Psychische Erkrankung Wenn Sorgen den Alltag bestimmen: Wann wird Angst zur Krankheit?

Durchatmen: Kurze Entspannungsübungen können in akuten Momenten Sicherheit geben. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Kurze Entspannungsübungen können in akuten Momenten Sicherheit geben
© Christin Klose/dpa-tmn
Was genau steckt hinter dem Begriff der Angststörung, welche Symptome sind typisch und wann sollte man professionelle Hilfe suchen? Wie Betroffene es schaffen, den Angst-Kreislauf zu durchbrechen

Angst gehört zum menschlichen Gefühlsrepertoire und erfüllt eine wichtige Schutzfunktion: Die Emotion macht uns auf mögliche Gefahren aufmerksam. Bei einigen Menschen reagiert das Nervensystem jedoch überempfindlich und schlägt immer wieder aufs Neue Alarm, obwohl objektiv gar keine Bedrohung besteht. Die Gedanken kreisen dann etwa darum, ob den Kindern, die telefonisch auf dem Heimweg nicht telefonisch zu erreichen sind, etwas zugestoßen sein könnte, woher ein plötzliches Stechen in der Brust rührt oder ob ein Taubheitsgefühl in den Fingern Anlass zur Sorge gibt. Häufig begleitet Betroffene ein diffuses Gefühl drohenden Unheils. Wired die Angst unverhältnismäßig groß und beginnt, den Alltag zu dominieren, kann eine Angststörung vorliegen.

Woran erkenne ich eine Angststörung?

Angststörungen treten in unterschiedlichen Ausprägungen auf. Bei der generalisierten Angststörung (GAS) etwa erleben Betroffene nahezu dauerhaft Angst und machen sich über viele Lebensbereiche hinweg Sorgen. Typisch sind anhaltende, übersteigerte und schwer kontrollierbare Befürchtungen, die oft nicht zur realen Gefährdungslage passen. Neben den psychischen Belastungen äußert sich die Erkrankung häufig auch auf körperlicher Ebene. Typische Beschwerden sind unter anderem Atemprobleme, Herzrasen, Schwindel, starkes Schwitzen oder Zittern bis hin zum Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Auch Schlafstörungen treten häufig auf.

Um belastende Situationen zu umgehen, beginnen viele Betroffene, ihren Alltag einzuschränken: Sie sagen Verabredungen ab, ändern gewohnte Wege oder meiden bestimmte Orte vollständig. "Der eigene Aktionsradius schrumpft gewaltig", erklärt Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In schweren Fällen ziehen sich Betroffene aus Angst sogar ganz zurück.

Ob eine Angststörung vorliegt, hängt von Intensität, Dauer und den Folgen im Alltag ab. Wichtige Kriterien sind laut Stiftung Gesundheitswissen unter anderem, dass die Beschwerden über mindestens sechs Monate an den meisten Tagen bestehen, sich kaum kontrollieren lassen und den Alltag deutlich beeinträchtigen.

Wie kann ich meinen Ängsten selbst besser begegnen?

Oft helfen schon kleine Schritte, um der Angst weniger Raum zu geben. "Wer aus Furcht nicht mehr Bus fährt, steigt vielleicht erst einmal nur für eine Station ein", illustriert Häfner. Oder man geht zu einer ruhigeren Tageszeit in den Supermarkt, um weniger Menschen und Lärm ausgesetzt zu sein. Entscheidend ist laut dem Facharzt die Erfahrung, dass sich solche Situationen bewältigen lassen. 

Auch kurze Atem- oder Entspannungsübungen können das Stressniveau senken und Sicherheit vermitteln. Spezielle Techniken helfen, sich in akuten Angstsituationen zu erden – etwa die 5-4-3-2-1-Übung. Dabei hält man bewusst inne, richtet die Aufmerksamkeit nacheinander auf die Sinne und benennt: 

  • fünf Dinge, die man sehen kann
  • vier Dinge, die man fühlen kann
  • drei Dinge, die man hören kann
  • zwei Dinge, die man riechen kann
  • eine Sache, die man schmecken kann. 

Das lenkt den Fokus zurück in den Moment und kann helfen, den Körper zu beruhigen.

Wann brauche ich professionelle Hilfe?

Liegt eine Angststörung vor, fällt es vielen Betroffenen schwer, die Erkrankung ohne Unterstützung zu bewältigen. Fachliche Begleitung ist Häfner zufolge sinnvoll, wenn belastende Ängste den Alltag einschränken, immer mehr Situationen gemieden werden und der innere Druck nicht nachlässt. 

Eine erste Anlaufstelle kann die hausärztliche Praxis sein. Auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind geeignete Ansprechpartner. "Je früher Unterstützung beginnt, desto eher lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen", so Häfner. Zur Behandlung einer Angststörung wird in der Regel eine Psychotherapie eingesetzt, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie. Häufig ist dabei die sogenannte Exposition ein zentraler Bestandteil: Patientinnen und Patienten setzen sich bewusst und schrittweise angstauslösenden Situationen aus.

sho