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Reisebericht: Kirchenburgen in Transsilvanien - Reiches Erbe in Not

 
 
 
 
 
Reisebericht: Kirchenburgen in Transsilvanien - Reiches Erbe in Not

Rumänien ist ein Land im Umbruch. Nichts symbolisiert das so gut wie die zahlreichen Kirchenburgen in Siebenbürgen, die nun, da ihre Erbauer, die Siebenbürger Sachsen, sie verlassen haben, die wenigen Verbliebenen vor fast unlösbare Probleme stellen. Während einer Rumänienreise besuchen wir dieses Unesco-Weltkulturerbe.

Kirchenburg in Cincsor - Kleinschenk


Während einer Rumänien-Rundreise im Mai 2006 sticht uns eine Vielzahl von stark bewehrten Kirchen ins Auge, die deutschen mittelalterlichen Burgen nicht unähnlich sind. Viele davon befinden sich in einem desolaten Zustand. Auf unsere Nachfrage hin erhalten wir vom evangelischen Pfarrer in Carta (Kerz), einem kleinen Ort in der Nähe Sibius, eine riesige Landkarte von Transsilvanien, auf der über 500 siebenbürgische Kirchenburgen und Dorfkirchen verzeichnet sind. Wir können diese Zahl kaum glauben und suchen deshalb eine auf der Karte verzeichnete Kirchenburg aus, die sich in der Nähe des Campingplatzes befinden soll. Unsere Wahl fällt auf das Dorf Cincsor (Kleinschenk), das sich neben der Europastraße in Richtung Fagaras befindet.



 
 
 
 
 

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Mitten im Zentrum des kleinen Dorfes stoßen wir dann auf diese Kirchenburg. Wir sind erstaunt, wie komplett sie noch aussieht, doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sie dringend renoviert werden müsste. Das hölzerne, verrottende Eingangstor ist verschlossen, und wir finden auch nirgends einen Hinweis darauf, wo ein Schlüssel zu holen sei. Der Ort wirkt verlassen, manche Gebäude, wie z.B. das ehemalige Schul- oder Gemeindehaus (rechts), wird nur noch von Spatzen bewohnt, die durch die zerschlagenen Fenster hinein und heraus flattern.



 
 
 
 
 

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Wir umrunden die beeindruckende Burg auf einem verschlammten Weg und nähern uns einer großen, geschäftigen Gänsefamilie. Als wir für ihr Empfinden zu nahe kommen, flüchten sich die schon recht großen Küken unter Mamas Federschutz. Nur das Küken ganz links lässt sich vom Herumpicken nicht abbringen. Erst im letzten Moment will es doch noch den Kopf unter die Federn stecken - doch da ist kein freier Platz mehr aufzutreiben.



 
 
 
 
 

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Kleinschenk ist - wie zahllose andere transsilvanische Orte auch - eine Gründung der Siebenbürger Sachsen. 800 Jahre lang wuchs die Dorfgemeinschaft bis auf über 500 Einwohner an. Außerordentlich stark war das Gemeinschaftsgefühl, was sich auch in vielen Festen ausdrückte (z.B. das Kronenfest im Juni, bei dem 14m hohe Stämme mit Kronen aus Eichenlaub vor der Kirche aufgestellt wurden).
Heimgesucht wurde der Ort durch schwere Überschwemmungen des nahen Flusses Alt und häufige Türkenangriffe, da er an einer wichtigen Verbindungsstraße liegt. In den Ringmauern der Kirchenburg besaß jede Familie einen Zufluchtsort, ausgestattet mit Nahrungsmittel für Zeiten der Belagerung.



 
 
 
 
 

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Früher war man stolz auf den besonders guten Wein, der auf den nahe liegenden Berghängen wuchs. Heutzutage verwildern die meisten Weinberge,es leben weniger als 50 Personen im Ort (laut einem Bericht der Heimatortsgemeinschaft Kleinschenk. ‘HOGs’ sind in Deutschland ansässige Vereine, die die ehemaligen Dorfbewohner zusammenführen und Treffen organisieren, aber auch Renovierungsarbeiten in Rumänien finanzieren, wie hier in Cincsor).
1989 verließ der letzte Pfarrer den Ort. Es soll Pläne geben, dass die Burg für einen sanften Tourismus erschlossen werden soll. Anzeichen für Bemühungen in dieser Richtung konnten wir allerdings nicht entdecken.



Dealul Frumos - Schönberg



 
 
 
 
 

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Am nächsten Tag brechen wir zum Weltkulturerbeort Sighisoara auf und nehmen dabei den direkteren, aber schlechter ausgebauten Weg nach Norden, mitten durch das schöne hügelige, fruchtbare Hochland.
Wenn wir je noch an der Anzahl und der baulichen Massivität der Kirchenburgen gezweifelt hätten, so belehrte uns diese Fahrt eines Besseren. Praktisch jeder Ort besitzt ein Ensemble, das bei uns in Deutschland ein nachts bestrahltes touristisches Highlight darstellen würde.
Die Kirchenburg in Dealul Frumos (Schönberg) ist dem Verfall wohl dadurch entgangen, dass ihre Räume seit dem Jahre 2003 an eine Forschungsgruppe der Architekturfakultät der Uni Bukarest vermietet wurden.



 
 
 
 
 

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Zwischen den Weltkriegen lebten in Schönberg über 1300 Personen. Die ursprünglich rein sächsischen Siedlungen öffneten sich im 18.Jh. zunehmend auch der rumänischen Bevölkerung, für die Schulräume oder orthodoxe Kirchen gebaut wurden. Im Ort wohnen heute noch 13 Sachsen; das deutsche Schulgebäude verfällt (li). Am rechten Bild kann man erkennen, weshalb der Ort 'Schöner Berg' genannt wurde.



Netus und Bradeni - Neithausen und Henndorf



 
 
 
 
 

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In den nächsten Ortschaften knipsen wir die bollwerkartigen Kirchen nur noch aus dem Auto heraus.
Links erblicken wir die Wehrkirche in Neithausen (Netus), rechts die in Henndorf (Bradeni). Letztere Ortschaft hatte immer schwer mit Überflutungen des nahen Harbachs zu kämpfen, der das Bodenniveau seit 1500 durch Schlammablagerungen um drei Meter anhob. Henndorf war bekannt für seine Handwerkskünste.
Auf dem Dachboden der Kirchenburg befanden sich bis vor kurzem gotische Truhen, die als Getreidefruchtkästen dienten. Sie befinden sich jetzt in der Bergkirche in Schäßburg.
Die verbliebenen 8 Sachsen können den Verfall der Burg nicht aufhalten. Anscheinend wird ein Pächter dringend gesucht.



 
 
 
 
 

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Die siebenbürgisch-sächsischen Dörfer sind von einer einmaligen, unverfälschten Ursprünglichkeit (hier die Ortseinfahrt Henndorf).
Der traditionelle Baustil sowie die althergebrachte Bewirtschaftung der Höfe hat den ökologisch versierten Prinz Charles dazu veranlasst, diese Dörfer mehrfach zu besuchen und mit Hilfe eines Trusts zu fördern (Mihail Eminescu-Trust). Im nahen UNESCO Welterbeliste Ort Deutschweißkirch (Viscri) kauft er sich sogar einen Hof, der früher im Besitz seines entfernten Verwandten Vlad Tepes (‘Dracula’) war, um ihn restaurieren zu lassen und für sanften Tourismus verfügbar zu machen.



Appold - Trappold




 
 
 
 
 

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Hinter Henndorf schlängelt sich die Straße über einen Bergrücken, der das Harbachtal vom Tal des Schaaser Bachs (von dem Schäßburg seinen Namen hat) trennt. Vor uns öffnet sich das weite, fruchtbare Tal, in dessen Mitte malerisch der einst bedeutsame Ort Trappold (rum. Apold) liegt. Im zweiten Weltkrieg lebten hier über 1300 Personen, davon die Hälfte Sachsen. Heute gibt es nur noch zwei sächsische Bewohner im Dorf.
Schon von weitem fällt auf, dass Trappold etwas Besonderes hat, nämlich eine Kirchenburg, die teilweise renoviert wird. Jedenfalls stechen uns die frischen Holzverschalungen an zwei Wehrtürmen ins Auge.



 
 
 
 
 

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Unten im Ort parken wir vor der schönen Kirchenburg und machen eine Panoramaaufnahme. Wir sehen eine Person, die offensichtlich die Treppen zur Burg hinauf ausbessert. Später erfahren wir, dass seit 2003 im renovierten Burghüterhäuschen (rechts neben der Pforte in der Mitte ) ein junger Berliner Tischler und Maurer lebt, der die Burg bei einer Wanderung entdeckte, über die Jahre ihren raschen Verfall beobachtete und schließlich einen Berliner Verein zur Rettung der Burg initiierte . Dessen Ziel ist es, die Kirchenburg zu sanieren und wiederzubeleben und später als Begegnungs- und Fortbildungszentrum zu nutzen.



Biertan - Bierthälm



 
 
 
 
 

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Es gibt einige wenige Orte in Siebenbürgen, wo der kulturelle und bauliche Verfall der Kirchenburgen anscheinend gestoppt wurde. Einer dieser Orte ist Biertan (deutsch Birthälm oder Bierthälm), das etwas weiter nordwestlich liegt.
Es besitzt eine der größten Kirchenburgen Siebenbürgens, die seit 1572 fast 300 Jahre lang Sitz des evangelischen Bischofs war. Ihr Baubeginn lag am Ende des 15.Jh. Sie war die letzte gotische Hallenkirche, die in Transsilvanien gebaut wurde. Die Bemühungen der Bevölkerung, sie in gutem baulichen Bustand zu erhalten, wurden 1993 dadurch belohnt, dass sie den Status 'UNESCO- Weltkulturerbe' erhielt (zusammen mit sechs weiteren Kirchenburgen (siehe Calnic und Prejmer) und stellvertretend für die zahlreichen anderen Burgen).



 
 
 
 
 

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Die Kirchenburg besitzt drei Befestigungsringe und 8 Wehrtürme und Basteien. Ihrem Status als Weltkulturerbe ist es wohl zu verdanken, dass uns auf dem überdachten Treppenaufgang eine Aufsichtsperson empfängt und die Kirche für uns aufschließt.



 
 
 
 
 

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Die Ausmaße dieser dreischiffigen Hallenkirche sind gewaltig. Weltberühmt ist der größte Flügelaltar Siebenbürgens mit 28 vorreformatorischen Bildtafeln.
Ein lustiges Detail stellt die aufgemalte gekrümmte Gestalt eines Narrs dar, der die auslaufenden Rippenbögen des Dachs zu tragen hat (Bild Mitte links).



 
 
 
 
 

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Die sächsischen Ortschaften besaßen früher ein reges Vereinsleben. Die Fahnen der Vereine wurden häufig in der Kirche aufgehängt.
Berühmt wurde auch diese Sakristeitüre, die von außen wertvolle Holzeinlegearbeiten aufweist und von innen ein beeindruckendes Türschloss aus dem Mittelalter mit 13 Riegeln, das zu Zeiten der Türkeneinfälle die hierher verbrachten Kirchenschätze sichern sollte. Diese Tür befand sich im Jahr 1900 auf der Weltausstellung in Paris.



 
 
 
 
 

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Wir klettern die Stufen des katholischen Turms hinauf und können von hier oben über die innere Ringmauer (und die davor gelagerten Stücke der zweiten und dritten Ringmauer) blicken. Links befindet sich der Speckturm, in dem die Bevölkerung ihre Schinken räucherte.
Biertan liegt inmitten einer sanft gewellten Hügellandschaft und war seit dem Mittelalter ein berühmtes Weinanbaugebiet. Die Terrassierung der Hänge ist noch gut zu erkennen, doch heutzutage werden hier keine Reben mehr kultiviert.
Bei den zahlreichen Türkenangriffen zwischen dem 13.- und 16 Jh. suchten bis zu 5000 Dorfbewohner innerhalb der Mauern Schutz und mussten hier wochenlang ihr Leben organisieren. Da die Kirchenburg auf einem Hügel liegt, hat sie keinen eigenen Brunnen. Deshalb gruben die hier Verbarrikadierten Gänge zu den Brunnen im Dorf, durch die sie nächtens krochen, um Wasser zu besorgen. Heute weiß man nicht mehr, wo sich diese Gänge befinden.
Überliefert ist, dass Biertan von schweren Pestepidemien heimgesucht wurde. Aus diesem und anderen Gründen sank die Bevölkerungszahl auf ca. 2300 Personen vor dem 2. Weltkrieg, davon die Hälfte Sachsen. Heute liegt die Zahl der verbliebenen Deutschen bei unter 70 Personen.



 
 
 
 
 

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Der katholische Turm (li), der Mausoleumsturm (Mitte) und der Stundenturm (re). Für einen der anderen Türme ist verbürgt, dass sich darin ein Ehegefängnis befand, in das zerstrittene Ehepaare eingesperrt wurden, bis sie sich wieder vertrugen. Wurde dieses Ziel nicht erreicht, war nach dem sächsischen Kodex eine Trennung möglich.



 
 
 
 
 

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Ein schöner Gang zwischen zwei Ringmauern, von sieben Ziegelbögen überbrückt, der zum Speckturm führt.



 
 
 
 
 

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Abschließend ein letzter Blick auf die Kirchenburg in Biertan über die davor stehende Gaststätte hinweg, wo ‘mittelalterliche Menüs’ angeboten werden.



Bratei - Pretei



 
 
 
 
 

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Diese Kirchenburg, die im Ort Bratei (Pretei) steht, haben wir kurz vor einbrechender Dunkelheit auf unserem Heimweg auch noch 'mitgenommen'.

Wie anfangs erwähnt, ist dies nur ein verschwindend kleiner Teil der tatsächlich vorhandenen Kirchenburgen in Siebenbürgen. Einige wenige werden renoviert, manche gerade so am Verfallen gehindert und viele bröckeln ungestört vor sich hin. Etliche sind auch schon komplett eingestürzt. Es ist bedrückend zu sehen, wie wenige Jahre fehlender Fürsorge es bedarf, um den kulturellen Schatz aus 8 Jahrhunderten akut zu gefährden. Und mit den Kirchenburgen geraten auch die sozialen Errungenschaften, die Sitten und Bräuche der einst stolzen Siebenbürger Sachsen in Vergessenheit.



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Kommentare
  • juergen.k 27.04.2008 | 00:47 Uhr

    Eindrucksvoll, Ihr Bericht von den Kirchenburgen aus einer Gegend von Europa, die die meisten von uns - mich eingeschlossen - nicht kennen.
    Mich würde interessieren, wie Sie dort gereist sind, wo Sie übernachtet haben etc.

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