Anatomie des Penis Forschende entdecken möglichen G-Punkt beim Mann

Statue David von Michelangelo
Idealisiert in Stein, untersucht unter dem Mikroskop: Neue Forschung rückt eine bislang wenig beachtete Zone des männlichen Körpers in den Fokus
© Paolo Gallo/Zoonar.com / imago images
Eine neue Studie kartiert das Nervensystem des Penis so genau wie nie zuvor. Dabei rückt ein Bereich in den Fokus, der lange übersehen wurde – mit möglichen Folgen für die Medizin

Der Penis ist eines der am häufigsten untersuchten Organe der Medizin. Und dennoch hat ein Forschungsteam nun eine Zone identifiziert, die lange erstaunlich wenig Beachtung fand: ausgerechnet den Bereich, der offenbar am empfindlichsten ist.

Die Entdeckung stammt aus der detailliertesten neuroanatomischen Untersuchung des männlichen Glieds, die es bisher gibt. Geleitet wurde sie von dem spanischen Mediziner Alfonso Cepeda-Emiliani von der Universität Santiago de Compostela. Sein Team hat das Nervengeflecht des Penis mit einer Präzision kartiert, wie sie zuvor nicht möglich war.

Ein übersehener Bereich

Im Zentrum der neuen Befunde steht eine kleine, dreieckige Zone an der Unterseite des Penis: das sogenannte Frenulum-Delta. Es liegt dort, wo die Eichel in den Schaft übergeht, ein Bereich, der in vielen anatomischen Darstellungen kaum hervorgehoben wird.

Dabei zeigt sich nun: Genau hier konzentrieren sich besonders viele Nervenenden und spezialisierte Sinnesstrukturen. "Unsere Arbeit bestätigt wissenschaftlich, dass es eine ventrale Region des Penis gibt, die als Zentrum sexueller Empfindung fungiert", schreiben die Forschenden.

Während Lehrbücher die Eichel traditionell als Hauptort der Sensibilität beschreiben, deutet die neue Analyse auf ein differenzierteres Bild hin. Das Frenulum-Delta scheint sogar noch empfindlicher zu sein.

Mikroskopischer Blick ins Nervennetz

Für ihre Untersuchung analysierten die Forschenden Gewebeproben von 14 Spendern im Alter zwischen 45 und 96 Jahren. Die Präparate wurden in hauchdünne Schnitte zerlegt, mit speziellen Farbstoffen markiert und anschließend unter dem Mikroskop ausgewertet.

Dabei kam ans Licht: Im Frenulum-Delta liegen die Nerven nicht nur dichter beieinander, sie bilden auch auffällige Cluster. Bis zu 17 sogenannte sensorische Körperchen können hier gruppiert auftreten, während sie in der Eichel eher vereinzelt vorkommen. Zu diesen Strukturen zählen auch die Krause-Körperchen. Sie reagieren auf feinste mechanische Reize, etwa winzige Vibrationen, wie sie beim Kontakt von Haut entstehen – ein Mechanismus, der eng mit sexueller Lust verknüpft ist.

Ein "männlicher G-Punkt"?

Aufgrund dieser Eigenschaften bezeichnen einige Fachleute das Frenulum-Delta bereits als funktionelles Pendant zum weiblichen G-Punkt. Der Urologe Eric Chung von der Universität Queensland spricht von einer der lustempfindlichsten Stellen des männlichen Körpers.

Ganz neu ist die Idee nicht: Bereits 2001 hatte der neuseeländische Forscher Ken McGrath diesen Bereich beschrieben und den Begriff "Frenulum-Delta" geprägt. Durchgesetzt hat er sich jedoch nie. Auch in der chirurgischen Ausbildung blieb die Zone lange weitgehend unbeachtet.

Bedeutung für medizinische Eingriffe

Das könnte praktische Folgen haben. Denn bei bestimmten Formen der Beschneidung wird das Frenulum teilweise oder vollständig entfernt. Die neuen Befunde legen nahe, dass dabei ein besonders nervenreicher Bereich betroffen sein kann.

Einige Mediziner fordern deshalb, die anatomischen Besonderheiten stärker in der Ausbildung zu berücksichtigen. Eingriffe sollten – wenn möglich – so durchgeführt werden, dass Teile des Frenulums erhalten bleiben.

Allerdings ist die Frage, wie stark sich Beschneidungen auf die sexuelle Empfindung auswirken, wissenschaftlich weiterhin umstritten. Während einige Studien Unterschiede nahelegen, finden andere keine messbaren Effekte. Möglicherweise kann das Nervensystem Verluste teilweise kompensieren.

Ein blinder Fleck der Forschung

Dass eine derart zentrale Struktur so lange übersehen wurde, wirft ein Schlaglicht auf Lücken in der Sexualmedizin. Die Forschenden sprechen selbst von "blinden Flecken", die offenbar bis heute bestehen.

Interessanterweise zeigt sich ein ähnliches Bild auch beim weiblichen Körper. Der sogenannte G-Punkt ist medizinisch ebenfalls umstritten – nicht zuletzt, weil sich bislang keine klar abgegrenzte anatomische Struktur nachweisen ließ. Neuere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass hier komplexe Wechselwirkungen zwischen Klitoris und Vaginalwand eine Rolle spielen.

Die aktuelle Studie macht deutlich: Selbst vermeintlich gut erforschte Körperregionen können noch Überraschungen bereithalten. Und sie erinnert daran, dass wissenschaftliche Erkenntnis nicht nur neue Antworten liefert, sondern oft auch lange übersehene Fragen sichtbar macht.