Schönheit verschafft Aufmerksamkeit. Wer auffällt, hat bei der Partnerwahl oft einen Vorteil. Das gilt in der Natur seit Jahrmillionen. Ein Pfau trägt nicht zufällig ein schillerndes Rad, Rothirsche kämpfen nicht grundlos mit gewaltigem Geweih. Auffälligkeit signalisiert Gesundheit, Stärke, gute Gene. Zumindest aus evolutionsbiologischer Perspektive.
Ganz entziehen können sich auch Menschen diesem Prinzip nicht. Attraktivität entfaltet eine unmittelbare Wirkung. Ein symmetrisches Gesicht, Charisma, beruflicher Erfolg, gesellschaftliches Ansehen: Manche Eigenschaften wecken Interesse, noch bevor wir einen Menschen wirklich kennengelernt haben. Psychologen fassen diese Mischung erstaunlich nüchtern unter einem Begriff zusammen: Mate Value. Also der wahrgenommene "Wert" eines Menschen auf dem Partnermarkt.
Doch was passiert, wenn wir glauben, in einer Beziehung die deutlich bessere Partie an unserer Seite zu haben? Wenn wir den anderen für attraktiver, charmanter oder schlicht für eine Klasse besser als uns selbst halten? Eine Studie von Forschenden der Helmut-Schmidt-Universität zeigt: Genau das kann Beziehungen stärken – und zugleich am eigenen Selbstwert kratzen.
Wie attraktiv bin ich? Und wie begehrenswert ist mein Partner?
Für ihre Untersuchung befragte das Team um Psychologin Viktoria Dochevska 78 heterosexuelle Paare. Die Teilnehmenden sollten einschätzen, wie attraktiv sie sich selbst als Partner wahrnehmen und wie hoch sie den "Partnerwert" ihres Gegenübers einstufen. Dabei ging es nicht allein um äußere Anziehungskraft, sondern auch um Persönlichkeit, Perspektiven im Leben und soziale Faktoren.
Das Ergebnis zeichnet ein bemerkenswertes Bild: Viele Menschen unterschätzen offenbar ihren eigenen Wert. Mehr als 70 Prozent der Befragten hielten sich selbst für weniger attraktiv, als ihr Partner sie einschätzte. Gleichzeitig blickten viele der Teilnehmenden auffallend wohlwollend auf ihr Gegenüber und sahen in ihm oder ihr erstaunlich oft die vermeintlich "bessere Partie".
Die Forschenden sprechen von "positiven Illusionen". Und vermuten dahinter eine Art psychologischen Beziehungskitt. Wer den Partner idealisiert, könnte sich stärker an ihn binden und die Beziehung unbewusst gegen Zweifel oder äußere Versuchungen absichern. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Wer spürt, dass der Partner einen selbst positiver wahrnimmt als man sich selbst, kann daraus Sicherheit ziehen. Das Gefühl, geliebt und begehrt zu werden, stabilisiert die Bindung.
Tatsächlich waren Menschen besonders zufrieden mit ihrer Beziehung, wenn sie ihren Partner als außergewöhnlich attraktiv und begehrenswert wahrnahmen. Wer glaubt, einen echten Glücksgriff gemacht zu haben, scheint seine Partnerschaft oft als besonders erfüllend zu erleben.
Wer den Partner auf ein Podest stellt, fühlt sich oft unterlegen
Doch dieser Mechanismus hat eine Kehrseite. Jene Probandinnen und Probanden, die ihre Partner als deutlich "wertvoller" wahrnahmen als sich selbst, berichteten häufiger von geringerem Selbstwertgefühl und stärkeren Selbstzweifeln. Der Grund könnte im ständigen Vergleich liegen: Wer den Partner auf ein Podest stellt, misst sich fast zwangsläufig an ihm. Und fühlt sich dadurch womöglich unterlegen.
Gerade weil die eigene Attraktivität als Partner ein wichtiger Teil des Selbstbildes ist, kann ein vermeintlich "überlegener" Partner das Ego unter Druck setzen. Der Stolz darüber, von einem begehrten Menschen gewählt worden zu werden, scheint schwächer zu wirken als der nagende Vergleich mit dessen vermeintlichen Vorzügen. Hinter dem Glück über den "guten Fang" kann sich dann ein Bedenken verbergen: Bin ich eigentlich gut genug?
Umgekehrt zeigte sich: Jene, die auch sich selbst als attraktiven Partner wahrnehmen, verfügen tendenziell über ein stabileres Selbstwertgefühl. Die glücklichsten Beziehungen könnten also jene sein, in denen sich beide Partner ein Stück weit gegenseitig idealisieren. Ohne sich selbst dabei kleiner zu machen.