Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.
Reisebericht: Auf Spurensuche am Semmering: UNESCO-Erben und andere Bahnhighlights
Viel Unbekanntes zu entdecken und Neues zu erleben galt es auch wieder auf dieser gelungenen Bahnreise - Ein Reisebericht von einer Bahnfahrt über den Semmering, Wiener Sachertorten, von echten und unechten Grazien in Graz und scharfen Aufgüssen in Oberstdorf.
Editorial
Die knapp einwöchige Reise beginnt mit einer Verspätung, natürlich. Diesmal ist jedoch nicht die Bahn Schuld, sondern das Flugzeug. Wir befinden uns im Terminal C des Flughafens Berlin-Tegel und warten auf den um 30 Minuten verspäteten Flug der AirBerlin nach Wien-Schwechat.
Nach über einer halben Stunde Wartezeit dann ist der Airbus A319 endlich zum Boarding bereit. Die große Winterbahnfahrt nach Österreich kann beginnen, auch wenn die erste Etappe ganz bahn-untypisch mit dem Flugzeug erfolgt.
Auf Spurensuche am Semmering
Wiener Schnitzel und übergroße UCI-Premierensäle
In Wien angekommen wird erst einmal die Jugendherberge aufgesucht, die einen sehr sauberen und ordentlichen Eindruck macht.
Danach geht es los in die Innenstadt, wo natürlich ein original Wiener Schnitzel auf dem Speiseplan nicht fehlen darf. Zum Abschluss des ersten, relativ unspektakulären Tages ist noch ein Kinobesuch in der UCI Kinowelt Wien Millenium-City geplant. Millenium ist hier wörtlich zu nehmen, findet sich hier doch einer der größten Premierensääle überhaupt.
Etwas verwunderlich ist, dass für den gerade angelaufenen Film "Aus den Leben des Benjamin Button" (der Film war für mich schon wegen des Namens verpflichtend!) noch über 400 Plätze frei waren. Nun, des Rätsels Lösung offenbart sich beim Betreten des Kinosaals: Der Premierensaal mit über 800 Sitzplätzen (!) verfügt über ungeahnte Ausmaße. Angesichts dieser Superlativa wundert auch nicht mehr, dass der Film mit Pause über drei Stunden läuft. Die vorletzte S-Bahn bringt uns gerade noch vor Mitternacht zurück nach Wien-Hütteldorf.
Eine Winterfahrt über den Semmering
Der folgende Tag ist einem Tagesausflug nach Graz gewidmet. Höhepunkt ist dabei die Fahrt über den tief verschneiten Semmering - im Nahverkehr natürlich, um möglichst viel von Land und Leuten mitzubekommen.
Wie die Stadt Graz zählt der als Semmeringbahn bekannte Streckenabschnitt von Gloggnitz nach Mürzzuschlag zum Weltkulturerbe der UNESCO und hat dementsprechend sowohl landschaftlich als auch bahntechnisch viel zu bieten. Neben der atemberaubenden Landschaft, woran vor allem der dichte Nebel Schuld trägt, findet sich am Bahnhof Mürzzuschlag auch ein kleines Eisenbahnmuseum, genannt "Südbahn-Museum" inklusive Lokdepot und großer Ausstellungsfläche. Leider hat selbiges aber an unserem Reisetag geschlossen. Überhaupt macht die Semmeringregion auch touristisch einen eher verlassen Eindruck, waren doch die genutzten Nahverkehrszüge eher leer als voll.
Von Grazien und anderen Geschöpfen in Graz
In Graz angekommen, fragt man sich zunächst einmal nach der Herkunft des Stadtnamens Graz. Womöglich von Grazien? Nahe liegt diese Aussage, fällt einem doch sogleich ein hohes Potenzial junger (und auch hübscher) Menschen ins Auge. Grazer Grazien gewissermaßen, was wohl auch an der Funktion der Stadt als Universitätsstandort liegt. Jedenfalls macht es mir die Stadt sympathisch. Geschöpfe ganz anderer Art finden sich allerdings auch vor Ort: Nämlich um Almosen bettelnde Leute älteren Semesters, die an nahezu jeden Straßenecke zu finden sind. Aber so ist es wohl in jeder Stadt Gang und Gäbe, ist doch Graz als Zentrum der Steiermark immerhin die zweitgrößte Stadt Österreichs.
Nach einem Besuch des original Sacher-Cafe's in den Innenstadt empfiehlt sich auch eine Fahrt mit der Standseilbahn auf den Schlossberg, von der man sowohl einen weitläufigen Blick auf das Umland von Graz als auch die Überreste der ehemaligen Schlossburg aus dem zwölften Jahrhundert hat. Mit dem günstigen Tagesticket zu 3,80 Euro wird's möglich.
Die Rückfahrt erfolgt direkt nach Wien mit dem gut gefüllten OIC, der wieder eine Fülle amüsanter und interessanter Mitreisender bietet. Man denke nur an eine "Grazer Grazie", die es sich im Schneidersitz bequem macht oder an den englischsprachigen Herren, der beim Öffnen einer Abteiltür fast einem Herzkasper erliegt.
Am Abend steht dann noch eine Besichtigung des umfangreichen Nachtzugangebots in Wien auf dem Programm, zu bestaunen gibt es unter anderem den osteuropäischen Kurswagenzug nach Berlin, Moskau, Prag, Breclav, Warschau, Posen und was weiß ich wo sonst noch überall hin.
Besonderes Interesse weckt allerdings ein Schlafwagen im Nachtzug ab Wien Südbahnhof nach Rom. Und das nicht wegen der äußerst attraktiven wie jungen Schlafwagenbetreuerin, sondern auch ob des außergewöhnlichen mitgeführten Schlafwagens. Denn dieser aus einer nur vier Wagen zählenden Serie ist erst vor kurzem von der Niederländischen Staatsbahn zur Österreichischen Bundesbahn gewechselt und bietet ebenso ungewöhnliches wie herausragendes Design.
Langfristig komme ich wohl um eine Fahrt in diesem Zug nicht mehr herum, und das nicht nur aus einem Grund...
"Willkommen im Hochgeschwindigkeitszug der ÖBB, dem Railjet"
Während der Vormittag noch dem ausgiebigen Besuch der Wiener Innenstadt gewidmet ist - Stephansdom, Hotel Sacher und Hofburg dürfen natürlich nicht fehlen - geht es am Nachmittag schon weiter in Richtung Deutschland. Leider spielt an diesem Tag das Wetter nicht so richtig mit: Es regnet nahezu den ganzen Vormittag, was das "Sightseeing" erheblich behindert.
Um 16:20 Uhr wir der Railjet, der im Zug und am Bahnsteig trotz seiner eher durchschnittlichen Geschwindingkeit als "der neue Hochgeschwindigkeitszug der ÖBB" angekündigt wird, in Wien Westbahnhof bereitgestellt. Die Betonung liegt wohl eher auf "Rail" (was ja noch einleuchtet) als auf "Jet", denn weder die Fahrzeit von 4 Stunden nach München noch das Innendesign muten "airophob" (Flugzeugartig) an.
Dennoch ist das Konzept des Railjet, was die Innenraumgestaltung in der zweiten Klasse betrifft, gelungen. Eine angenehme und durch die Haltebahnhöfe und Streckenverlauf anzeigenden Flachbildschirme informative Reise bietet die Fahrt im Railjet. Einzig und allein die grünen Sitze sind auf Dauer etwas unbequem, da nicht verstellbar und ohne Kopfkissen ausgestattet.
Heute, inzwischen ist schon Donnerstag (wie die Zeit immer rennt), setze ich meine Reise alleinig in Richtung Oberstdorf fort.
Im Alex, dem Schnell-Zug zwischen München und Oberstdorf/Lindau, geht es voll zu. Nach langem Suchen finde ich noch einen unbequemen und engen Sitzplatz auf einem Klappstuhl im Behindertenabteil - na ja, besser als gar nichts, denke ich mir. Für Unterhaltung sorgen zwei Studenten mir gegenüber, deren Gesprächsstoff vom Landleben im Allgäu über ach so lustige Themen bis hin zu der Frage, an welchen Merkmalen man einen Kaufbeurer als solchen erkennt, laut Insidern soll es da gewisse Spezifikationen geben. Möge man es glauben. Besonders beim bayerischen Dialekt konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen.
Übernachtungspunkt für die kommenden zwei Tage ist das gemütlich eingerichtete ***-Hotel "Saschas Kachelofen", das direkt im Stadtzentrum nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt gelegen ist. Zu meiner Verwunderung findet sich hier tatsächlich im Restaurant der namengebende, große Kachelofen.
Schönes Winterwetter und eine Schneetour nach Spielmannsau
Dem Föhn sei Dank: Der Tag beginnt mit warmen Temperaturen und viel Sonnenschein, sodass einer kleinen Wanderung durch die verschneite Oberstdorfer Bergwelt nichts im Wege steht. Aus einer kleinen wird letztlich eine große, 5-stündige Wanderung bis zur "Endstation" Spielmannsau (weiter geht's hier nicht mehr, will man nicht Bergklettern). Mit jedem Höhenmeter wird der Schnee tiefer, doch zum Glück sind alle Wanderwege in und um Oberstdorf wie auch die unzähligen Langlaufloipen gut präpariert und geräumt.
Oberstdorf Therme: Gerhard heizt ein
Nach einer langen und anstrengenden Schneewanderung liegt natürlich nichts näher als ein Besuch der Oberstdorf Therme mit ihrer ausgedehnten Saunalandschaft. Was von außen erst einmal wenig einladend aussieht, fällt der Blick doch zuerst auf die gewöhnlich anmutende Schwimmhalle, wird einem spätestens nach Betreten des Durchgangs zum Saunabereich bewusst, warum der relativ hohe Eintrittspreis von 15 Euro für vier Stunden für Schwimmhalle und Sauna (mit Kurkarte) gerechtfertigt ist: Neben einer Vielzahl von Themensaunen bietet die liebevoll gestaltete Saunalandschaft auch einen großen Ruhebereich, Bar, Whirlpool mit Solebecken, Hamam, Massageraum, Salzhütte, Infrarotsauna und weitläufige Außenanlagen.
Wobei der eigentliche Mittelpunkt des Geschehens, die Saunen, natürlich auch nicht fehlen dürfen: Der Besucher kann zwischen der großen Kristall- und Alpensauna, oder aber zwischen der kleineren Zitronen-, Smaragd-, Heu- oder Dampfsauna wählen. Die stündlichen Aufgüsse, die ich mir natürlich nicht entgehen lasse, avancieren jedes Mal zum Highlight - Dank Gerhard, der die Stimmung in der Alpensauna zum Kochen bringt, und das nicht nur durch seine Aufgüsse:
Nach kurzer Einweisung (ein Protagonist verließ sicherheitshalber schon hiernach die Sauna) heißt es "Bitte sehr" und "bitte gerne" (was wahrlich nur der versteht, der schon mal da war!) und schon geht es los. Beim Spezialaufguss werden nacheinander Ananas, Blutorange und Eislimone aufgegossen. Die nächsten acht Minuten sind von vor Hitze stöhnenden, schwitzenden Körpern und heftigem Zischen des Ofens begleitet. Aber zugegeben: Es macht auf die anderen Besucher schon einen gewaltigen Eindruck, wenn die Sauna eine Schar von dampfenden, augenscheinlich fast kochenden Figuren ins Freie entlässt und sich die Masse zischend unter den Duschen abkühlt. Da ist natürlich kein Wunder, dass die Saunagäste mit teils bewundernden, teils blitzenden Blicken bedacht werden.
Und so geht ein gleichsam anstrengender wie entspannender Tag zufrieden, aber müde zu Ende.
Lesezeichen für diesen Reisebericht setzen bei ...
-
Mister Wong
-
Google Bookmarks
-
YiGG
-
del.icio.us
-
Digg
-
StumbleUpon
-
Magnolia
-
Webnews
Bookmark in Ihrem Browser speichern Schließen