Fährtenlesekurs Der Natur auf der Spur

Was unsere Urahnen noch im Blut hatten, ist dem Zivilisationsmenschen abhanden gekommen: die Kunst des Fährtenlesens. Paul Wernicke bringt sie neugierigen Städtern wieder nahe

Jens Höhne sitzt allein unter einem Baum in einem Waldgebiet in Brandenburg. Regungslos hockt er auf dem Waldboden und lauscht den Geräuschen um sich herum. Plötzlich wird der vorher harmonische Gesang der Vögel lauter, schneller: Vogelalarm. Höhne ist einer von elf Teilnehmern, die die Kunst des Fährenlesens von Wildnispädagoge Paul Wernicke lernen wollen. Am Anfang sitzen sie erst einmal allein im Wald.

"Wir machen Sitzplatz", sagt Wernicke dazu. Für Neulinge ist das die erste Herausforderung: Sie sollen sich einen Platz im Wald suchen und dort einfach still sitzen. Und wahrnehmen, was um sie herum passiert. "Wenn man genau hinhört, dann merkt man, dass im Wald immer etwas los ist", sagt Höhne, der am Tag zuvor einen Dachs entdeckt hat. Vor einem Jahr zog der Berliner mit seiner Familie aufs Land. Der Wald war ihm am Anfang irgendwie suspekt.

Der Natur auf der Spur

Vogelsprache: Die Vögel uns geben Hinweise über das, was im Wald passiert. Ein guter Spurenleser versteht ihre Sprache

Kursleiter Wernicke dagegen ist seit seiner Kindheit mit dem Wald vertraut: "Ich war als Kind viel mit meinem Vater im Wald", erzählt er. "Ich hatte damals schon viele Fragen. Und die Antworten in den Tierbüchern reichten mir nicht." Wernicke ist eigentlich gelernter Tischler - und Wildnispädagoge aus Leidenschaft. Die Kinder in seinen Kursen nennen ihn den Wildnis-Paul. Zehn Jahre arbeitete er selbstständig in seinem Beruf, dann entschied er sich für einen Richtungswechsel. "Ich wollte meine Liebe zur Natur weitergeben." Er entschied sich für den Weg als Wildnislehrer und ließ sich von den bekannten Spurenlesern Tom Brown und John Young aus den USA ausbilden. Heute ist seine Wildnisschule im Naturschutzgebiet Hoher Fläming eine der wenigen Wildnisschulen in Deutschland, die sich auf das Fährtenlesen spezialisiert haben.

Der Natur auf der Spur

Spuren im Sand: In einer Tongrube untersuchen die Kursteilnehmer verschiedene Tierspuren

Kombinieren wie Sherlock Holmes

"Ziel des Spurenlesens ist es, wieder in Verbindung mit der Tier- und Pflanzenwelt zu treten und sich als ein Teil von ihr zu fühlen", erklärt Wernicke. "Anhand der Spuren bekommen wir einen tiefen Einblick in das Leben eines Tieres. Fährtenlesen hat immer etwas von einem Geheimnis. Wir bewegen uns durch den Wald wie Sherlock Holmes."

Zum Spurenentdecken und -analysieren führt er die Kursteilnehmer erst mal in eine Tongrube. Ein Paradies für Spurenleser: Der Boden ist durchzogen von Tierspuren. In der Fachsprache: Trittsiegel. Jede Tierart hat ein typisches Trittsiegel - je nachdem, ob es sich um einen Sohlengänger, einen Zehengänger oder einen Zehenspitzengänger handelt. Reihen sich die Trittsiegel in der Fortbewegung aneinander, formen sie eine Fährte. Wernicke erklärt, dass sich aus diesen Fußabdrücken eine Vielzahl an Informationen lesen lässt: An einem Trittsiegel kann man nicht nur die Tierart erkennen, sondern auch etwas über Geschlecht, Alter und sogar die Gemütsstimmung des Tieres herausfinden. "Beim Fährtenlesen geht es aber nicht nur um die klassischen Tierspuren", sagt Wernicke. "Alles erzählt eine Geschichte: Federn, Blätter, der Kot der Tiere. Für einen Spurenleser gibt es nichts in der Natur, das nicht interessant wäre!"

Die Aufgabe in der Tongrube lautet: Herausfinden, um welche Tierart es sich handelt und in welcher Gangart das Tier über den Boden gelaufen ist: Schritt, Trab, Galopp. "Ich hatte am Anfang echt einen Knoten im Kopf", sagt Timm Büscher. Der Biologe will in Wernickes Kurs vor allem seine Achtsamkeit schulen: "Es gibt so viel zu entdecken in der Landschaft um uns herum. Es ist schade, dass wir so oft daran vorbeilaufen."

"Manchmal sieht man erst mal gar nichts"

Und welches Tier haben wir hier?", fragt Wernicke in die Runde. Fuchs? Hase? Dachs? Die Kursteilnehmer sitzen gebeugt über dem Boden und rätseln. "Manchmal sieht man erst mal gar nichts, auch ich nicht", gibt Wernicke zu. Und erklärt, dass es hilft, die Spur abzustecken und in Spurengruppen einzuteilen: Vier Trittsiegel ergeben eine Spurengruppe. Wer Fährten lesen möchte, braucht Achtsamkeit und scharfe Sinne, Konzentration und eine Menge Geduld. Schnell mal eben ist eine Spur nicht abgesteckt, gemessen, analysiert und verfolgt. Wo haben die Vorderläufe aufgesetzt, wo die Hinterläufe? In welchem Abstand sind sie zueinander positioniert? Und was sagt das über die Geschwindigkeit des Tieres aus?

Wernicke stellt den Kursteilnehmern viele Fragen: Wie kommt das Fellbüschel hierhin? Warum schlägt die Fährte an dieser Stelle einen Haken? Die Köpfe rauchen, Spurenlesen ist anstrengender, als man denkt. Der berühmte Spurenleser Louis Liebenberg sagte einmal: "Spurenlesen ist der Ursprung unserer modernen Wissenschaft." Vielleicht hat er Recht: Man beobachtet, wirft Thesen auf, prüft sie. "Das Tier war mit einem Affenzahn unterwegs", so Spuren-Experte Wernicke. "Was meint ihr? Ist es vor etwas weg gerannt oder zu etwas hin gerannt? Dafür müssten wir die Spur jetzt weiterverfolgen."

Wozu Fährtenlesen?

Die uralte Kunst, Fährten zu lesen, entstand aus der Notwendigkeit heraus, sich mit Nahrung und Kleidung zu versorgen. Hunger und Selbsterhaltungstrieb brachten die ersten Jäger dazu, selbst die kleinsten Hinweise von Tieren, Menschen, Insekten und dem Wind wahrzunehmen. Doch heute gibt es alles, was wir brauchen, im Supermarkt. "Wir sind rundum versorgt. Deshalb haben viele Menschen den Bezug zur Natur verloren", sagt Wernicke. "Wir spazieren durch den Wald und nehmen wenig wahr. Aber ich glaube, dass wir alle eine tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit mit der Natur in uns haben!"

Der Natur auf der Spur

Wildnispädagoge Paul Wernicke

Der Natur auf der Spur

Die Vermessung einer Spur ist ein wesentlicher Bestandteil des Spurenlesens

Das Lesen von Fährten kann uns wieder dahin bringen: Zu einem tiefen Gefühl der Verbundenheit mit der Natur. Eine Verbundenheit, die man aus den Wäldern Brandenburgs in den heimischen Garten oder den städtischen Park mitnehmen kann. Ina Thyrolf aus Leipzig hat das erfahren: "Überall in der Natur passieren Dinge, die in keinem Tierfilm und in keinem Buch stehen und von uns entdeckt werden wollen". Vor zwei Jahren besuchte sie zum ersten Mal gemeinsam mit ihrer Tochter ein Wildniscamp für Eltern und Kinder im Fläming. Sie war skeptisch: "Ich mag den Wald, aber ich befürchtete, dass es mich total überfordern würde." Heute vermisst die Physiotherapeutin mit Feuereifer Spuren im Sand und grübelt über deren Herkunft.

Jens Höhne hat beim Spurenleser-Kurs seine Angst vor der Natur überwunden. Jetzt hat er in der Schonung hinter seinem Haus einen festen Platz, von dem aus er die Natur beobachtet und genießt. "Ich habe gelernt, genauer hinzusehen und zu lauschen", sagt er. "Mich hat das Spurenlese-Fieber gepackt!"

Weitere Informationen zum Thema Tracking und Fährenlese-Kurse:

Webseite der Wildnisschule Hoher Fläming: www.wildnisschule-hoherflaeming.de, www.wildniswissen.de

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