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Lebensmittelproduktion: Die Macht der Lebensmittel-Giganten

Weshalb auf Plantagen Kinder arbeiten, wie wirtschaftliche Macht die Preise von Lebensmitteln diktiert - und welchen Einfluss Lobbyisten der Nahrungsmittelindustrie auf Gesetze nehmen

Text von Henning Engeln, Jana Hauschild und Rainer Harf

Im Durchschnitt konsumiert jeder Deutsche acht Kilo Schokolade pro Jahr. Doch wenn uns ein Stück davon im Mund zerschmilzt, denken wir nicht daran, wo es herkommt und wer es produziert hat. Wir verbinden damit keinen zehnjährigen Jungen, der in Westafrika Kakaofrüchte in schweren Säcken vom Feld geschleppt hat.

Tatsächlich arbeiteten im Jahr 2009 etwa 820.000 Kinder allein auf den Kakaofeldern der Elfenbeinküste, des weltweit größten Produzenten dieser Bohnen. Ein Viertel von ihnen schuftete härter, als es die UN-Menschenrechtskonvention erlaubt, schätzungsweise 12.000 verschleppte Kinder aus Mali und Burkina Faso sogar gegen ihren Willen, also als Sklaven. Von diesen Plantagen stammt mindestens jedes zweite Kilo Kakao, das in Deutschland verarbeitet wird. Und auch auf den Feldern in anderen Ländern sind es oftmals Kinder, die die Frucht pflücken.

Den Konzernen, die den Rohstoff kaufen, sind die Arbeitsbedingungen auf den Pflanzungen seit Langem bekannt. Doch Bestrebungen, nur fair erzeugten und gehandelten Kakao zu verwenden, blieben die Ausnahme. So konnte beispielsweise die Kakao-Lobby in den USA ein Gesetz verhindern, das die Ausbeutung und Zwangsarbeit von Minderjährigen beenden sollte.


Dickes Geschäft: Coca-Cola steht, wie Kellogg, Danone und andere Hersteller, bei Verbraucherschützern wegen der Angaben zur "empfohlenen Tageszufuhr" von Zucker in der Kritik (Foto von: Bloomberg /Kontributor/Getty Images)
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Dickes Geschäft: Coca-Cola steht, wie Kellogg, Danone und andere Hersteller, bei Verbraucherschützern wegen der Angaben zur "empfohlenen Tageszufuhr" von Zucker in der Kritik

237 Dollar für einen Monat Arbeit

Auch bei anderen Nahrungsmitteln - von Ananas bis Zwiebeln - werden Kinder bei der Ernte eingesetzt. Erwachsene Arbeiter müssen ebenfalls häufig unter unwürdigen Bedingungen und zu Hungerlöhnen arbeiten. In Ecuador etwa beträgt der monatliche Nettolohn eines Arbeiters auf einer Bananenplantage durchschnittlich 237 Dollar, das ist weniger als das vom Staat angegebene Existenzminimum einer Familie.


Während der "Kaffeekrise" Anfang des Jahrtausends fielen die Preise für Rohkaffee so stark, dass sie sogar unter den Produktionskosten lagen. Auslöser war eine Überflutung des Marktes durch Kaffee aus Vietnam. Allein in Südamerika mussten Tausende hoch verschuldete Pflanzer aufgeben, Hunderttausende Pflücker verloren ihren Job. Doch die Kaffeekonzerne machten weiterhin Gewinne - zunächst sogar besonders gute. Die Beispiele zeigen, dass die Nahrungsmittelindustrie eine knallharte Branche ist: ein Geschäftszweig zudem, in dem sich immer mehr wirtschaftliche Macht in der Hand von immer weniger Großkonzernen konzentriert. Der derzeit umsatzstärkste ist die Schweizer Firma Nestlé International, gefolgt von Kraft Foods aus den USA. Auch PepsiCo, Coca-Cola und Mars gehören zu den wichtigsten Firmen der Getränke- und Lebensmittelindustrie.

In Deutschland ist die Branche, die 2010 einen Umsatz von 106,6 Milliarden Euro machte, der viertgrößte Industriezweig überhaupt, und die Konzerne versuchen, ihre Interessen mit intensiver Lobbyarbeit durchzusetzen. Das ist ihnen kürzlich wieder einmal glänzend gelungen: bei der Verhinderung des sogenannten "Ampelsystems" zur Kennzeichnung von Lebensmitteln.

Seit 2008 arbeitete das Europäische Parlament an der Einführung einer Regelung, nach der Nährwertangaben künftig auf Lebensmittelkartons und -tüten aufzulisten seien. Denn bis heute gibt es in Europa keine einheitlichen Vorschriften zur Angabe von Kalorien-, Fett- und Kohlenhydratgehalt sowie anderen Nährwerten auf den Verpackungen. Verbraucherschützer schlugen daher ein simples System vor: Mithilfe der Ampelfarben Rot, Gelb und Grün sollte den Supermarktkunden signalisiert werden, ob ein Nahrungsmittel etwa zu viel Fett (rot) oder angemessene Kohlenhydratmengen (grün) enthält.



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Kommentare zu "Die Macht der Lebensmittel-Giganten"

Erwin F. Bieri | 22.09.2012 12:11

Zu den schäbigen Arbeitsbedingungen, zur Unterbezahlung und Ausnützung Minderjähriger kommt noch die Erfahrung hinzu, dass die Lebensmittel-Multi Ihre Kunden mit ihren isolierten Produkten eine ungeheure Gefahr diverser Krankheiten überziehen und nie dafür gerade stehen. MERKEN SIE SICH: ZUCKER UND AUSZUGMEHLE SIND DAS GRÖSSTE GIFT, das der Mensch vor ca 150 Jahren in die Welt setzte - das beste Zeugnis lässt sich in den übergewichtigen Menschen sehen.
Erwin F. Bieri, Mauren e.f.bieri@mac.com Beitrag melden!

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