Vom Globetrotter zum Globewohner...

Reisebericht

Vom Globetrotter zum Globewohner...

Reisebericht: Vom Globetrotter zum Globewohner...

Wie es so geht, wenn man auf Achse oder Kiel lebt. Irgendwann ist man überall wie zuhause..., bzw. sich selbst seiner Fremdheit bewusst. Gedanken in Fiji 2002.

Was tu ich bloss, wenn ich wieder zu Hause bin? Wenn mein Sohn zur Schule geht, meine Tochter in den Kindergarten und ich nicht immer auf leisen Sohlen davonschleichen kann, aus dem Land des Fondues und der Nebelsuppe. Was tu ich bloss? Als Reisecrack und Rucksackfan, als Liebhaber jeglichen fahr- flieg- und schwimmbaren Untersatzes. Wo ist die Mitte, wenn man so lange unterwegs war, bis man genau weiss, dass es AUF einer Kugel keine Mitte gibt?

Ich bin jetzt in Suva, sitze im Cockpit meines Segelbootes, Sandy macht Frühstück, die Kinder spielen an Deck, trotzdem stinkt’s nach Müll. Wir ankern vor dem „Royal Suva Yachtclub“, aber das einzige, was „Royal“ ist, das ist die Müllkippe nebenan.
Es gibt drei Arten Welt: Die Welt, die von der globalen Wirtschaft platt gemacht wurde, öd, kulturlos; die Welt, wo die globale Wirtschaft sich noch nicht hinverästeln konnte und die Menschen noch Häuser aus Gras bauen und Gärten anlegen und eine Ahnung haben, wie man sich aus diesen ernährt, oder wie man Körbe flechtet, kurz, wo noch eine gewachsene Kultur am Leben ist. Jeder aufmerksame Globetrotter merkt irgendwann, dass diese Kulturen nur noch in Nischen existieren und immer mehr der Konkurenz der bunt verpackten Weltwirtschaft ausgeliefert sind. Und weiter, dass die per Rucksack oder wie auch immer dort vorbeiziehenden Reiselustigen zu dieser Entwicklung beitragen. Man ist fasziniert von der ALTEN Kultur die man besucht, freut sich an den ALTEN Frauen und Männern, die Geschichten von Früher erzählen. Und man freut sich an den Kindern, den vielen vielen vielen Kindern, die ach so schöne braune Kulleraugen und krauses Haar haben und sich so gerne fotografieren lassen unter dem Wasserfall.
Und was ist mit den Jungen, den etwa Gleichaltrigen, wie DU? Die das Leben schon etwas zu kennen glauben, es aber weitgehend noch vor sich haben? Die stehen doch irgendwie immer etwas abseits, sagen nicht viel, bewundern aber umso mehr... Die Kamera, die neuerdings digital ist und sofort zu sichtbaren Resultaten führt. Der Rucksack, der nicht zuerst umständlich geflochten werden muss..., das Taschenmesser, die coole, schwarze Taschenlampe.
Die Adoleszenten also, die sind die Brücke für die Lastwagen, die eines Tages kommen werden. Nachdem sie selber mitgeschuftet haben an der Strasse durch den Wald. Auf dass all die bunten Pakete sicher landen können, die das immer schneller drehende Karusell der Weltwirtschaft in ihrem Inneren erzeugt.
Das Innere, das ist wo ich herkomme, die dritte Art Welt. Das ist da, wo die Pestizide gemixt werden, die später am Rand der Strasse durch den Wald gebraucht werden, damit die Strasse nicht zuwächst. Damit das Milchpulver trocken ankommt und das Wellblech nicht zu Fuss getragen werden muss.

Alles nichts Neues, gell? Was neu ist für mich, ist der Gedanke, dass ich mich wieder in dieser dritten Art Welt ansiedeln MUSS. Ja, MUSS! Denn der Traum des grossen Ausstiegs aus dem Karusell ist für mich zu Ende geträumt. Irgendwas stimmt nicht mit diesem Traum! So viele, die ihn zu realisieren versuchten, sind dabei gescheitert. Zu viele, als dass ich noch glauben kann, gerade ICH werde es schaffen! Hier im Pazifik findet man immer wieder ein paar Exoten, die mühsam ihr Tauchbusiness am Laufen halten. Andere geben sich die Mühe gar nicht und LEBEN untergetaucht. Weil sie zuhause noch ein paar Rechnungen offen haben, oder gar gesucht werden. Die schlagen sich durch mit grossen Sprüchen und kleinen, krummen Deals, bis sie ein paar Inseln weiterziehen, wo man sie noch nicht kennt.

Genug des ewigen Suchens, irgendwann merkt jede Sau, dass es hier nichts zu finden gibt! Die Zeichen der Zeit stehen auf „grosse Heimkehr“, das Ticket zurück wird mehr wert, als das Ticket hin. Denn die Welt, die grosse weite Welt, ist zur Ketchuptomate geschrumpft, die bei Mac Donalds zwischen die Burger gequetscht wird. Alles ist halb so exotisch geworden in den letzten zwanzig Jahren, seit ich mein Fuss in die grosse, weite Welt gesetzt habe, und ich glaube nicht, dass dies bloss ein Problem meiner Optik ist, die das Exotische nicht mehr erkennt. Ganz im Gegenteil, glaube ich sogar, denn das WIRKLICH Exotische - also ANDERE - entdecken meine Sinne immer besser, je mehr es von der Bildfläche verschwindet. Als ich vor vier Jahren in Savusavu war, einem kleinen, süssen Städtchen auf der Insel Vanua Levu, da nahm ich es noch für selbstverständlich, wie aus jedem Shop indische Musik plärrte und es nach Curry roch. Jetzt, im Jahr 2002 fällt es mir auf, wenn ein Shop indische Musik aufgedreht hat, denn meistens hört man bloss noch amerikanisch-englischen Blödelrock auf „Bula one hundred FM“. Diesen durchgeputzten Allerweltssound, den die Jungen hier mit Freiheit gleichsetzen, und der der ganzen Welt übergestülpt wurde wie ein galaktischer Kopfhörer. Und riechen tut’s nach altem Frittieröl, bzw. den Auspuffen der Autos, die auf ihren Take Away warten.

Desillusioniert? Ja, etwas schon! Aber auch um eine Erkenntnis reicher. Dass es je länger je weniger eine Rolle spielt, WO man lebt, da eh sich die ganze Erdbevölkerung in die gleiche Richtung entwickelt. Der wahre Unterschied liegt immer mehr bloss noch darin, ob da wo man ist, Krieg geführt wird oder nicht. Hamburger werden auch an der Front gemanscht! Also ist es letzten Endes schweinewurstegal, ob ich in der Schweiz mein Leben verbring, oder in Savusavu auf Vanua Levu. Der Unterschied ist zunehmend der Klang der Namen. Der süsse Klang, der in mir seit Jahrzehnten das Reisehormon angeregt hat, bis ich raus musste aus der engen Schweiz.

Darum zieht es mich wieder zurück; dahin, wo ich nichts dafür kann, dass ich herkomme! Kein Land ist mir letztlich als der Schweiz überlegen vorgekommen, weder politisch, kulturell, noch menschlich. Also fällt es mir enorm schwer, in irgendeinem Land mich darum zu bemühen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu ergattern, da dies voraussetzen müsste, dass ich es hoch schätze und mich mit seiner Politik einverstanden erkläre. Das ist mir weder in Amerika gelungen (wo ich mich 8 Jahre auf der Basis von ewig verlängerten Touristenvisas durchgeschlängelt habe), noch in Samoa, Fiji, Neukaledonien oder Neuseeland. Irgendwo einwandern und bleiben WOLLEN setzt voraus, gleiche Sache zu machen mit demjenigen Land. Leider kann ich das nicht - obwohl ich im Falle Neuseelands sehr nahe dran war...

So bleibt mir letztlich nur die Schweiz. Als dem einzigen Land, mit dem ich NICHT gemeinsame Sache machen MUSS, da ich einfach von dort BIN und nie vor eine Wahl gestellt wurde. Ich kann mich dort ansiedeln, ohne um eine Aufenthaltsgenehmigung zu betteln und ich MUSS nicht gut finden, was da läuft. Ich kann, darf und SOLL sogar meine Klappe aufmachen, wenn ich etwas nicht richtig finde, ungerecht, oder schieren Blödsinn. Das ist nämlich die Chance einer Demokratie, ja sogar die Pflicht, dass man etwas dazu sagt. Um Meinung wird gebeten, und schaut bloss nach Frankreich, wenn ihr nicht versteht, wie ich das meine! Was soll ich mich also bei irgendwelchen früher mal urtümlichen und echt wirkenden Kulturen einschmeicheln, wenn ich nie um meine Meinung gefragt werde – sprich wählen darf?

Wie gesagt, ich bin jetzt in Suva, auf den Fijiinseln, eine Viertelmeile neben dem „Mount Trash“. Ich mach jetzt mal noch eine riesige Reise mit meiner Familie, hake noch ein paar Destinationen ab, auf dem Weg zurück. Und immer versuche ich noch das Schöne zu entdecken, das Andere, das, was mir in der Schweiz immer so fürchterlich gefehlt hat. Aber ich glaube, ich habe es bloss nicht erkannt und brauchte die Lehr- und Wanderjahre, um in der Schweiz das Exotische zu entdecken.
Nichts kommt alleine, auf dieser Welt, alles braucht Leute, die „pushen“! Und dazu gehören auch all die, die verstreut auf der Welt ihre Heimat suchen – und sie letztendlich da finden, wo sie herkommen. Es ist wichtig, dass sie ihr „geistiges Gepäck“ auf der Heimreise nicht verlieren, dass ihnen „back home“ nicht alles wieder genommen wird. Darum freuen WIR uns darauf, zum Beispiel Stoffe zu bedrucken, mit den Techniken, die uns die Samoaner gelernt haben, und daraus Klamotten zu nähen und sie an Märkten zu verkaufen. Damit der H&M etwas Konkurenz kriegt... Oder aus Kokusnüssen aus der Migros Wasserpfeifen zu schnitzen oder Trinkgefässe, damit es all denen etwas leichter fällt im Leben, die auch mal unterwegs WAREN. Von denen gibt es gerade in der Schweiz immer mehr. Also einfach gesagt, etwas FARBE mitzubringen, von unterwegs. Es gibt nämlich nichts grauenhafteres auf der Welt, als in Zürich anzukommen, und Alle sind schwarz angezogen!

Die Zeit des grenzenlosen, gnadenlosen Reisens geht langsam zu Ende. Das macht aber nichts, solange es zu mehr Verständnis führt gegenüber anderen Kulturen. Die genauso in der Klemme sitzen, wie die Schweizer Kultur. Nämlich, dass es sie gar nicht mehr gibt!
Aber auch DAS macht nichts, solange wir nicht im Strudel der sich anbahnenden Weltkultur auf den Meeresboden gesaugt werden. In allem, das vergeht, besteht die Chance von etwas Neuem! ICH setze viel auf die Globetrotter, die jahrelang die Welt nach anderen Ideen, Designs und Rezepten abgegrast haben! Wenn die langsam wieder am Flughafen „Zürich Unique“ ankommen und NICHT sofort alles vergessen, dann geht es mit der Schweiz nur bergauf! Dann entsteht nicht unbedingt ein Multikulisalat, sondern mit etwas MEHR Phantasie etwas total Neues! Und das brauchen wir doch, wenn man sich die heutige Zeit etwas genauer betrachtet, oder?

Die globale Wirtschaft ist das Grosskind der Phantasielosigkeit! Und die Phantasielosigkeit ist das Kind der Effizienz. Ihrer Excelenz, der Effizienz haben wir alles geopfert, das mehr als fünf Minuten braucht, es herzustellen. Darum sind die Läden voll von Plastikmüll aus China, der fünf Minuten hält, was die Verpackung verspricht und nachher fünfhundert Jahre braucht, um zu verwesen. Nicht mal Fliegenklatschen können sie noch herstellen! Eine, die wir gestern gekauft haben, hat sich beim ersten Schlag auf eine Fliege verbogen. Jetzt muss man sie jedesmal umdrehen, wenn man damit mehr als eine Fliege totschlagen will. Aber morgen ist sie wahrscheinlich kaputt! Reif für die Müllhalde nebenan.

Es kribbelt mir in den Fingern, endlich wieder in dem Land zu sein, in dem ich mich ohne zu fragen, in die Wirtschaft einklinken kann und etwas produzieren darf, das meinen Vorgaben entspricht. Das wird auch wieder Schmuck sein, aber nicht irgend ein krummer Deal aus Thailand, den ich mit 800 % Gewinn weiterverhökern will, sondern liebevoll mit MEINEN Händen hergestellt – mit Muscheln, die wir in der Südsee gesammelt haben. Es gibt viel zu tun, in der Schweiz! Die Märkte schreien nach Originalität, nicht bloss nach billigem Kitsch aus Kinderfabriken!

So bin ich voller Enthusiasmus beim Gedanken, Kurs auf die Schweiz zu nehmen. Erstens, weil ich glaube, dass sich dort langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass es Zeit ist für neue Produkte - nicht nur Internet-sites – Farben – nicht bloss Schwarz, Töne – nicht bloss Schrill! Da jeder Schweizer tief drinnen auch ein Individualist ist, der seinen eigenen Styl sucht. Aber wo findet man/frau den noch? Einmal davon abgesehen, dass die ewig gleichen Klamotten unter endlos vielen Markennamen verkauft werden.
Zweitens bin ich voller Enthusiasmus, WEIL die Reise so lang sein wird! Zeit zur Reflektion, was mir die Jahre des Reisens gebracht haben. Und noch ein paar Orte, wo ich vor 20 Jahren schon mal war. Langsam gen Westen segeln und dann irgendwann sanft „landen“ heisst die Devise.

Link zu meinen Schmuckdesigns:
http://picasaweb.google.de/einbaum.net/MyJewelleryDesigns#slideshow/5470054327844763138



Black and White

Keine Bildinformationen verfügbar

Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • Raudi

    Dein Bericht spricht mir aus der Seele ! Eigene Ideen umsetzen und in unserer Konsumgesellschaft an den Mann oder die Frau zu bringen.Das ist heute nicht nur in der Schweiz ein Problem !

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Vom Globetrotter zum Globewohner... 5.00 4

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps