Zwischenlandung in Zürich. Es ist 11 Uhr, und Philipp Depiereux ist trotz eines mehrstündigen Flugs, den er schon hinter sich hat, guter Laune. Auch ein ruhiges Plätzchen für den Video-Call hat er gefunden. Die Reise geht von Hongkong zurück nach Kalifornien, wo er seit 2022 mit seiner Familie lebt. Bis zum nächsten Flug ist aber noch genug Zeit, um zwischen Glasfassaden und Gate-Kontrollen über sein Herzensthema zu sprechen: die digitalfreie Erziehung seiner vier Kinder.
Darin hat gerade er, vom Handelsblatt schon mal als "Messias der Digitalisierung" betitelt, zusammen mit seiner Frau ein radikales Gegenmodell geschaffen: Keine Videospiele, keinen eigenen Netflix-Account. Kein Smartphone vor 14. Und kein Social Media vor 18. Die Familienregel: bildschirmfrei bis zur Pubertät, mit nur wenigen ausgesuchten Ausnahmen. Kann das funktionieren?
GEO: Herr Depiereux, mit Ihrer Beratungsfirma Etventure haben Sie unzählige deutsche Unternehmen durch den Dschungel der Digitalisierung geführt. Einer wie Sie, möchte man meinen, wird seine Kinder zu "digital natives" erziehen. Aber nichts da.
Philipp Depiereux: Meine Frau und ich gehen ja auch nicht blind durch die Welt und haben gesehen, was der ständige Medienkonsum mit den Kindern macht. Bald sind wir auch auf entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse gestoßen, die alle relativ eindeutig sind. Je mehr und je früher Kinder digitale Medien konsumieren, desto schlechter entwickeln sie Fähigkeiten wie Sozialkompetenz, Empathie, Kommunikation, Teamwork. Wir sind dann auch auf den Hirnforscher Manfred Spitzer gestoßen …
… der beispielsweise sagt, soziale Medien machen Kinder "dumm", "willenlos und seelenlos". Dafür wird er von anderen Fachleuten auch kritisiert.
Spitzer wird manchmal als Extremist gesehen. Ich finde das, was er schreibt, aber ziemlich gut. Wir haben uns dann bei unserem ersten Kind entschieden, dass wir unsere Tochter von digitalen Medien, Fernsehen, Play Station, Smartphone, Tablet, möglichst fernhalten wollen. Meine Frau und ich waren uns bei diesem Thema einig, und dafür bin ich dankbar. Digitalfreie Erziehung kann nur funktionieren, wenn beide an einem Strang ziehen.
Also am besten schon klären, bevor man Kinder bekommt?
Genau, am besten schon beim ersten Date: "Du, falls wir mal Kinder haben sollten …" Nein, Spaß beiseite: Ich gehöre noch zur Generation "Zocker-Abend". Als Kinder haben wir uns bei mir zu Hause getroffen, aufwendige Röhrenmonitore aufgebaut und dann die richtig krassen Ballerspiele und Autorennspiele gezockt. Sogar das hatte schon einen gewissen Suchtfaktor. Und jetzt muss man sich vorstellen, all das ist im Smartphone ständig verfügbar, plus Social Media, plus Algorithmen, plus Sex, plus Gewalt, plus alles. Unsere älteste Tochter Lotta war gerade im Kindergartenalter, da haben wir als Eltern gesagt: Das wollen wir für sie nicht.
Sie haben dann ein System nach Altersstufen entwickelt. Ihre vier Kinder sind jetzt acht, elf, 16 und 19 Jahre alt. Wer darf jetzt in welchem Alter was machen?
Das Ganze dreht sich um zwei große Regeln. Erste Regel: Smartphones frühestens ab 14, dann aber stark kontrolliert, mit Bildschirmzeit und Überwachung. Zweite Regel: Social Media erst ab 18. Bis dahin dürfen die Kinder auch kein digitales Gerät besitzen, ihr Handy ist nur "ausgeliehen". Es gehört eigentlich uns, den Eltern, und die Kinder unterzeichnen einen Mietvertrag dafür. Ich leihe ihnen mein Gerät, aber unter bestimmten Bedingungen. Werden diese Regeln nicht eingehalten – beispielsweise das Social-Media-Verbot – dann kann ich ihnen das Gerät auch wieder wegnehmen.
Das klingt radikal.
Es gibt natürlich auch Ausnahmen, unser elfjähriger Sohn liest beispielsweise den letzten Band von Harry Potter auf dem Kindle, weil das Buch recht schwer ist. Die anderen Bände hat er analog gelesen. Generell haben wir aber gemerkt, dass verbindliche Regeln für alle Beteiligten die bessere Lösung sind. Das mit dem Mietvertrag haben wir übrigens erst bei Linus, dem Zweitältesten, eingeführt. Für ihn ist es einfacher, sich an Regeln zu halten, wenn er sie schwarz auf weiß hat. Auch für uns war die digitalfreie Erziehung erst mal ein Trial-and-Error-Unterfangen.
Zu Hause haben Eltern ja noch einigermaßen die Kontrolle. Aber was, wenn digitale Geräte auch in der Schule allgegenwärtig sind?
Jede Schule geht unterschiedlich mit Digitalisierung um. Die Schulwahl ist dementsprechend wichtig. In unserem Fall gehen die Kinder auf Waldorf-Schulen, die eher restriktiv mit digitalen Geräten umgehen. Aber auch da ist die Verbreitung der Smartphones ab der Mittelstufe bei uns in den USA schon riesig.
Und dann kann man sein Kind zwar aufs Fußballfeld schicken, aber möglicherweise steht es dort allein, weil die anderen Kinder vor ihren Bildschirmen sitzen. In anderen Worten: Wie bringt man so ein Erziehungsideal mit dem sozialen Leben der Kinder in Einklang?
Da steckt viel Koordination dahinter, vor allem wenn andere Kinder durch und durch digitalisiert sind. Ein Beispiel: Wenn unser jüngster Sohn mit neun Jahren auf eine Übernachtungsparty eingeladen ist, dann rufe ich zuerst bei den Eltern an und versuche mit ihnen abzuklären, dass den Kindern vor der Party die Handys abgenommen werden. Andernfalls muss ich selbst eine Party organisieren, wo die Kinder nicht zocken, sondern andere coole Sachen machen, zum Beispiel eine Schnitzeljagd oder eine Nachtwanderung zum Strand.
Das klingt schön, aber sehr aufwendig.
Ohne digitale Geräte sind Kinder öfter gelangweilt. Für Eltern bedeutet das sicherlich, dass man auch mal eine Extrameile gehen muss. Das kann anstrengend sein, bringt aber den schönen Nebeneffekt, dass man mehr Zeit zusammen verbringt. Ich glaube aber auch, dass es einfacher ist, Nein zu sagen. Und das ist etwas, was wir als Eltern verlernt haben. Fragen Sie mal Eltern, die sich mit ihren Kindern auf eine bestimmte Bildschirmzeit geeinigt haben. Die streiten sich jeden Tag. Jede neue App, jede zusätzliche Minute muss neu verhandelt werden. Wenn es bis 14 kein Smartphone gibt, dann stellen sich diese Fragen gar nicht.
Was hat die digitalfreie Erziehung mit Ihnen selbst gemacht? Man kann ja schlecht den Kindern Smartphones verbieten und dann ständig selbst Instagram-Videos konsumieren.
Ich muss zugeben, dass mir das am Anfang schwergefallen ist. Ich war früher selbst viel am Handy, habe jeden Tag fünf bis 15 Storys gepostet. Ich war insofern ein schlechtes Vorbild. Seit Mitte November bin ich selbst komplett Instagram-frei. Seitdem geht es mir besser, ich habe Lebenszeit gewonnen und schaue auch nicht mehr stundenlang Anti-Trump-Videos.
Sie gehen mit Ihrem Erziehungsmodell bewusst an die Öffentlichkeit, um Eltern Ratschläge aus der Praxis an die Hand zu geben. Geht es Ihnen auch um eine politische Botschaft?
Ich fühle mich in der Tat manchmal als digitaler Sozialarbeiter. Mein Modell – vom Handynutzungsvertrag bis zur strikten Freigabe jeder einzelnen App – ist für manche Eltern vielleicht eine Ermutigung, aber eigentlich ist es ein Armutszeugnis für unsere Politik. Wir Eltern werden gerade im Stich gelassen. Mein Appell: Ein gesetzliches Verbot würde es Eltern einfacher machen, Nein zu sagen. Wenn der Staat sagt: "Social Media erst ab 16", dann bin ich als Vater oder Mutter nicht mehr der Buhmann, sondern ich setze geltendes Recht um.
Australien macht es vor: Seit Ende Dezember gilt dort ein striktes Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige.
Ja, und ich finde das mega. Natürlich gibt es Kritiker, die sagen: "Das lässt sich durch VPNs umgehen." Aber das ist doch kein Argument, es gar nicht erst zu versuchen! Mein Motto ist: "Done is better than perfect". Wir müssen starten und die Schlupflöcher sukzessive durch technologische Fortschritte schließen. Ein solches Verbot hilft Eltern bei der Erziehung. Es nimmt den Eltern die Hilflosigkeit gegenüber ihren Kindern und gibt ihnen ein gesetzlich legitimiertes Mandat für klare Regeln.
Kritiker merken an, dass pauschale Verbote nicht die Lösung sind. Nicht die Mediennutzung an sich sei das Problem, sondern die Art und Weise, wie digitale Medien genutzt werden. Es gehe darum, Kinder zu kritischen Rezipienten und kreativen Mitgestaltern zu erziehen.
Natürlich brauchen wir Medienkompetenz – aber als Ergänzung, nicht als Ersatz für Verbote. Bevor ich mit dem Fahrrad auf die Straße durfte, musste ich in der Schule üben: Rechts vor Links, Ampeln, Zebrastreifen. Genau das brauchen wir digital: Wir müssen Kindern zeigen, wie Fake News entstehen, wie KI Bilder manipuliert und was Cybermobbing anrichtet. Bevor die Kinder auf die digitalen Highways entlassen werden, brauchen sie erst mal einen digitalen Verkehrsübungsplatz. Erst die Beschränkung, dann die Begleitung. Alles andere ist naiv.
Ein Interview über digitalfreie Erziehung wäre ohne die Perspektive der Kinder allerdings nicht vollständig – und vielleicht auch nicht wirklich fair. Als Philipp Depiereux gehen muss, um seinen Flug zu erwischen, tritt deshalb seine älteste Tochter Lotta in den Call und erzählt von ihrer Erfahrung. Sie ist 19 und studiert heute in London.
Lotta, du bist vor einem Jahr volljährig geworden. Hast du dann auch gleich Instagram heruntergeladen?
Instagram schon, Tiktok habe ich noch nicht installiert. Das möchte ich aber auch nicht, weil mich die ständigen Trends dort nicht interessieren.
Hat dir vorher etwas gefehlt?
Manchmal war es schon etwas unangenehm. Ich habe mich oft gefragt: Warum die anderen und ich nicht? Es gab dann einige Diskussionen mit meinen Eltern. Am Ende haben sie mir die Gründe aber so erklärt, dass ich sie akzeptieren konnte. An meinen Freundinnen konnte ich auch die negativen Effekte des Smartphones beobachten, zum Beispiel FOMO (die Angst etwas zu verpassen) oder Vergleichsdruck. Eine Freundin hat sogar Essstörungen entwickelt. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich mich besser konzentrieren konnte als andere. Jetzt bin ich meinen Eltern dankbar. Ich habe angenehme Hobbys, Lesen, Ausgehen, Sport. Viele Gleichaltrige hatten nicht die Möglichkeit, solche Hobbys zu entwickeln, weil sie sehr früh nur mit ihrem Handy beschäftigt waren.
Vermisst du etwas an der Zeit, als du noch keine sozialen Medien hattest?
Es gibt auf jeden Fall Momente, wo ich merke: Ich war jetzt viel länger am Handy, als ich wollte. Ich versuche aber, einen bewussten Umgang damit zu pflegen. In meiner WG legen wir unsere Handys beim Essen weg. Beim Lernen stellen wir die Handys auf, filmen uns dabei und schicken uns danach das Video als Challenge: Wer am längsten gelernt hat, ohne aufs Handy zu schauen, gewinnt. Und manchmal deaktiviere ich Instagram auch komplett – zumindest ein paar Tage lang.