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Tierversuche: "Schimpansen gucken zurück"
Jahrzehntelang wurden 40 Affen aus Sierra Leone in den Labors der österreichischen Firma immuno in engen Käfigen gehalten und für HIV-Experimente missbraucht. Wir sprachen mit dem Regisseur der Dokumentation "Unter Menschen", Klaus Strigel

Die Bilder von den Tieren und dem innigen Verhältnis der Pflegerinnen zu ihnen sorgten nicht nur auf der Berlinale für Aufsehen. Soeben erhielt der Film auf dem Hong Kong International Film Festival, dem größten Filmfest Asiens, eine "Special Mention". Zur Überraschung Strigels löste der Film dort dieselben Emotionen und Diskussionen aus wie in Deutschland.
GEO.de: Herr Strigel, mit Ihrem Kollegen Christian Rost rekonstruieren Sie die Geschichte von 40 Schimpansen, die in den 80er Jahren in Afrika gefangen wurden, illegal nach Österreich gelangten und von dem Pharmaunternehmen immuno für medizinische Experimente missbraucht wurden. Proteste dagegen gab es schon damals. Warum passierte nichts?
Claus Strigel: Weil die immuno sehr aggressiv und erfolgreich Leute, die die Haltung der Affen kritisierten, mit Prozessen überzog. Die Einschüchterung hat funktioniert - teilweise bis heute. Wir haben viele Zeitzeugen getroffen, die sich nicht trauten, vor der Kamera zu sprechen. Dabei waren die Haltungsbedingungen und die Versuche selbst nicht einmal illegal. Beziehungsweise es gab einfach keine Gesetze, die das geregelt hätten. Illegal war nur die Einfuhr der Affen - und selbst das bestreitet die immuno noch. Dabei standen Schimpansen schon damals sowohl im Herkunftsland, Sierra Leone, als auch in Österreich auf der Liste des Artenschutzabkommens CITES.
Wer waren bei dem Geschäft die treibenden Kräfte?
Die größte Kraft war natürlich die immuno selbst. Die Forscher hatten die Hoffnung, mit einem HIV-Impfstoff weltberühmt zu werden, viel Geld zu verdienen - vielleicht auch, der Menschheit zu helfen. Die immuno, die heute zu Baxter gehört, war das größte und bedeutendste Pharmaunternehmen Österreichs. Ein Erfolg wäre natürlich auch für den Staat Österreich großartig gewesen. Deswegen spielten die so gut zusammen.
Wer genau?
Die immuno und eine Seilschaft von ehemaligen Kriegskameraden: der Tierhändler Dr. Sitter in Sierra Leone, der österreichische Honorarkonsul Bieber, ebenso in Sierra Leone, und ein Gutachter, ein Herr Schweiger.
Was hat die Artenschutzbeauftragte der Stadt Wien dazu gesagt?
Sie hat festgestellt, dass der Import illegal war und darum keine Haltebewilligung ausgestellt. Die immuno hat sie außer Gefecht gesetzt, indem sie sich die Haltebewilligung von einer Zweigstelle in Niederösterreich hat ausstellen lassen. Dort haben sowohl die Niederösterreichische Landesregierung als auch der Gutachter alles durchgewunken. Herr Schweiger schrieb in seinem Gutachten, dass Schimpansen in Sierra Leone als Schädlinge betrachtet würden, und dass man nichts Besseres tun könne, als sie zu fangen und in den Dienst der Menschheit zu stellen. Dass es ihnen in Gefangenschaft ohnehin besser gehe, dass sie länger leben würden und so weiter.
Welche Rolle spielte der WWF?
Der WWF Österreich hat damals den Experten Daniel Slama als Mitarbeiter und Spezialisten für die Öffentlichkeitsarbeit gegen die illegalen Importe engagiert. Herr Slama ist heute unglaublich verbittert, weil er sehr erfolgreich gearbeitet hatte, aber im Regen stehen gelassen wurde, als die immuno anfing, sich mit Prozessen zu wehren. Die Prozesse wurden zu seiner Privatsache erklärt.
Warum?
Herr Slama sagte, er habe den Eindruck, dass die Pharmaindustrie beim WWF zu stark vertreten war.
Sie zeigen im Film Fernsehaufnahmen von einer immuno-Pressekonferenz in den 80er-Jahren. Zu den Teilnehmern gehört auch der HIV-Forscher Robert Gallo. Er sagt, er würde jeden, der die Versuche mit Schimpansen verhindern wolle, ins Gefängnis beziehungsweise in die Psychiatrie stecken ...
Für die Pharmaindustrie sind Versuche mit Schimpansen ein großartiger humaner Fortschritt. So müsse man nicht an Menschen experimentieren. Und genau das wurde ja tatsächlich praktiziert, nicht nur von den Nazis. In den USA wurden noch bis in die 50er Jahre medizinische Versuche mit Strafgefangenen gemacht. Das Argument wird jungen Wissenschaftlern sozusagen als Geländer gegen die eigenen Gewissensbisse angeboten. Im Umkehrschluss bedeutet das: Der Wissenschaftler spricht seinem tierischen Untersuchungsobjekt Sensibilität, Individualität und Würde ab, um es für seine Zwecke benutzen zu können. Darum auch die Anspielung auf den Nazi-Begriff "Untermensch" im Titel des Films.


Kommentare zu ""Schimpansen gucken zurück""
Immer noch -- immer mehr -- unglaublich wo + wer = moneymoneymoney !! Ob ein Elftes Gebot noch etwas nützen könnte? Falls da auch Christen beteiligt sind ?) ? Emse