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Immunstimulanzien Wann Präparate zur Stärkung der Abwehrkräfte wirklich etwas bringen - und wann nicht

Gegen die vielfältigen Erkältungsviren vor allem im Winter scheint unser Körper oft machtlos. Oder braucht er vielleicht nur ein wenig Unterstützung? Das jedenfalls versprechen die Hersteller von Präparaten, die angeblich das Immunsystem stärken. Aber was bringen die wirklich?
Nahrungsergänzungsmittel

Manchmal ist es wenig sinnvoll, einen Cocktail zahl­loser Präparate zu sich zu nehmen

Was für eine schöne Vorstellung: einfach täglich ein Mittel einnehmen, das unser körpereigenes Abwehrsystem stärkt – und einen so bewahrt vor Erkältungen, Husten, Fieber, Gliederschmerzen.

Für derartige frei verkäufliche Immunstimulanzien geben Menschen in Deutschland jedes Jahr viele Millionen Euro aus. Beworben werden sie mit Slogans wie „Die Abwehrkräfte stärken“ oder „Trainiert das Immunsystem“. Was Hersteller und Apotheker besonders freut: Wer auf die versprochene vorbeugende Wirkung vertraut, muss die Mittel dauerhaft einnehmen, in der Regel über Monate.

Da die meisten Stoffe als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden, braucht es für eine Markteinführung – anders als für Medikamente – weder einen Nachweis der Wirksamkeit noch der Unbedenklichkeit.

Können die Präparate aber halten, was sie versprechen? Das Urteil unabhängiger Mediziner, Pharmazeuten und Immunologen ist einhellig: negativ. Ein Einwand gilt der Behauptung von Anbietern solcher Mittel, das Immunsystem vieler Menschen sei „geschwächt“ – und das sei die Ursache für häufige Infekte der Atemwege.

Wenn das Abwehrsystem versagt

Tatsächlich gibt es Formen von Immunschwäche, bei denen das körper­eigene Abwehrsystem unzureichend arbeitet, etwa aufgrund eines Gendefekts, einer bestimmten Krankheit oder der Einnahme von Medikamenten.

„Wer jedoch von einer echten Immunschwäche betroffen ist, dem helfen die frei verkäuflichen Mittel keineswegs“, erklärt Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt. „Was als Immunstimulanzien gegen Atemwegsinfekte angeboten wird, kann sich nur an eigentlich gesunde Menschen mit intaktem Immunsystem richten.“

Supplementierung unter ärztlicher Begleitung

Etwas Gesundes noch gesünder machen: Ist das sinnvoll? Und wie sollen die Mittel das Ziel erreichen?

Viele Produkte folgen einem einfachen Rezept: In ihnen werden zahlreiche Vitamine und Mineralstoffe sowie mitunter bestimmte Amino- oder Fettsäuren zusammengemischt. Dies sind allesamt Substanzen, die der Körper nachweislich für wichtige Funktionen braucht – darunter auch die Immun­abwehr – und die ihm regelmäßig von außen zugeführt werden müssen.

Doch Mediziner und Ernährungsexperten betonen immer wieder: Eine Unterversorgung an diesen Stoffen ist bei normaler Ernährung in Ländern wie Deutschland höchst selten.

Selbst wenn jemand tatsächlich einen Mangel an einem Mineralstoff oder Vitamin aufweist, ist es wenig sinnvoll, dass er einen Cocktail zahlloser Mikronährstoffe zu sich nimmt; allenfalls die Supplementierung eben dieser fehlenden Substanz käme da in Frage (und das möglichst unter ärztlicher Begleitung). Die von den Herstellern suggerierte Annahme, so Professor Gerlach, die spezielle Kombination mehrerer Stoffe brächte besondere Wirkungen, entbehrt jeder Grundlage.

Immunstimulanzien schnitten im Test schlecht ab

In einem Immunstimulanzien-Test der Zeitschrift „Öko-Test“ schnitten 2016 alle derartigen Präparate mit „ungenügend“ ab. Dabei machte es keinen Unterschied, dass sich einige (darunter der Marktführer „Orthomol Immun“) als „diätetisches Lebensmittel für bestimmte medizinische Zwecke“ bezeichnen dürfen, geeignet „zur ergänzenden bilanzierten Ernährung“.

Strenggenommen bedeutet das: Es ist ausschließlich für Menschen vorgesehen, bei denen nachweislich aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit von Mikronährstoffen Immundefizite bestehen – was zwar möglich ist, aber bei der großen Mehrzahl der Nutzer sicherlich nicht gegeben.

Vor allem aber klingt die Bezeichnung so, als habe man es mit einer nachweislich wirksamen Arznei zu tun, obwohl objektive Unterschiede zu Nahrungsergänzungsmitteln mit ähnlicher – und ebensowenig sinnvoller – Rezeptur nicht bestehen.

Zink kann Dauer einer Erkältung verkürzen

Doch nicht alle Mittel basieren auf dem Gießkannenprinzip. Manche setzen auf das Spurenelement Zink als alleinigen Wirkstoff oder kombiniert mit wenigen anderen Mikronährstoffen. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass stark erhöhte Mengen an Zink die Dauer einer Erkältung verkürzen – sofern die Einnahme gleich nach den ersten Symptomen beginnt.

Zudem gibt es gewisse Hin­weise auf eine präventive Wirkung der Sub­stanz. Allerdings müsste man, um die positiven Effekte nutzen zu können, dauerhaft Tagesrationen an Zink zu sich nehmen, die nicht nur erheblich über den normalerweise geltenden Richtwerten liegen, sondern sogar die empfohlene Obergrenze der Zufuhr mehrfach überschreiten.

Das könnte zu unliebsamen Nebenwirkungen wie Übelkeit und Kopfschmerzen führen, unter Umständen auch zu schweren neurologischen Störungen.

Andere Mittel aktivieren Abwehrzellen

Während die meisten Präparate die körpereigene Abwehr mit Mikronährstoffen stärken sollen, setzen die Hersteller einiger Produkte auf einen gänzlich anderen Weg: Diese Mittel wollen das Immunsystem stimulieren, indem sie die Abwehrzellen vor eine Aufgabe stellen und so aktivieren. Daher enthalten die Mittel Bakterien, die eine leichte Immunreaktion auslösen und das Abwehrsystem gewissermaßen in erhöhte Alarmbereitschaft setzen sollen.

Das Prinzip ähnelt dem einer Impfung, wobei aber nicht eine gezielte Immunantwort gegen einen bestimmten Krankheitserreger hervorgerufen wird, sondern eine allgemeine Aktivierung. Das hat, wie Studien zeigen, sogar einen gewissen Effekt gegen Atemwegsinfekte. „Öko-Test“ etwa hat „Symbioflor 1“, das bekannteste unter den entsprechenden Mitteln, als einziges von allen getesteten Präparaten mit „ausreichend“ bewertet.

"Irrtum, dass das Immunsystem eines gesunden Menschen einzurosten droht"

Doch wirft die Herangehensweise der Mittel grundsätzliche Bedenken auf: „Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass das Immunsystem eines eigentlich gesunden Menschen quasi einzurosten droht und daher durch irgendwelche Trainingsreize auf Trab gebracht werden müsste“, so der Immunologe Manfred Lutz, Professor an der Universität Würzburg und Leiter der Arbeitsgruppe Immunregulation.

Tatsächlich leiden viele Menschen an Problemen, weil ihr Immunsystem ohnehin übermäßig aktiv ist und sich nicht nur gegen Krankheitserreger und schädliche Fremdstoffe richtet, sondern etwa gegen völlig harmlose Substanzen (Allergien) oder körpereigene Zellen (Autoimmunkrankheiten).

„Es erscheint daher wenig sinnvoll und durchaus riskant, das überaus komplexe Abwehrsystem für vollkommen unbestimmte Zeit vorbeugend und dazu willkürlich und gänzlich ungezielt in Aufruhr zu versetzen, nur um die eine oder andere unangenehme, aber letztlich harmlose Erkältung zu vermeiden“, so Lutz.

Wirkweise pflanzlicher Mittel weitgehend ungeklärt

Naturheilmittel sollen ebenfalls das Immunsystem gegen Atemwegsinfekte stählen. Sie bestehen aus getrockneten Teilen, Extrakten oder Saft von bestimmten Pflanzen, etwa vom Purpur-Sonnenhut Echinacea purpurea. Bekannt ist der Extrakt aus Wurzeln der südafrikanischen Blütenpflanze Pelargonium sidoides, der etwa unter dem Handelsnamen „Umckaloabo“ vertrieben wird. Weitere Mittel kombinieren beispielsweise Große Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) und Meerrettich (Armoracia rusticana).

Doch da die genaue Wirkweise dieser pflanzlichen Mittel weitgehend ungeklärt ist, lässt sich bestenfalls vermuten, ob sie womöglich die Symptome der Erkrankung lindern, deren Dauer verkürzen oder sogar tatsächlich präventiv wirken.

Belegte Wirkung bei Echinacea

Immerhin: Zumindest Echinacea-Aufbereitungen, in der Regel auf Basis von Presssaft aus den oberirdisch wachsenden Teilen der Pflanze, wird eine wissenschaftlich belegte Wirkung zugebilligt, die über den (ohnehin stets möglichen) Placebo-Effekt hinausgeht. Einer Studie zufolge beruht sie in Teilen aber nicht auf Inhaltsstoffen der Pflanze selbst, sondern auf Bakterien, die im Gewebe des Gewächses leben und Substanzen absondern, die das Immunsystem aktivieren.

Vermutlich auch deshalb sind die Präparate nicht für jedermann geeignet: Wer an Allergien, Asthma, Neurodermitis, an Autoimmunerkrankungen oder auch an Beeinträchtigungen des Immunsystems leidet, sollte Echinacea-Produkte nicht verwenden, ebenso Kinder unter zwölf Jahren.

Was Sie selbst tun können, um Ihr Immunsystem zu stärken

Keine Zweifel bestehen hingegen, dass jedermann durchaus einiges tun kann, um sein Immunsystem gegen lästige Infekte zu stärken. Nachweislich helfen: regelmäßige Bewegung an frischer Luft etwa, genügend Schlaf, wenig Stress, nicht rauchen.

Und bei Erkältungswellen ist häufiges Händewaschen das effektivste Mittel, einer Infektion vorzubeugen. Denn Erkältungsviren sind sehr stabil und haften lange an Türgriffen, Griffen in Bus und Bahn, an Kleidung, Tastaturen und Händen.

Das alles ist wenig überraschend. Es erfordert nur ein wenig mehr Aufwand, Motivation und Disziplin, als einfach nur ein Mittel einzunehmen, das als Immunstimulanz verkauft wird.

Vor allem aber sind die Maßnahmen kostenlos – und ohne jeden wissenschaftlichen Zweifel wirksam.

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