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Größenwahn durch Youtube Video-Clips führen zur Selbstüberschätzung – besonders Männer scheinen anfällig

Flugzeug Cockpit
Die Teilnehmenden der Studie waren übermäßig zuversichtlich, ein Flugzeug selbst landen zu können
© Kawee / Adobe Stock
Fahrrad reparieren, Gartenteich anlegen oder komplizierte Gerichte kochen - das Internet ist voll mit Videos, die bei entsprechenden Vorhaben helfen wollen. Aber können sie das Landen eines Flugzeugs erleichtern? Zumindest erhöhen sie den Glauben daran

Nach dem Anschauen eines kurzen Videos von einem Landeanflug wächst bei Menschen die Überzeugung, selbst ein Flugzeug zu Boden bringen zu können. Das ist das Ergebnis eines psychologischen Experiments neuseeländischer Forscher. Wieso das bloße Anschauen eines vierminütigen Videos, das aus Sicht eines Piloten völlig unbrauchbar zum Fliegenlernen ist, zu einer derartigen Selbstüberschätzung führt, können die Forschenden nicht genau sagenMöglicherweise erleichtere das Filmchen den Menschen, sich selbst in der Rolle eines Piloten zu sehen, was dann zu einer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten führe, schreiben sie im Fachmagazin "Open Science" der britischen Royal Society.

Selbstüberschätzung sei nicht zwangsläufig etwas Schlechtes, führen die Wissenschaftler um Maryanne Garry von der University of Waikato (Neuseeland) aus. Ein positives Selbstbild könne Menschen zum Beispiel dazu bringen, eher die möglichen Vor- als die Nachteile einer Handlung zu sehen und diese dann engagierter zu verfolgen. 

Bei manchen Menschen sei die Selbstüberschätzung tief in der Persönlichkeit verwurzelt. Lange bekannt ist etwa der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt. Er beschreibt, dass Menschen, gerade wenn sie wenig von einer Sache verstehen, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten überschätzen. Sie seien schlicht nicht dazu in der Lage, realistisch auf sich und ihr Können zu schauen.

Männer sind besonders anfällig für Selbstüberschätzung

Ergebnisse von Umfragen hätten gezeigt, dass Menschen tatsächlich bemerkenswert daneben liegen können, wenn es um die Beurteilung ihrer eigenen Fähigkeiten - und deren Grenzen - gehe, so die Forschenden weiter. Männer seien dafür besonders anfällig. So seien in einer Umfrage mehr Männer als Frauen davon überzeugt gewesen, jedes Tier in einem Kampf besiegen zu können, darunter Bären, Adler und Königskobras, deren Bisse für den Menschen meist tödlich sind. 

Bilder und Videos können Studien zufolge den Glauben an die eigenen Fähigkeiten stärken, führen die Wissenschaftler weiter aus. So meinten Studenten etwa, den Klimawandel besser zu verstehen, wenn sie einen Text darüber gelesen hatten, der mit einem Bild kombiniert war - selbst wenn keinerlei Informationen in diesem Bild steckten. 

Das Team um Garry untersuchte diesen Effekt nun genauer. Sie baten insgesamt knapp 800 Probanden sich vorzustellen, an Bord eines Kleinflugzeugs plötzlich die einzige Person zu sein, die das Flugzeug landen kann, weil der Pilot infolge eines Notfalls ausgefallen ist. 

Die Hälfte der Probanden bekam anschließend ein Video aus dem Cockpit zu sehen, das aus der Perspektive eines Piloten bei der Landung aufgenommen war. Es hatte keinen Ton und die Sicht auf die Steuerungsinstrumente war weitgehend verdeckt. Ein erfahrener Pilot bezeichnet das Video als "100 Prozent wertlos" für das Lernen eines Landemanövers.

Alle Probanden bekamen dann eine Reihe von Fragen gestellt, darunter "Wie zuversichtlich sind sie, dass Flugzeug landen zu können, ohne dabei zu sterben?" und "Wie zuversichtlich sind sie, dass Flugzeug so gut wie ein Pilot landen zu können?". Die Probanden konnten ihre Einschätzung auf einer Skala von "0 - überhaupt nicht zuversichtlich" bis "100 - total zuversichtlich" einordnen. 

"Die Aufgabe, die von den Menschen verlangt wird, ist nahezu unmöglich, wenn sie nicht entsprechend ausgebildet sind", erläutert Studienleiterin Maryanne Garry das Setting des Experiments. Jede Einordnung, die auf der Skala über dem Wert 0 liegt gleicht damit im Grunde einer Selbstüberschätzung - und der erlagen viele Probanden. "Tatsächlich waren sowohl die Teilnehmer der Gruppe, die das kurze, wenig hilfreiche Video sahen, als auch die, die es nicht sahen, im Durchschnitt übermäßig zuversichtlich", berichtet Garry. 

Video macht Selbstüberschätzung noch schlimmer

Was die Forscher aber vor allem interessierte, war die Wirkung des Videos. Und es zeigte sich, dass dieses die Selbstüberschätzung noch schlimmer machte. Die Forscher errechneten, dass die ohnehin unangebrachte Zuversicht in der Gruppe der Videogucker um rund 9 Prozent größer war. Diese Effektgröße liege in dem Bereich, der auch in ähnlichen Untersuchungen gezeigt worden sei.

"Tatsache ist, dass Menschen ziemlich häufig Darstellungen von geschicktem Verhalten ausgesetzt sind", sagt Garry. "Wir denken, dass eine Verschiebung von 9 Prozent nach dem Betrachten einer einzigen kurzen Präsentation bedenklich sind." Es sei durchaus möglich, dass sich die Selbstüberschätzung bei wiederholtem Anschauen noch verstärke.

Womöglich rege das Video die Vorstellungskraft der Betrachter an, so dass sie sich selbst leichter in der Rolle eines Piloten sehen können - samt dessen Fähigkeiten, spekulieren die Wissenschaftler. Dieser Zusammenhang sei aber nicht belegt. Unklar sei bisher auch, welche Aspekte des Videos die Selbstsicherheit der Betrachter aufgeblasen habe. Die gezeigte Landung sei ruhig verlaufen. Ein problematisches Manöver hätte die Betrachter möglicherweise zu einer anderen Selbsteinschätzung geführt. Außerdem habe es in dem Video keine konkreten Handlungsanweisungen gegeben - hätte der Pilot Schritt für Schritt alle nötigen Handlungen des komplexen Manövers erläutert, könnte dies ebenfalls eine realistischere Einschätzung zur Folge haben.

Anja Garms, dpa

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