Kinder des Meeres - eine komplizierte Art einfache Kinder zu haben...

Reisebericht

Kinder des Meeres - eine komplizierte Art einfache Kinder zu haben...

Reisebericht: Kinder des Meeres - eine komplizierte Art einfache Kinder zu haben...

Wer mit Kindern im Meer rumreist ist nicht unbedingt (nur) verrückt, sondern bietet diesen Kindern eine einmalige Erfahrung, wie sie erst unsere hochmoderne Zeit ermöglicht. Mehr und mehr Meerkinder treiben sich rum auf den Ozeanen der Erde! Unsere gehörten lange dazu und scheinen nicht darunter gelitten zu haben.

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Wer plant, sein Baby schonend auf die Realitäten des Lebens vorzubereiten, zieht mit ihm möglichst schnell auf ein Segelboot. Das Rauschen der Bugwelle, der Wind in der Takelage, das ewige Auf und Ab, das ist was Babys lieben! Zum Geschnatter der Delfine einschlafen, die das Boot durch die Nacht begleiten, zum Kreischen der Möven aufwachen, die vor dem Bullauge vorbeifliegen – das weckt sanft die Neugier!




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In den ersten Lebensjahren verbindet ein Baby seine Sinne mit der Wirklichkeit. Je einfacher diese Wirklichkeit ist, desto besser wird sie verstanden, überlegten wir uns. Auf unserem Boot wird es nur uns geben! Niemand wird kommen, niemand wird gehen. Wir können immer nackt sein. Wir schweissen zur Einheit zusammen, in dessen Mitte unser Baby sich wohl fühlen wird. Alle im selben Boot. Tag und Nacht, Woche um Woche, Jahr für Jahr. So hatten wir es uns vorgestellt. Damals, im Frühjahr 1996, als Sandy schwanger war.

Es wurde ein Junge! Er kam in Hawaii zur Welt, wo wir schon mehrere Jahre lebten, weil wir uns während den Flitterwochen entschieden hatten, gleich dort zu bleiben. Wir tauften unseren Piepmatz Piran Kanoa Kai. Als er vier Monate lang die schweflige Vulkanluft der Insel gerochen hatte und den brummenden Autoschlangen am Kuakini Highway zugehört hatte, steckten wir ihn in die Koje von unserem Segelboot „Liberty“, das wir uns in der Zwischenzeit für 8500 Dollar gekauft hatten. Unser „Familienplan“ war geschmiedet – er bestand aus einer Seekarte vom Pazifik!



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Nach ein paar Probetörns entlang der Küste Hawaii‘s segelten wir nach Süden, Richtung Samoa. Auf der Pazifikkarte ein Inselhopser, in Realität 4000 Kilometer. Dazwischen liegt Palmyra, ein unbewohntes Atoll, wo wir einen Monat Rast machten. Piran, der inzwischen sechs Monate alt war, verfolgte mit seinen meerblauen Augen den Flug der Möven und lachte. Zum Frühstück assen wir Möveneier, abends kreisten Mantarochen um unser Boot. Wir waren etwa zweitausend Kilometer vom nächsten Telefon entfernt, ein herrliches Gefühl - aber auch unheimlich, wenn nachts Blitze die Lagune erhellten.



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Der Trip über den Äquator und weiter nach Samoa war von schlechtem Wetter getrübt. Es war El Nino und nach einer ewigen Flaute gab es den spätesten Wirbelsturm, der je verzeichnet wurde. Er entstand Freitag den 13. Juni - einmalig! Aber wir hatten Glück und kriegten ihn bloss am Rand mit. Und Piran überhaupt nicht! Der schlief wie ein Seesack und wurde fett. Nach 17 Tagen und 16 Nächten tauchten güne Berge im Meer auf.



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In Samoa waren wir im Herz der Südsee gelandet. Piran wirkte wie ein magischer Schlüssel, der uns dieses Herz öffnete. Wir wurden eingeladen an Feste, assen Schwein aus dem Erdofen und konnten uns kaum trennen von den herzlichen Polynesiern, die uns von ihren Fischerbooten so lange winkten, dass wir glaubten, sie seien in Seenot – und nochmal umkehrten.
In Fiji hätten wir uns fast ein Stück Land gekauft. Uns störte bloss, dass man hier Kochtöpfe von ein Meter sechzig Durchmesser kaufen konnte, ohne von den Insulanern den genauen Zweck zu erfahren. Meistens kicherten sie nur und bleckten ihre weissen Zähne.



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Nach einem Jahr segelten wir nach Neukaledonien, wo Piran bei Ankunft Zwei wurde. Wir waren in einem Reich aus Inseln, Bergen und Lagunen gelandet. Sanft gewelltes Big Sky Country mit Wiesen und Bächen. Kurz: Teletubbie Land! Piran begann zu reden. Er half uns, das greifbar in der Luft liegende Geheimnis dieser französischen Kolonie zu ergründen. Das gelang uns zwar nie, aber dafür wurde Sandy wieder schwanger...



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(Ein Wahnsinnsort, diese Bucht! Die Farben, das Licht, die Pflanzen. Plage Pedé, (Bucht der Schwulen...) auf der Insel Mare)



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(Was kann spannender sein für ein Kind, als den Strand nach Interessantem abzusuchen? Ist das nicht die Rückkehr zu den Ursprüngen des Lebens überhaupt?)



Piran war inzwischen vier und hatte über 7000 Seemeilen in den Windeln, als er in Neuseeland eine Schwester bekam. Auf Waiheke-Island im Hauraki Golf. In einem alten Holzhaus, das an einem steilen Kliff stand. Ein reiches Neuseeländerpaar hatte uns ihr Ferienhaus für die Geburt zur Verfügung gestellt. Ein Spital gab es nicht, aber ein Engel von Hebamme!



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Luna Jane Palmyra, unser neuer Passagier, machte grosse Augen, als wir sie im Schlauchboot zu unserer „Liberty“ paddelten und lossegelten. Mit unserem Zauberhaus, das mit ein paar bunten Leinen die Erdkugel unter sich in Bewegung setzen konnte: „Beam me up, Liberty!“ Zurück in die Südsee und nochmal vorne anfangen!

„Es gibt nur uns! Es gibt nur hier! Wir sind eine Familie, ein Stern, eine Heimat! Und der Junge da ist dein Bruder, auf immer und ewig!“



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Unser Boot war mit einem Jahresvorrat Windeln ausgepolstert und die Bordkasse war voll. Wir hatten in Waiheke jeden Samstag am Markt Muschelschmuck verkauft, mit den Muscheln die wir über die Jahre gesammelt hatten.
Zwei Wochen sind wir von Neuseeland aus nach Norden gesegelt, der Wärme entgegen. Alles nix als Meer, Wolken, zwei Stürme. Aber letztlich doch alles Babykram, wenn man mal Routine hat. Unser Boot war klein genug, dass ich es alleine bedienen konnte. Segelwechsel waren einfach, weil die Segel klein waren. Sandy und ich lösten uns mit Wachen ab. Radar hatten wir nicht, dafür blitzte im Masttop eine Stroposkoplampe, die alle Sekunde das schwarze Meer erhellte. Wir hatten endlos Zeit zum Bauchpinseln, rumkuscheln, Brot backen.



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Unser Bootsinneres war wie ein Kinderzimmer, unser Deck wie ein Laufgitter. Wir hatten vorne unsere breite Koje, die zum Fussende ganz schmal wurde - was aber auch sein Gutes hatte, weil wir uns besser verkeilen konnten, wenn das Boot Schräglage hatte. Angst hatten wir eigentlich nie! Sandy hat Nerven aus Magnesium! Ich höchstens aus Stahl. Darum gehen mir Gewitter sehr nah. Der einzige Alumast im Umkreis von hundert Meilen zu sein... Igitigit! Da hatte ich manchmal ein komisches Gefühl in der Unterhose, wenn die Kontrolllampen vom Motor flackerten, weil die Atmosphäre so elektrisch war. „Mach dir nicht in die Hose!“ hat Sandy dann gesagt und einen Tee gekocht. Die richtige Frau ist für solch eine Lebensart wichtiger, als das perfekte Boot!

Das Meer, weit weg von Land, ist aber angenehmer, als es sich die Meisten vorstellen! Die Wellen sind ein Energiepuls, den man hinnehmen muss; der verschieden schlägt, manchmal gar nicht! Flauten zehrten mehr an unseren Nerven, als zuviel Wind. Wir kamen uns bei Flaute vor, wie wenn wir an einem Stundenzeiger klebten - der stehen geblieben war. Dass unser Kinderzimmer ein Dieselmotor hatte, war sehr praktisch! Bloss sind die Tanks etwas klein...

Ab 50 Stundenkilometern Wind wird die Sache zu einem Ritt auf dem Sekundenzeiger. Unter dem Sofa schlürft das Wasser dem Rumpf entlang, das Heck wird von Wellen geküsst. In unserer Koje im Bug tönt es wie in einer Waschmaschine im Vollwaschgang. Das lieben unsere Kinder. Dabei entsteht wohl eine Art Urvertrauen in den kleinen Biestern! In der Höhle aus Plastik, die vom Wind getrieben das Meer durchstreift. Daddy surft mit der Küche nach Fiji!



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Das hässlichste Erlebnis unserer Jahre im Pazifik war, als ich in Suva, der Hauptstadt Fijis, von hinten von einem Auto angefahren wurde – mit schlafendem Baby im Arm. Plötzlich lag ich mit dem Kopf unter einer Stosstange. Piran wurde durch die Luft geschleudert und landete auf einer Kiesfläche. Ich hasse Kies! Das Gefährlichste am Leben auf dem Meer ist das Land...

Wir lebten am Billigsten, wenn wir weg von den Städten blieben. Unterwegs, auf dem Meer, fassten wir für Wochen kein Geld an! Wir rauchten keine Zigaretten, weil es keine Raststätten gab. Wir mussten morgens keine Zeitung lesen und Abends keinen Briefkasten leeren. Aber wenn wir so weit weg von Land waren, dass im Radio die ganze UKW Skala nur Rauschen von sich gab, es auf Mittelwelle bloss knisterte, kam uns schon alles etwas unwirklich vor...

Das waren die Momente des Zweifels, wo wir so total alleine waren, wie kaum eine Familie irgendwo. Sogar Raumfahrer sehen aus ihrer hohen Warte Städte, Lichter, Zeichen anderer Menschen – wir sahen manchmal wochenlang keinen Hinweis, dass es auf dieser Welt noch irgendjemand gibt, ausser uns. Vielleicht mal eine im Meer treibende Styroporkiste auf der sich eine Möve ausruhte, sonst nur Himmel, Meer und Wolken.



Endlich alle Stecker rausziehen - während unsere Piepmatze ihre Flügel entfalten – war die Mutter der Idee, warum wir uns überhaupt auf diese Lebensweise eingelassen hatten. Wir wussten, dass wir nicht alleine waren mit diesem Traum. Die Tatsache, dass wir diesen Traum verwirklichten, erschreckte uns manchmal, aber gleichzeitig spürten wir die Verantwortung für die Träume derer, die ihn AUCH haben... Es MUSSTE also gut gehen! Wir DURFTEN diesen Traum nicht mit einem Schiffbruch beenden!



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(Oben: Ausguck muss sein! Man versucht etwas zu SEHEN, von dem man HOFFT, dass es NICHT da ist: Ein Schiff, oder ein Wal, wie der im unteren Bild, der uns überholt)



Besuch aus der Unterwelt (2. Version mit höhere...



(Wehe, so ein Tier kommt zu nah!)



Besuch aus der Unterwelt - verabschiedet sich...



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Absolute, Zenmässige Konzentration auf das Wesentliche war alles, was von uns gefordert war! Bei so wenig Ablenkung von aussen war dies aber meistens möglich! Der steigende Barometer war uns wichtiger als sinkende Börsenkurse. Wir lebten in einem Stück knallharter Realität, aber doch war sie sanft und voller Ruhe. Wir hatten eine Selbststeueranlage, die unser Boot immer auf Kurs hielt. Vom Bett zum Klo war es ein Schritt, nochmal einer zur Küche, ein weiterer zum Salon. Der Boden war in fünf Minuten gefegt. Wir hatten Zeit ohne Ende und profitierten von der immer besseren Fertigkost, die in jedem Supermarkt der Südsee erhältlich ist. Pro Monat haben wir weniger als Tausend Euros verputzt – zwanzig Muschelketten. Am Heck hatten wir eine Angel raushängen und freuten uns des Lebens.



Meereskinder sind Strahlekinder! Sie werden aufgeladen von der Kraft des Meeres und der Sonne. Der Blick aus dem Bullauge ist für sie spannender als TV. Dass sie dabei „trotzdem“ etwas lernen, ist glasklar! Sie entwickeln schnell eine gute Balance, sie lernen Knoten, Geografie, die Bedeutung von Wolken. Luna hat vielleicht schon in ihren ersten zwei Lebensjahren begriffen, dass das Leben aus dem Meer kommt, wenn sie Fischköpfe über Bord warf und Fischen zuschauen konnte, die daran knabberten.



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Dass sie unter Wasser nicht atmen kann, realisierte sie vielleicht nicht ganz so schnell... Es gibt Theorien unter segelnden Eltern, ob man den Kindern möglichst schnell das Schwimmen beibringen soll, oder nicht. Ich bin für langsam! Zuerst muss man den Respekt für das Meer schaffen, dann erst zeigen, wie man sich darin bewegt.



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Vieles wurde einfacher, wenn wir das Land weit hinter uns gelassen hatten. Kackte ein Baby auf‘s Deck, zogen wir eine Pütz sauberes Meerwasser hoch – oder taten gar nichts, wenn das Meer schön rau war. Sobald Piran und Luna laufen lernten, merkten wir, dass sie nie abhauen wollten, wenn kein Land in Sicht war. Kein Gequengel, kein Drang zur Eisdiele. Besser vielleicht als jedes Landkind, wissen Kinder des Meeres, wo sie zu Hause sind.



Black and White

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Alles hatte seine festen Regeln an Bord. Es ging nicht um: „Halt den Mund beim Essen!“ sondern um: „Halt den Teller, es kommt eine Welle!“ Oder: „Versorg die Legos, sonst fliegen sie rum! Mach die Schwimmweste zu! Nimm die Hände aus dem Wasser, es hat Haie!“ Piran musste lernen, dass wir, wenn wir an Land wollten, zuerst unser Schlauchboot aufblasen mussten, rudern mussten, Zündkerzen wechseln mussten. Land musste immer erarbeitet werden, war nie eine Selbstverständlichkeit.



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Viele der für Kinder „unsichtbaren“ Regeln, die diese Art der Fortbewegung und des Lebens erst ermöglichen, wie zum Beispiel die Navigation, sind inzwischen zum Kinderspiel geworden. Spätestens seit wir mit digitalen Seekarten ausgerüstet waren, hatten wir mehr Ruhe im Kopf als davor. Ich konnte aus dem Bauch raus segeln, eins werden mit Boot und Familie. Da, wo beim Landbewohner der Kruzifix hängen mag, ist beim Meerbewohner sein „göttlicher“ GPS. Wir verehrten ihn wie ein magisches Objekt, das uns immer sagte, wo wir waren, wohin wir segelten und wie schnell wir waren. Das Meer ist seit dem Beginn des GPS-Zeitalters „bewohnbar“ geworden, überlegten wir uns, wenn wir auf Nachtwachen zusammen den Sternhimmel betrachteten. Wer von der Besiedelung des Mars redet, muss das Meer gemeint haben! Oder er hat Spass gemacht!

Wer viel Geld hat, baut sich vielleicht in naher Zukunft sein schwimmendes Ringatoll, ladet alle Freunde ein und lässt sich von Schleppern nach "Äquatoria" ziehen, wo er ankert. Der Anker ist das einzige was noch entwickelt werden müsste, der Rest wäre dank Stahl und Beton Pipifax, im Vergleich zum (von Spinnern...) geplanten Alptraum auf dem Mars! Meerwasserentsalzung, Solarstrom, Satteliten, alles längst da! Arbeitslose Werftarbeier auch! Der Mensch bereitet sich piekfein auf die Besiedelung des Meeres vor – und merkt es noch nicht...



Relaxed...




Wohin sonst sollen wir gehen, wenn das Land zur Sau geht? Wohin sonst, als zurück in die Ursuppe, wo auch der MODERNE Mensch her stammen könnte, nicht bloss die ersten Einzeller und Fische: Als der erste Affe z.Bsp. einer Krabbe nachwetzte, in’s Meer rein, hat er schnell gelernt, sich aufzurichten. Sonst wäre er ertrunken! Irgendwann behielt er diese Haltung auch an Land bei – und schuf einen Trend.
Vielleicht war die Küste, wo besagter Affe und seine Horde lebte, wegen Lavaströmen oder Dürre unfruchtbar geworden und nichts blieb dem armen Affenvater übrig, als das kärgliche Mahl an Langusten und Hummer, Austern und Schildkröten aus dem Meer zu grabschen. Mit immer flinkeren Händen und wachsender Freude.



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Vielleicht haben seine Nachkommen die Tage weitgehend im Meer verbracht; stehend, schwimmend, treibend. Ihrer Körpersprache beraubt mussten sie die Lautsprache erfinden! Die Babys konnten plötzlich von Geburt an schwimmen. Sie mögen in Horden den Küsten gefolgt sein, festgeklammert an Bäumen vielleicht, die sie auch zu nahen Inseln trieben - wenn genug Käfer unter der Borke waren und es genug Blätter hatte, wer weiss, bis nach Amerika. Es war nur eine Frage von Meerestemperatur und Zeit, bis sich der „Homo Aquatiqus“ entlang allen sonnigen Küsten der Welt ausgebreitet hatte – die er bis auf den heutigen Tag liebt! Am Strand ritzten die Meermenschen von damals vielleicht sogar Zeichen in den Sand und schufen damit die ersten Symbole (Joe war hier!).



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Und dann wurde es wieder kühler, man fühlte sich nackt, die Unschuld war vorbei, man erinnerte sich vage einer Sintflut... Warum sollen Menschen ihr Fell verloren haben, wenn sie nicht begonnen hatten, zu Meerbewohnern zu mutieren? Weil sie durch die Savanne streiften? Im Ural in Höhlen wohnten? (Solche Fragen stellten wir uns, wenn wir nachts im Boot an irgendetwas rumstudieren mussten, damit wir nicht einnickten...)

An Land angekommen, wartete eine Form von Freiheit auf unsere Kinder, die sie vom Meer nicht kannten. Endlich Stränden entlang rennen, sich im Wald verstecken, auf Berge klettern. Wilde Pferde erschrecken, freundlichen Eingeborenen die Hand schütteln, ab und zu eine Stadt besuchen. Am meisten liebten sie Ankerplätze vor „Grashüttendörfern“, von denen Rauchschwaden herübergeflogen kamen, wenn es Erdofen gab.



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(Der grösste Abenteuerspielplatz der Welt: Die Südsee!)



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Menschen – das leuchtet jedem Kind ein – sind wunderbar, wenn sie weit verstreut auf dem Meer, auf Inseln leben. Tiefe Menschenliebe entwickelt sich in den Kleinen, wenn sie von einer Südseemami auf den Schoss genommen werden. Keine Scheu vor dunklen Menschen bildet sich, ganz im Gegenteil! Weil die Völker der Südsee eine grosse Familie sind, hat es immer Platz für Kinder. Sie werden von anderen Kindern am Arm genommen und in Hütten gebracht, lange bevor wir hereingebeten werden. Sie lernen schnell Wörter, fühlen sich zuhause, denn sie wohnen ja in der Nachbarschaft. Sie können ihre neuen Freunde sogar in ihr Haus einladen - per Schlauchboot – und mit ihnen Bilder malen. Kinder des Meeres sind immer zu Hause, egal wo sie sind. Etwas Fremdes gibt es für sie nicht! Bzw. das Fremde ist so nah, für so lange Zeit, dass aus dem Fremden ein Stück Heimat geworden ist. Sich tief eingräbt in den wichtigen Erfahrungsschatz kleiner Kinder und ihnen zu einem positiven Lebensgefühl verhilft - ihnen die Sonne im Herzen schenkt.



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Dass unsere Kinder ab und zu mal reihern mussten, war nicht so schlimm. Das vergassen sie schneller, als wir brauchten, die Decke wieder sauber zu kriegen... (Konkret: ca. ein Mal pro 500 Meilen) Je früher man Kinder an die See gewöhnt, desto besser für sie! Man muss nicht unbedingt der Seglernation Schweiz angehören... (dieser Text entstand, als die Schweiz gerade den Americas Cup im Segeln gewann...,) um sich das zuzutrauen. Es gibt viele Deutsche Kinder des Meeres, Polnische, ja Österreichische! Aber es ist nicht so, dass diese Kinder für das Landleben verloren sind. Denn wer das Meer kennt, liebt das Land! Anders konnten wir die strahlenden Gesichter unserer Kinder nicht deuten, wenn wir endlich wieder Land sehen konnten. Ob dies ein Atoll war, eine Robinsoninsel, oder der Containerhafen in Brisbane, war nicht wichtig. Alles wurde plötzlich aufregend anders, wenn sie aus dem Blau des Meeres an einen weissen Strand gespült wurden und Burgen bauen durften.

Um weitere lustige „Spiele“ zu entdecken, die man nur an Land spielen kann, als auch einen Einblick in den „Ernst des (Schweizer) Landlebens“ zu gewinnen, haben wir unser Boot nach sechs Jahren des Vagabundierens durch den Pazifik, in Australien auf eine Werft gestellt. Nachdem die 44 Jahre alte „Liberty“ zehn Meilen vor dem Ziel noch schnell ihren ersten Felsen knutschen musste... In der Sandy-Straight, im Sandy-Island Nationalpark, südlich des Sandy-Capes. Unser Boot hatte die Schnüffelnase für den einzigen Felsen weit und breit – und hat ihn gefunden!



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Nachdem wir in Maryborough unser Boot auf einer Werft aufgebockt hatten, verschoben wir die Reparatur des handtellergrossen Lochs im Kiel auf die fernere Zukunft, und düsten mit einer Zeitmaschine – auch Flugzeug genannt – in die Schweiz. „Zurück“ können nur Sandy und ich sagen, unsere Kinder nicht. Luna hat einen Neuseeländischen Pass, Piran einen Amerikanischen. Er geht neuerdings jeden Morgen begeistert in den Kindergarten von Fahrwangen am Hallwilersee. Sein Schulweg führt dem Dorfbach entlang, an einer Pferdekoppel und einem Misthaufen vorbei. Er will unbedingt ein Pferd!

Luna, die – der Zufall wollte es so – auf der genau gleichen Wiese das Laufen gelernt hatte wie Piran vier Jahre davor (neben der Hafenbar von Savusavu auf der Insel Vanua Levu), spielt jetzt in unserer Dachwohnung mit Muscheln. Sie ist eine Woche nach unserer Rückkehr Zwei geworden. Fischen sagt sie nicht mehr „Isch“, sondern endlich „Fisch“.

Nachdem wir unseren Kindern eine überschaubare Einheit boten, mit ihnen wie in einem Nest lebten, lassen wir sie jetzt merken, dass es auch grössere Einheiten gibt. Die anderen Hausbewohner etwa, die Bauern entlang dem Schulweg, die Kinder, die dieselbe Sprache reden wie wir - das ganze Dorf.
Wir hatten immer gehofft, dass aus Kindern des Meeres aufmerksame Erdbewohner werden.

Quintessenz: Ein haarsträubender, nicht gerade hautfreundlicher..., aber trotzdem babyfreundlicher Lebensstyl! Bedingt empfehlenswert für Eltern. Wen’s packt: „Just do it!“ Noch nie war das Meer so wertvoll wie heute!



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PS: Diese Geschichte habe ich schon vor Jahren geschrieben (2004). Inzwischen haben wir 3 Jahre in der Schweiz gelebt, sind danach wieder los gesegelt (Australien, Neukaledonien, Vanuatu, Norfolk, Neuseeland), wo wir uns ein neuen Schiff gekauft haben, das VIEL grösser war... Leider hat sich DAS als Fehler herausgestellt: In der Folge - nach einer Reise von Neuseeland zu den Solomon Inseln - wurde mir klar, dass oben beschriebene Gelassenheit NUR mit einem relativ KLEINEN Boot erreichbar ist. Für Leute, die sich eventuell auch mit solchen Ideen beschäftigen, habe ich den Rat: Je kleiner das Boot, desto mehr Zeit bleibt für die Familie... Meine Frau hat sich inzwischen von mir getrennt und lebt mit den KIindern in einem Dorf in der Schweiz. Wer mehr über die Umstände des Reisens auf einem eher grossen Segelschiff erfahren möchte, dem lege ich meine Story "Im Auge des Krokodils" nahe.



Mein grösster Fisch...

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Abschied tut weh...



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Oder....?



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Kommentare

  • kawasakipower

    Hallo Gerd
    Wir haben zwar keine Kinder,aber trotzdem hat es Spaß gemacht deine Geschichte zu lesen.Nachdenklich und amysant zugleich.Es macht mir immer wieder Freude deine Geschichten zu lesen :-)

    Lg Melanie

  • mamaildi

    Das war höchst interessant zu lesen! Hatten eure Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Gleichaltrigen? Denn so, wie sich das hier liest, sind sie ja die ersten Jahre recht isoliert aufgewachsen. Wie kommen sie im Kindergarten damit zurecht, dass es plötzlich mein und dein gibt, dass man warten muss, bis man drankommt, ... klappt das nun in unsrer egozentrischen Ellbogengesellschaft? Oder sind sie gar anderen weit überlegen? Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr Fragen...

  • Zaubernuss

    Eine Lebenserfahrung, die nur wenige teilen können. Es gefällt mir, wie mutig und zuversichtlich das Abenteuer auf den Meeren gelebt wurde! Eines ist mir beim Lesen des aufschlussreichen Berichts klar geworden: ich wäre kein Kind des Meeres... Aber der Gedanke, weit weg von der Zivilisation sein eigenes Leben zu gestalten, sich den Tagen hinzugeben und Familie konzentriert und ohne Störung von aussen zu leben, fasziniert. Ich frage mich, ob es nicht auch auf dem Festland möglich ist, gleichsam auf einem Familienboot, gute Erfahrungen zu machen, die ein Leben lang einen Urgrund für Selbstvertrauen und Liebe geben. Liebe zu den Menschen, zu sich, zu den Lebewesen auf unserem Planeten. LG: Ursula

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, diese Fragen stelle ich mir auch! Luna ist inzwischen 9, Piran 13.

    1) Wirklich isoliert sind sie eher nicht aufgewachsen. Wer 10000 Meilen in 6 Jahren zurücklegt, liegt also die meiste Zeit irgendwo vor Anker. Und dort hatten sie sehr wohl Kontakt mit Gleichaltrigen. Vielleicht gar mehr, als hier in der Schweiz, wo man (kind) sich nur am Spielplatz trifft und ansonsten wie ein Goldfisch in einem "Einfamilienaquarium" lebt... Gerade in einfacheren Kulturen sind Kinder ja viel mehr zusammen! Dafür hiess es oft Abschied nehmen, was nicht immer einfach war. Wie solche Abschiede abliefen zeige ich auf 2 Fotos, die ich gleich noch meinem Reisebericht anhänge. Oft sind wir aber wieder an genau die gleichen Orte zurück gekehrt und haben dadurch enge Banden geknüpft mit Menschen, die Jahre anhielten.
    2) Die Schulleistungen unserer Kinder sind gar nicht schlecht, besonders im Sprachbereich. Beide reden fast perfekt Englisch und auch das Deutsche liegt ihnen. Dass sie mit den ganzen Spielregeln etwas Mühe haben, muss nicht unbedingt mit ihrem Seglerleben zu tun haben. Die hatte ICH auch... (Sonst wäre ich wohl gar nie auf die Idee gekommen, der Schweiz so nachhaltig den Rücken zu kehren)
    3) Unsere egozentrische Ellbogengesellschaft. Irgendjemand, der hier KEIN Problem hat? (Ausser z.Bsp. so Leute wie mein Landsmann Ackermann...) Sich darin durchzusetzen lernen ja am Besten DIE, die dafür verantwortlich sind, dass es so ist - und bleibt!

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Hallo Zaubernuss

    Ja, auf dem Land ist das sicher auch möglich. Irgendwo. Habe viel von der Welt gesehen, irgendwie genau DAS gesucht, leider aber nirgends gefunden... Das verflixte in dieser globalisierten Welt ist doch, dass wir - egal wo - mit sanfter (scheinbar), aber unerbittlicher Hand (real), in die gleichen Verhaltensmuster gedrängt werden! Damit die Kinder zu funktionieren lernen und später gute Konsumenten werden. Ist doch so!

    Mein persönlicher Traumort war das Waipio Valley auf Hawaii, eine Art "Landschiff", wo man/frau/kind noch echt zusammen lebte. Leider habe ich über die Zeit, die ich mit diesem Ort verbunden bin, so viele schlimme Geschichten gehört, über WAS dann aus einigen der Kinder geworden ist, dass ich echt FROH bin, nicht dort geblieben zu sein! (Siehe RB: "Down to earth")

    Ich bin also ratlos, was Alternativen zu unserem momentan gängigen Familienleben/Wirtschaftsmodell angeht, freue mich aber EXTREM, wenn Andere sie finden! Ich bin mir sicher, es gibt sie!

  • nicisch

    Danke das du dieses Erlebniss mit uns geteilt hast!
    Ich frage mich: Was vermisst du jetzt im Moment am meisten?
    Die Salzluft? Die Freiheit? Das Meer und dazu alleine zu sein?
    Hmm... ich weiss nicht ob deine Reise etwas für mich gewesen wäre, aber ich weiss für dich muss ees genau DAS gewesen sein!
    grüessli us em Ämmital nici :-)

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