Edmund Hillary Der Imker, der den Mount Everest eroberte

Mai 1953: Seit mehr als 30 Jahren versuchen Menschen, den höchsten Punkt des Planeten zu erreichen. Doch keinem gelingt es, bis zum Gipfel des Mount Everest vorzustoßen - bis sich Edmund Hillary und Tenzing Norgay Sherpa aufmachen, den Mythos von der Unbezwingbarkeit des Berges zu widerlegen. Hillary, der 2008 starb, wäre am 20. Juli 100 Jahre alt geworden
Tenzing Norgay und Edmund Hillary

Sherpa Tenzing Norgay und Edmund Hillary nach der erfolgreichen Erstbesteigung des Mount Everest

Am Abend des 1. Juni 1953 erhält Elizabeth, Großbritanniens noch ungekrönte Königin, im Buck-ingham Palace eine Nachricht in der für Staatsgeschäfte vorgesehenen roten Depeschen-Box. Rot bedeutet dringende Neuigkeiten. Was kann am Vorabend ihrer Krönung so wichtig sein? Draußen, im Juniregen von London, beginnen sich die ersten Schaulustigen einzufinden.

Am nächsten Morgen sind Hunderttausende auf den Beinen, um die künftige Queen in ihrer goldenen Kutsche auf der Fahrt zur Westminster Abbey zu sehen. Da verkünden es die Lautsprecher in den Straßen, singen die Menschen vor Begeisterung, triumphieren die Schlagzeilen: Und jetzt auch noch der Everest! Der krönende Triumph! Hillary hat es geschafft!

Zum ersten Mal haben Menschen den Gipfel des Mount Everest erreicht, den höchsten Punkt der Erde, und es war eine Expedition unter britischer Leitung, die sie hinaufgebracht hat.

Zwei Weltereignisse treffen aufeinander: die Krönung der Queen - das erste, mit dem das neue Medium Fernsehen die Kontinente verbindet. Und die Besteigung des Mount Everest - das letzte von dieser Bedeutung, das mangels TV-Kameras unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Auf dem Gipfel des Mount Everest

37 Jahre später, 1990, bekommt Edmund Hillary zu Hause in Neuseeland einen Anruf von seinem Sohn: "Wo bist du?", fragt der Vater. "Auf dem Gipfel des Everest", ist die Antwort.

1953, als Hillary auf dem Gipfel stand, musste die Menschheit noch vier Tage warten, bis zum 2. Juni, ehe die Nachricht per Läuferstafette und Funk den Buckingham Palace erreichte und in die Welt hinausging. Wie das geschah, ist ein bizarres Kapitel der Kommunikation. Dahinter steht die große Geschichte der Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay Sherpa - zweier Menschen, die aus Welten kamen, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können.

"Ach", erinnerte sich Prinz Philip in London später über die Nachricht in der roten Box, "sie half uns zu schlafen in dieser Nacht, so wenig Schlaf wir sonst auch bekamen."

März 1953, Hochland von Nepal. So etwas haben die Menschen in dem kleinen Königreich noch nicht gesehen: Zwei Marschkolonnen mit insgesamt 350 Trägern und 13 Tonnen Ausrüstung wälzen sich dem Everest entgegen. Die Expedition will einen Traum der Menschheit wahr machen und endlich den höchsten Berg der Erde besteigen: nach der Eroberung von Nord- und Südpol das letzte große Ziel auf Erden.

Seit 1921 sind ein Dutzend Expeditionen am Everest gescheitert, sind 13 Menschen tot am Berg geblieben. Erst wenn sein Gipfel betreten ist, wird die Eroberung der Erde abgeschlossen sein.

22. April 1953, Mount Everest Basislager, 5400 Meter Höhe. Zehn Europäer und 39 Sherpa versammeln sich im untersten der insgesamt neun Lager am Berg. Einige ihrer Kameraden sind schon weiter oben, sie bereiten die Route vor.

Edmung Hillary und seine Begleiter

Edmund Hillary

Edmund Hillary, 33, 1,92 Meter groß, ist Imker von Beruf und Bergsteiger aus Leidenschaft

Einer von ihnen ist Edmund Hillary, 33. Als 16-Jähriger hat er auf einer Ski-Klassenfahrt zum ersten Mal einen Berg gesehen - "es war das Schönste, was ich je erlebt hatte". Hillary ist Imker von Beruf und Bergsteiger aus Leidenschaft. Er hat Kraft, viel Kraft, ein Hüne von 1,92 Metern. Auf die Berge geht er, "weil es Spaß macht", und der Everest ist sein Traum, seit er 1951 zum ersten Mal im Himalaya war.

Die Briten befürchten, dies könnte ihre letzte Chance am Everest sein. Im Jahr darauf soll eine französische Expedition kommen, danach eine aus der Schweiz. Jetzt oder nie. Zudem wird am 2. Juni Elizabeth gekrönt. Wäre es da nicht passend, der Queen als Krönungsgeschenk den dritten Pol zu Füßen zu legen - und obendrein der Welt zu zeigen, dass Großbritannien noch immer eine Weltmacht ist?

Oberst John Hunt, 42, vom britischen Himalaya-Komitee als Expeditionsleiter auserkoren, hat das Unternehmen generalstabsmäßig vorbereitet. Hat Windkanäle und Unterdruckkammern der Royal Air Force genutzt und die Ausrüstung in der Schweiz unter hochalpinen Bedingungen getestet. Sogar einen Granatwerfer hatte Hunt dabei, um auf steile Schneehänge zu feuern und Lawinen auszulösen, ehe sie Schaden anrichten konnten. Ein beispielloser Aufwand an Material und Menschen, um jetzt, im neunten britischen Anlauf, endlich den Gipfel zu erreichen. Am Ende wird es ein fehlender Adapter sein, der die Expedition beinahe scheitern lässt.

Zum Team stösst auch James Morris, Reporter der Londoner "Times". Morris kommt in ein Land, in dem es kaum Telefone gibt - das nächste ist 290 Kilometer entfernt. Zudem sitzt ihm die Konkurrenz im Nacken. Die "Times" ist Sponsor der britischen Expedition und darf daher exklusiv berichten. Mit den Sherpa aber hat niemand eine Abmachung getroffen - sehr exklusiv sind die Rechte der "Times" also nicht. Zwei Reporter vom "Daily Mail" und von der Nachrichtenagentur "Reuters" treiben sich am Fuß des Everest herum; in Nepals Hauptstadt Kathmandu lauern jede Menge Journalisten, betreiben dort eigene Büros. Auf einer Tür ein Zettel: "Betreten verboten. Laufende Überwachung".

Morris kann sich denken, dass dort seine Berichte abgehört werden, die er von Kathmandu per Funk nach England schicken lässt.

Wer wird als Erster die Nachricht von Sieg oder Niederlage der Expedition nach Europa melden? Vom Everest sind es 300 Kilometer bis nach Kathmandu zur britischen Botschaft, die Nachrichten nach London funken kann. Morris hat Läufer angeheuert, die seine Berichte vom Fortgang der Expedition fast täglich über Pässe und Seilbrücken nach Kathmandu bringen sollen. Sechs Tage braucht der schnellste Kurier im günstigsten Fall für die Strecke - und zwei weitere Tage dauert es, bis der Bericht endlich in der "Times" zu lesen ist. So viel Zeit wird Morris am Ende nicht haben, wenn die Siegesnachricht noch rechtzeitig zur Krönung in der Zeitung stehen soll.

Die letzte Chance für Tenzing Norgay Sherpa

Die letzte Chance für die Briten ist auch die letzte Chance für Tenzing Norgay Sherpa. Als sirdar ist er Leiter der Träger, er organisiert den Lastentransport der Expedition. Keiner ist so oft am Everest gewesen wie er.

In den 1920er Jahren, Tenzing war noch ein Kind, versuchten sich drei englische Expeditionen am Berg. Sie rekrutierten Träger vom kleinen Volk der Sherpa am Fuße des Everest. So erfuhren die Sherpa überhaupt erst, dass der Gipfel der höchste der Erde ist. Nach dem Ende der Expeditionen kamen die Träger oft mit Lederstiefeln, Anoraks und Gletscherbrillen in die Dörfer zurück und erzählten von seltsamen Dingen - etwa von der "englischen Luft", welche die verrückten Briten in Stahlflaschen auf dem Rücken mitschleppten.

1924, Tenzing war zehn Jahre alt, kamen die Träger heim und berichteten vom Verschwinden zweier britischer Bergsteiger, George Mallory und Andrew Irvine. "Ich hörte ihre Namen und vergaß sie nie wieder", erinnert er sich später.

Als Junge trieb Tenzing Yak-Herden hinauf zu den Almweiden in 5000 Meter Höhe. Er vermochte einem Yak die Halsader zu öffnen und sich das Blut ins Essen zu mischen, das verschaffte Kraft. Nur lesen und schreiben konnte er nicht - es gab keine Schulen im Sherpaland.

Seine Mutter deutete häufig auf den Everest und nannte ihn "Der-Berg-der-so-hoch-ist-dass-kein-Vogel-drüber-fliegen-kann". Dort oben, so glauben die Sherpa, wohnt Chomolungma, die Göttinmutter der Erde, und so nennen die Sherpa auch den Berg.

In den einsamen Almsommern hatte Tenzing viel Zeit, zu Chomolungma hinaufzusehen. Die anderen Sherpa wunderten sich, warum Menschen ihr Leben riskierten, um auf diesen Gipfel aus Fels und Eis zu steigen - in Tenzing aber wuchs ein Traum: Er wollte der erste Sherpa sein, der mehr war als bloßer Las-tenträger für die sahibs, die weißen Herrschaften. Er wollte eines Tages auf dem Gipfel des Everest stehen.

1935, 1936 und 1938 arbeitet Tenzing als Träger für drei britische Everest-Expeditionen - alle scheitern. Die anderen Sherpa sind froh, wenn sie wieder umkehren dürfen. Tenzing nicht: Er will hinauf, seinen Traum wahr machen. Für ihn ist es wie "ein Fieber im Blut". 1947 kommt er mit Earl Denman, einem Kanadier. 1952 wird Tenzing der sirdar für zwei Schweizer Everest-Expeditionen, kriecht auf allen Vieren röchelnd dem Gipfel entgegen und stellt mit 8600 Metern einen neuen Höhenrekord auf. Niemand hat am Everest bisher so gelitten und geschuftet wie er - und es überlebt. Nun, mit 39, beginnt seine Kraft nachzulassen. "Es muss jetzt sein", sagt er sich.

Die britische Expedition beginnt

Edmund Hillary

Edmund Hillary entspannt sich am Basislager des Mt. Everest

24. April 1953, Basislager, 5400 Meter. Die 52 Mann der britischen Expedition beginnen mit dem Lastentransport den Everest hinauf. Über dem Lager gleich das erste größere Hindernis auf dem Weg zum Gipfel: der Eisbruch des Khumbu-Gletschers. Über eine Steilstufe bricht hier Eis 700 Meter herab. Vor den Trägern bauen sich haushohe Türme auf, dazwischen klaffen tiefe Spalten. Die gefrorenen Blöcke, labil aufeinander geschichtet, können jederzeit einstürzen und die Kletterer zermalmen. Durch dieses Chaos müssen alle hindurch, auch die Sherpa mit ihren Lasten. Den schauerlichsten Stellen geben die Briten Namen wie "Hillarys Horror", "Atombombenfeld" oder "Höllenfeuergasse".

Oberhalb des Eisbruchs öffnet sich ein flaches Gletschertal, fünf Kilometer lang: Western Cwm haben es die Briten getauft, nach dem walisischen Wort für Tal (die Schweizer nennen es "Tal der Stille"). An ihrem Ende steilt sich die Ebene zu einer Eiswand auf, darüber der Südsattel und die Gipfelpyramide.

Unten im Basislager überwacht Tenzing den Transport, teilt Träger und Lasten ein, treibt an, schlichtet Streit. Dann geht es hinauf durch den Eisbruch, jeweils mit 20 bis 30 Kilogramm auf dem Rücken. Die Sherpa verrichten Schwerstarbeit, schleppen Tonnen von Ausrüstung hinauf; die Briten tragen nur leichtes Gepäck. Oberhalb des Eisfalls entsteht nun in 6400 Meter Höhe das Vorgeschobene Basislager, das nach und nach zum Nervenzentrum der Expedition wird.

Der "Times"-Reporter James Morris sitzt zu dieser Zeit auf einer Veranda im Ort Namche Bazar, 50 Kilometer vom Everest entfernt. Auf ein Blatt Papier kritzelt er einen Geheimcode, der aber nicht wie ein Geheimcode wirken darf. Denn Morris hat ein Problem: Wenn seine Läufer nach Kathmandu unterwegs sind, hat die Konkurrenz sechs Tage Zeit, sie abzufangen - und das tut sie auch.

Für seine Routineberichte vom Fortgang der Expedition interessieren sich seine Kollegen kaum, die kann er im Klartext schicken. Alle warten nur auf die Nachricht aller Nachrichten - Everest bestiegen, ja oder nein. Dafür hatte sich Morris zunächst einen klassischen Geheimcode besorgt, der für Außenstehende wie Nonsens klang; "Golliwog" stand dabei für Everest.

Doch dann entdeckt der Mann aus London in Namche Bazar einen indischen Militärposten, der einen starken Funksender betreibt - das einzige Gerät dieser Art weit und breit. Seit die Chinesen 1950 ins nahe Tibet einmarschiert sind, erlaubt Nepal seiner Schutzmacht Indien, diesen Militärposten als Frühwarnstation zu nutzen.

Der Funksender wirft alle Pläne von Morris über den Haufen: Vom Basislager bis zum Militärposten sind es nur 50 Kilometer - mindestens fünf Tage Zeitgewinn für jeden, dem es gelingt, den Sender zu nutzen. Morris macht sich mit dem befehlshabenden indischen Offizier bekannt, kann ihm mit Aspirin aushelfen, und der erklärt sich bereit, eine Nachricht nach Kathmandu weiterzuleiten.

Der "Times"-Reporter geht davon aus, dass die Konkurrenz versuchen wird, diese Nachricht abzuhören. Den mitgebrachten Geheimcode für die Läuferstafette darf Morris auf keinen Fall verwenden: Der Offizier würde sich des Hochverrats verdächtig machen, sollte er es wagen, die verschlüsselte Nachricht eines Ausländers zu versenden. Der Brite muss einen neuen Code erfinden - einen, der für den Inder wie ein harmloser Klartext-Bericht klingt.

Also formuliert Morris die Worte "Schneeverhältnisse schlecht" für die Nachricht "Everest erstiegen". Ordnet jedem Namen der Expedition eine harmlos klingende Formulierung zu - "Warten auf besseres Wetter" etwa steht für Tenzing. Den Schlüssel zu diesem neuen Code lässt Morris durch einen zuverlässigen Läufer nach Kathmandu bringen.

Also doch besser die Bettflaschen benützen, die Oberst Hunt hat anfertigen lassen? Aber wie soll das funktionieren, im Schlafsack? In dem müssen ja auch die Bergstiefel Platz finden, sonst gefrieren sie. Zudem hält die Matratze von Noyce nur ein paar Stunden lang die Luft. "Um 1 Uhr morgens raus und pumpen", erinnert er sich später.

Nachts ein Gehuste und Geröchel in den Zelten. Die trockene Höhenluft dörrt Hals und Nase aus, fast alle leiden wegen der dünnen Luft unter Bronchitis und akuter Atemnot. Bis hier unten hören sie "das Gebrüll von tausend Tigern", wie Tenzing den Sturm nennt, der durch den Südsattel 600 Meter weiter oben faucht. Dorthin müssen sie am nächsten Tag hinauf.

In der Frühe ein Sherpa-Gesicht im Zelteingang: "Tee, Sahib!" Die Briten sind in dieser Weltgegend sahibs geblieben - jedem ist ein Sherpa als persönlicher Diener zugewiesen worden: zum Tragen, Kochen, Steigeisen anschnallen.

Für Aufregung hat zu Beginn der Expedition der "Garagenvorfall" in Kathmandu gesorgt: Die Engländer residierten im Gebäude der britischen Botschaft, den Sherpa wurde die Garage zugewiesen, ohne Wasser und Toilette. Im Gegenzug pinkelten die Sherpa auf der Straße vor der Botschaft. Tenzing Norgay musste beide Seiten besänftigen.

Hunt hat Hillary und Tenzing zu einer Seilschaft erklärt, weil die beiden perfekt zusammenarbeiten. Hillary ist konditionsstark und ehrgeizig, Tenzing erfahren, entschlossen, umsichtig. Einmal steigen die beiden aneinander geseilt den Eisbruch hinab. Hillary will zeigen, wie schnell er ist, wird unvorsichtig und stürzt in eine Spalte - Tenzing reagiert rasch, rammt seinen Eispickel in den Schnee, schlingt das Seil herum und kann so den Fall Hillarys in den Gletscher stoppen. Erfahrung hat Ehrgeiz gerettet. Seither sind die beiden, für alle ersichtlich, ein Team.

Auf seinen vielen Expeditionen hat Tenzing leidlich Englisch gelernt. Sicher gefällt ihm auch, dass Hillary, der ungestüme Neuseeländer, keine englische Sahib-Attitüde pflegt. Die beiden sind eine gut eingespielte Zweckgemeinschaft; Freunde werden sie erst viel später.

Expeditionsleiter John Hunt über seinen Plan

7. Mai, vorgeschobenes Basislager, 6400 Meter. Der Expeditionsleiter John Hunt versammelt alle Bergsteiger in einem Zelt, um seinen Plan zu erläutern. Stühle gibt es nicht, alle sitzen auf Holzkisten oder Schlafsäcken. Nun entscheidet sich, wer ganz nach oben darf - und wer sich damit begnügen muss, die Route vorzubereiten und für den Nachschub zu sorgen.

Also: Ist der Südsattel in 7900 Meter Höhe erreicht und sind genügend Zelte, Schlafsäcke, Sauerstoffgeräte, Vorräte, Kocher dorthin geschafft, startet vom Südsattel aus das erste Gipfelteam. Es besteht aus zwei Briten - Charles Evans, 34, und Tom Bourdillon, 28. Sollten sie es nicht schaffen, so sieht Hunts Plan den Aufbruch eines zweiten Gipfelteams vor: Hillary und Tenzing. Bis dahin muss so viel Material am Südsattel sein, dass diese zwei weiter oben noch ein Lager aufschlagen können, schon nahe dem Gipfel.

Kein besonders überzeugender Plan: Die beiden Briten Evans und Bourdillon bekommen zwar die erste Chance, aber sie müssen direkt vom Südsattel aufsteigen, was den Gipfelsturm ungemein erschwert. Da im Fall des Scheiterns ein weiteres Lager, das neunte, auf 8500 Meter Höhe für Hillary und Tenzing errichtet werden soll, haben die beiden die bessere Chance, den Gipfel zu erreichen.

Hunt befürchtet offenbar, der Sommermonsun könnte in diesem Jahr schon im Mai mit wochenlangem Schlechtwetter hereinbrechen und will deshalb wohl erst mal einen Schnellschuss wagen. Danach sollen die beiden stärksten und erfahrensten Bergsteiger ihr Glück versuchen, auch wenn es keine Engländer sind. (Wie sich später herausstellt, hält Hunt sich selbst bereit, in einem dritten Team den Gipfel zu bezwingen.)

Tenzing ist verärgert. Er ist der Meinung, dass auch in das erste Team ein Sherpa gehört; denn diese und alle vorherigen Expeditionen wären ohne die Männer aus Nepal nicht möglich gewesen.

20. Mai, Lager VII, 7300 Meter, Abend. Vier kleine Zelte stehen auf einer kleinen Plattform hoch über dem Tal der Stille, inmitten der langen Eiswand, die sich bis zum Südsattel unter dem Gipfel erstreckt. Der Brite Wilfrid Noyce, 34, soll von hier aus die Route zum Südsattel eröffnen. Es gibt Pemmican, eine Trockennahrung vornehmlich aus Fleisch und Talg, in Schneewasser aufgelöst.

Seit dem 3. Mai, seit 17 Tagen, haben sich Noyce und ein Dutzend Gefährten langsam ins Tal der Stille vorgearbeitet, dann die Eiswand hinauf. Lager um Lager haben sie eingerichtet. Mehr als zwei Wochen ist es her, dass sie sich zuletzt rasiert, richtig gewaschen oder umgezogen haben; in ihren Zelten herrscht ein Chaos aus Kleidern, Essensresten, verschüttetem Tee, Sauerstoffgeräten, Seilen. Die Sherpa übernehmen die lästige Arbeit des Teekochens. Dann legen sich alle dick vermummt in ihre Schlafsäcke.

Wenn Noyce nachts pinkeln muss, schält er sich aus dem Schlafsack, plumpst durch den Sturmeingang des Zelts hinaus in den Schnee und geht ums Zelt. Ein gefährliches Unternehmen in einer Steilwand, in der schon ein Schritt zu viel den Sturz über den mit 40 Grad Neigung zu Tal schießenden Eishang bedeuten kann (solch ein Gang wird 1996 einem taiwanesischen Bergsteiger zum tödlichen Verhängnis).

Der Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest

25. Mai, Lager VIII, Südsattel des Everest, 7900 Meter. Von hier aus will Team 1 am nächsten Tag zum Gipfel aufbrechen. Vier Kilometer Luftlinie trennen die beiden nun vom Vorgeschobenen Basislager - und 950 Höhenmeter vom Gipfel. Ein trostloser Ort, ein paar Felsen, sturmgepresster Schnee, für Tenzing "der kälteste und einsamste Platz der Welt". Möglicherweise, so nahe an den Strahlströmen unterhalb der Stratosphäre, auch der windigste.

Die Winde aus Tibet pressen sich hier wie durch eine Düse und jagen auf der andern Seite hinab Richtung Indischer Ozean. Vom Südsattel steigen noch heute die meisten Everest-Teams auf.

Südsattel, Todeszone. Die Luft - und damit ihr Sauerstoffgehalt - ist auf ein Drittel ihrer Dichte in Meereshöhe geschrumpft. In dieser Höhe baut der Organismus ständig ab, auch im Liegen. Jede Bewegung kostet Kraft - Kraft, die man nicht mehr nachladen kann. Alles ist Niedergang. Der Südsattel "hat den Geruch des Todes", so haben es die Schweizer im Vorjahr beschrieben. Ein furchtbarer Ort - und noch liegen die härtesten 950 Meter Höhe vor den Bergsteigern.

26. Mai, Lager VIII, 7.30 Uhr. Team 1 startet vom Südsattel zum Gipfel des Everest. Wenige Stunden später, 600 Höhenmeter weiter unten: Team 2, Hillary und Tenzing, unterstützt von George Lowe und Alf Gregory, ist vom Lager VII unterwegs zum Südsattel, der Startposition für den Gipfelsturm. Die vier haben in dem tiefer gelegenen Lager geschlafen, um nicht zu lange in der Todeszone ausharren zu müssen. Lowe sieht hoch oben an der Gipfelpyramide des Everest zwei winzige Punkte: Evans und Bourdillon. Sie bewegen sich schnell. Lowe deutet aufgeregt hinauf, Tenzing schweigt.

Hillary und Tenzing erreichen den Südsattel. Kurz darauf trifft auch Lowe ein und ruft: "Sie sind oben, mein Gott, sie sind oben!" Gerade noch waren Evans und Bourdillon fast am Südgipfel zu sehen. Tenzing schweigt und leidet.

13 Uhr. Team 1 steht auf dem Südgipfel des Mount Everest, 8751 Meter - so hoch, wie noch niemand zuvor. Der Hauptgipfel ist nur noch 100 Höhenmeter entfernt, 350 Meter Luftlinie. Doch die beiden haben Probleme. Evans bekommt kaum noch Sauerstoff, ein Ventil versagt. Bourdillon aber will weiter, notfalls auch allein.

Fünf Stunden, schätzt Evans, wird Bourdillon bis zum Gipfel und zurück brauchen. So lange reicht ihr Sauerstoffvorrat nicht, außerdem müssten sie dann im Dunkeln zum Südsattel absteigen. Evans erinnert Bourdillon an dessen Frau: "Wenn du weitermachst, Tom, wirst du Jennifer nie wiedersehen."

Das wirkt. Sie kehren beide um und schleppen sich mit letzter Kraft zum Südsattel hinunter.

Sie sind, wie Hillary sich später erinnert, "von Kopf bis Fuß in Eis gehüllt. Das Eis war auf ihrer Kleidung, auf ihren Sauerstoffgeräten und auf ihrem Seil. Es hing von ihren Haaren und Bärten und Augenbrauen". Jetzt hat Team 2 seine historische Chance.

Der Everest ist kein schwer zu besteigender Berg. Schon die Normalroute etwa aufs Matterhorn ist fast durchweg komplizierter und technisch anspruchsvoller. Aber das Gelände hier ist überall heikel, gefährlich, erfordert ständige Konzentration, vor allem beim Abstieg, wenn man müde ist, wenn der Sauerstoff knapp wird. Viele Passagen sind so steil, dass ein Fehltritt oft den Sturz in die Tiefe bedeutet.

Und dann ist da noch die Höhe. Kopfschmerz und Schlaflosigkeit können sich bis zur Bewusstseinsstörung steigern; tödlich wird es, wenn Flüssigkeit in die Lungenbläschen oder gar ins Gehirn austritt.

Mithilfe von Sauerstoffgaben kann man den Körper zwar täuschen und ihm das Gefühl geben, er befände sich tausend Meter niedriger. Doch gegen Sturm und Kälte hilft das nicht. Eine Bö im falschen Moment, eine beschlagene Sonnenbrille, ein eingefrorenes Ventil der Sauerstoff-Flasche - alles kann hier das Ende bedeuten. Der neuseeländische Bergführer Rob Hall sagte über den Everest: "Mit der nötigen Entschlossenheit gelangt heutzutage jeder Vollidiot auf diesen Berg hinauf. Das Kunststück ist aber, lebend wieder hinunterzukommen." Fünfmal kam Hall hinauf, aber nur viermal wieder hinunter.

Der Everest ist 237 Meter höher als der zweit-höchste Berg, der K 2, und dieser Unterschied macht eine ganze Welt aus: Wäre der Everest um diese 237 Meter niedriger, hätten ihn vermutlich schon 1924 Mallory & Co. erstiegen. Wäre er hingegen weitere 237 Meter höher, wäre seine Bezwingung keine Herausforderung mehr für Bergsteiger - sondern eine für Ingenieure. Denn der Everest liegt genau an der Grenze dessen, was zum Äußersten entschlossene Menschen unter idealen Bedingungen gerade noch überstehen können.

Aber wann sind hier die Bedingungen schon ideal?

Das Ziel von einem Dutzend Expeditionen

27. Mai. Südsattel, 7900 Meter. Noch sechs Tage bis zur Krönung. Schneesturm. Hillary und Tenzing verkriechen sich in ihr Zelt. Am nächs-ten Morgen wollen sie weitergehen, 600 Meter weiter oben noch ein Lager aufbauen. Vier Kameraden werden ihnen beim Tragen von Zelt, Schlafsäcken, Sauerstoff-Flaschen helfen. Zwei weitere Sherpa liegen bewegungsunfähig im Zelt. Höhe, Sturm, Erschöpfung und Bronchitis und Darmkatarrh haben alle Pläne über den Haufen geworfen. Das heißt: eine Last von bis zu 28 Kilo pro Mann, eine mörderische Last. Schon im Flachland schwer genug - und nun bis auf 8500 Meter hinauf?

Das erste Gipfelteam muss an diesem Tag vom Südsattel absteigen. Tom Bourdillon darf keine weitere Nacht in der Todeszone bleiben. Gleich nach dem Aufbruch schlägt er kopfüber in den Schnee. Er rappelt sich auf, bricht wieder zusammen, kriecht auf den Knien weiter. Expeditionsleiter Hunt, der ihm beim Absteigen helfen könnte, will unbedingt auf dem Südsattel bleiben; für den Fall, dass es Hillary und Tenzing nicht schaffen sollten, spekuliert er selbst auf den Gipfel.

Hillary und Hunt haben einen erbitterten Streit, die Expedition ist kurz vor dem Scheitern. Dann steigt Hunt mit Bourdillon und Evans ab.

28. Mai, Lager IX, 8500 Meter. Im höchst- gelegenen Camp der Menschheit gibt es Sardinenbiskuits mit Zitronenlimonade. Noch nie haben Menschen einen Lagerplatz so weit Richtung Stratosphäre vorgetrieben. Hillary und Tenzing sind allein, die anderen sind unten auf dem Südsattel, hier ist nur Platz für zwei.

Mit dem Eispickel kratzen sie aus Geröll und Eis eine Plattform heraus, gerade groß genug für das Zelt, dessen bergabgewandte Seite direkt mit der Kante abschließt, an der die Südwestwand des Ever-est steil abfällt. Sie haben nichts, um das Zelt richtig zu verankern. Nur ein paar Heringe lassen sich in Risse im Fels schlagen. Also beschweren Hillary und Tenzing den Zeltboden mit den schweren Sauerstoff-Flaschen. Das reicht für ein Camping am Forellenbach, aber für das Dach der Welt? So vertrauen sie vor allem auf ihr Eigengewicht als "Sturmanker".

Im Zelt wirft Tenzing den Kocher an. Und Hillary berechnet die Sauerstoffvorräte: Sie reichen für fünfeinhalb Stunden - zu wenig, um zum Gipfel und wieder zurück zu kommen. Aber da ist noch eine große Spezialflasche, neun Kilo schwer, die sie zum Atmen während der bevorstehenden Nacht eingeplant haben. Um sie anzuschließen, brauchen sie einen besonderen Adapter, den sie am Morgen eigens eingepackt haben. Aber wo ist er? Nirgends zu finden.

Nur langsam dämmert es Hillary: Jemand muss dieses Verbindungsstück zwischen Sauerstoff-Flasche und Atemmaske wieder mit nach unten genommen haben. 13 Tonnen Ausrüstung, eine Materialschlacht ohnegleichen, aber nur ein einziger Adapter dabei! Und nun? Ihr Lager steht so günstig für den Gipfelsturm wie kein Lager zuvor, das Wetter ist gut - und dann soll alles an einem einzigen Teil scheitern?

Das Ziel von einem Dutzend Expeditionen, der Traum von Millionen Menschen, die Hoffnung des Empires - alles dahin?

Mallorys Versuch, den Mount Everest zu besteigen

Es hilft nichts, die Flasche bleibt zu. Hillary und Tenzing haben nun weniger Sauerstoff für die Nacht - und vor allem für den Gipfeltag: statt wie geplant vier Liter Sauerstoff pro Minute nur drei Liter. Und wer weiß, was ihnen der Berg noch abverlangen wird.

Erst einmal müssen sie die Nacht überleben. Sie kauern sich hin, so gut es geht. Unter Tenzings Zeltseite liegt die Südwestwand des Everest. Hillary streckt seine langen Beine über Tenzing hinweg. Von Norden, von Tibet her fällt der Sturm ein, die erste Bö, erst ein Sirren in den Felsen über ihnen, dann packt der Wind das Zelt, droht es hochzuheben und in den Abgrund zu schleudern.

Die beiden stemmen sich mit allen Vieren dagegen, die Bö lässt nach, ein Säuseln noch und vorbei.

Stille. Keiner sagt ein Wort. Zehn Minuten später beginnt alles von vorn. Sollte der Sturm stärker sein als sie, wird es so schnell niemand erfahren. Sie sind die einsamsten aller Menschen. Kein Kontakt mehr zu ihren Kameraden weiter unten.

Sie gewöhnen sich an die Sturmattacken. "Frierst du?", fragt Hillary. "Ja", lautet die Antwort. Trotz Unterhemd, Wollweste, Shetland-Pullover, Wollhemd, langen Wollunterhosen, zwei Paar Wollsocken, Daunenjacke, Daunenhose, Windschutzjacke, Sturmhose, drei Paar Handschuhen übereinander. Tenzing behält auch seine Stiefel aus Rentierfell an.

Noch während der Nacht lässt der Wind nach, sie dösen ein. Ob sie die Ersten am Gipfel sein werden? Oder war vielleicht doch schon jemand dort oben, und es weiß nur keiner? Bis heute wird ja spekuliert, ob nicht George Mallory bereits 1924 den Gipfel des Mount Everest erreicht haben könnte. Damals starteten alle Expeditionen von der anderen Seite des Everest aus, von Tibet. An seine Frau Ruth schrieb Mallory von der ersten Expedition 1921: "Wir haben den Weg zum Gipfel für jeden geebnet, der das höchste Abenteuer wagen möchte."

1922 kam Mallory wieder, mit der zweiten englischen Expedition. Eine Lawine riss 17 Mann mit, sieben Sherpa starben - die ersten Toten am Everest.

1924 der dritte Versuch. Vom höchsten Lager brach Mallory am 8. Juni mit seinem Seilpartner Andrew Irvine auf. In Wickelgamaschen und einem Sturmanzug aus Gabardine. Ein Bild seiner Frau Ruth wollte Mallory auf dem Gipfel hinterlegen. Um 12.50 Uhr wurden die beiden gesehen, wie sie auf dem Nordostgrat Richtung Gipfel gingen - aber weit hinter ihrem Zeitplan. Dann sah man sie nicht mehr.

1999 fand man Mallorys marmorweiße Leiche in 8300 Meter Höhe.

Bücher sind darüber geschrieben worden, ob die beiden den Gipfel erreicht haben oder nicht. Dazu hätten sie die "Zweite Stufe" bezwungen haben müssen, eine schwer zu überwindende Felsstufe in 8600 Meter Höhe. Reinhold Messner hält es für ausgeschlossen, dass Mallory den Gipfel erreicht hat. Als einziges Indiz dafür, dass der Brite ganz oben gewesen sei, führen manche einen Gegenstand an, den man bei der Leiche nicht gefunden hat: das Foto von Mallorys Frau Ruth. Daraus wird geschlossen, er habe das Foto tatsächlich am Gipfel deponiert.

Vermutlich ist Mallory nie hinaufgekommen, auf jeden Fall nicht mehr herunter. Es braucht einen Menschen, der den Gipfel nicht um jeden Preis unterjochen muss, der sich dem Berg mit den nötigen Respekt nähert, der die Kraft hat, umzukehren, solange noch Zeit ist. Einen, der auf seine Chance warten kann.

250 Meter bis zum Gipfel

Sicher denkt Tenzing in seinem Schlafsack an eine andere, noch schlimmere Nacht - fast genau ein Jahr zuvor. Damals hatte er mit dem Schweizer Raymond Lambert nur 100 Meter unter ihrem jetzigen Lager ein Zelt aufgeschlagen. Dessen Gerippe haben Tenzing und Hillary am Nachmittag zuvor auf ihrem Weg gesehen.

Lambert war stark und tapsig wie ein Bär. Er hatte keine richtigen Füße mehr, nur Stumpen, seit seine Zehen in den Alpen erfroren waren. Seine Bergstiefel waren deshalb extrem kurz, eine Spezialanfertigung. Auf diesen Stumpen wollte Lambert den Everest ersteigen.

Er sprach nur Französisch, Tenzing kein Wort davon. Doch die beiden verstanden sich auf Anhieb, meist reichte schon ein Blick. Die zwei waren das geborene Gipfelteam - und Tenzing mit 38 Jahren auf dem Höhepunkt seines Könnens und seiner Kraft.

Wo jetzt nur noch das Zelt-Gerippe steht, hatten die beiden ein Jahr zuvor gesessen und Rast gemacht. Eigentlich wollten sie nur das Zelt aufstellen, dann wieder absteigen, für eine Gipfelbesteigung waren sie noch nicht vorbereitet. Doch das Wetter war gut, die Route lag klar vor ihnen. Sie beschlossen, es am nächsten Morgen zu wagen.

Die Nacht war grausam - ohne Schlafsack, ohne Matratze, ohne Kocher. Nichts sprach dafür, das letzte Abenteuer zu wagen - außer ihrer Entschlossenheit. Mit einer Kerze schmolzen sie ein wenig Schnee, für ein paar Tropfen Wasser gegen den brennenden Durst. Sie umarmten sich gegen die arktische Kälte, der Bär den kleinen Sherpa, sie rieben sich, sie rollten sich zusammen wie Embryos. "Wir schlugen aufeinander ein und drängten uns die ganze Nacht eng zusammen", schrieb Lambert. Gegen die Bodenkälte half auch das nicht. Ein Wunder, dass sie überhaupt die Nacht überlebten.

Morgens um sechs Uhr krochen die beiden halb erfroren aus dem Zelt und stiegen auf. Gewannen in fünf Stunden aber nur 200 Meter Höhe, krochen dann noch ein Stück auf allen Vieren. Sie sahen sich an. Es ging nicht mehr. Ein neuer Höhenrekord, aber 250 Meter Höhe fehlten noch bis zum Gipfel.

Sie hätten ihn vielleicht noch erreicht, hätten den höchsten Preis errungen. Hinunter aber hätten sie es nicht mehr geschafft, das ahnten sie. Wortlos drehten sie um und machten sich an den Abstieg, solange sie noch die Kraft dazu hatten. Tenzing: "Wir hatten alles gegeben, und es war nicht genug."

100 Meter bis zum Gipfel

Schon im Herbst 1952 kamen die Schweizer wieder, und wieder waren Tenzing und Lambert in der Spitzengruppe. Die einsetzenden Winterstürme aber fegten sie bei 40 Grad minus vom Südsattel, sie gaben auf. Lambert, der Bär mit den kleinen Füßen, schenkte Tenzing zum Abschied seinen roten Schal. Sie umarmten sich.

Tenzing erkrankte anschließend an Malaria. Im Krankenhaus lag er im Delirium, war zeitweise bewusstlos. Zwei Expeditionen in einem Jahr, die Kälte, die Erschöpfung "und vor allem zwei Dinge auf einmal machen - als sirdar und als Bergsteiger. Das war zu viel". Er verlor 16 Pfund, aber er kam durch.

29. Mai, Lager IX, 8500 Meter. Um vier Uhr morgens öffnet Hillary das Zelt. Klarer Himmel, kein Wind, nur minus 27 Grad, ideales Wetter. Tenzing schaut heraus. "Thengboche!", sagt er. 5000 Meter tiefer sind die Mönche des Klosters Thengboche schon bei ihren Morgenriten. Und Peter Jack-son von der Agentur "Reuters" schaut von dort seit Wochen nach oben, zum Gipfel.

Hillarys Stiefel sind steif gefroren. Er hat sie in der Nacht ausgezogen. Das war leichtfertig. Eine Stunde lang kneten beide seine Schuhe über dem Kocher. Es stinkt nach verbranntem Leder. Eine Stunde Zeitverlust! Steigeisen anlegen, anseilen, Sauerstoffmaske aufsetzen, Ventile einstellen, Gletscherbrille nicht vergessen, die mehr als 13 Kilogramm schweren Gestelle mit den beiden Stahlflaschen auf den Rücken schnallen. Es ist halb sieben. Tenzing trägt Lamberts roten Schal. Dann stapfen sie los, das höchste Abenteuer zu wagen.

Sie treffen auf Bruchharsch, den Schrecken aller Bergsteiger: tiefen Pulverschnee, unter einer gefrorenen Schneekruste. Tritt man drauf, hält die Kruste manchmal; wenn nicht, sinkt man tief ein, und muss sich mühsam herausarbeiten, immer hoffend, dass die Kruste nun hält.

Später folgt haltloser Pulverschnee. Jederzeit kann der ganze Hang abgehen. "Ed, mein Junge, das ist der Everest, du musst dich ein bisschen mehr anstrengen", ermuntert sich Hillary. Auch mit der geringeren Sauerstoffmenge von drei Litern pro Minute können sie noch einigermaßen atmen. Um 9 Uhr stehen sie auf dem Südgipfel des Everest, 8751 Meter. Höhenrekord von Team 1 eingestellt.

Noch trennen sie 100 Meter Höhe, rund 350 Meter Luftlinie, vom Hauptgipfel.

Nur noch wenige Schritte vom Gipfel entfernt

43 Jahre später, bei der Everest-Katastrophe von 1996, stirbt hier der neuseeländische Bergführer Rob Hall, der den Everest fünfmal hinaufgekommen ist, aber nur viermal herunter. Eine Nacht und einen Tag lang sitzt er dort oben, kann sich vor Kälte, Erschöpfung und Sauerstoffmangel kaum mehr bewegen. Über ein Satellitentelefon spricht er mit seinen Kameraden weiter unten, die ihn bedrängen, zu jenen Sauerstoff-Flaschen zu greifen, die sie noch am Südgipfel wissen. Hall ist nicht mehr recht bei Sinnen. Er spricht noch mit seiner hochschwangeren Frau daheim in Neuseeland: "Ich liebe dich. Schlaf gut mein Schatz." Dann gefriert er zu Stein.

Vor Hillary und Tenzing liegt ein wild gezackter Schneegrat, der in Wellen zum Hauptgipfel hinaufführt. Sauerstoffcheck. Ein Schluck aus Tenzings Wasserflasche. Dann betreten sie den Gipfelgrat. Der Schnee ist fest! Hillary jubelt; hier kann er mit dem Eispickel Stufen schlagen. Sie sind auf dem Dachfirst der Erde. Links und rechts fahren die Felsen Tausende von Metern in die Tiefe. Langsam versiegt die Sauerstoffzu-fuhr. Gefrorener Speichel verstopft die Atemmasken. Ein paar Handgriffe, und die Masken sind wieder frei.

Das einzige Hindernis, das sie noch den Gipfel kosten kann, ist eine senkrechte, mehrere Meter hohe Felsstufe im Grat (die man später die "Hillary-Stufe" nennen wird). Eine Schaumrolle aus Eis hängt vom Fels herab, dazwischen ein Spalt.

Da hinein zwängt sich Hillary: "Mit dem Gesicht zum Felsen stieß ich die Steigeisen in das Eis hinter mir, suchte mit den Fingern jede kleinste Unebenheit im Fels und schob mich langsam aufwärts. Ich rang nach Atem, kam aber voran - das Eis hielt -, und schließlich kroch ich aus dem Spalt auf die Oberkante der Felsstufe." Geschafft.

Wie Wellenberge folgen nun Schneekuppen aufeinander. Nach jeder Kuppe geht es ein paar Meter hinab, bevor sich die nächste, etwas höhere Kuppe aufschwingt. Jetzt bloß nicht unvorsichtig werden. Wie lange reicht der Sauerstoff noch? Weiter. Seit zwei Stunden schlägt Hillary nun schon Stufen, jetzt ermüdet sein Arm. Hört denn dieser Grat nie auf?

Hillary umgeht eine Kuppe in halber Höhe. Dahinter, das sehen sie sofort, geht es hinab. Und hinab und hinab und hinab; auf allen Seiten geht es hinab!

Der Gipfel des Mount Everest. Sie stehen noch zehn Meter unter der absoluten Spitze. Hillary: "Wir schauten uns staunend an" - soweit das möglich ist mit Sauerstoffmasken und Gletscherbrillen. Alle Mühsal, alle Angst, alle Anspannung fallen von ihnen ab. Tenzing lächelt, keine Maske der Welt kann es verdecken. Dann gehen sie die letzten Schritte zum Gipfel. Der Scheitelpunkt der Erde ist erreicht.

Der Gipfel auf 8848 Metern Höhe

11.30 Uhr, Everest-Gipfel, 8848 Meter*. Hillary streckt Tenzing "in guter angelsächsischer Manier" die Hand entgegen. Tenzing will nicht die Hand. Er will den Menschen: "Ich warf die Arme in die Luft und schlang sie dann um Hillary, und wir klopften uns auf den Rücken bis wir, selbst mit Sauerstoff, außer Atem gerieten." Die ganze Welt liegt ihnen zu Füßen. Es ist fast windstill.

Hillary zückt die Kamera und macht ein paar Fotos, darunter jenes, das berühmt geworden ist: Tenzing hält seinen Schweizer Eispickel in die Luft. Nicht wie ein Eroberer steht er dort oben. Sondern wie einer, der gekommen ist, seinen Respekt zu erweisen.

Tenzing kann von hier aus als erster Sherpa die beiden heiligsten Klöster seines Volkes gleichzeitig sehen: links das Kloster Thengboche in Nepal und rechts das Kloster Rongbuk in Tibet. Ihm kommt der Gipfel vor wie "eine Henne", und in den anderen Bergen sieht er "Küken unter ihren Schwingen"; die Aussicht ist "wild, wunderbar und schrecklich".

Sie suchen nach Spuren von Mallory, ohne etwas zu entdecken. Tenzing wickelt die Wimpel von seinem Eispickel und stampft sie in den Schnee. Seine Tochter Nima hat ihm einen Zweifarben-Schreibstift mitgegeben; den legt er zu der Schokolade, seiner Opfergabe für die Göttin Chomolungma.

Ein paar Pfefferminzkekse essen die beiden, dann machen sie sich nach einer Viertelstunde an den langen Abstieg. "Thuji chey", sagt Tenzing, "thuji chey, Chomolungma." Ich bin dankbar, Göttinmutter der Erde. Den roten Schal vom Gipfel des Mount Everest wird Lambert zurückbekommen.

Und unten in der Welt? Ein paar Zeitungen, so denken Hillary und Tenzing, werden berichten, die Fachleute werden aufhorchen.

Sie ahnen nicht, was sich da unten zusammenbraut. Nicht, welcher nationale Furor allein über der Frage entbrennen wird, wer von den beiden denn nun der Allererste auf dem Gipfel war. Hillary und Tenzing ahnen nicht, dass die Menschen auf den Straßen Londons vor Freude singen und sie selbst, in den letzten Jahren vor Tenzings Tod 1986, noch gute Freunde werden.

17.30 Uhr, Südsattel, 7900 Meter. Hillary und Tenzing sind zurück bei ihren Kameraden. Wilfrid Noyce, der notfalls mit dem dritten Gipfelteam starten wollte, jetzt aber seine Gipfel-Ambitionen zurückstellt, versucht, das Weltereignis nach unten zu melden. Dazu bedient er sich einer steinzeitlichen Methode der Kommunikation, er legt im Schnee Zeichen aus: zwei Schlafsäcke in der Form eines T. Das T steht für Top - das verabredete Zeichen an das Vorgeschobene Basislager für den Gipfelsieg. Gemeinsam mit einem Sherpa setzt sich Noyce auf die Schlafsäcke, damit die nicht im Sturm davonfliegen.

So verharren sie zehn Minuten, bis ihnen zu kalt wird. Unten aber, im Vorgeschobenen Basislager, vier Kilometer Luftlinie vom Südsattel entfernt, verhindert eine Wolke die Übermittlung der Botschaft. Noch 95 Stunden bis zur Krönung.

Die Expedition geht zuende

30. Mai, 14 Uhr, Vorgeschobenes Basislager, 6400 Meter. Der "Times"-Reporter Morris, der noch nie auf einem Berg war, hat sich mit einer Seilschaft durch den Khumbu-Eisbruch hinaufgearbeitet; hier ist er näher am Geschehen und muss die Konkurrenz weniger fürchten. Am Morgen haben die wartenden Expeditionsmitglieder hoch oben die ganze Südsattel-Mannschaft beim Abstieg gesehen. Ob hoch erfreut oder niedergeschlagen, war nicht auszumachen. Das Radio läuft. Soeben meldet All-India-Radio: "Der Angriff auf den Everest ist gescheitert."

Kurz darauf kommen Hillary und Tenzing vom Berg herab. Jetzt erst erfahren die meisten Mitglieder der Expedition vom Gipfelsieg. Die Bergsteiger umarmen sich. Einige Sherpa empfangen Tenzing mit gefalteten Händen. Aus Hillary bricht jetzt alles heraus.

Bei Bechern von Limonade und vor versammelter Mannschaft erzählt und erzählt und erzählt er: "Keine Stufen mehr schlagen müssen. Keine Grate mehr überschreiten müssen. Es war eine große Erleichterung für mich, ich sag's euch. Stimmt's, Tenzing?"

Der sitzt da und lächelt und isst ein Omelett. "Er war schön anzusehen", notiert Reporter Morris, "wie er im Moment seines Triumphs da saß, ehe die Schakale des Ruhms ihn umzingelten."

Am Abend macht sich Morris auf den Weg ins Basislager. Bei einbrechender Nacht eilt er, so schnell es geht, durch den Eisbruch, "die Flanken des größten der Berge hinunter, um eine Nachricht für die Krönung von Elizabeth II. zu überbringen".

Unten prüft er noch einmal den Geheimcode. Mitten in der Nacht schickt er seinen besten Läufer los: "Lauf damit zu den Indern in Namche Bazar. Lauf allein, sei schnell und verschwiegen." Noch 65 Stunden bis zur Krönung.

Als es hell wird, sieht Morris vom nahen Eisbruch eine Gestalt herabsteigen. Wer kann es so eilig haben - will jemand ein Geschäft mit der Konkurrenz machen? Dann erkennt Morris in der Gestalt Tenzing. Zum ersten Mal seit Wochen wäscht sich der sirdar im Gletscherwasser. Er hat noch etwas Wichtiges vor und einen langen Weg vor sich: 56 Kilometer über Berg und Tal, mit dem Everest in den Knochen. In ein paar Tagen will er wieder zur Expedition stoßen, sie nach Kathmandu begleiten.

Auch Morris eilt zu Tal. Beim Kloster Thengboche trifft er auf Peter Jackson, seinen Kollegen von der Nachrichtenagentur "Reuters". Ein wahrhaft britischer Dialog entspinnt sich.

Jackson: "Well, well."

Morris: "Ho hum!"

Jackson: "Es wäre zu schade, wenn sie ihn diesmal nicht besteigen würden."

Morris: "Schade, sehr schade. Aber da sind immer noch die Franzosen."

"Well."

"Ho ha" - und schon ist Morris weiter.

Die Nachricht aller Nachrichten, von Hillary und Tenzing und Morris den Everest hinuntergebracht, wird nun - wie einst die Meldung vom Sieg Athens über die Perser bei Marathon - von einem Läufer 50 Kilometer nach Namche Bazar getragen, am Morgen vom indischen Offizier kraft eines Dynamofahrrads an die indische Botschaft in Kathmandu gefunkt, von dort weitergeleitet zur britischen Botschaft, dann um die halbe Erde nach Whitehall ins britische Außenministerium und weiter an die "Times" geschickt, anschließend Sir Allen Lascelles, dem Privatsekretär der Queen, telefonisch mitgeteilt und schließlich in die rote Depeschen-Box gesteckt ... Und dann singt und tanzt das Volk, dem noch immer infolge des Krieges die Lebensmittel rationiert sind, auf den Straßen Londons: Heute wird unsere Königin gekrönt, und wir haben den Everest bestiegen!

In seinem Zelt im Himalaya hört Morris an diesem Morgen eine Stimme im Radio, die Englisch spricht: "Nach 30 Jahren Anstrengung, über eine ganze Generation hinweg, ist der Gipfel der Erde erreicht und eines der größten aller Abenteuer vollbracht worden." Das melde die "Times".

Tenzing Norgay Sherpa geht ins Dorf Thamey, um seine Mutter zu besuchen. Die freut es, dass ihr Sohn vom "Berg-der-so-hoch-ist-dasskein Vogel-drüber-fliegen-kann" das Kloster Rongbuk in Tibet sehen konnte. "Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht auf diesen Berg gehen sollst. Jetzt musst du nicht mehr gehen."

Und so war es. Thuji chey, Chomolungma. Edmund Hillary drückte es anders aus: "Wir haben's dem Bastard aber gegeben."

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