Tagträume Was sexuelle Fantasien über die Persönlichkeit verraten

Eine junge Frau liegt verträumt auf ihrem Bett
Wenn Gedanken abschweifen, hat das manchmal mit der Stimmung zu tun: In einer Studie fantasierten Menschen mit stärkerer negativer Emotionalität besonders häufig über Sex
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Offene, fantasievolle Menschen haben die lebhaftesten Sexfantasien? Eine Untersuchung mit mehr als 5000 Teilnehmenden legt nahe: Entscheidend sind eher ganz andere Charakterzüge

Kaum jemand spricht offen darüber, und doch gehören sie zum inneren Alltag vieler Menschen: sexuelle Fantasien. Sie tauchen auf wie kurze Tagträume, manchmal flüchtig, manchmal überraschend detailliert. Psychologinnen und Psychologen wissen inzwischen, dass solche Gedanken keineswegs ungewöhnlich sind. Umfragen zufolge berichten rund neun von zehn Erwachsenen, irgendwann erotische Fantasien zu haben.

Doch wer fantasiert besonders häufig – und warum? Ein Forschungsteam der Michigan State University hat diese Frage nun systematisch untersucht. Die Analyse zeigt: Wie oft Menschen erotische Szenarien im Kopf durchspielen, hängt messbar mit ihrer Persönlichkeit zusammen.

Vier typische Formen erotischer Fantasie

In der Sexualforschung werden Fantasien meist nach ihren Inhalten unterschieden. Häufig lassen sie sich vier Bereichen zuordnen: explorative Fantasien über neue oder ungewöhnliche sexuelle Erfahrungen, romantisch-intime Szenarien mit emotionaler Nähe, unpersönliche Situationen etwa beim Beobachten anderer, sowie Fantasien mit sadomasochistischen Elementen oder Machtspielen.

Solche Vorstellungen sind keineswegs nur Randphänomene. Viele Studien legen nahe, dass sie sogar positive Funktionen erfüllen können, etwa für die Zufriedenheit in Beziehungen oder für das persönliche Wohlbefinden. Trotzdem wurde lange vor allem untersucht, ob Fantasien mit problematischem Verhalten zusammenhängen. Welche Rolle normale Persönlichkeitsunterschiede dabei spielen, blieb dagegen erstaunlich wenig erforscht.

Mehr als 5000 Menschen befragt

Für ihre Untersuchung werteten die Forschenden die Daten von 5225 Erwachsenen aus den USA aus. Die Teilnehmenden beantworteten online zwei standardisierte Fragebögen: einen zu Persönlichkeitseigenschaften nach dem etablierten Big-Five-Modell und einen zu Häufigkeit und Art sexueller Fantasien.

Die Big Five beschreiben fünf grundlegende Dimensionen der Persönlichkeit: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, negative Emotionalität (auch Neurotizismus genannt) und Offenheit für Erfahrungen. Das Ergebnis zeigte ein klares Muster. Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit berichteten insgesamt seltener von sexuellen Fantasien – unabhängig davon, ob es sich um romantische, experimentelle oder sadomasochistische Szenarien handelte.

Die Rolle von Verantwortung und Respekt

Ein genauerer Blick auf die Unterdimensionen der Persönlichkeit half, diese Zusammenhänge zu erklären. Besonders zwei Facetten schienen entscheidend zu sein: Verantwortungsbewusstsein und Respekt gegenüber anderen. Personen, die in diesen Eigenschaften hohe Werte erreichten, fantasierten im Durchschnitt seltener über Sex.

Die Forschenden vermuten, dass solche Menschen stärker dazu neigen, gesellschaftliche Normen zu beachten und ihr Verhalten moralisch zu reflektieren. Sexuelle Gedanken könnten daher schneller verworfen oder gar nicht erst zugelassen werden.

Wenn negative Gefühle Fantasien befeuern

Das gegenteilige Muster zeigte sich bei Menschen mit hoher negativer Emotionalität. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei einer Facette dieser Persönlichkeitseigenschaft: einer ausgeprägten depressiven Grundstimmung. Teilnehmer mit solchen Tendenzen berichteten häufiger von sexuellen Fantasien – über alle Kategorien hinweg.

Warum das so ist, bleibt offen. Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden darin, dass Fantasien als eine Form der Emotionsregulation dienen könnten. Menschen mit stärkerer Neigung zu Grübeln oder negativen Gefühlen greifen möglicherweise häufiger auf imaginierte Szenarien zurück, um ihre Stimmung zu verändern oder angenehme Gedanken zu erzeugen.

Überraschend wenig Zusammenhang zeigte sich hingegen bei zwei anderen Persönlichkeitseigenschaften. Weder Extraversion noch Offenheit für neue Erfahrungen standen in der Analyse deutlich mit der Häufigkeit sexueller Fantasien in Verbindung.

Gerade bei Offenheit hätte man das Gegenteil erwarten können: Menschen, die neugierig und fantasievoll sind, neigen auch sonst zu lebhaften inneren Bildern. In dieser Studie ließ sich ein solcher Effekt jedoch kaum nachweisen.

Fantasien sind so vielfältig wie Menschen

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die gefundenen Zusammenhänge insgesamt eher klein ausfielen. Persönlichkeit allein erklärt also nur einen Teil der Unterschiede darin, wie oft Menschen erotische Tagträume haben. Dennoch liefern die Ergebnisse einen wichtigen Hinweis: Sexuelle Fantasien sind kein einheitliches Phänomen. Sie entstehen aus einem Zusammenspiel individueller Erfahrungen, emotionaler Zustände und persönlicher Eigenschaften.

Gerade deshalb plädieren die Forschenden dafür, das Thema weniger stigmatisiert zu betrachten. Ein besseres Verständnis solcher Unterschiede könne helfen, in Psychologie, Therapie oder Sexualpädagogik offener über sexuelle Gedanken zu sprechen – und sie als normalen Bestandteil menschlicher Erfahrung zu begreifen.