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Archäologie Die älteste menschliche Holzskulptur revolutioniert unser Bild vom Jäger und Sammler


Seit mehr als 100 Jahren stand eine Holzfigur weitgehend unbeachtet im Museum von Jekaterinburg. Jetzt zeigt sich: Sie ist mit mehr als 12.000 Jahren die älteste menschliche Holzskulptur überhaupt. Dass Jäger und Sammler außerhalb Europas zu solchen Leistungen fähig sein sollten, erschien lange ausgeschlossen

Das Video des Museums von Jekaterinburg zeigt ein 3D-Modell der Holzfigur:

Im Jahr 1894 hatten Goldsucher die Holzfigur im Shigir-Moor im Ural entdeckt, rund 100 Kilometer nördlich von Jekaterinburg. Die aus einem Lärchenstamm geschnitzte Figur war ursprünglich vermutlich mehr als fünf Meter hoch; erhalten sind davon 3,40 Meter. Auf einem mit Zickzack-Linien und stilisierten menschlichen Darstellungen verzierten, stelenartigen Körper sitzt ein runder Kopf mit einer lochartigen Vertiefung als Mund.

Die älteste geschnitzte Figur der Menschheit

Unklar war bislang sowohl die Verwendung als auch das wahre Alter der Figur. Bis im Jahr 2018 ein russisch-deutsches Forscherteam eine Datierung des Holzes vornahm. Die massenspektrometrische Analyse des Holzes ergab ein Alter von mehr als elf Jahrtausenden: eine Sensation. Das monumentale Schnitzwerk galt fortan als die älteste bekannte Holzfigur der Menschheit.

Jetzt legen die Forscher um den Göttinger Archäologen Thomas Terberger noch einmal nach. Laut neuesten Analysen ist das Werk Jahrhunderte älter. Und dürfte vor rund 12.100 Jahren von einem frühen Bildhauer geschnitzt worden sein. Die Studie erschien in der Zeitschrift Quarternary International.

Die korrgierte Datierung wirft ein neues Licht auf die Kulturen der Jäger und Sammler, die am Ausgang der letzten Eiszeit die Tundra besiedelten. Denn eine Parallele findet die Figur zu der Zeit ihrer Entstehung nur noch in steinernen menschlichen Darstellungen aus der archäologischen Fundstätte Göbekli Tepe – weit entfernt, im östlichen Anatolien.

Über die Funktion der Figur rätseln Forscher bis heute. „Das Idol wurde in einer Zeit klimatischer Umwälzungen geschnitzt,“ sagte Terberger der New York Times. Möglicherweise habe die Figur einen rituellen Sinn gehabt und den Menschen geholfen, sich in einer rasch verändernden Umwelt zurechtzufinden.

Jäger und Sammler waren künstlerisch versierter als angenommen

Schon heute ist allerdings klar: Die neue Datierung stellt unter Archäologen verbreitete Annahmen in Frage. Lange galt als ausgemacht, dass Kulturen im Gebiet des heutigen Europa bei der Entwicklung von Kunst und Kunsthandwerk eine führende Rolle spielten.

Als russische Forscher 1997 in einem ersten Versuch das Alter des Idols auf etwa 9.500 Jahre bestimmt hatten, zeigte sich die Fachwelt skeptisch. Zu unwahrscheinlich schien vielen Experten, dass Jäger und Sammler der Nacheiszeit zu solchen Leistungen fähig gewesen sein sollten.

Der Fund aus dem Shigir-Moor zeige allerdings, so Terberger, dass man von fehlenden Funden nicht auf die Unfähigkeit der Menschen schließen könne. Denn im Vergleich zu den Felsmalereien im westlichen Europa sind Gegenstände aus Holz extrem kurzlebig. Der Fund aus dem Shigir-Moor verdankt sich damit seltenen, glücklichen Umständen: Das Lärchenholz muss nach der Zeit seiner Nutzung schnell in das saure und antimikrobielle Moor gelangt sein. Um dort Jahrtausende zu überdauern.


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