Reisebericht

Reisebericht: Geheimnisvolle Rhodopen

 
 
 
 
 
Reisebericht: Geheimnisvolle Rhodopen

Manchmal weiß man nicht, warum man von einem Ort magisch angezogen wird. Vielleicht erfährt man es, wenn man hinreist, vielleicht auch nicht.

Seit ich denken kann, leide ich unter Fernweh, dieser Sehnsucht nach fremden Ländern mit fremden Menschen, unbekannten Bräuchen und abenteuerlichen Landschaften. Viele Länder - alle möglichst weit weg - standen auf meiner Reiseliste. Aber es war eben nur eine Wunschliste, denn ich war im falschen Land geboren und die einzigen Reiseziele, die ich besuchen durfte, waren die sozialistischen Bruderländer. Und die waren wenig geeignet, mein Fernweh zu stillen. Aber es half nichts, ich tat, was wir im Land der ewigen Mangelware immer taten. Ich funktionierte das, was ich kriegen konnte zu dem um, was ich haben wollte und deklarierte das am weitesten entfernte Bruderland Bulgarien zum exotischsten Land der Welt. Jedes Jahr verbrachte ich mehrere Wochen am Schwarzen Meer, obwohl ich mich auch vom Rhodopengebirge im Süden Bulgariens auf seltsame Weise angezogen fühlte. Ich stellte mir die Berge idyllisch und geheimnisvoll vor, und wahrscheinlich gab es in den dichten Wäldern eine Möglichkeit über die Grenze nach dem sonst unerreichbaren Griechenland zu gelangen. Aber das Geld reichte nicht für Meer und Berge, und der Mut reichte nicht für die dichten Wälder. So behielten die Rhodopen ihr Geheimnis.

Das Fernweh fand sich mit Bulgarien ab, nervte aber das ganze Jahr über und konnte den Urlaub kaum erwarten. Ich versuchte es mit Sinnestäuschung. Gebackener Schafskäse und Schopsalat standen regelmäßig auf dem Speisezettel. In der Küche roch es nach Tschubritza - einem typisch bulgarischen Gewürz, das Wohnzimmer duftete nach echtem bulgarischem Rosenöl und vom Plattenteller ertönte bulgarische Folklore im 7/8 Takt. Ich hatte bulgarische Freunde und lernte sogar die bulgarische Sprache. Wenn gar nichts mehr gegen das Fernweh half, gab es immer noch Rakia, den bulgarischen Obstschnaps …

Und dann flatterte eines Tages die langersehnte Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik auf den Tisch. Jetzt konnte es richtig losgehen. Vergessen war Bulgarien. Der Weg in die Freiheit führte über Hof und nicht über die Rhodopen. Nur der Gaumen bestand weiterhin auf Schopsalat und Schafskäse.

Frankreich und Griechenland machten den Anfang auf der langen Liste der zu erobernden Länder. In der Karibik gefiel es mir so gut, dass ich später sogar dort hängen blieb. Vorher gönnte ich mir das absolute Traumziel Tahiti gleich mehrere Male. Dann trieb es mich auf ein Indianerreservat in die USA, zu einem Trommelkurs nach Guinea und zu den Pharaonen nach Ägypten. Letztes Jahr überlegte ich, welches der noch ausstehenden Reiseziele ich nun in Angriff nehmen sollte.
Indien wäre nicht schlecht, dachte ich, während ich einen Bissen Schafskäse auf der Zunge zergehen ließ… und plötzlich bekam ich Sehnsucht nach dem guten alten Bulgarien. War das nun Fernweh oder Heimweh? Ich rief meine bulgarischen Freunde an, schilderte mein Problem und wurde sofort eingeladen. Meine Freunde hatten sich inzwischen in einem kleinen Bergdorf in den Rhodopen ein Haus gekauft. Allein der Blick von der Terrasse war atemberaubend, genauso idyllisch und geheimnisvoll, wie ich es mir früher vorgestellt hatte. Drei Wochen lang zogen mich die sagenumwobenen Berge des alten Thrakiens in ihren Bann. Allein durchstreifte ich dichte Kiefernwälder, kletterte auf Berggipfel und ließ den Blick weit übers Land schweifen. Hier hatte Orpheus Eurydike mit seinem Gesang bezaubert und vergeblich versucht, sie aus der Unterwelt zurück zu holen. Ich wagte mich in dunkle Höhlen, steile Schluchten und schmiegte mich auf duftenden Bergwiesen in die Arme von Mutter Natur. Abends lauschte ich den stimmgewaltigen klagenden Gesängen und genoss die Gastfreundschaft der rhodopischen Menschen.

Am letzten Abend stehe ich noch lange auf der Terrasse. Der Koffer ist gepackt. Meine Küche wird wieder nach Tschubritza riechen, mein Wohnzimmer nach Rosenöl duften, rhodopische Lieder werden durchs Haus klingen, und für alle Fälle ist auch eine Flasche Rakia im Gepäck. Zum letzten Mal atme ich den Duft der Lindenblüten ein, der die Luft erfüllt. Zum letzten Mal lausche ich der nächtlichen Stille. Den Blick über die Berge kann ich im Dunkel nur erahnen, dafür erstrahlt die Milchstraße zum Greifen nah. Eine Sternschnuppe zieht über den schwarzen Nachthimmel und dann noch eine und noch eine, ein wahres Feuerwerk . Ich fühle mich im völligen Einklang mit der Natur, mit dem unendlichen Universum ... und bin frei von allen Wünschen.
Das muss es sein, das Geheimnis der Rhodopen.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • Blula 08.04.2010 | 20:08 Uhr

    Rhodopengebirge?? Im Süden Bulgariens... . Da habe ich jetzt was gelernt. Danke für diesen interessanten Bericht. Dein wunderschöner Schreibstil und Deine sehr persönlichen Eindrücke, die Du hier wiedergibst machen diesen Bericht besonders lesenswert.
    LG Ursula

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