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3. Global Soil Week: "Wir bräuchten eine zweite Erde"

Die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen verlangen zu viel von den Böden, sagt Alexander Müller, kommissarischer Geschäftsführer des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS). Und fordert ein anderes Wirtschaften

Interview:

Alexander Müller ist Bodenexperte und kommissarischer Generalsekretär am IASS
 (Foto von: IASS/Jeske)
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Alexander Müller ist Bodenexperte und kommissarischer Generalsekretär am IASS

GEO.de: Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) der Vereinten Nationen, die die Milleniumsziele ablösen sollen, sind noch gar nicht fertig verhandelt, da haben Sie schon Einwände. Welche?

Alexander Müller: Mit den Entwicklungszielen sollen zum Beispiel die Ausrottung des Hungers, die Beendigung der Armut, die Sicherung der Ökosysteme und die Bekämpfung des Klimawandels unter einen Hut gebracht werden. Dabei spielen Böden eine ganz zentrale Rolle. Viele dieser Ziele werden aber nur erreicht werden können, wenn wir unsere Bodenwirtschaft nachhaltig verändern. Im Augenblick verlieren wir weltweit jedes Jahr allein durch Erosion rund 24 Milliarden Tonnen Böden. Und in Deutschland versiegeln wir jeden Tag 70 Hektar Boden. Darum haben wir im Vorfeld der Konferenz gesagt, dass ein business as usual in der Bodenbewirtschaftung das Erreichen der SDGs gefährdet. Das ist unser Warnruf.


Was ist Ihre Kernforderung?

Zum einen muss es nach der Verabschiedung der SDGs in allen Mitgliedstaaten der UN klare Implementierungsstrategien für die Nachhaltigkeit geben. Dort müssen dann Böden, Wasser und andere natürliche Ressourcen integriert betrachtet werden. Es reicht nicht, zu fordern, der Boden müsse mehr Lebensmittel und Biomasse produzieren, mehr für den Naturschutz zur Verfügung stehen oder mehr Kohlenstoff speichern, und außerdem bräuchten wir mehr Wald. Um all das zu leisten, wäre ein zweiter Planet Erde nötig. Das ist das Ergebnis einer Vorstudie (PDF), die wir gemacht haben. Nur eine integrierte Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen kann den Erfolg der Nachhaltigkeitsziele unterstützen.



Wir Europäer beanspruchen für unseren Konsum große Flächen außerhalb der EU. Wie muss die Politik reagieren?

Ein Beispiel: In Regionen mit intensiver Tiermast, wie in Niedersachsen, werden Millionen Tonnen Sojabohnen importiert, um Schweine zu züchten, deren Fleisch wiederum exportiert wird. Was bleibt, ist die Gülle, die auf den Feldern in Niedersachsen ausgebracht wird. Dort haben wir dann eine erhöhte Belastung des Grundwassers. Das heißt, durch die globale Verflechtung stören wir den Nährstoffkreislauf. In Ländern wie Argentinien und Brasilien, aus denen die Sojabohnen stammen, fehlen die Nährstoffe im Boden, und in Deutschland haben wir ein Überangebot. Das muss im Rahmen der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele geändert werden.


Dürre in Frankreich (2011): Emissionen aus der Landwirtschaft tragen zum Klimawandel bei. Und die Landwirtschaft leidet unter dem Klimawandel (Foto von: Mouillaud Richard/LE PROGRES/Maxppp)
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Dürre in Frankreich (2011): Emissionen aus der Landwirtschaft tragen zum Klimawandel bei. Und die Landwirtschaft leidet unter dem Klimawandel

Was kann jeder Einzelne tun?

Wir wissen, dass weltweit 30 Prozent aller produzierten Lebensmittel weggeworfen werden. Damit werden natürlich auch ein Drittel aller Flächen, die bewirtschaftet werden, für die Produktion von Lebensmittelabfällen verwendet. Wenn man alle Lebensmittelabfälle dieser Welt zusammenzieht und die damit verbundenen CO2-Emissionen betrachtet, dann wären Lebensmittelabfälle nach China und den USA der drittgrößte Verursacher von klimaschädlichen Gasen weltweit. Wenn wir weniger Lebensmittel wegwerfen, bewusster mit der Ernährung umgehen, auch mal auf Fleisch verzichten, dann tragen wir ganz unmittelbar dazu bei, den Druck auf die natürlichen Ressourcen zu verringern.

Ulrich von Weizsäcker sprach von einem "Verteilungsproblem". Die Reichen müssten etwas abgeben, sonst bleibe es ungerecht ...

Er formuliert sehr pointiert. Aber er hat auf ein Problem hingewiesen, das wir auf der Global Soil Week auch diskutiert haben: Wenn wir die Bewirtschaftung der Böden und des Wassers nicht verändern, dann werden wir Verteilungskonflikte bekommen, die entweder in Migration enden, oder die dazu führen, dass in Regionen, in denen Land und Wasser knapp ist, die Armut und der Hunger noch größer werden.

Ihre persönliche Quintessenz der 13. Global Soil Week?

Die Global Soil Week ist weltweit das einzige Forum, auf dem alle Aspekte der nachhaltigen Bewirtschaftung von Böden diskutiert werden. Wir bringen Bodenwissenschaftler mit Menschenrechtlern zusammen, es berichten Aktivisten über ihre Arbeit in Entwicklungsländern, und wir erarbeiten neue wissenschaftliche Fragestellungen und Lösungsansätze. Die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele muss verbunden werden mit einer neuen Ära der globalen Kooperation. Die Global Soil Week findet zu einer Zeit statt, in der sich furchtbare Tragödien im Mittelmeer ereignen, Hunderte von Flüchtlingen sind in den letzten Tagen ums Leben gekommen. Es ist eine zentrale Aufgabe, allen Menschen das Recht auf Nahrung und Entwicklung zu garantieren. Dafür ist eine nachhaltige Bodenbewirtschaftung eine grundlegende Voraussetzung.



Mehr zu den Themen: Global Soil Week, Boden, Landnutzung

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