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GEO Magazin Nr. 08/11 Seite 3 von 3

Die Wüste blüht

Die erste Grüne Wand im Freien entsteht 1991. Die besieht sich zwei Jahre später ein befreundeter Gartenarchitekt. Eric Ossart, einer der Organisatoren des Internationalen Gartenfestivals in Chaumont- sur-Loire, drängt Blanc, für die Schau 1994 einen vertikalen Garten anzulegen. Das anspruchsvollste Gartenfestival des Kontinents befasst sich weniger mit Geblümel als mit grünen Visionen. Chaumont verändert Blancs Leben. Architekten, Museumsdirektoren, Stadtplaner beauftragen den erfindungsreichen Botaniker mit der künstlerischen Ader; die Medien finden den Pflanzen-Guru mit grünen Haaren fabelhaft fotogen.


Dabei hatten die grünen Haare ursprünglich nichts mit Botanik zu tun. Und auch nichts mit dem Dichter Baudelaire, der sich aus Liebe zum Absinth die Haare grün färbte. Mit Liebe aber schon: "Als ich vor 25 Jahren den Mann meines Lebens traf, beschlossen wir aus Daffke, uns die Haare zu färben. Pascal nahm Blau, ich Grün. Pascal hatte es nach vier Wochen satt, ich bin dabei geblieben." Seine Fingernägel trägt Blanc übrigens schon seit dem zwölften Lebensjahr fünf Zentimeter lang. "Es ist eine Hommage an Edith Piaf", erklärt er, "und es gefällt mir zu entscheiden, wen oder was ich wirklich mit der Hand berühren will und wozu ich lieber Distanz halte."

Pascal Héni ist Musiker und als "Pascal of Bollywood", wie Blanc ihn vorstellt, "der wohl bekannteste Franzose in Indien". Denn Héni ist in Hindi und Bengali so perfekt, dass er eine rauschende Tournee durch Indien absolviert hat und sogar "La vie en rose" auf Hindi singen kann. Blanc wiederum gibt auf YouTube sein Lieblingslied "Nur nicht aus Liebe weinen" von Zarah Leander zum Besten.

Zwei Paradiesvögel, charmant, entwaffnend, symbiotisch: Der Troubadour begleitet den Wissenschaftler auf fast allen Reisen, der Botaniker schreibt dem Sänger Chansontexte: "Un peu de botanique" oder "Idylle chlorophyllienne".


Die Wüste blüht - mit Wasser aus der Klimaanlage

Wiedersehen in Singapur. Seit einigen Jahren sitzt Blanc auf einem sich immer schneller drehenden Kongress-Karussell. "Ökologie ist das Ornament des 21. Jahrhunderts", hat der Architekt Rem Koolhaas gesagt, und Stadtbegrünung ist eine Boombranche, die zwischen "bio" und Kunst am Bau oszilliert.

Zum Kongress "Skyrise Greenery" in Singapur sind 400 Teilnehmer aus 25 Nationen gekommen. Es geht um die Lage der zu schnell gewachsenen Millionenstädte, in denen kein Platz mehr ist für Parks. Die Bepflanzung von Hochhausdächern und Wolkenkratzer Fassaden scheint eine Lösung zu sein.

Die deutschen Tagungsteilnehmer, Ingenieure, Professoren, Koryphäen der Dachbegrünung, tragen mehrheitlich graue Kinnbärte zu grauen Anzügen und ökologisch bedingte Sorgenfalten im Gesicht. Blanc dagegen spurtet auf die Bühne wie ein Popstar; enge Jeans, spitze grüne Stiefel, Markenzeichen Hemd mit Blattmuster. Das Kontrastprogramm.

Anders als viele seiner Zunft wirft Doktor Blanc nicht mit Vokabeln wie Nachhaltigkeit, Ökologie, Klimaschutz um sich. Er öffnet per Diavortrag die Wundertüte seiner Kreationen. Führt das Publikum um die Welt - vom Einkaufszentrum in Bangkok bis zum Brüsseler Parlament. Erklärt, weshalb er höher hinauskann als die Konkurrenz: Bei seinem Patent wiegt ein Quadratmeter Pflanzmedium auch feucht nur drei Kilo; bei anderen Verfahren sind es mindestens 20.

Längst ist Blanc nicht mehr bloß der Mann für die Grüne Wand. Für seine beiden jüngsten Mammutprojekte - am Miami Art Museum von Herzog und de Meuron sowie in einem 65.000 Quadratmeter großen Einkaufszentrum in Dubai - geht er in die Horizontale: Die Entwurfsskizzen zeigen riesige hängende Gärten wie Pflanzenhimmel über den Fußgängerzonen. Skeptischen Ökologen erklärt Blanc, dass die blühenden Wolken in der Wüste ausschließlich mit recyceltem Wasser aus den Klimaanlagen beregnet werden. Er schließt mit den Worten: "Wenn Sie’s richtig machen, können Sie Natur überall einsetzen."

Wo immer möglich, verbindet der botanische Jetsetter die Arbeit auf Konferenzen mit seinem größten Vergnügen: Abstechern in den Dschungel. Im Stadtstaat Singapur gibt es den Sumpfwald Nee Soon im Naturreservat Bukit Timah, wo man Makaken, "fliegenden" Echsen und Baumschlangen begegnet.

Die Botanisiertrommel des modernen Biologen ist der Fotoapparat. Blanc klettert behende jenseits der Trampelpfade, watet ohne Bange vor Blutegeln bis zum Knie im Schlamm. Zupft hier ein kriechendes Pfeffergewächs vors Objektiv; dort einen anmutigen Drachenbaum, dessen Wildform nichts gemein hat mit der stocksteif gezüchteten Allerwelts-Topfpflanze. Verkündet mit Finderstolz Zungenbrecher: "Scindapsus pictus! Raphidophora korthalsii! Tacca integrifolia!"

Blancs Augenmerk gilt besonders den Pflanzen, die überhängend am Steilhang und auf kargem Grund wachsen - Idealbesetzung für seine Grünen Wände. Kürzlich hat er auf den Philippinen eine blaublättrige Begonienart gefunden, die nun als Begonia blancii in die Wissenschaftsliteratur eingegangen ist.

Wer durch Blancs prächtige Website browst und sieht, dass er fast jeden Monat irgendwo auf der Welt ein Pflanzen-Tableau erschafft, vermutet dahinter ein Großbüro. Doch der Mann ist Solist. Jeden Pflanzplan zeichnet er liebevoll von Hand. Zuvor hat er das verschönerungsbedürftige Objekt besichtigt und das Klima vor Ort geprüft. Dann geht er in seine Archive. Das eine besteht aus über 10.000 Bildern, die er auf Expeditionen gemacht hat. Das andere sitzt in seinem Kopf und kann wie auf Knopfdruck Tausende lateinischer Pflanzennamen für sonnige, frostige und tropische Lagen herunterrattern.

Mit diesen Daten fertigt er seine Skizzen. Charakteristisch für viele Entwürfe sind die dynamischen Diagonalen; nach zwei, drei Jahren sieht das Pflanz-Werk aus, als ob von rechts oben ein Füllhorn voller Blüten und Blätter ausgeschüttet worden wäre. Sogar kleinere Arbeiten zeigen 100 verschiedene Arten - auch, weil diese Biodiversität Pflanzenkrank heiten und Schädlinge in Schach hält.

Keine Arbeit ähnelt der anderen. Denn Blanc stellt stets einen engen Bezug zum Gebäude her: Der vertikale Garten am Museum Caixa Forum in Madrid reflektiert mit seinen rostroten Driften den modernen Würfel aus rostigem Metall.

In Kanazawa hat er in der Nähe des Museums für zeitgenössische Kunst Samen von Wildkräutern gesammelt und als Gegenpol zur importierten Flora gepflanzt - so edel präsentiert, erkannten die Japaner ihre eigenen Unkräuter nicht wieder. Und für eine Kochbuch Autorin in der Bretagne tackerte Blanc einen Garten aus Küchenkräutern an die Wand.

In Deutschland hat Blanc erst in kleinem Stil gearbeitet - am Berliner Kaufhaus Galeries Lafayette und in der Hypovereinsbank München. Das ändert sich gerade. Matthias Jenny, der Direktor des Palmengartens in Frankfurt am Main, hat Gewaltiges vor mit Blanc: Er möchte ihn den längsten vertikalen Garten der Welt anlegen lassen. Eine 600 Meter lange Einfriedung um den Palmengarten, innen und außen begrünt mit Pflanzenbildern. Das erste Stück, eine geschwungene, drei bis fünf Meter hohe Mauer an der Miquelallee, soll in diesem Sommer entstehen. Ein Leuchtturm Projekt für Frankfurts Bewerbung als "Grüne Hauptstadt Europas" im Jahr 2015.

Warum ist man sich in Frankfurt einig, dass nur Patrick Blanc für das botanische Jahrhundertwerk infrage kommt? Warum nicht einer aus der ins Kraut schießenden Konkurrenz, die inzwischen überall Pflanzenwände für Büros und Bausünden errichtet? Matthias Jenny, selber Botaniker, sagt: "Weil man bei Blanc spürt, dass er Pflanzen nicht als Dekoration benutzt. Sondern sie versteht."



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