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Den Menschen verstehen

Leseprobe: Generation Angst

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer erklärt, wie Unübersichtlichkeit und Reizüberflutung den Menschen lähmen
In diesem Artikel
Was sind die häufigsten Symptome?

GEO WISSEN: Herr Dr. Schmidbauer, Sie haben vielfach die Erfahrung gemacht, dass die Ängste der Menschen zugenommen haben. Woran liegt das?

WOLFGANG SCHMIDBAUER: Noch nie zuvor hatten so viele Menschen so viel zu verlieren wie heute: ihre Sicherheit, ihren Wohlstand, ihre Zukunftschancen. Wir gehen zu Vorsorgeuntersuchungen, die möglichst früh Gefahren entdecken sollen, von denen wir noch gar nichts ahnen. Wir hören Experten zu, die uns auf Risiken aufmerksam machen, an die wir normalerweise nicht einmal denken. Wir sind gegen alles Mögliche versichert, vom Verlust des eigenen Hauses bis zum Verlust der Zahnprothese. Aber all das macht uns nicht fröhlich oder angstfrei, sondern führt uns überhaupt erst vor Augen, was alles passieren kann.

Leseprobe: Generation Angst

Wolfgang Schmidbauer, 70, führt eine Praxis für Psychoanalyse und Paartherapie in München

Das klingt wie Jammern auf hohem Niveau.

Das sehe ich anders. In den letzten Jahrzehnten haben die Unsicherheiten enorm zugenommen, die Ängste vor falschen Entscheidungen. Das hängt mit der Fülle an Wahlmöglichkeiten in der individualisierten Gesellschaft zusammen. Ob es um den richtigen Partner geht oder die Überlegungen zum eigenen Lebensweg: Wir stehen vor einer unüberschaubaren Zahl an Optionen. Da kann jede Entscheidung ein Fehler sein, der eine klein, der andere groß. Aber gemeinsam ist all diesen Überlegungen die gefühlte Unsicherheit. Das war früher anders: Die Söhne von Bauern wurden Bauern und die von Schmieden wurden Schmiede, das war vorgezeichnet. Ein junger Mensch hatte damals nur wenige Wahlmöglichkeiten und daher auch wenig Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Insofern musste er auch weniger Ängste seelisch verarbeiten.

Früher war also alles besser?

Gewiss nicht. Aber in der globalisierten Welt nehmen Ängste allein schon deshalb zu, weil sie eine biologische Reaktion auf Unübersichtlichkeit und Reizüberflutung sind. Und von beidem gibt es zweifellos immer mehr. Nehmen Sie die berufliche Situation junger Menschen: Ich musste mich in meiner Laufbahn niemals bewerben, habe nie die Erfahrung gemacht, 20 Bewerbungen loszuschicken und nicht einmal eine Antwort zu erhalten. Allein die Verkürzung der Gymnasial- und Studienzeiten zeigt, wie viel mächtiger die Angst geworden ist, im internationalen Wettbewerb auf der Strecke zu bleiben. Viele junge Leute spüren, dass sie die Karrieren ihrer Eltern nicht ohne Weiteres wiederholen können. Und auch die Eltern ahnen das und können ihren Nachkommen nicht mehr mit jener Zuversicht begegnen, die das Ich der Kinder stärkt.

Ist es nicht aber auch so, dass den Kindern heute viele neue Wege offenstehen – dass die Wahlmöglichkeiten also auch ein Gefühl von Freiheit mit sich bringen?

Das gibt es gewiss auch. Aber ich beobachte häufig junge Menschen, die sich von der Welt der Eltern abwenden. Die nicht mehr aus dem Haus gehen, die Kopfschmerzen und Schlafstörungen haben. Die in Ruhe gelassen werden wollen. Die zum Eremiten in ihrem Jugendzimmer werden, auf der Suche nach Sicherheit und Überschaubarkeit. Die sich vor der Realität fürchten und in elektronisch kontrollierte virtuelle Welten flüchten, die ihnen eine Pseudoautonomie vermitteln. Dadurch lässt sich aber keine Angstbewältigung einüben.

Ab wann sind solche Ängste so stark, dass man einen Fachmann konsultieren sollte?

Es gibt zweifellos eine Vielzahl vernünftiger Ängste: Wenn ich etwa Abitur mache und Angst habe, das falsche Studienfach zu wählen, dann ist das eine Angst, die sich auf ein reales Problem bezieht. Sie macht aktiv, stimuliert einen, sich zu informieren und eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen. Diese Angst möchte ich niemandem nehmen. Krankhaft wird Angst immer dann, wenn sie unangenehme körperliche Symptome verursacht: oft solche, bei denen nicht auf Anhieb erkennbar ist, dass Angst der Auslöser ist.

Was sind die häufigsten Symptome?

Leseprobe: Generation Angst

Sein Ziel sei es, sagt Wolfgang Schmidbauer, Menschen zu helfen, ihre Schwächen zu akzeptieren

An erster Stelle stehen Herzbeklemmungen: also die Angst, einen Infarkt zu erleiden. Der Betroffene geht in die Klinik – und bekommt den Befund, mit dem Herzen könne er 100 Jahre alt werden. Bleiben die Symptome bestehen, rät man ihm, zum Psychotherapeuten zu gehen. Man spricht dann von einer "somatisierten Angst". Die kann sich auch durch Schlafstörungen, Schwindelanfälle, Tinnitus, Atemstörungen oder einen Kloß im Hals äußern. Der zweite wichtige Grund, weshalb Patienten eine Psychotherapie beginnen, ist eine soziale Phobie. Wenn also jemand kommt und sagt: "Ich bin unglücklich und allein, alle anderen Menschen haben einen Partner und Kinder, nur ich nicht – was ist in meinem Leben falsch gelaufen?" Dann stellt sich oft heraus, dass sich dieser Mensch bei kleinsten Kränkungen sozial zurückzieht, sich nicht mehr mit anderen auseinandersetzt. Sein Sozialleben ist verarmt, und am Ende steht oft eine Depression.

Sind sich die Menschen, die zu Ihnen kommen, bewusst, dass sie Ängste und Phobien haben?

Sie kommen häufig mit dem Gefühl, dass sie andauernd Pech haben. Dass sie an die falschen Partner geraten sind oder dass sie körperliche Symptome an sich beobachten, die sie nicht einordnen können. Ein wichtiger Teil der Therapie ist es dann, den Angstkern herauszufinden, sozusagen die "richtige" Angst dingfest zu machen. Ein Beispiel: Wenn jemand Prüfungsangst hat, dann kann er die Angst vermeiden, indem er nicht zur Prüfung geht. Aber es entwickelt sich eine neue Angst: nämlich die, das Studium nicht zu schaffen. Deswegen kommt der Betreffende zu mir. Eine Therapie ist dann erfolgreich, wenn der Patient lernt, sich zu sagen, ich melde mich jetzt zur Prüfung und halte die Angst aus. Wenn er einsieht, dass dies besser ist, als die Prüfung zu vermeiden und Gefahr zu laufen, das Studium nicht zu schaffen. Mein Ziel ist es nicht, die Menschen angstfrei zu machen, sondern ihnen zu helfen, trotz der Ängste handlungsfähig zu bleiben.

Ist das die Strategie gegen Ängste: sich ihnen auszusetzen?

Schon Sigmund Freud hat gesagt, dass bei Ängsten das aktive Vorgehen notwendig ist: Man muss den Patienten dazu bringen, dass er sich ihnen stellt. Es ist also keineswegs so, dass Psychoanalytiker sich – wie Kritiker mitunter unterstellen – ausschließlich mit der schweren Kindheit der Patienten beschäftigen und die Ängste unangetastet lassen. Natürlich interessieren sie sich sehr für deren Entstehung und die konkreten Fragen, die daraus folgen. Etwa: Warum zieht sich eine Frau nach der ersten Liebesenttäuschung zurück und lernt zehn Jahre lang keinen neuen Mann kennen – und eine zweite sagt, okay, ich habe offenbar Pech gehabt, und jetzt schaue ich mal, was es sonst noch für nette Männer gibt.

Die erste Frau sucht den schlechthin perfekten Partner?

Tatsächlich sind viele Menschen in einem "Angstkreis des Perfektionismus" gefangen, wie ich es nenne. Kein Partner ist ihnen gut genug, sie sehnen sich nach einem unerreichbaren Idealbild. Das führt dazu, dass sie im Zweifelsfall gar keine Partnerschaft eingehen. In gewisser Weise suchen wir alle nach einem paradiesischen Zustand, in dem wir das Glück finden, jenseits aller Angst und existenzieller Not. Danach streben wir umso mehr, je weniger wir glauben, diesen Zustand bislang erlebt zu haben. Wenn also die erste Beziehung krachend gescheitert ist, dann stellt so eine Frau an den nächsten Partner einen noch viel höheren Anspruch, damit das Gleiche nicht wieder passiert. Das aber birgt eine große Gefahr: Je höher die Ansprüche, desto größer die Gefahr, ein weiteres Mal zu scheitern. Das führt irgendwann in die totale Resignation. Und je länger ein solcher unfreiwilliger Single jede Nähe vermeidet, desto ängstlicher wird er.

Das vollständige Interview können Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN zum Thema "Was die Seele stark macht" nachlesen.

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