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Lebensmittelproduktion: Massentierhaltung: Herzinfarkt auf dem Bauernhof

Weshalb 20 Hühner auf einem Quadratmeter leben müssen, Schweine zu Kannibalen werden. Und wie Großbetriebe es schaffen, 2,5 Millionen Vögel pro Woche zu schlachten

Text von Henning Engeln, Jana Hauschild und Rainer Harf

Einem Stück Fleisch im Kühlregal sieht man nicht an, wie das Tier, von dem es stammt, gewachsen ist. Unter welchen Bedingungen ein Huhn oder ein Schwein gehalten wurde, ob es frei herumlaufen konnte, ob es Schmerzen hatte, wie es getötet wurde: All das verraten ein abgepackter Schenkel oder eine tiefgekühlte Lende nicht.

Und doch lassen die Preise erahnen, dass es für einige Mäster extrem billig sein muss, ein Tier von der Geburt zur Schlachtreife zu bringen. Bei vielen Discountern etwa kostet ein Pfund Schweinehack weniger als ein Salatkopf aus der Region. Das ist nur möglich, weil unter den Produzenten ein äußerst harter Konkurrenzkampf tobt, den die Discounter für sich zu nutzen wissen (etliche Schweinemäster müssen ihre Tiere zurzeit sogar zu geringeren Preisen verkaufen - 1,55 Euro je Kilo Lebendgewicht -, als die Aufzucht an Kosten verursacht - 1,75 Euro je Kilo - nur um im Markt zu bleiben). Diese niedrigen Preise sind es, die etwas über das Leben der Tiere erzählen. Hinter ihnen verbirgt sich eine Hightech-Industrie, die einzig darauf ausgerichtet ist, möglichst viel Fleisch auf möglichst kleiner Fläche in möglichst kurzer Zeit zu produzieren.


Bis zu drei von hundert Hähnchen sterben in der Mast an plötzlichem Herzversagen (Foto von: picture alliance/Zoonar)
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Bis zu drei von hundert Hähnchen sterben in der Mast an plötzlichem Herzversagen

Fast alles Fleisch stammt aus Massentierhaltung

98 Prozent des heute in Deutschland verzehrten Fleisches stammt aus der Massentierhaltung. Dementsprechend führen fast alle zwölf Millionen Rinder, 27 Millionen Schweine und 114 Millionen Hühner, die bei uns Jahr für Jahr gehalten werden, ein kurzes, wenig artgerechtes Dasein.

So stehen in riesigen Ställen oft bis zu 5000 Schweine, dicht an dicht auf Betonspaltenboden ohne Einstreu, die Leiber von Kratz- und Beißspuren gezeichnet. Jedes Tier hat nur 0,75 Quadratmeter Platz - also kaum Möglichkeit, seine Neugier und seinen Spieltrieb zu befriedigen. Dabei kommt die Intelligenz von Schweinen der von Hunden gleich, und der Mangel an Auslauf und Beschäftigung frustriert sie, macht sie aggressiv.

Damit sich die Mastschweine vor Langeweile nicht gegenseitig in die Schwänze beißen und so Infektionen bekommen, wird ihnen kurz nach der Geburt der Schwanz (meist ohne Betäubung) bis auf einen Stummel abgeschnitten. Den Ferkeln werden auch die Zähne abgekniffen, damit die Muttersauen sie bereitwilliger saugen lassen. Junge Mastschweine neigen gar zu Kannibalismus: Hat sich ein Tier verletzt, kommt es vor, dass Artgenossen den Verwundeten auffressen.


20 Tiere auf einem Quadratmeter

Für die Sauen ist es noch schlimmer: Ein enger Gitterkäfig macht es ihnen unmöglich, sich umzudrehen. So wird verhindert, dass sie die Ferkel durch ihr Gewicht erdrücken. Auch in modernen Geflügelfarmen geht es eng zu: In manchen Hallen leben 40.000 Hühner, auf einem Quadratmeter drängen sich mehr als 20 Tiere. Die Vögel kennen weder frische Luft noch die Sonne, nur künstliches Licht, das in die fensterlosen Räume strahlt. Der echte Tag würde die Hühner vermutlich nur noch mehr unter Stress setzen: Versuche haben gezeigt, dass die hochgezüchteten Tiere auf einem Bauernhof schon nach wenigen Wochen an Herzinfarkt sterben.


Von fetten Hennen und armen Schweinen

Wie stark die Masthühner auf immer höhere Effizienz der Massenproduktion optimiert worden sind, zeigt auch ihr Wachstum. Vor 50 Jahren wurde ein Huhn nach zwei Monaten mit einem Gewicht von einem Kilogramm geschlachtet. Heute nimmt es fast dreimal so schnell an Masse zu: Ein Küken wiegt beim Schlüpfen etwa 42 Gramm, nach drei Tagen das Doppelte, nach einer Woche das Fünffache, im schlachtreifen Alter von 35 Tagen bereits rund 1,6 Kilogramm.

Schnelligkeit und Effizienz haben ihren Preis. Das Muskel- und Fettgewebe der Vögel wächst weitaus rascher als ihr Skelett. Die Knochen vieler Hühner deformieren unter der Last. Die derart gemästeten Tiere sind permanent gestresst, verwirrt, aggressiv. Damit sie sich nicht gegenseitig blutig picken, wird den Küken bereits kurz nach dem Schlüpfen mit heißem Infrarotlicht die Schnabelspitze abgeflämmt, ohne Betäubung.



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Kommentare zu "Massentierhaltung: Herzinfarkt auf dem Bauernhof"

Luigi Temporin | 19.12.2013 15:42

Ich frage mich, wer ist so pervers in eine Massentierhaltung zu arbeiten ???? Ich könnte es nicht,... für mich sind Tiere mittlerweile zu anzusehen wie Menschen......wie Menschen die WIR nicht verstehen wenn sie reden.... wie Menschen die keine Mathe können..... mein Sohn ist spastisch..... und benehmt sich genau so..... kann sich nicht richtig ausdrucken, kann keine Mathe.......UND ?????? Soll man deswegen zum Schlacht frei geben ????? Geht es sowas in eure Köpfe rein,....ihr Schlächter....ihr Fleischesser !!!! Beitrag melden!

M. Pülschen | 13.10.2012 21:37

Als ehemalige Direktvermarkterin von Geflügel-, Lamm- und Schweinefleisch musste ich feststellen, dass viele Verbraucher "gut" produziertes Fleisch von langsam in Kleingruppen gemästeten Tieren nicht kaufen, weil es häufig fetter und teurer ist als das schnell erzeugte. Der gute Wille ist zwar bei vielen vorhanden, aber an der Fleischtheke zählen dann doch der Preis und der Magerfleischanteil. Die Bedingungen der Erzeugung sind den meisten zwar klar, werden aber ausgeblendet. Den letzten Satz des Artikels kann ich anhand der über Jahrzehnte allgegenwärtigen Berichterstattungen in sämtlichen Medien nicht nachvollziehen. Beitrag melden!

Erwin F. Bieri | 12.10.2012 14:49

Leider müssen wir mit der Massentierhaltung leben. Die Ursache dieses Ph$nomens iist der ÜBERKONSUM der Fleischesser. Die Pharmaindustrie, die Ärzte sind nicht interessiert, den Fleischkonsum einzuschränken, denn Fleisch verspricht ihnen viel Arbeit. Die Folgen für die intensiven Fleischkonsumenten sind: GICHT RHEUMA ARTHROSE ARTHRITIS bis POLYARTHRITIS. Ferner erleidet praktisch jeder Zweite ein Dickdarmkarzinoml, dazu kommen noch weitere Belastungen, welche dem tierischen Eiweiss zuzuschreiben sind, das sind z.B. die Allergien (jeder Art) Nervenzerstörung durch Giftstoffe im Fleisch (im Alter Demenz) usw. Im weitern sind die Auswirkungen der Rindermast endlos. Wir haben ca. 1,3 Milliarden Rindviecher, die ehr CO2 erzeugen, wie die gesamte Automobilflotte auf der Welt, dazu noch die Gase deren Auswürfe. Für die Erzeugung eines Kilo Fleisches könnte man allein mit dem aufgewendeten Getreide mindestens 16 Personen ernähren. Ich glaube, es ist höchste Zeit umzudenken.
Erwin F. Bieri Beitrag melden!


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