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Reisebericht: Musik, Tanz und Drama auf Bali
Der Bericht soll an zwei Beispielen zeigen, wie auf Bali eine enge Synthese aus Religion und Kunst besteht.
Inspiriert und animiert durch den äußerst lesenswerten Reisebericht unseres Mitgliedes enfrente über Bali ("Indonesien - fremde exotische Welt") möchte ich mich ein wenig dezidierter dem Thema "Tanz auf Bali" widmen. Einige gescannte Fotos sollen zur Illustration des Gesagten beitragen. Von heute her betrachtet fielen meine Reisen nach Bali "leider" in eine Zeit, in der ich mich vor allem dem Filmen verschrieben hatte; so fällt das Bildangebot vielleicht etwas mager aus.
Wohl jeder kulturell-interessierte Reisende wird eingenommen sein von dem Einklang von Religion und Kunst , der auf dieser unbeschreiblich schönen Insel wie kaum sonstwo auf der Welt das Leben der einheimischen Bevölkerung durchwirkt, sei es bei alltäglichen Gewohnheiten, beim Bau von Haus und Hof, bei der Arbeit in den Reisfeldern oder aber bei den unzähligen Festen und Zeremonien anlässlich von Geburten, Hochzeiten, Totenverbrennung, Erntedank. Harmonie ist dabei oberste Richtschnur: Harmonie zwischen den Mächten des Bösen und des Guten.
Hierbei wird auch der Fremde einbezogen.
Wehmütig muss ich an das tägliche "schlapp, schlapp" denken, wenn ich auf der kleinen Terrasse unseres Bungalows in unmittelbarer Nähe des Strands von Sanur saß und das Schlurfen der Sandalen hörte, in denen eine pittoresk gewandete junge Hotelangestellte steckte und uns das Frühstück brachte. Zuallererst stellte sie ein kleines Schälchen, hübsch drapiert mit Reiskörnern, etwas Eigelb und einem Räucherstäbchen - alles liebevoll eingebettet in frischgepflückte Frangipani- und Hibiskusblüten - am Mäuerchendurchlass zum Strand auf den Boden, um meine Frau und mich vor den bösen Dämonen des Meeres zu beschützen. Sollte doch einer jener Unholde diese Barriere überwunden haben, sorgte ein zweites Tellerchen auf unserem Tisch für zusätzlichen Schutz. Wie wohltuend sich dieses allmorgendliche Prozedere doch auf unsere Seelen legte!! Der Tag konnte kommen, wie er wollte - uns konnte ja nichts Böses widerfahren!
Sinnfälliger Ausdruck der balinesischen Glaubensvorstellung, dass Gut und Böse auch nach Auseinandersetzungen stets wieder einen Gleichgewichtszustand erreichen, sind die schwarz-weiß karierten Lendentücher der Männer, denen man bei den Kris-Tänzern im Barong-Schauspiel, den Ketjak-Tänzern oder den Trägern der Sarkophage bei einer Totenverbrennung immer wieder begegnet. Auch werden kleine Statuen im Tempelbezirk oder am Wegesrand gerne mit einem solchen Tuch bekleidet, um symbolisch mitzuhelfen, die widerstrebenden Kräfte im Lot zu halten. Man stelle sich eine gefährliche Straßenkreuzung in Deutschland vor, in deren Mitte auf einer Verkehrsinsel ein Affenstandbild (Hanuman) mit gewürfeltem Lendenschurz steht, dem Vorbeikommende kleine Opfergaben darbieten... In Denpasar, Balis Hauptstadt, ein normaler Anblick.
Die Fratzenfigur rechts ist ein Wächter, der hinter einem Tordurchgang steht und böse Geister aufhalten soll. Die Balinesen glauben, dass Dämonen nicht um die Ecke laufen können; so sind sie gezwungen auf diesen Wächter zu prallen - und, wer weiß, vielleicht werden sie ja davon abgeschreckt, das Anwesen zu betreten.
Der Barong-Tanz
Fester Bestandteil vieler Dorffeste auf Bali ist der Barong-Tanz. Streng genommen handelt es sich nicht um einen Tanz im engeren Sinne, sondern um ein Tanzdrama. In einigen Dörfern, z.B. in Batubulan, wird er regelmäßig für Touristen aufgeführt. Dort kann natürlich nicht die Atmosphäre aufkommen wie bei einem Dorffest, wo die Menschen - insbesondere die Kinder! - voller Inbrunst dem Geschehen folgen, auch wenn sie es schon mehrfach gesehen haben.
Eingeleitet wird das Tanzspektakel stets von 2 bis 3 jungen anmutigen Legong-Tänzerinnen (s. Foto) in ihren enganliegenden Gewändern aus Goldbrokat. Der Legong gilt als Tanz der himmlischen Nymphen. Dem Glauben nach treten in ihm göttliche Wesen in menschliche Körper ein. Dargestellt wird mit Tanzschritten, feinsten Bewegungen von Kopf, Augen und ganz besonders der Hände die Geschichte einer Entführung. Wesensmerkmal des Legong sind synchrone Bewegungen der Tänzerinnen. Wenn sie ihren Prolog beendet haben und ein Priester den Tanzplatz mit Heiligem Wasser geweiht hat, beginnt das Schauspiel.
Ein farbenprächtiges Wesen in Löwengestalt steigt von der Tempeltreppe auf die Bühne herab. Es ist der mystische Barong, Verkörperung des Guten. Zwei Männer - einer zuständig für den vorderen Teil, der andere für den hinteren - bugsieren die Gestalt in erstaunlich vielfältige Posen und Stellungen. Im Verlaufe der Handlung, die sich über mehrere Akte erstreckt und die nachzuerzählen hier zu weit führen würde, kommt es schließlich zum Kampf zwischen ihm und der schaurig-schrecklichen Rangda, als Königin der Hexen Repräsentantin des Bösen.
Der Höhepunkt des Geschehens wird erreicht, wenn Barong seine Helfer ruft, Männer bewaffnet mit dem Kris, einem Dolch mit magischer Kraft. Doch Rangda versetzt die Kämpfer mit ihrer Hexenkunst in einen Gemütszustand, in dem sie die Dolche gegen sich selbst richten und sich zu durchbohren beginnen. Barong kann jedoch diesen Bann durchbrechen und die Tänzer erwachen langsam wieder unverletzt aus ihrer Trance.
Der Kampf endet unentschieden. Nach dem Glauben der Balinesen können sich Gut und Böse nicht gegenseitig besiegen; sie existieren im menschlichen Leben nach Phasen des Auf und Ab letztlich immer nebeneinander. Das gilt für das Miteinander der Menschen ebenso wie für das einzelne Individuum, in dem sich die gegensätzlichen Kräfte wieder einpendeln.
Gamelan
Das Schauspiel wird begleitet von einem Gamelan-Orchester (links), das das jeweilige Geschehen dramatisch untermalt. Ein solches Orchester ist auf Bali ein absolutes Muss bei Feiern und Festen. Jedes kleine Dorf unterhält sein eigenes Gamelan-Orchester, das je nach Anlass aus 5 bis 30 Musikern besteht. Für westliche Ohren mag die Musik zunächst gewöhnungsbedürftig klingen, wird sie doch mit recht großer Lautstärke vornehmlich über metallene Schlaginstrumente (Xylophone), Gongs, Cymbals und Trommeln erzeugt. Als Hintergrundmusik in einer Hotelhalle zur Begrüßung ankommender Gäste oder beim Abendessen auf einer Terrasse kann sie nervig sein - zumindest mir erging es so -, doch als Begleitung zu den Tanzdramen reißt sie mit ihrer Rhythmik auch den westlichen Zuschauer mit.
Ketjak-Tanz
Wie der Barong-Tanz war auch der Ketjak-Tanz, bevor er Eingang fand ins Repertoire für Touristen, ein rein sakraler Tanz. Früher fungierte er als Beschwörungsritus, mit dem in Zeiten drohender Epidemien die Krankheitsdämonen vertrieben werden sollten.
Heute hat man das Grundthema des großen hinduistischen Ramayana-Epos in das Tanztheater eingewoben. Im Zentrum eines geschlossenen Kreises aus Männern, die nur mit einem schwarz-weiß gewürfelten Lendentuch bekleidet auf dem Boden hocken, wird die Geschichte von Prinz Rama, einer Wiedergeburt des Gottes Vishnu, und seiner schönen Gattin Sita in Tanzform erzählt. Der Männerkreis stellt das Affenheer von General Hanuman dar, mit dessen Hilfe Rama seine Sita dem Entführer Rawana, dem König der Dämonen, wieder entreißt. Musikalisch begleitet wird das Drama nicht etwa von einem Gamelan-Orchester, sondern vom rhythmischen "tschak-tschak, tschak-tschak" aus den ca. 100 Männerkehlen. Ohne einen Dirigenten kann sich dieses "tschak-tschak" vom Pianissimo zum brausenden Fortissimo wandeln. Plötzliche Tempiwechsel, abrupte, kurze Unterbrechungen steigern die Dramatik ins Unermessliche. Dazu bewegt sich die Masse der Körper in völligem Synchronismus auf und ab, hin und her, recken sich die gespreizten Hände in die Höhe.
Die Szenerie ist umso eindrucksvoller, da sie lediglich von einigen Fackeln erleuchtet wird. Die Vorführungen finden stets nach Einbruch der Dunkelheit statt.
Ketjak in Tanah Lot - etwas Einmaliges
Ich hatte das große Glück, dem Ketjak-Tanz auch bei Tageslicht beiwohnen zu können. Für ein Foto-Shooting eines deutschen Reiseveranstalters wurde das Tanzdrama bei Ebbe auf dem Felsplateau vor dem Tanah Lot - Tempel aufgeführt - eine wahrlich spektakuläre Kulisse. Herzerfrischend war auch hier wieder die Begeisterung der unzähligen zuschauenden Kinder - womit sich der Kreis zu meinen einleitenden Worten schließt.
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Ein sehr anschaulicher, kenntnisreicher und kurzweiliger Bericht: well done!
LG Beate -
Hier habe ich wirklich viel Neues gelesen und gelernt. Danke! LG Ildiko
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Lieber Hartmut - das hast du sehr anschaulich beschrieben. Bin jetzt auch ein bisschen schlauer!!! Zumindest weiss ich jetzt Legong und Barong auseinanderzuhalten. Toll finde ich euer Erlebnis in Tanah Lot - das Vergnügen hatte ich leider nicht schade! lg Romy
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Leider hab ich diesen Bericht erst heute gelesen. Er ergänzt in vielen Bereichen mein bisheriges Wissen über den kassisch - balinesischen Tanz. Ich hatte das Glück drei sehr unterschiedliche, aber nicht weniger interessante Aufführungen zu erleben. Einerseits durch eine klassisch ausgebildete, hochprofessionelle Gruppe die das Rama Sita Drama tanzten. Dann eine durch und durch kommerzielle Truppe mit angepassten Tänzen für Touristen und zum Schluss, das war für mich ein echtes Erlebnis, eine Aufführung in einer Tanzschule für den klassischen Tanz. Kinder im Alter von 5 -12 waren mit einem unglaublichen Ernst und Eifer bei der Sache und man konnte mit den Stufen der Ausbildung sehr viel über den beschwerlichen Weg zum Tänzer oder zur Tänzerin erleben. Jeder Abend war für mich sehr schön!
LG Christina -
Habe den Bericht auch erst jetzt gelesen und viel dazugelernt !Danke:)
Hat mich an meine Balireise vor fast 20 Jahren erinnert! Wir haben damals auch eine Barong -Tanzaufführung gesehen, die mich sehr beeindruckt hat:)
LG Ute -
Liebe Christina und Ute,
ich freue mich, dass euch mein Bericht hat helfen können, eure Kenntnisse über Bali zu erweitern. Danke auch für die guten Bewertungen von Text und Bildern.
Der Redaktion danke ich, dass sie mein "Zweitlingswerk" von vor drei Jahren entdeckt und für würdig befunden hat, auf der Startseite empfohlen zu werden.
An alle liebe Grüße!
Hartmut -
Lieber Hartmut!
Nun endlich habe ich mir Deinen Bali-Tanz-Bericht zu Gemüte geführt! Beim Lesen musste ich feststellen, was ich alles auf meiner Reise versäumt habe. Lediglich ein Kecak-Tanz in nüchterner Umgebung (Plastikvorhänge vor einem Metallgerüst und Plastikstühle rundum) war meine Ausbeute. Die Harmonie ist zwar auf Bali (optisch)noch gegeben (siehe die weiß-schwarzen Tücher, die man nach wie vor sieht), aber so richtig wollte sie nicht auf mich überspringen. Einerseits faszinieren mich Dein Bericht sowie all die anderen Erlebnisse, die ich hier in der RC lese, aber andererseits stehen sie im Gegensatz zu meinem Erlebten auf dieser hektischen, kommerziellen Insel. Meine Harmonie zwischen touristischem Gewusel und balinesischen Riten ist noch nicht da. Vielleicht gebe ich der Insel irgendwann noch eine Chance.
Dir jedoch ein dickes Dankeschön für diesen informativen Bericht mit den eindrucksvollen Fotos!
LG Susi -
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Liebe Susi,
"Tempora mutantur et nos mutamur in illis" sagten schon die alten Römer. "Die Zeiten ändern sich und wir uns ihnen." Offenbar gilt dies immer noch - und die Balinesen sind da keine Ausnahme. Die Erlebnisse, auf die mein Bericht fußt, liegen ja auch schon gut 30 Jahre zurück. Als ich ihn schrieb, ging ich davon aus, dass sich auf dieser traditionsbewussten Insel trotz all der mir bekannten touristischen Einflüsse nicht viel Grundsätzliches im Wesen, Glauben und Handeln der Menschen verändert hat. Die Annahme scheint wohl zu trügen. Wie schade!!!
Für deine anerkennenden Worte und die guten Bewertungen möchte ich dir herzlich danken!
LG Hartmut
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