Hormone Fluch oder Segen? Wie Testosteron auf Körper und Geist wirkt

Hormone: Fluch oder Segen? Wie Testosteron auf Körper und Geist wirkt
Video: GEO
Die einen feiern Testosteron als Hormon der Macher, die andern verteufeln es als Destillat toxischer Männlichkeit. Im Video schauen wir auf die Biologie hinter dem Mythos

Wir neigen dazu, die chemischen Botenstoffe in unserem Körper mit einem Label zu versehen und ihre vielschichtigen Aufgaben fortan auf ein simples Schlagwort zu reduzieren. Alle kennen das Kuschelhormon Oxytocin, das Glückshormon Serotonin oder das Schlafhormon Melatonin. Testosteron gilt als "Männlichkeitshormon" – und besitzt als solches einen zwiespältigen Ruf. Die einen sehen darin die Substanz, die Kerlen nicht nur Muskelberge, üppigen Bartwuchs und ein kantiges Kinn verleiht, sondern auch Tatkraft und Selbstbewusstsein. Die anderen ziehen es nur halb im Scherz heran, wenn sie über triebgesteuerte Rüpel schimpfen. 

All das sagt viel über Stereotype und gesellschaftliche Dynamiken aus, aber wenig über Testosteron. Das wichtigste männliche Geschlechtshormon wirkt auf vielen Ebenen und an vielen Orten im Körper. Sein Einfluss hängt von der Entwicklungsphase ab und auch von dem Organismus, in dem es sein Werk tut. Das kann übrigens auch ein weiblicher Körper sein, denn Frauen bilden Testosteron in den Eierstöcken. Viele biologische Mechanismen sind gut erforscht, während Rückschlüsse auf das Verhalten und den sozialen Status oft spekulativ sind. 

Die frühesten Erkenntnisse über Testosteron stammten aus dem Tierreich. Dort steigt der Pegel bei vielen Tierarten in der Paarungssaison, wenn es gilt, Weibchen zu erobern und Konkurrenten auszustechen. Er sinkt wieder, wenn statt Balzgehabe Brutpflege gefragt ist. Auch menschliche Singles haben im Durchschnitt höhere Testosteronwerte als frischgebackene Väter. Aber würde das Verhaltensrepertoire eines brünftigen Hirschs bei Homo sapiens zum Paarungserfolg führen? Eher nicht. 

Zwar kann ein krankhafter Mangel an Testosteron Antriebsschwäche, depressive Verstimmungen und Libidoverlust auslösen und sollte behandelt werden. Doch das bedeutet nicht, dass mehr besser ist. Ein zu hoher Spiegel steigert das Risiko für Blutgerinnsel und führt zu Unfruchtbarkeit. Der Körper fährt die eigene Produktion in dem Maße herunter, in dem er von außen mit dem Hormon versorgt wird – und setzt gleichzeitig das Signal zur Spermienreifung aus. Wer Testosteron als Lifestyle-Produkt ohne ärztliche Aufsicht nimmt, ist kein potenter Macher, sondern entfernt sich im Zweifelsfall selbst aus dem Genpool.