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Erziehungsstile: Interview: Mit Gelassenheit erziehen!

Kinder lernen vor allem am elterlichen Vorbild, sagt der Familientherapeut Jesper Juul. Von Erziehungsprogrammen hält er daher nichts - wohl aber viel von einer Beziehung auf Augenhöhe

Interview: Claus Peter Simon

GEO WISSEN: Herr Juul, viele Eltern sind heute unsicher, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Weshalb ist das so?

Jesper Juul: Das liegt vor allem daran, dass wir heute aus guten Gründen erzieherisch von den Wegen unserer Eltern und Großeltern abweichen, und damit von den lange gültigen Annahmen über eine richtige Erziehung. Wenn wir uns aber dafür entscheiden, neue Wege zu gehen, sind allein wir verantwortlich für das Gelingen. Daher haben wir ständig Angst, Fehler zu machen.


Familientherapeut Jesper Juul hält nichts von Erziehungsprogrammen (Foto von: Franz Bischof)
© Franz Bischof
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Familientherapeut Jesper Juul hält nichts von Erziehungsprogrammen

Eine berechtigte Angst?

Grundsätzlich sehe ich es positiv, verunsichert zu sein. Denn nur dann sucht man nach neuen Informationen, tritt mit anderen in Dialog, kann an seiner Aufgabe wachsen. Jene Kinder, die ernsthafte Probleme in ihrer Entwicklung haben, kommen meist aus Familien, in denen noch immer die alten Rezepte Anwendung finden. In denen sich die Eltern immer sehr sicher sind, alles richtig zu machen, in denen vor allem Disziplin, Ordnung und Respekt zählen.


Was ist daran falsch?

Die Kinder zahlen einen hohen Preis dafür. Sie werden zum Objekt von Erziehung. Sie respektieren nicht die Eltern als Menschen, sondern nur deren künstliche Autorität als Erzieher.


Sie sagen, dass Erziehung einen "schlechten" Einfluss auf Kinder hat.

Es herrschte lange Zeit die Vorstellung, dass Erziehung vor allem dadurch stattfindet, dass Erwachsene ständig auf Kinder einreden, sie korrigieren und maßregeln. Wenn aber Eltern zu sehr eine solche Rolle übernehmen und bestimmte Erziehungskonzepte anwenden, von denen sie hoffen, dass sie wirksam sind, dann bemerken Kinder das sehr schnell. Sie stellen fest, dass ihre Eltern nicht authentisch sind, und verlieren das Gefühl der Nähe zu ihnen.


Wie können Eltern es besser machen?

Sie müssen begreifen, dass 90 Prozent der Erziehung dadurch geschieht, dass Kinder sich intuitiv an Vater und Mutter orientieren: Sie findet gewissermaßen zwischen den Zeilen statt – dadurch, wie die Eltern miteinander umgehen, mit den Nachbarn, den eigenen Eltern, wie sie streiten, essen, wie sie lieben. Erziehung ist letztlich wie Osmose, sie geht durch die Haut.


Was ist für Sie das Ziel von Erziehung?

Die zentrale Frage für Eltern sollte nicht sein: Wie kann ich mein Kind endlich dazu bewegen, Hausaufgaben zu machen? Sondern die Frage: Was für ein Mensch soll aus ihm werden? Wen sehe ich vor mir, wenn er oder sie 25 ist? Und was sind die sozialen und lebenspraktischen Fähigkeiten, die mein Kind dann haben sollte? Das alles ist nicht Folge eines Erziehungsprogramms, sondern des Zusammenlebens in der Familie. Und die entwickelt sich am besten, wenn alle voneinander lernen, statt sich ständig zu belehren.


Klingt gut, aber was kann ich dafür tun, dass mein Kind diesen Weg einschlägt? Gibt es goldene Regeln?

Einige schon: Nutze deine Intelligenz, Neugier und Empathie, um dein Kind in den ersten drei Jahren seines Lebens kennenzulernen. Verbringe so viel Zeit wie möglich mit ihm; wir sollten die Erziehung nicht schon mit sechs oder zwölf Monaten Institutionen überlassen, etwa den Erzieherinnen im Hort. Wenn du nicht weiterweißt, frag dein Kind um Hilfe und Inspiration - kommuniziert miteinander! Achte auf die Botschaften deines Kindes, nicht nur auf das, was es sagt, und nimm das ernst. Gewinne Klarheit über dich selbst und versuche, du selbst zu sein, denn das hilft nicht nur in der Beziehung zum Kind, sondern in allen Beziehungen.


Das klingt sehr ambitioniert - aber auch so, als ob sich alle Aufmerksamkeit auf das Kind richten sollte. Überfordert das nicht?

Dass Eltern Ambitionen für ihren Nachwuchs haben, ist zunächst einmal gut. Ein Kind darf aber nicht zu einem Projekt werden, das man erfolgreich abschließen will. Kinder merken dann, dass nicht sie als Person im Zentrum des Interesses stehen. Das kann ein schlechtes Selbstwertgefühl mit sich bringen, denn das Ich des Kindes kann sich nicht losgelöst von den Ansprüchen und Erwartungen der Eltern entwickeln. Ein Kind braucht auch keine ständige Aufmerksamkeit, keines steht gern permanent im Mittelpunkt des Interesses, ein Kind braucht vor allem Beziehung. Es will am Leben der Eltern teilhaben. Daher ist es für die besser, mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Handeln zu richten und weniger auf das Kind.


Strafen und Belohnungen sollten in der Erziehung meist vermieden werden, sagen Sie. Was ist so schlecht daran?

Beides ist manipulativ und sendet eine ebenso deutliche wie destruktive Botschaft an das Kind: Du bist nur ein gutes Kind, wenn du uns glücklich machst, wenn du dich durch Strafe und Belohnung dirigieren lässt. Stellen Sie sich vor, ein Mann würde seine Frau jedes Mal belohnen, wenn sie etwas richtig macht. Das wäre keine Nähe-Beziehung, sondern eher ein Verhältnis wie zwischen Chef und Untergebenem.


Aber müssen Eltern in einem Konflikt nicht klare Ansagen machen?

Sie müssen sich vor allem auf Augenhöhe mit dem Kind begeben. Dafür gibt es eine Übung, die ich oft mit Eltern mache: Sie sollen sich vorstellen, dass sie die Auseinandersetzung, die sie mit ihrer achtjährigen Tochter führen, mit einem erwachsenen Freund haben. So wie sie sich auf den einlassen, so sollten sie sich auch auf ihr Kind einlassen. Manche Eltern haben noch nie an eine solche Möglichkeit gedacht, also daran, im Wortsinne "freund"-lich zu ihrem Kind zu sein. Oder wie ich es nenne: "gleichwürdig". Also auch hier wieder: Beziehung statt Erziehung.


Das gesamte Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN "Wie Erziehung gelingt".


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