Übersichtsarbeit Sport hilft gegen Depression und Angststörungen – wohl gut wie gängige Therapien

Schwimmende Frau im Becken eines Hallenbads
Ausdauersportarten wie Schwimmen können bei psychischen Leiden helfen, Symptome zu reduzieren
© Edwin Tan / Getty Images
Regelmäßiges Ausdauertraining wirkt gut gegen psychische Leiden, wahrscheinlich ähnlich effektiv wie traditionelle Behandlungsmethoden. Das zeigt eine neue Übersichtsarbeit

Ob Joggen, Schwimmen, Krafttraining oder Pilates – körperliche Aktivität kann die Stimmung deutlich heben. Neue Beweise dafür liefert eine aktuelle Auswertung von Forschenden der University of South Australia, veröffentlicht im "British Journal of Sports Medicine". Die Analyse fasst die Ergebnisse von Hunderten Studien zusammen, an denen zehntausende Teilnehmende beteiligt waren. Das Ergebnis: Bewegung hilft bei Depressionen und Angststörungen fast so gut wie klassische Therapien. Besonders effektiv scheint regelmäßiges Ausdauertraining zu sein.

Bewegung wirkt wie Medizin

Für die Meta-Analyse führte ein Team um den Psychologen Dr. Neil Richard Munro die Ergebnisse aus mehr als 80 systematischen Übersichtsarbeiten zusammen, die wiederum über 1.000 Einzelstudien umfassten. Insgesamt flossen auf diese Weise die Angaben von rund 58.000 Menschen mit Depression und 19.000 Menschen mit Angststörungen in die Auswertung ein.

Die Untersuchung ergab, dass über alle Altersgruppen hinweg jegliche Bewegung bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angstzuständen eine vergleichbare Wirkung wie traditionelle medikamentöse oder psychologische Behandlungen  zeigen. 

Ausdauertraining am wirksamsten

Die positive Wirkung von Bewegung auf depressive Symptome war im Durchschnitt mittelstark, bei Angststörungen klein bis mittelstark, so die Forschenden. Am größten sei der Effekt bei regelmäßigem, moderat intensivem Ausdauertraining beobachtbar – etwa beim Gehen, Radfahren oder Schwimmen.

Besonders stark profitieren der Übersichtsarbeit zufolge junge Erwachsene und Frauen nach der Geburt von regelmäßigem Ausdauertraining. Bei Angststörungen hingegen wirkten eher kürzere Trainingsprogramme über etwa acht Wochen am besten.

Was Fachleute dazu sagen

Andere Expertinnen und Experten, die nicht an der Studie beteiligt waren, sehen in der neuen Auswertung ein wichtiges Signal: Bewegung sei ein ernstzunehmender Therapieansatz. Dennoch mahnen sie zur Einordnung der Ergebnisse.

"Diese Übersichtsarbeit bestätigt, was wir aus einer sehr großen und konsistenten Evidenzbasis wissen: Nahezu alle Formen körperlicher Aktivität und strukturierten Trainings sind mit klinisch bedeutsamen Verbesserungen von Depressions- und Angstsymptomen verbunden. Dennoch sind in der Untersuchung keine direkten Vergleichsstudien mit Medikamenten oder Psychotherapie-Verfahren gegenübergestellt worden", erklärt Brendon Stubbs, klinischer Forscher am King’s College London. Eine allgemeine Behauptung, Bewegung sei besser als Medikamente oder Gesprächstherapien, sei daraus also nicht ableitbar.

Anna Whittaker, Professorin für Verhaltensmedizin an der University of Stirling, hält die Ergebnisse der neuen Übersichtsarbeit für eine gute Möglichkeit, um Gesundheitsfachkräfte zu ermutigen, Menschen mit Depression oder Angststörungen vermehrt Bewegung zu verschreiben: "Diese neue umfassende Zusammenführung bestehender Meta-Analysen unterstreicht, wie wichtig es ist, Bewegung als eine mögliche Behandlungsoption bei Depression und Angst in Betracht zu ziehen."

Whittaker betont aber auch: Wer Medikamente nehme oder in Therapie sei, solle diese nicht eigenständig absetzen, sondern die Möglichkeiten mit Ärztinnen und Ärzten besprechen. Dieser Meinung ist auch Prof. Jonathan Roiser, Professor für Neurowissenschaften und Psychische Gesundheit am University College London (UCL): "Niemand, der derzeit Medikamente oder Psychotherapie gegen Angst oder Depression erhält, sollte seine Behandlung aufgrund dieser Publikation abbrechen."

Wer psychisch stabil genug ist, profitiert besonders

Die neue Übersichtsarbeit zeigt, dass regelmäßige Bewegung für diejenigen hilfreich ist, die gesundheitlich und psychisch stabil genug sind, Sport als Behandlungsform gegen Belastungen wie Stress, Unzufriedenheit und Ängste zu nutzen. Andere Patientinnen und Patienten werden jedoch nach wie vor von anderen Interventionen profitieren, deren Sicherheit und Wirksamkeit nachgewiesen sind.

Gedämpfte Sohlen schützen nicht vor Verletzungen. Viel besser wirkt die Stärkung stabilisierender Hüft- und Wadenmuskeln

Sport Laufen mit Freude: Wie Sie besser und gesünder joggen

Joggen kann jeder – Schuhe an und los. Doch welcher Schuh ist der richtige? Und wie bewegt man sich am besten? Wie schnell? Wie weit? Wirklich kompliziert ist das alles nicht. Aber ein paar Dinge sollte man wissen. Damit das Laufen so ist, wie es sein sollte: unbeschwert, natürlich, gesund

Für diejenigen, die Bewegung als Instrument für die psychische Gesundheit in Betracht ziehen, empfehlen Expertinnen und Experten, mit realistischen Zielen zu beginnen. "Fangen Sie klein an. Zehn Minuten am Tag sind ein guter Anfang. Wichtig ist die Routine, nicht die Intensität", sagt Psychotherapeutin Debra Kissen.