Den Eisbären schmilzt der Boden unter den Pfoten weg. Seit fast 50 Jahren messen Forschende die arktische Eisfläche – und nie war sie Anfang Februar so klein wie im vergangenen Jahr. Das ergibt eine Auswertung von NDR Data.
Doch entgegen vielen Befürchtungen trotzen einige Eisbären der massiven Eisschmelze. Nicht nur das: In Spitzbergen soll es der Population sogar besser gehen als zuvor. Eine Studie, die kürzlich im Fachjournal "Nature" erschien, liefert erste Erklärungsversuche.
Entscheidend ist die körperliche Verfassung der Tiere
Gemeinsam mit seinem Team untersuchte der Ökologe Jon Aars des Norwegischen Polar-Instituts das Vorkommen von Eisbären in Spitzbergen. Die norwegische Inselgruppe liegt weit nördlich des Polarkreises und dient Tausenden Eisbären als Lebensraum.
Von 1992 bis 2019 wurden die Körpergröße und der Brustumfang der dortigen Eisbären gemessen. Insgesamt erfassten die Forschenden Daten von 770 ausgewachsenen Tieren. Aus diesem "Body condition index", kurz BCI, schlossen die Forschenden auf das Körpergewicht und somit die allgemeine Verfassung der Tiere.
Dabei stießen sie auf erstaunliche Ergebnisse: Trotz allgemeiner klimatischer Verschlechterungen blieb die Zahl der Eisbären im beobachteten Zeitraum stabil. Verschlechterte sich ihr BCI noch bis zum Jahr 2000, verbesserte er sich in den darauffolgenden Jahren sogar.
Mittlerweile jagen die Bären auch Landtiere
Eine mögliche Ursache vermuten die Forschenden in der Anpassung des Jagdverhaltens. Früher ernährten sich die Eisbären überwiegend von Robben – doch mittlerweile jagen sie auch Landtiere. Jahrzehntelang sorgte der Mensch durch übermäßige Jagd für einen Rückgang von Rentieren und Walrossen. Allmählich erholen sich deren Populationen aber wieder und dienen den Eisbären als Beute.
Außerdem könnte das schwindende Meereis dazu führen, dass sich Beutetiere wie Ringelrobben auf kleinere Meereisflächen konzentrieren. Das könnte den Eisbären die Jagd erleichtern.
Grund zur Erleichterung?
Das Schicksal der Eisbären von Spitzbergen wirkt wie eine Erfolgsgeschichte. Doch Grund zum Aufatmen gibt es nicht: Geht das Meereis weiter zurück, müssen die Eisbären immer weitere Strecken schwimmen, um Beute zu finden. Die Forschenden rechnen schon in naher Zukunft mit negativen Folgen für die Tiere.
Zudem betont das Team, dass sich die Erkenntnisse nicht auf andere Populationen übertragen lassen. Denn Eisbären leben nicht nur um Spitzbergen, sondern in der gesamten Arktis und auch auf dem Meereis im offenen Ozean. Um die langfristigen Auswirkungen der Klimakrise nachzuvollziehen, seien weitere Studien notwendig.