Atomkrieg, Klimakrise, disruptive Technologien: Für die Menschheit ist es nicht fünf vor zwölf. Sondern sogar schon 85 Sekunden vor zwölf. So zumindest sehen es US-Forschende, die jedes Jahr das Risiko für die Menschheit bewerten, sich selbst auszulöschen. Dazu stellen sie die Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr: eine symbolische Uhr, die deutlich machen soll, wie knapp wir vor der hausgemachten Apokalypse stehen.
In diesem Jahr sehen die Forschenden die Erde näher am Abgrund als je zuvor seit der Erfindung der Uhr im Jahr 1947. In den vergangenen Jahren waren deren Zeiger immer näher an Mitternacht herangerückt: von 100 Sekunden auf 90 und im Jahr 2025 dann auf 89 Sekunden.
Die Forschenden – darunter acht Nobelpreisträger und -trägerinnen, nennen in ihrer Begründung der neuen Risikobewertung unter anderem Groß- und Atommächte wie die USA, Russland und China, die sich "zunehmend aggressiv, konfrontativ und nationalistisch" gebärdeten. Zudem komme die internationale Kooperation zum Erliegen, die entscheidend sei, um "Risiken eines Atomkriegs, des Klimawandels, des Missbrauchs von Biotechnologie, der potenziellen Bedrohung durch künstliche Intelligenz und andere apokalyptische Gefahren zu verringern".
Sorge vor einem außer Kontrolle geratenen nuklearen Wettrüsten
Der Physiker Daniel Holz von der Universität Chicago verweist in einer Presseerklärung unter anderem auf den in der kommenden Woche auslaufenden "New START"-Vertrag zwischen den USA und Russland mit dem Ziel einer Reduzierung strategischer Waffen. "Zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert wird es nichts geben, was ein außer Kontrolle geratenes nukleares Wettrüsten verhindert", sagte der Professor für Astronomie und Astrophysik an der Universität Chicago, der zugleich Vorsitzender des Science and Security Board ist, das die Uhr "stellt".
Holz erinnert daran, dass US-Präsident Donald Trump mit der Wiederaufnahme von Atomtests gedroht habe – und unter dem Namen Golden Dome (Goldene Kuppel) ein nationales Raketenabwehrsystem vorantreibe.
Das Expertengremium bemängelt zudem Rückschritte beim Kampf gegen den Klimawandel, den Aufstieg nationalistischer Autokratien – auch in den USA – und die Desinformation durch generative KI. "Wir erleben ein Informations-Armageddon", sagte die Gastrednerin Maria Ressa, Journalistin und Professorin für Berufspraxis an der Columbia University und Friedensnobelpreisträgerin 2021 bei der Bekanntgabe der neuen "Uhrzeit". "Ohne Fakten kann man keine Wahrheit haben, und ohne Wahrheit kann man kein Vertrauen haben."
Außerdem warnen die Forschenden vor bestimmten Trends in den Biowissenschaften, insbesondere vor Spiegelleben (englisch mirror life) – hypothetische künstliche Organismen, die die menschliche Immunabwehr unterlaufen für ganze Ökosysteme zur Bedrohung werden könnten – und neuen biologischen Bedrohungen durch den Einsatz künstlicher Intelligenz.
Dem dramatischen Trend zum Trotz: Die Zeiger der symbolischen Weltuntergangsuhr können sich auch wieder in die entgegengesetzte Richtung bewegen. In dem Fall nämlich, dass die Menschheit Schritte unternimmt, den aufgezeigten Bedrohungen zu begegnen. Es gebe zahlreiche Maßnahmen, um das Risiko der Menschheit für eine Selbstauslöschung wieder zu reduzieren. Als Beispiele nennen die Autoren des Bulletin die Wiederaufnahme von Gesprächen zur atomaren Abrüstung zwischen den USA und Russland, Investitionen in erneuerbare Energien und internationale Abkommen zur Regulierung von KI.
Von Anfang an dabei: Nobelpreisträger Albert Einstein
Die Weltuntergangsuhr ist weder ein echter Countdown noch eine Prognose. Die verbleibende Zeit bis Mitternacht soll lediglich symbolisch die qualifizierte Einschätzung eines Expertengremiums zusammenfassen – und so öffentliche Debatten und politisches Handeln anstoßen. Sie geht auf eine Initiative von US-Atomforschern aus dem Jahr 1947 zurück: Unter dem Eindruck der verheerenden Bombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki gründeten Mitglieder des Manhattan Project, eines US-amerikanischen Atomforschungsprojekts, das "Bulletin of the Atomic Scientists". Als Gründungsmitglied und Co-Vorsitzender des Förderkreises gehörte den kritischen Forschenden auch der Nobelpreisträger Albert Einstein an. Weitere prominente Unterstützer waren J. Robert Oppenheimer, der "Vater der Atombombe", und Linus Pauling.
Die Weltuntergangsuhr sei eine Metapher für die Gefahr, in der wir uns befinden – aber auch ein Aufruf zum Handeln, sagte Alexandra Bell, Präsidentin und CEO des Bulletin. "Wir haben noch Zeit, die Probleme zu lösen, die wir selbst geschaffen haben." 85 symbolische Sekunden.