensten zumindest über längere Strecken teilgenommen, wenngleich als ‚Nicht-Rechtgläubige’ nur mit Aufenthalts-genehmigung im Nartex, der Vorhalle zur Kirche. Liturgische Gesänge im ständigen Wechsel, aus denen für mich allenfalls die häufigen Kyrie Eleison zu erkennen waren. Gemeinsames Essen mit Vorleser von religiös-erbaulichen Texten, die gleichzeitig auch das (knappe) Zeit-maß für das Einnehmen der Speisen abgegeben haben. Wohl restaurierte wehrhafte Got-tesburgen, deren Finanzierung aus Mitteln der EU als Zeugnisse des Weltkulturerbes stets an den Toren der Klöster mit angegeben war. Die Mönche waren durchaus gesprächsbereit und haben die Gründe ihrer Entscheidungen für eine zugegebenerweise befremdliche aber hoch achtenswerte Lebensform bereitwillig mitgeteilt.
Ich habe mich angerührt eingestimmt gefühlt in das, was uns erwarten würde durch das Zu-sammentreffen mit einem jungen Mann aus dem Schwarzwald auf der Fähre nach Dafni: Felix hatte sich am Heilig-Drei-Königstag auf die Pilgerreise gemacht, mit dem Ziel, etwa im Juli Jerusalem zu erreichen. Eine entbehrungsreiche Reise, die offensichtlich durch ein ho-hes Ziel so lohnend erschienen war.

Die Mönchsrepublik ist ein wahrhafter ‚Paradiesgarten’. Üppig ist der etwa 50 Kilometer lan-ge, 10 Kilometer breite Bergrücken bewaldet, mit einer Fülle von Pflanzen geschmückt, duf-tender Ginster in grellem Gelb, wilde Gladiolen, Judasbäume, Mohn, blühende und gleichzei-tig fruchttragende Orangen- und Zitronenbäume, vielfältige Kleesorten, Steineiche, Pinie, Zypressen, Ölbäume, Weinreben, gelb Blühendes, dickblättrige violette Blumen, die nachts ihre Blütenstände schließen, weit wuchernde Opuntien – geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit!
Dass so ein Erleben auch viel Befremdliches in sich birgt, das heute noch mittelalterlich wirkt und selbst in den EU-Beitrittsverträgen für Griechenland eine Sonder-Berücksichtigung für eine in mehr als 1000-jähriger Geschichte gewachsene Kuriosität gefunden hat, ist leicht zu merken, aber fairer weise wohl nicht zu kritisieren, vielmehr zu achten und zu schätzen.

Alexander, unser Reiseleiter, wollte von einem jeden von uns noch einen kleinen Kommentar in sein Gästebuch geschrieben bekommen. Ich, Lehrer offenbar noch immer, hab ihm ein „Elfchen“ – ein Text mit nur elf Wörtern in vorgegebener Anordnung - verfasst, so wie das meine Schüler damals recht routiniert gekonnt hatten:
Athos
Heiliger Berg,
bracht’ uns Läuterung
in stets heiterer Runde.
Halleluja!


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