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Obsoleszenz: Produzieren für die Tonne

Unverwüstliche Produkte waren gestern. Heute geben viele Geräte so schnell ihren Geist auf, wie sie neu gekauft sind. Absichtlich!, sagen Kritiker der Wegwerfgesellschaft - und mobilisieren Widerstand

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Woody Allen schrieb alle seine Drehbücher auf einer 40-Dollar-Schreibmaschine, die er sich mit 16 kaufte. Der Verkäufer habe ihm damals gesagt, die "Olympia de Luxe" werde ihn überleben, erzählt der Starregisseur in einer neuen Film-Dokumentation über sein Leben. Allen verweigert sich damit nicht nur der alles erfassenden Digitalisierung. Sondern auch einem Markt, der in den vergangenen Jahren förmlich explodiert ist. Immer größere Speicherkapazitäten und Rechenleistungen, immer neue Software und Kompatibilitätsprobleme haben den Produktzyklus dramatisch verkürzt. Während Allen wohl auch sein letztes Drehbuch auf seiner Olympia schreiben wird, beträgt die Nutzungsdauer eines heutigen Laptops durchschnittlich nur noch drei Jahre. Einer UN-Schätzung zufolge fallen weltweit jährlich zwischen 20 und 50 Millionen Tonnen Elektroschrott an.


Nachhaltigkeit geht anders: Elektrogeräte als Wegwerfware (Foto von: Ocean/Corbis)
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Nachhaltigkeit geht anders: Elektrogeräte als Wegwerfware

Desktop-PCs und Kühlschränke bilden nur die Spitze dieses Müllbergs. Längst ist die Klage über die Kurzlebigkeit vieler moderner Produkte ein Gemeinplatz. Im vergangenen Jahr griff die Filmdokumentation "Kaufen für die Müllhalde" das Thema auf. Mit einer brisanten These: Hersteller verkürzten die Lebensdauer ihrer Produkte sogar absichtlich, um die Nachfrage zu steigern. Nach der Logik: Was früher kaputt ist (und nicht oder nur für viel Geld repariert werden kann), muss schneller nachgekauft werden. Man nennt diese Strategie auch "geplante Obsoleszenz".

Dass der Verdacht nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt ein spektakulärer Fall. Im Jahr 1924 schlossen sich in einem Hinterzimmer die großen Glühlampenhersteller der Welt, darunter auch Philips und Osram, zum so genannten Phoebuskartell zusammen. Sie einigten sich vertraglich darauf, die Lebensdauer ihrer Lampen auf 1000 Stunden zu begrenzen. Überschreitungen wurden rigoros geahndet. Erst 1941 flog das illegale Kartell auf. Doch der Film nennt auch moderne Beispiele. Etwa einen Epson-Tintenstrahldrucker, der nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten mit einer Fehlermeldung den Dienst quittiert.


Den Film sah auch Stefan Schridde. Der Berliner Diplom-Betriebswirt beschloss, etwas zu tun. Über eine Bundestagspetition wollte er Hersteller per Gesetz zu längeren Gewährleistungszeiten verpflichten. Um die dafür notwendigen Unterstützer zu mobilisieren, fing er an, sich zu vernetzen, sammelte Erfahrungsberichte und Produktnamen und rief schließlich die Aktion "Murks? Nein danke!" ins Leben. Mit Erfolg: "Seit Februar dieses Jahres explodiert das Projekt förmlich", sagt Schridde. Seine Homepage hatte seither weit über eine Million Besucher, darunter viele Schüler und Studenten. Schridde bekommt Kooperationsanfragen von Universitäten und Unternehmen. Zurzeit bereitet er die Gründung eines gemeinnützigen Vereins vor. Und er sucht Räumlichkeiten für einen "Murks? Nein danke!"-Showroom, eine Murks-Galerie, wie er es nennt. Man müsse die Produkte und ihre eingebauten Schwachstellen einfach gesehen haben. Um das Problem besser fassen zu können.


Zehn Jahre für einen Euro

Schridde glaubt den Herstellern nicht, die behaupten, aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen zu sein, so zu produzieren, wie sie produzieren. Kondensatoren zum Beispiel: "Da wird an Bauteilen ein Cent gespart und dann behauptet, der Kunde sei nicht bereit, den Mehrpreis zu zahlen", sagt Schridde. Fast immer gehe es um irgendwelche Kleinteile. Dabei würde in den meisten Fällen eine Investition von einem Euro reichen, um etwa ein elektronisches Gerät fünf oder zehn Jahre länger haltbar zu machen. Der Anteil der Materialkosten belaufe sich je Produkt nur noch auf 20 oder 30 Prozent. "Da lässt sich an einer anderen Stelle bestimmt leicht der Euro einsparen, den man in die Langlebigkeit des Produkts investiert." Dass die Hersteller die Obsoleszenz einplanen, müsse man ihnen nicht nachweisen, glaubt Schridde. "Im Management ist alles geplant. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es ein völlig normaler Prozess im Rahmen von Qualitätssicherung in der Produktentwicklung, an einzelnen Bauteilen nachzufragen, ob sie die Qualitätskriterien erfüllen, die vom Kunden gefordert sind."



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Kommentare zu "Produzieren für die Tonne"

Gerwin Becker | 12.01.2013 07:33

Dieser Fakt nervt mich schon lange aus vielen Gründen. Daher wünsche ich mir eine gesetzliche Garantie, die ein Obsoleszenz-Verbot beinhaltet. Als Nachweis der Obsoleszenz soll eine statistische Erhebung zur Ausfallwahrscheinlichkeit genügen. Ein Verstoß soll die Ausdehnung der
Die Produktgarantie sollte automatisch ausgedehnt werden, wenn die Ausfallwahrscheinlichkeit nach Ablauf der ausgewiesenen Garantiezeit deutlich steigt. Bauteile, die einem außerordentlichen Verschleiß unterliegen, müssen von einem Laien unter Anleitung durch handelsübliche Produkte ersetzt werden können.
Das wäre doch eine Basis für EU-Norm die EU-Bürger erfreuen würde: Oder?
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Widder 49 | 22.07.2012 21:28

crocodile schreibt von einer Sandale: dazu möchte ich ein erfreuliches Gegenbeispiel einbringen, denn ein Hersteller, der es anders macht, sollte doch auch lobend erwähnt werden: Meine Trekkingsandalen Teva "terra fi" für ca. 100 Euro haben jetzt die Zeit überstanden, in der mir vorher 5 Paar für Preise um 25 - 45 Euro (teils noch von DM umgerechnet) unter den Füßen zerrisssen waren (entweder abgerissene Sohle oder herausgerissene Riemen). Die "terra fi" werde ich jetzt wegen zu starker Abnutzung nach 8 Jahren intensiver Benutzung auch erneuern müssen, aber es war nie zu befürchten, dass ich plötzlich im Gelände ohne Sohle unter den Füßen da stehe.

Also: es gibt lobenswerte Ausnahmen, und die sollten bei jeder passenden Gelegenheit hervorgehoben werden. Beitrag melden!

berthu | 20.07.2012 15:21

Mein alter Epson LQ-1170 würde noch funktionieren, wenn er halt auch mit Treibern versorgt würde. Der neue PX800FW hat ca 650Seiten gedruckt, dann Fehlermeldung und Stillstand 50€ für Tintenkissentausch, Farbkosten in 2 Jahren über 1000€. Folgt: totale Ablehnung von allen EPSON-Produkten! Ähnlich mit Software: das alte Framework V würde dem Büroalltag der meisten User genügen. DBase als Datenbank auch, Alles Tot-gemacht! Beitrag melden!

crocodile | 20.07.2012 12:59

Und ich hatte schon befürchtet, ich hätte mir das bei der "Sandale eines namhaften Herstellers" nur eingebildet. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass Preis und Lebensdauer in Antikorrelation standen. Beitrag melden!

Nala | 20.07.2012 11:35

Wie schrieb schon Aldous Huxley in "Brave New World": Ending is better than mending ...
Dann sind wir ja wohl in der "Schoenen neuen Welt" in diesem Punkt angekommen. Die anderen schaurigen Visionen dieses Buches werden nach und nach sicher auch kommen. Beitrag melden!

bibagodiva | 18.07.2012 22:08

Genau, dieser Artikel spricht mir aus der Seele!
Und ich bedanke mich für den Tipp betr. "Murks ? NEIN DANKE" , damit werde ich mich in Zukunft beschäftigen!
Früher hielt alles länger....ich selbst habe einen erstklassigen Plattenspieler mit Riemenantrieb von Sansui, der ist jetzt 26 J. alt und eine ca. ebenso alte Stereo-Anlage (Oberklasse), die immer noch für erstklassigen Musikgenuss, auch für die Nachbarn :-D , sorgt!
Ich gebe gerne Geld aus, aber dafür will ich dann auch Qualität, meine Arbeit war ja auch qualitätsvoll!
Also: alle gemeinsam gegen "Murks"! Beitrag melden!

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