Körperkraft Doch nicht so unfair? Studie zu trans Personen im Sport widerspricht Vorurteilen

  • von Jonas Filip Lüth
Der Sieg der jungen Schwimmerin Lia Thomas bei den US-College-Meisterschaften 2022 löste eine globale Debatte über trans Personen im Frauensport aus
Der Sieg der jungen Schwimmerin Lia Thomas bei den US-College-Meisterschaften 2022 löste eine globale Debatte über trans Personen im Frauensport aus
© Donald Miralle / Sports Illustrated / Getty Images
Wenn trans Personen an Sportwettbewerben teilnehmen, wittern viele Ungerechtigkeit. Die Forschung liefert überraschende Einsichten

Fällt das Wort Transgender im Zusammenhang mit Leistungssport, kochen die Emotionen hoch. Trans Frauen – also Frauen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden – wird nachgesagt, sie hätten im Frauensport einen klaren Wettbewerbsvorteil: mehr Muskelmasse, höhere Athletik, größere Ausdauer. Vom Blick auf den Körperbau mancher trans Athletinnen schließen viele, diese gehörten nicht in den Frauensport.

Eine Studie, die im "British Journal of Sports Medicine" erschienen ist, stellt diese Gewissheit nun infrage. 

Das Team um den Physiologen Bruno Gualano von der Universität São Paolo hat 52 Forschungsarbeiten analysiert, die die körperliche Fitness und medizinische Werte von trans Personen untersuchten und mit der von Cis-Personen verglichen. Cis-Personen sind Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde – also diejenigen, die in Frauen- oder Männerwettbewerben als Norm gelten.

Trans Frauen sind nicht zwingend leistungsfähiger

Zum Zeitpunkt der Untersuchungen hatten die meisten trans Versuchspersonen die geschlechtsangleichende Hormontherapie vor ein bis drei Jahren begonnen. Überraschenderweise zeigte sich: Ihre Leistungsfähigkeit war im Schnitt nicht höher als die von Cis-Frauen. Körperfettanteil und Herz-Kreislauf-Leistung lagen auf vergleichbarem Niveau.

Im Sport, so will man meinen, zählen vor allem die Muskeln. Tatsächlich haben trans Frauen davon auch nach der Hormontherapie im Schnitt mehr als Cis-Frauen. Doch – und das ist die besondere Erkenntnis der neuen Studie – eine höhere Muskelmasse bedeutet nicht automatisch größere Kraft. Die reine Masse ist nicht gleichbedeutend mit der Qualität der Muskulatur; die maximale Sauerstoffaufnahme hängt ebenfalls nicht davon ab. Oft täuscht der Blick auf den prallen Bizeps.

Trainingshistorie und Fettverteilung etwa entscheiden häufig mehr darüber, wie athletisch, schnell und stark der Körper ist. Und auch die reibungslose Zusammenarbeit von Muskeln, Gehirn und Nervensystem – die neuromuskuläre Effizienz – ist auf der Körperoberfläche unsichtbar.

Schiere Muskelmasse kann trans Frauen in Sportarten wie Klettern oder Radfahren sogar zum Nachteil geraten, wenn das Gewebe durch die Transition an Effizienz verliert und zum Ballast wird. 

"Die Tatsache, dass trans Frauen in Kraft und Ausdauer ähnliche Leistungen wie Cis-Frauen zeigen, widerspricht der Annahme, dass sportliche Vorteile allein auf der geschlechtsangleichenden Hormontherapie oder verbleibenden Unterschieden in der Muskelmasse beruhen", erklären die Autor*innen der Studie in einer Stellungnahme.

Vorläufige Ergebnisse

Wichtig ist ihnen aber zu betonen, dass es sich um vorläufige Ergebnisse handelt, die lediglich eine Richtung vorgeben. Denn oft sei der Untersuchungszeitraum zu kurz gewesen, um allgemeingültige Aussagen zu treffen. Zudem fehlten Daten von Eliteathlet*innen; Faktoren wie Training, Ernährung oder körperliche Voraussetzungen seien uneinheitlich erfasst worden, und viele Studien deckten nur begrenzte Sportarten und Leistungsniveaus ab. Die Forschung hat also noch einen langen Weg vor sich, bevor valide Aussagen getroffen werden können.

Eine pauschale Verbannung von trans Frauen aus dem Frauensport sei auf Basis der Studie aber das falsche Signal, meinen die Autor*innen. Vielmehr sollten Regeln an die jeweilige Sportart angepasst und Erkenntnisse aus der Wissenschaft einbezogen werden. 

Ob solche Plädoyers die nächste Welle der Empörung mildern können, bleibt abzuwarten.