Reisebericht

Reisebericht: Ausverkauf der Strandpiraten

 
 
 
 
 
Reisebericht: Ausverkauf der Strandpiraten

Morgens um halb acht bei Ihrem persönlichen Ferienbäcker …ein satirischer Erlebnisbericht.

Schon mal morgens in einer Schlange hungriger Urlauber gestanden?

Nein? Müssen Sie unbedingt nachholen! Das ist ein Erlebnis, dass Sie in ihrem Leben nicht vergessen werden. Danach entschließen Sie sich entweder, nur noch Aufbackwaren zu konsumieren, Hotels mit Frühstück zu buchen oder - zu hungern.

Sie hatten sich noch nicht an das süße Nichtstun gewöhnt und wachten erfrischt um sechs Uhr in ihrem Ferienhausbett auf. Da der Rest der Familie anscheinend erheblich besser als Sie mit der Urlaubsstimmung klar kam, setzten Sie den Kaffee auf und sich selbst auf die Terrasse. Seeluft macht hungrig. Sie beschlossen also, zum Bäcker zu laufen, um sich und ihre Familie mit frischgebackenen Brötchen zu versorgen. Mit dieser, in sich durchaus löblichen, den Familienfrieden sichernden Entscheidung gaben sie jedoch dem Schicksal eine unerwartete Laufrichtung...

Strahlender Sonnenschein, ein leichtes Lüftchen von der See kühlt angenehm Ihren Sonnenbrand. Eine himmlische Ruhe liegt über Strand und Urlaubsort. Nur vereinzelte, in Ihren Augen völlig verrückte, Frühsportler joggen an Ihnen vorbei. Sie sind da vernünftiger, im gemessenen Urlaubstrab schlendern Sie dahin. Das leise, schweißfüßige Quietschen der Sie überholenden Laufschuhe vermischt sich mit dem Kreischen der Möwen und dem Rauschen der Brandung.

Die fünf Minuten runter zur Strandpromenade erlauben nicht nur ungestörtes Gehen, sondern auch neugierig-heimliche Blicke auf die Autokennzeichen der anderen Urlaubsnachbarn. Inklusive diverser Gedankengänge:
K – also eine Kölner Frohnatur, hoffentlich kommt der nicht von der „Schäl Sick“ und ist Fan vom FCK. Oho … sogar jemand mit BB auf dem Nummernschild. Ist es für den nicht viel näher an die Cote d’Azur? Außerdem, wer aus Baden-Baden kommt, hat ja wohl genügend Knete, um in Nizza anstatt in einem verträumten Ostsee-Bädchen zu urlauben. Und da ist ein neuer Mercedes aus dem Osten. Das die sich so etwas leisten können...
Leider erlauben Ihnen die zugezogenen Vorhänge und Rollläden nicht, weitere Informationen über Aussehen, Lebensstil oder Kleinkinderanzahl der Kölner, Süddeutschen und anderer Landsmänner zu sammeln.

Der Parkplatz vor dem kleinen Supermarkt mit angeschlossenem Bäcker sieht leer aus. Die Plöner Autos zeigen nur an, dass die Verkaufsbelegschaft sich und den Laden auf den Ansturm der Touristen einrichtet. Nichts ahnend traben Sie auf Eingang zu …

Die elektrische Tür öffnet sich.

Erschüttert bleiben Sie stehen.

Einerseits, weil es kein Weiterkommen gibt angesichts der Menschenmassen im Ladeninneren. Andererseits, weil Sie geschockt sind von dem Lärm, der Sie plötzlich umbrandet. Von Sächsisch über Schwäbisch bis hin zum tiefsten Norddeutschen Platt schallt Ihnen die versammelte linguistische Vielfalt des Bundesrepublik entgegen. Gekrönt von den piepsigen, aber enorm lautstarken, Stimmchen quengelnder Kleinkinder.

Der verlockende Geruch nach frischgebackenem Brot verflüchtigt sich schnell in einem Geruchsmeer von Sonnenöl, Latschenkieferntinktur und aufdringlichen „Sommerparfüms“. Zurück können sie nicht mehr. Der Ausgang ist mittlerweile durch ebenso hungrige Feriengäste wie Sie blockiert. Da kämen Sie nur noch heraus, wenn Sie scharf auf die Schlagzeile in der Bäderzeitung wären: „Amoklaufender Urlauber in Strandbäckerei versucht mit Baguette als Stichwaffe zu entkommen“.

Mit angehaltenem Atem bleiben Sie also in der Schlange stehen. Vor ihnen zwei mittelalte Berliner, einer männlich, der andere unübersehbar weiblich, Die Achsel - Shirts im Partnerlook eng über den eingecremten Bäuchen. „Ik hab Dir doch gleech gesacht, dat mit die Schrippenholerei is Waahnsinn. Wieviel brauchen wir denn?“ Der männliche Part des Hauptstadtteams Streicht versonnen über die Plautze.
„Zwanzig müssten reichen, denk ikke!“ Die Antwort seiner äußerst gut gepolsterten Partnerin wird mit einem sanften Klaps auf deren Hüftfettansammlung belohnt.
„20 Schrippen für zwei, oh Mann! Wo sollen die denn noch unter den engen Shirts verstaut werden?“ denken Sie mit Grauen.

Hinter Ihrem Rücken schwäbelt eine sonnenverbrannte Frau. Sie berichtet ihrem sächsischen Schlangen-Nachbarn voller Begeisterung von den freundlichen Rettungsschwimmern, die zu dritt ihre verloren gegangene Designer-Sonnenbrille im Sand gesucht haben. Dabei hatte sie die doch tatsächlich in Fach ihres Strandkorbes deponiert. Naja, die Jungs waren bestimmt froh über ein bisschen Abwechslung und Bewegung. Den ganzen Tag nur auf die See starren ist ja soooo langweilig. Die waren ja sooo was von glücklich, endlich von diesem Turm runterzudürfen.

Vorne an der Theke scheint es kein Fortkommen zu geben. Mit aufreizender Langsamkeit debattieren die Kunden mit den zwei Verkäuferinnen über Inhaltsstoffe und Preise der Backwaren. Einer wagt sogar nachzufragen, ob die Sesamkörner ein Öko-Bio-Siegel haben und aus welchem Betrieb das Mehl stammt. Am liebsten möchten Sie schreien: „Wie sind die Backtemperaturen und wie lange lassen Sie den Teig gehen? Wir haben hier doch alle Zeit, nicht wahr?“ Aber Sie unterlassen das - natürlich.

Stattdessen schauen Sie fasziniert einem völlig überforderten Vater zu, der sich bemüht, einen quirligen Vierjährigen, ein schreiendes Bündel von 6 Monaten und seinen vollen Einkaufskorb unter Kontrolle zu halten. Der Kleine versucht sich als einer der Tele-Tubbies, winkt freundlich allen Leuten zu und durchsucht neugierig die Einkaufskörbe der Wartenden. Auf seinem bekleckerten T-Shirt prangt in voller Länge sein Name: Michael-Noel.

„Ey, dat sind doch ganz no’male Brötchen. Pass auf, die leg’n sofort noch ‚nen Hohwacht-Cent drauf. Du mit deine komische Ideen, die Brötkens hätten wir auch auf’m Campingplatz holen können. Da schmeck’n die doch auch nich’ anners.“ Eindeutig ruhrpöttische Töne. Die Grillwampen und verbrannten Schultern der Camper vor Ihnen zeugen von ausgedehnten kulinarischen Freiluftveranstaltungen, das gerötete Gesicht lässt Rückschlüsse auf ebenso grandiose Frühschoppen mit den Zeltnachbarn zu. Anhand der Duftwolke um die beiden Freiluftliebhaber erahnen Sie auch, was es gestern abend frisch vom Propangas-Kocher gab: gegrillte Knoblauchzehen. Überhaupt, wenn jemand in das Raster “Camper“ fällt, dann diese beiden. Alles da, alles dran: Badelatschen von ALDI, Unterhemd von Schießer und Shorts zum Davonlaufen. Sogar die obligatorische Plastiktüte ist mit an Bord.

Wieder öffnet sich die Türe.

Eine ältere Dame mit teurem Schmuck, Designer-Strandmode und frisch von einem Starfriseur couiffiert, schubst die Wartenden wortlos tiefer in Richtung Backtheke. Der Schönheitschirurg hat bei ihr schon mehrfach hervorragende Arbeit geleistet. Nur schwach sind die weißen Närbchen des letzten Face-Liftings noch vor den Ohren der Dame zu sehen. Mit hochmütigem Gesichtsausdruck schlängelt sie sich geschickt an der Schlange vorbei und stellt sich wie selbstverständlich an die Theke.
„Meine 2 Strandpiraten, bitte.“
Sie überlegen, ob ihr Neid auf die Menschen, die sich das erste Hotel am Platze leisten können, nicht doch unberechtigt ist. Sieht ganz danach aus, als ob sich die Gäste dort selbst ihr Frühstück besorgen müssten.

Der Sachse näselt: „Ja, ei verbibscht!“, der Ruhrpöttler zischt: „Blöde Schlampe!“ und Michael-Noel kräht mit entwaffnender Offenheit: „Papa, warum kommt die Tante vor uns dran? Ich hab’ doch viel mehr Hunger als die!“
Sein Vater zuckt nur hilflos mit den Schultern. Sprechen kann er auch nicht mehr, der Gestank aus der Windel des Kleinsten nimmt ihm den Atem.

Die Verkäuferin hat anscheinend schon seit einigen Tagen vor dem forschen Auftreten der Dame kapituliert und reicht gehorsam die geforderte Brötchentüte herüber.
„Papa…“ schreit M.-N. „Die Tante nimmt die bösen Piraten mit! Will die Tante Käpt’n Blaubär helfen?“
Stumm schüttelt der Vater den Kopf. Immerhin hat er jetzt in einem Radius von drei Metern keine direkten Schlangennachbarn mehr, dafür sorgt der Dunstkreis um seinen Jüngsten, dessen Windel immer voller und Geschrei immer lauter wird.

Es kommt zu Solidarisierungsmanövern. Frauen, bisher nur damit beschäftigt, die anderen Weibsbilder zu taxieren, rotten sich zusammen. Mehrere versierte Mütter beginnen schon, ob der Herzlosigkeit des armen Vaters, miteinander zu tuscheln. Es werden Vermutungen angestellt, eigene Windelerfahrungen ausgetauscht. Schließlich gipfelt alles in der einmütigen Feststellung, dass die Mutter der beiden Gören und gleichzeitige Ehefrau des armen Mannes ja wohl eine ausgemachte Schlampe sei. Einen Mann mit zwei kleinen Kindern zum Einkaufen zu schicken!

Unter gemurmelten Verachtungsbekundungen der anwesenden Brötcheninteressenten hat die Strandpiraten-Käuferin inzwischen den Laden verlassen, hocherhobenen Hauptes und sich selbst keiner Schuld bewusst. Die Wartenden rücken Zentimeterweise näher an den Ort der Verlockungen heran. Auch Sie kommen dem bäckerischen Paradies immer näher …

Nach gefühlten anderthalb Stunden stehen Sie endlich vor der Verkäuferin.

Ihre zur Bewältigung der Wartezeit entworfenen gedanklichen Bestelllisten sind mit einem Male wie weggewischt. Ihr Kopf ist buchstäblich leer.
Sie stottern: „Sechs normale Brötchen.“, setzen hastig noch ein „Bitte“ hinterher.
„Welche hättens denn gern? Die Strandpiraten san ausg’ganger. Aber wir hätten da noch Frischlinge oder möchtens vielleicht lieber Beachkiesel?“ Die Stimme der Verkäuferin verrät eindeutig: die Thekenfee ist ein österreichischer Ostsee-Import.

Sie nicken schwach.

„Ja mei, nu sagen’s doch scho –Frischlinge oder Kiesel? Die andren Leut wolln’s auch noch a’mal dran kommer!“

„Frischlinge!“ lallen Sie und reichen schon mal den Zehn - Euroschein über die Theke.
Zusammen mit der Tüte duftender Brötchen bekommen Sie das Wechselgeld in die Hand gedrückt. Die Verkäuferin hat sich schon längst gedanklich und körperlich auf den nächsten Schlangensteher eingeschossen.

Niemand beachtet Sie, als Sie taumelnd vor Hunger und Glückseligkeit dem Ladenausgang entgegenstolpern.

Aber in Ihnen macht sich ein fast bösartiges Gefühl breit, als Sie die Unmengen von Leuten sehen, die in der Sonne vor dem Eingang bis zum Parkplatz stehen.
Während Sie mit triumphierend erhobener Tüte an ihnen vorbei laufen, jubilieren Sie laut:
„Strandpiraten sind schon ausverkauft! Und Frischlinge sind auch nur noch ganz wenige da!“

Sie zehren noch einige Stunden später vom Anblick der frustrierten Gesichter am Ende der Schlange. Zu Hause beschließen Sie, morgen früh Ihren Ehepartner oder eines der Kinder zum Brötchenholen zu schicken…die Frischlinge schmecken nämlich ausgezeichnet!



Machen Sie aufmerksam auf diesen Reisebericht!
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Kommentare
  • ToniE 20.02.2010 | 15:53 Uhr

    Das hat mir gut gefallen!
    TONI

  • rrobby 21.03.2010 | 19:50 Uhr

    Nette Geschichte aus dem Urlaubsleben, etwas überzogen, aber das ist gut so

    LG rrobby

  • mamaildi 01.05.2010 | 23:57 Uhr

    Ganz schön was los für 7.30 Uhr - sind die in den Ferien oder auf der Flucht??!? Der BB übrigens kommt mitnichten aus Baden-Baden, sondern ist ein original schwäbischer Böblinger, fährt höchstwahrscheinlich Daimler und schafft auch da und gibt sein schwer verdientes Geld lieber an der Ostsee als an der teuren Cote D'Azur aus... ;-))

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